Christian I.
Kurfürst von Sachsen
* 29.10.1560 Dresden 25.9.1591 Dresden Dom zu Freiberg(ev.)
VAugust (1526-1586), Kurfürst von SachsenMAnna, geb. Prinzessin von Dänemark (1532-1585), Kurfürstin von SachsenGJohann Heinrich (* † 1550); Eleonore (1551-1553); Elisabeth (1552-1590); Alexander (1554-1565); Magnus (1555-1558); Joachim (* † 1557); Hektor (1558-1560); Maria (1562-1566); Dorothea (1563-1587); Amalie (* † 1565); Anna (1567-1613); August (1569-1570); Adolph (1571-1572); Friedrich (* † 1576)1582 Sophie, geb. Prinzessin von Brandenburg (1568-1622), Kurfürstin von SachsenSChristian II. (1583-1611), Kurfürst von Sachsen; Johann Georg I. (1585-1656), Kurfürst von Sachsen; August (1589-1615)TAnna Sabine (* † 1586); Sophie (1587-1620); Elisabeth (1588-1589); Dorothea (1591-1617)
GND: 118676075





C. genoss eine sorgfältige Erziehung durch den Hofprediger Christian Schütz, der 1574 Opfer der Kryptocalvinistenverfolgung wurde, sowie durch den Hofrat und Bibliothekar Paul Vogel. Dieser war an den Denunziationen gegen die Philippisten am Hof beteiligt und blieb dem jungen Fürsten unsympathisch. C. war begabt, mehr in praktischer als in theoretischer Hinsicht, künstlerisch interessiert, begeisterungsfähig und zu energischem Handeln in der Lage. Das harte Vorgehen seines Vaters gegen die vermeintlichen Glaubensgegner erschütterte ihn und prägte seine tiefe Abneigung gegen religiöses Eiferertum. Die allgemeine Hofatmosphäre mit ihren diversen „Lustbarkeiten“ wirkte auf die im Unterschied zu seinem Vater zarte Konstitution C.s verhängnisvoll. – Mit 21 Jahren zog ihn Kurfürst August für die Landesverwaltung heran, übertrug ihm den Vorsitz des Geheimen Rats und 1584 eine begrenzte Entscheidungsbefugnis. Als Berater wurde ihm der aus einer Leipziger Bürgerfamilie stammende Nikolaus Krell beigegeben. Dieser hatte u.a. im calvinistischen Genf studiert und verband enorme Arbeitskraft mit Gewandtheit und Zielstrebigkeit bis zur rücksichtslosen Durchsetzung seiner Absichten. Konfessionell war Krell wie andere Intellektuelle im albertinischen Sachsen im Sinne Melanchthons humanistisch geprägt und kein orthodoxer Lutheraner. – Als Kurfürst (ab Februar 1586) wandte sich C. zunächst einer dringend erforderlichen Reform der Landeszentralverwaltung zu. Er rief den von seinem Vater entlassenen, erfahrenen und streng lutherischen Hofrat Hans von Bernstein zurück und übertrug ihm eine zentrale Aufgabe bei der erstrebten Veränderung. Bernstein blieb bis zu seinem Tod am 18.4.1589 die Schlüsselfigur in der durch die Aufwertung des Geheimen Rats gestärkten Regierung. – Außenpolitisch orientierte sich C. anfänglich wie sein Vater auf das katholische Kaiserhaus, blieb gegenüber den Auseinandersetzungen in Frankreich zwischen den Hugenotten, dem König und der katholischen Liga des Landes zurückhaltend und wich einem englischen Vorstoß für eine stärkere Unterstützung der französischen reformierten Partei aus. – Nach Visitationen der Universitäten, der Fürstenschulen, Gerichte und Konsistorien 1587 stärkte eine neue Universitätsordnung vom 24.8.1588 die Selbstständigkeit der leitenden Hochschulgremien und lockerte die acht Jahre zuvor von Kurfürst August verfügte rigorose Kontrolle der obersten Bildungseinrichtung. In aller Stille war 1587 für alle Universitätsprofessoren die Unterschrift unter die Konkordienformel aufgehoben worden. Verlierer dieser Neuordnung war die lutherische Geistlichkeit, die an Einfluss auf die Lehrinhalte und die Auswahl der geistigen Elite des Landes einbüßte. Zudem wurde das erst 1580 in Dresden errichtete Oberkonsistorium in den Rang eines Konsistoriums zurückgestuft und von der Residenzstadt nach Meißen verlegt. Das erschwerte Kontakte zwischen den Konsistorialräten und den fürstlichen Räten sowie die Formierung eines zentralen Widerstands gegen die fürstlichen Maßnahmen. An den Universitäten bekamen nun angesehene Gelehrte aus anderen Territorien eine Chance, deren Berufung das Ansehen der Hochschulen erhöhte. – Bereits 1586 ordnete C. die Fortführung der unter seinem Vater stark vernachlässigten Bauarbeiten am Dresdner Schloss an. In fünfjähriger Arbeit entstand der heutige Stallhof, zunächst vorgesehen für ritterliche Spiele und Schauturniere. Mit Aufträgen zum weiteren Ausbau der Residenzstadt, der fürstlichen Grabkapelle u.a. nahm der Landesherr die nach dem Tod des Kurfürsten Moritz kaum noch gepflegte Repräsentation der Dynastie und der Person der regierenden Fürsten wieder auf. – Die Zusammenkünfte des Kurfürsten mit dem Ausschuss der Landstände 1587 in Torgau und im Oktober 1588 mit der Ständeversammlung offenbarten die inzwischen entstandenen Fronten. Der Adel lehnte jede Veränderung an den Universitäten, v.a. die Aufhebung der Unterschrift unter die Konkordienformel, rigoros ab. Mäßigende Stimmen in den eigenen Reihen wurden von den Frondeuren niedergehalten. Universitäten, Städte und zurückhaltender die Stifte billigten die kurfürstlichen Maßnahmen. C. verließ den Landtag, der ihm die Erhebung der Land- und Tranksteuer bis 1594 verlängert hatte, mit dem Vorsatz, auch in Zukunft zu tun, „was einem Landesfürsten obliege und gebühre.