Luther (Luder) Martin
Theologe, Reformator
* 10.11.1483 Eisleben 18.2.1546 Eisleben Wittenberg, Schlosskirche(kath., ab 1520 ev.)
VHans Luder (1459-1530), Kleinunternehmer im KupferbergbauMMargarethe, geb. Lindemann (1459-1531)Gmindestens 71525 Katharina, geb. von Bora (1499-1552)SJohannes (1526-1575); Martin (1531-1565); Paul (1533-1593)TElisabeth (1527-1528), Magdalene (1529-1542), Margarethe (1534-1570)
GND: 118575449





Der Theologe und Reformator L. verzeichnet seit dem 16. Jahrhundert bis heute mit seiner Lehre, seiner Kritik an der mittelalterlichen Kirche und seinem öffentlichen Auftreten eine anhaltende, weltweite Ausstrahlung und Bekanntheit. Gleichzeitig wird er bis heute im allgemeinen Bewusstsein aufgrund seiner Herkunft, seinem engeren Wirkungsfeld und der frühen Förderung, die er hier erfuhr, in besonderer Weise mit Sachsen und dem mitteldeutschen Raum in Verbindung gebracht. Die unüberschaubare Vielfalt der für ein breites Publikum gedachten Lutherausgaben und Lutherdarstellungen rund um das 500. Jubiläum der Reformation 2017 zeugt ebenso wie die Masse der den Markt überschwemmenden Lutherdevotionalien von der ungebrochenen Popularität des Reformators. – L.s Geburtsjahr steht nicht zweifelsfrei fest, sondern wurde erst durch eine Recherche Philipp Melanchthons in der Familie ermittelt. Ob er das älteste Kind von Hans und Margarethe Luder war, ist ebenfalls nicht mit Sicherheit festzustellen. Da seine Familie und die frühen Jahre in den späteren Äußerungen L.s keine herausgehobene Rolle spielten, lassen sich darüber nur wenige Aussagen treffen. Seine Familie, die väterlicherseits aus Möhra südlich von Eisenach und von mütterlicher Seite aus Eisenach selbst stammte, war erst kurz vor L.s Geburt nach Eisleben übergesiedelt, bevor sie wenig später weiter nach Mansfeld zog, wo der Vater im Kupferschieferbergbau Fuß fasste und es im Lauf der Jahre zu einem gewissen Wohlstand brachte. Dadurch war er in der Lage, L. die bestmögliche Ausbildung angedeihen zu lassen. – Im Alter von 14 Jahren verließ L. das elterliche Heim und ging nach Magdeburg zur Schule, bevor er 1498 an die Pfarrschule St. Georg in Eisenach wechselte. 1501, im Alter von 17 Jahren, bezog er die Universität Erfurt, wo er das artistische Grundlagenstudium in kürzestmöglicher Zeit absolvierte und 1505 mit dem Grad eines Magisters abschloss. Über seine intellektuelle Entwicklung in diesen Jahren ist kaum genauer Aufschluss zu gewinnen. Weder der Erfurter Nominalismus noch der Humanismus haben ihn in einer Weise geprägt, die einen Schlüssel für seine Entwicklung zum Reformator liefern könnte. Dem Wunsch des Vaters entsprechend wandte sich L. nach Abschluss des artistischen Studiums der Jurisprudenz zu, eine Entscheidung, die er schon bald bereute und korrigierte. Den Wendepunkt brachte ein Ereignis auf der Rückreise von Mansfeld nach Erfurt im Sommer 1505. Als L. bei Stotternheim in ein Gewitter geriet, gelobte er aus Furcht spontan seinen Eintritt in ein Kloster. Er wählte das Erfurter Augustinereremitenkloster, das für seine besondere Strenge bekannt war. Es folgten Noviziat und Profess, 1507 dann die Priesterweihe. Zugleich nahm L. das Studium der Theologie auf, das er mit großem Eifer betrieb. – L.s Talent blieb nicht unentdeckt. 