“ – Führende Geistliche griffen C. scharf an, auch gereizt durch sein Mandat vom 28.8.1588 gegen das Lästern und Schelten, die persönlichen Invektiven und die groben theologischen Polemiken von der Kanzel. Die Koalition von großen Teilen des Adels und der Geistlichkeit fand am Hof Unterstützung bei C.s Ehefrau Sophie. Der Kurfürst versuchte seit 1588, den Widerstand in der Landeskirche durch die Umbesetzung führender Ämter zu brechen. Einige mussten gehen, weil sie das Mandat von 1588 gröblich verletzt hatten, andere, weil sie den Landesherrn immer wieder öffentlich attackierten. Doch landete keiner von ihnen im Gefängnis, wie ein Teil der von seinem Vater verfolgten Philippisten. Ihre Stellen besetzten Anhänger und Sympathisanten der reformierten Kirche. – Der plötzliche Tod Bernsteins veränderte das Kräfteverhältnis im Geheimen Rat und die bisher vorsichtige Politik der Verwaltungsspitze. In den Vordergrund traten Krell und Andreas Paull, der konfessionell ebenfalls für eine Öffnung gegenüber dem Calvinismus eintrat. Bedenken seines Rats Hans Georg von Ponickau im Mai 1589 ließ der Kurfürst unberücksichtigt. Nach dem Tode Paulls am 4.5.1590 wurden die Zuständigkeiten im Geheimen Rat so verändert, dass Krell als eine Art Premierminister über den anderen Räten stand, ein Modell, das schon unter Kurfürst Moritz praktiziert worden war. Unter den Bedingungen von 1590/91 verschärfte es die Konfrontation mit Adel und Geistlichkeit aber weiter. – Mehrfach hatte Kurfürst Johann Kasimir von der Pfalz seinen Schwager C. zu gemeinschaftlichem Handeln der protestantischen Fürsten gedrängt, zunächst vergeblich. 1589 änderte sich die Außenpolitik Kursachsens. Nach längeren Verhandlungen kam es auf dem Torgauer Tag im Januar 1591 zu einem Bündnis, das nach dem Wunsch C.s defensive Züge trug. Praktisch wirksam wurde es nicht mehr. Der neue außenpolitische Kurs war vom veränderten Kreis der Räte des Kurfürsten verursacht. Er ist ohne die Situation in Europa nach dem Sieg der hugenottischen Partei in Frankreich 1589 und ohne den militärischen Erfolg Englands über die spanische Armada 1588 nicht zu verstehen. – Ende Januar 1591 ließ C. seine Tochter ohne den bisher gebräuchlichen Exorzismus taufen. Die formelhafte Teufelsaustreibung gehörte nicht zum Kern der lutherischen Taufhandlung im 16. Jahrhundert, und sie fehlte in einigen evangelischen Kirchenordnungen. Dennoch empfand man diese Taufe als einen weiteren Schritt des Landes in Richtung Calvinismus. Es ist aber fraglich, ob C. einen Glaubenswechsel Kursachsens anstrebte, da durch den Augsburger Religionsfrieden die lutherische, nicht aber die calvinistische Konfession reichsrechtlich anerkannt war. – Seit Ende 1590 war C. leidend, offenbar an Magen- und Darmgeschwüren karzinomatösen Charakters, wohl mit verursacht durch die Neigung zum Alkohol seit jungen Jahren. Mit dem Tod des Kurfürsten brach der Versuch ab, die Stellung des Landesherrn umfassend zu stärken. – Trotz neuer Forschungen bleiben wichtige Fragen aus diesem kurzen Zeitabschnitt der Regierung C.s offen. Handelte es sich „um einen Bekenntniswechsel herkömmlicher Art oder doch um die Lösung aus konfessioneller Bestimmtheit zugunsten einer in die Zukunft gerichteten, von der Staatsräson bestimmten Gestaltung der inneren und äußeren Politik?“(T. Klein, Dresdner Hefte). Auch die Frage nach dem persönlichen Anteil C.s an den Entscheidungen v.a. in der dramatischen Phase seit etwa Mitte 1590 lässt sich bislang nicht beantworten.



L  W. Ohnsorge, Die Verwaltungsreform unter C. I., in: NASG 63/1943, S. 27-80; T. Klein, Der Kampf um die Zweite Reformation in Sachsen 1586/91, Köln/Graz 1962; K. Blaschke, Religion und Politik in Kursachsen 1586/91, in: H. Schilling (Hg.), Die reformierte Konfessionalisierung, Gütersloh 1986, S. 79-87; T. Klein, Politische oder kirchlich-religiöse Reform? Die Regierung C.s I. (1586-1591), in: Dresdner Hefte 29/1992, S. 5-13; Dresdner Hefte 29/1992 (P). – ADB 4, S. 172; DBA I, II; DBE 2, S. 319; NDB 3, S. 230f.; F.-L. Kroll, Die Herrscher Sachsens, München 2004, S. 126-133 (P).

P  Kurfürst C. I., A. Riehl d.J., um 1590, Ölgemälde, Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, Rüstkammer, Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Abteilung Deutsche Fotothek (Bildquelle).



Siegfried Hoyer
26.8.2005


Empfohlene Zitierweise:

Siegfried Hoyer, Christian I., in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (18.10.2017)

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