1508 entsandte ihn sein Konvent vertretungsweise an die junge, erst 1502 gegründete Universität Wittenberg, wo die Augustinereremiten zwei Professuren zu besetzen hatten. L. hielt Vorlesungen an der Artistenfakultät und setzte zugleich sein Theologiestudium fort. Mit Erwerb des Grads eines Baccalaureus biblicus 1509 war er auch zur Lehre bei den Theologen berechtigt. Den Grad eines Sententiars erwarb er noch in Wittenberg, bevor ihn sein Konvent nach Erfurt zurückholte. Lehre und eigenes Studium setzte er hier fort, doch die monastische Existenz gab ihm nicht die innere Ruhe, die er suchte. Das Bewusstsein der Unzulänglichkeit aller menschlichen Bemühungen, auch seiner eigenen, vor Gott bestehen zu können, trieb ihn im Kloster um. Verstärkt wurde dies durch das Studium des Kirchenvaters Augustinus, dessen Theologie für eine menschliche Mitwirkung am Heil kaum einen Spielraum ließ. Im Sommer 1511 wurde L. wieder und endgültig nach Wittenberg versetzt, wo er im Oktober 1512 zum Doktor der Theologie promoviert wurde. Seine akademische Qualifikation fand damit ihren Abschluss. Er konnte die bisher von Johann von Staupitz versehene theologische Professur übernehmen, da Staupitz, der in dieser Zeit zu seinem Mentor wurde, durch Ordensaufgaben überlastet war. Auch L. musste neue Aufgaben im Orden übernehmen, so u.a. 1511/12 eine Reise nach Rom. Wie man heute weiß, war L. im Auftrag von Staupitz unterwegs und sollte sich in Rom für die Vereinigung der observanten und konventualen Zweige der Augustinereremiten einsetzen. Erst im Rückblick öffnete ihm diese Reise die Augen für die unerträglichen Zustände in der Papstkirche. – Die folgenden Jahre waren mit intensivem Studium angefüllt. L. hatte Vorlesungen zu halten, nahm an den Gebetszeiten seines Konvents teil und predigte vor den Brüdern im Wittenberger Schwarzen Kloster. Auch in der dortigen Stadtkirche predigte er regelmäßig. 1515 übernahm er zudem das Amt des Distriktsvikars der Augustinereremiten, das mit zahlreichen Reisen verbunden war. Das Predigen und die Vorlesungen nahmen jedoch die meiste Zeit in Anspruch. L.s erste Vorlesung behandelte den Psalter, dann wandte er sich dem Römerbrief zu. Dieser hatte für seine theologische Entwicklung enorme Bedeutung, lernte er hier doch die paulinische Rechtfertigungslehre kennen, die für seine Theologie grundlegend werden sollte. – Die stillen Jahre endeten abrupt im Herbst 1517, als L. mit seinen 95 Thesen gegen die Kraft der Ablässe an die Öffentlichkeit trat. Die jüngere Debatte über die Faktizität des Thesenanschlags hat zwar nicht zu einem Konsens darüber geführt, was am 31.10.1517 tatsächlich geschehen ist; die Quellen sprechen aber ziemlich eindeutig für einen Anschlag der Thesen an der Tür der Wittenberger Schlosskirche, die der Universität als schwarzes Brett diente. Die Aura des Außergewöhnlichen und Provokativen, mit der spätere Generationen dieses Ereignis umgaben, entspricht jedoch nicht der Situation von 1517. Es ging L. um die akademische Klärung einer nach seiner Überzeugung theologisch offenen Frage, ohne zu ahnen, welche Konsequenzen dies nach sich ziehen würde. Wichtiger als die Frage nach der Faktizität des Anschlagens ist indes die Frage, ob die Thesen bereits eine Folge seiner reformatorischen Einsicht waren oder nur eine Etappe auf dem Weg dorthin. Tatsächlich lässt sich die viel diskutierte Datierung von L.s reformatorischer Wende am ehesten im Sinne einer Entwicklung in L.s theologischem Denken beantworten, die etwa 1513 einsetzte und um 1520 eine Gestalt annahm, die als reformatorisch bezeichnet werden kann. Dies widerspricht nicht L.s späterer Aussage, er habe seine Einsicht in seiner Studierstube im Turm des Klosters gehabt (Turmerlebnis). Diese Einsicht bestand im Kern in einem neuen Verständnis der Gerechtigkeit Gottes, die er als schenkende und freisprechende Gerechtigkeit erkannte, die durch den Glauben empfangen werden muss. Diese Zentralerkenntnis bestimmte seinen Weg als Reformator, der die Kirche aus dem Evangelium erneuern wollte. – In L.s Theologie gibt es keine Endpunkte, sie besteht vielmehr in einem ständigen Neu- und Weiterdenken von Problemen, die im Laufe der reformatorischen Ereignisse auf ihn zukamen. Die vom jungen L. gewonnenen Zentraleinsichten wurden dabei zwar bis ins Alter bewahrt, an einzelnen Stellen konnte es aber durchaus zur Revision früherer Auffassungen kommen. Über das bußtheologische Spezialproblem des Ablasses ging der Streit schnell hinweg. L.s Gegner zwangen ihn, seine Lehre zu präzisieren. Zugleich kam ein Ketzerprozess an der römischen Kurie gegen ihn in Gang. In Wittenberg stand L. nicht allein, sondern erhielt Unterstützung im Kollegenkreis. Als Melanchthon 1518 an die Leucorea berufen wurde, fand er in ihm seinen wichtigsten Mitstreiter. Im April 1518 trug L. seine Auffassung von der Rechtfertigung des Sünders allein aus Gnade durch den Glauben vor einem Konvent der Augustinereremiten in Heidelberg vor. In Augsburg traf er wenige Wochen später mit dem päpstlichen Gesandten Kardinal Thomas Cajetan zusammen, der ihn - ohne Erfolg - zum Widerruf bewegen wollte. Damals setze die „Lutherschutzpolitik“ des Kurfürsten Friedrich III. (der Weise) von Sachsen ein, der eine Auslieferung L.s nach Rom verhindern und ihm stattdessen ein Verhör in Deutschland ermöglichen wollte. In Leipzig disputierten Luther und sein Wittenberger Kollege Andreas Bodenstein (gen. Karlstadt) im Sommer 1519 mit dem Ingolstädter Theologen Johannes Eck über die Frage der Kirche und die in ihr gültigen Autoritäten. Damit stand der Primat des Papstes zur Debatte, den Eck aus der Bibel zu begründen versuchte, während L. das göttliche Recht des Papsttums bestritt. Die Debatte endete mit einem Eklat. V.a. L.s Parteinahme für Jan Hus und die Behauptung der Irrtumsfähigkeit eines allgemeinen Konzils trugen ihm die Gegnerschaft Herzog Georgs (der Bärtige) von Sachsen ein, der bis zu seinem Tod 1539 die Reformation aus dem albertinischen Territorium fernzuhalten suchte. – Am 15.6.1520 wurde der römische Prozess mit der Androhung des Kirchenbanns gegen L. abgeschlossen. Eine letzte Frist zum Widerruf ließ er ungenutzt verstreichen. Vielmehr brach er selbst am 10.12.1520 mit Papst und römischer Kirche, indem er vor dem Wittenberger Elstertor ein Druckexemplar der Bannandrohungsbulle und einen Band des Kirchenrechts dem Feuer übergab. Dies war der spektakuläre Abschluss eines Jahrs, in dem L. vier seiner bekanntesten Schriften veröffentlichte: „Von den guten Werken“, „Von der Freiheit eines Christenmenschen“, „An den christlichen Adel deutscher Nation“ und „Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche“. Darin formulierte er gültige reformatorische Prinzipien wie das allgemeine Priestertum der Getauften oder die Reduktion der sieben mittelalterlichen Sakramente auf die biblischen Sakramente Taufe und Abendmahl. Die Zeit zur Ausarbeitung seiner Lehre verschaffte ihm Kurfürst Friedrich, der auch nach dem päpstlichen Bann seine Politik nicht änderte, sondern ein Verhör L.s auf dem kommenden Wormser Reichstag, dem ersten Reichstag des neu gewählten Kaisers Karl V., anstrebte. Am 17. und 18.4.1521 stand L. dann in Worms vor Kaiser und Reichsständen und nutzte die schwierige Situation zu seiner berühmten Antwort, in der er unter Berufung auf sein in Gottes Wort gefangenes Gewissen einen Widerruf seiner Schriften ablehnte. Als alle Versuche, ihn zum Einlenken zu bewegen, erfolglos blieben, verhängte Kaiser Karl V. im Wormser Edikt die Reichsacht über L. und seine Anhänger. Da Kurfürst Friedrich L. auf die Wartburg in Schutzhaft bringen ließ, blieb die Reichsacht zunächst ohne Folgen. Auf Dauer schränkte sie L.s Bewegungsfreiheit jedoch auf das Gebiet evangelischer Herrschaften ein. – Die folgenden etwa zehn Monate verbrachte L. als „Junker Jörg“ auf der Wartburg in Einsamkeit und von Krankheiten beeinträchtigt. Dennoch gehörte diese Zeit zu den produktivsten Phasen seines Lebens, die sich in Arbeiten an der Auslegung des Magnificat, an der Wartburgpostille, der Abhandlung über die Mönchsgelübde und der Übersetzung des Neuen Testaments ins Deutsche niederschlug. Die Übersetzung des Neuen Testaments entstand in nur elf Wochen und erschien im September 1522 im Druck (Septembertestament). Zu diesem Zeitpunkt war L. bereits nach Wittenberg zurückgekehrt, wo die Umsetzung reformatorischer Neuerungen zu Unruhen geführt hatte. Nicht mehr die Auseinandersetzung mit Papst und mittelalterlicher Theologie stand für ihn jetzt im Vordergrund. Vielmehr sah er sich durch neue Gegner herausgefordert, so etwa durch radikalreformatorische Theologen, durch den Humanistenfürsten Desiderius Erasmus, durch die aufständischen Bauern oder durch den Zürcher Reformator Ulrich Zwingli. Sie zwangen ihn nicht nur zur Präzisierung seiner Sakramentenlehre (Realpräsenz im Abendmahl, Kindertaufe), sondern auch in seiner Auffassung vom unfreien Willen des Menschen hinsichtlich des Heils sowie in seiner Lehre von der weltlichen Obrigkeit. Unter den radikalen Reformatoren waren es v.a. sein Wittenberger Kollege Karlstadt und der Allstedter Pfarrer Thomas Müntzer, mit denen L. Streitschriften wechselte. Seine Obrigkeitslehre formulierte er 1523 umfassend in der Schrift „Von weltlicher Obrigkeit, wie weit man ihr Gehorsam schuldig sei“. Auf dieser Basis bekämpfte er den Aufrührer Müntzer ebenso wie die aufständischen Bauern während des Bauernkriegs von 1525. Dieses Jahr war auch biografisch eine tiefe Zäsur. Auf dem Höhepunkt des Bauernkriegs heiratete L. die ehemalige Nonne Katharina von Bora und gründete eine Familie, aus der sechs Kinder hervorgingen. Damit hatte er mit seiner monastischen Vergangenheit endgültig gebrochen. – Kurfürst Johann (der Beständige), der 1525 seinem abwartenden Bruder Friedrich in der Herrschaft folgte, förderte die Reformation im sächsisch-ernestinischen Territorium offen. Für L. stellte sich damit der Aufbau evangelischer Kirchenstrukturen als ein neues Problem, auf das er mit der Neuordnung des Gottesdienstes sowie mit Visitationsregeln, Gesangbuch und Katechismus reagierte. Bereits 1523 hatte er in der Leisniger Kastenordnung einen ersten Entwurf für ein evangelisches Sozialwesen geliefert. Die latente Bedrohung durch Kaiser und altgläubige Stände sowie die Bemühungen um ein Militärbündnis zum Schutz des Evangeliums nötigten L. in der zweiten Hälfte der 1520er-Jahre außerdem zur Formulierung seines Standpunkts zu einem Widerstandsrecht gegen den Kaiser. Dieses lehnte er unter Hinweis auf die Gehorsamspflicht der Untertanen ab. Ein Bündnis mit den von der Schweizer Theologie geprägten oberdeutschen Reichsstädten kam für ihn schon deshalb nicht infrage, weil die unterschiedlichen Auffassungen über das Abendmahl ein gemeinsames Handeln blockierten. Der Überwindung der innerevangelischen Lehrunterschiede sollte ein Treffen dienen, das Landgraf Philipp von Hessen 1529 auf seinem Marburger Schloss organisierte, das allerdings scheiterte, da sich L. und Zwingli in der Abendmahlsfrage nicht einigen konnten. Der Speyerer Reichstag von 1529, der mit einem Bruch zwischen den Konfessionsparteien und einem Protest der evangelischen Stände zu Ende ging, unterstrich die Dringlichkeit einer evangelischen Einigung. Die Chance, die Zusammengehörigkeit im Glauben zu demonstrieren, bot 1530 der Augsburger Reichstag, zu dem Karl V. nach fast einem Jahrzehnt erstmals wieder ins Reich zurückkehrte. Der gebannte und geächtete L. konnte diese Versammlung selbst nicht besuchen. Von der Veste Coburg aus, wo er die fünf Monate für intensives Arbeiten und Publizieren nutzte, versuchte er, durch Briefe und Schriften auf den Gang der Augsburger Verhandlungen Einfluss zu nehmen, während Melanchthon vor Ort die Wittenberger Theologie vertrat. Das Augsburger Bekenntnis fand L.s Zustimmung, auch wenn er gegenüber Melanchthon den Verdacht zu großer Kompromissbereitschaft hegte. – Der für die evangelische Seite ungünstige Verlauf der Augsburger Verhandlungen machte die Frage eines militärischen Schutzbündnisses erneut akut. Bei einem Treffen in Torgau wurde L. von den kursächsischen Juristen belehrt, dass seine Ablehnung eines Widerstandsrechts gegen den Kaiser auf falschen Voraussetzungen beruhte, weil die Fürsten keine Untertanen des Kaisers seien. L. akzeptierte dies letztlich und öffnete den Weg für den Schmalkaldischen Bund von 1530/31. An der Entwicklung dieses Bündnisses nahm er immer wieder Anteil, insbesondere in den Schmalkaldischen Artikeln, die 1537 dem Bündnis vorgelegt wurden und die er als sein theologisches Vermächtnis betrachtete. Die Schärfe seiner Positionierung, insbesondere hinsichtlich des Papsttums, war nicht untypisch für den alten L., der sich an vielen Stellen in einen Kampf gegen evangeliumsfeindliche Mächte hineingestellt sah und diese mit stetig schärfer werdender Sprache bekämpfte. Nicht nur gegen den Papst, auch gegen Türken und Juden, gegen Herzog Georg, Herzog Heinrich von Wolfenbüttel und Kurfürst Albrecht von Mainz ging er mit scharfer Polemik vor. Dennoch blieb L., was er immer war: ein unermüdlicher Prediger, Schriftsteller, Lehrer, Berater, Ermahner und Tröster sowie ein Ausleger der Bibel, deren Übersetzung ins Deutsche eine seiner großen Lebensaufgaben war. 1534 erschien erstmals eine deutsche Vollbibel in L.s Übersetzung, um deren Verbesserung er sich bis zu seinem Tod intensiv bemühte. – Dies alles fiel zusammen mit einer stetig schlechter werdenden Gesundheit. L. litt unter den zahllosen Schwierigkeiten, die sich der Reformation in den Weg stellten und schonte sich selbst in keiner Weise. Im Januar 1546 brach er in seine Geburtsstadt Eisleben auf, um in einem Konflikt zwischen den Linien des Mansfelder Grafenhauses zu schlichten. Mitte Februar vermittelte L. einen Vertrag, bevor er entkräftet zusammenbrach und schließlich am frühen Morgen des 18.2.1546 in Eisleben starb. Bis zuletzt war er bei Bewusstsein, betete und bekräftigte seine Lehre. L.s Sterbehaus existiert nicht mehr. Am 22.2. wurde L.s Leichnam in der Wittenberger Schlosskirche beigesetzt. An seinem Grab sprachen Johannes Bugenhagen und Melanchthon. Für Frau und Kinder hatte L. in einem Testament längst gesorgt. – L. gehört seit Langem zu den am intensivsten erforschten Persönlichkeiten der älteren deutschen und europäischen Geschichte. Darüber hinaus hat nunmehr die auf das 500. Jubiläum des Thesenanschlags hinführende Reformations- oder Lutherdekade (2008-2017) eine noch nie dagewesene Fülle an Publikationen zu L., seinem Umfeld und seiner Wirkung hervorgebracht. Dabei bleibt L. eine umstrittene Persönlichkeit. Konfessionelle Unterschiede, die das Lutherbild in der Vergangenheit maßgeblich prägten, spielten nun aber so gut wie keine Rolle mehr, zumal die Lutherdekade bewusst ökumenisch gestaltet war und auf jede Heroisierung L.s verzichtet wurde. Die breite Debatte über die Bedeutung der Religion in der modernen Gesellschaft fand in der aktuellen Lutherforschung hingegen einen deutlichen Niederschlag. Betonten die einen die von L.s Theologie ausgehenden modernisierenden und emanzipatorischen Impulse, rückten andere bei L. die Verkörperung seine angebliche politische Unkorrektheit und Intoleranz in den Vordergrund, wofür sein Antijudaismus als Hauptbeleg diente. Debatten dieser Art überlagerten z.T. stark die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit L.s Leben und Lehre im zurückliegenden Jahrzehnt und führten zu einer Entfremdung von L. sogar bis weit in das evangelisch-kirchliche Milieu hinein. Auf der anderen Seite ist das Interesse an den kulturellen Wirkungen L.s und der Reformation spürbar gestiegen. Dabei haben kirchenhistorische Fragestellungen die in der Vergangenheit dominierenden systematisch-theologischen Zugänge in den Hintergrund gedrängt. Beiträge von allgemeinhistorischer Seite blieben hingegen auf wenige Autoren beschränkt und konzentrierten sich auf kulturhistorische Aspekte der Biografie L.s. Auch die Kunstgeschichte hat sich ebenso wie andere historische Spezialdisziplinen, nicht zuletzt bedingt durch die zahlreichen Ausstellungen der letzten Jahre, der Lutherzeit wieder intensiver zugewandt.



W  Martin Luthers Werke. Kritische Gesamtausgabe, Abt. 1: Werke; Abt. 2: Tischreden; Abt. 3: Deutsche Bibel; Abt. 4: Briefwechsel, zusammen 127 Bde., Weimar 1883-2009.

L  Zeitschrift der Luther-Gesellschaft 1/1919-90/2019; Lutherjahrbuch 1/1919-86/2019 (mit jährlicher Lutherbibliographie); M. Brecht, Martin L., 3 Bde., Stuttgart 1981-1987; R. Kolb/I. Dingel/L. Batka (Hg.), The Oxford Handbook of Martin L.’s Theology, Oxford 2014; A. Kohnle, Martin L. Reformator - Ketzer - Ehemann, Leipzig 2015; A. Beutel (Hg.), Luther Handbuch, Tübingen 32017; H. Schilling, Martin L. Rebell in einer Zeit des Umbruchs, München 42017; D. Korsch/V. Leppin (Hg.), Martin L. - Biographie und Theologie, Tübingen 22017; A. Kohnle, L. und kein Ende. Eine nicht ganz unpolemische Betrachtung neuer Lutherbiographien, in: Evangelische Theologie 78/2018, S. 415-426; ders. (Hg.), L.s Tod. Ereignis und Wirkung, Leipzig 2019. – ADB 19, S. 660-692; DBA I, II, III; DBE 6, S. 536-538; NDB 15, S. 549-561; V. Leppin/G. Schneider-Ludorff (Hg.), Das Luther Lexikon, Regensburg 22015.

P  Bildnis Martin L. mit Doktorhut, L. Cranach d.Ä., 1521, Kupferstich, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Kupferstich-Kabinett; Bildnis Martin L. als Junker Jörg, Lukas Cranach d.Ä., 1521/22, Gemälde auf Buchenholz, Schloss Weimar; Bildnis Martin L., L. Cranach d.Ä., 1528, Temperamalerei auf Holz, Kunstsammlungen der Veste Coburg, M.417, Europeana Collections (Bildquelle) [CC BY-SA 3.0; dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Attribution 3.0 Unported License].



Armin Kohnle
19.4.2019


Empfohlene Zitierweise:

Armin Kohnle, Luther (Luder), Martin, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V.
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (15.10.2019)

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