Anton Graff

G. zählte zu den erfolgreichsten deutschen Porträtmalern des 18. Jahrhunderts. Er stellte zahlreiche Personen aus adligen wie bürgerlichen Kreisen dar und hielt besonders viele Geistesgrößen seiner Zeit im Porträt fest. In seinen Bildnissen ist der repräsentative Gehalt stark zurückgenommen. Attribute werden sparsam verwendet. Stattdessen charakterisierte G. die Personen v.a. über ihr Gesicht und den gezeigten Ausdruck. Ihr Wesen und ihre individuellen Eigenschaften sollen auf diese Weise sichtbar werden. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Person spielte im Schaffen G.s eine wichtige Rolle. Er stellte mehr als 80 Selbstbildnisse in verschiedenen Medien (Malerei, Zeichnung und Druckgrafik) her. – Ursprünglich sollte G. das Handwerk eines Zinngießers erlernen. Ab 1753 besuchte er für drei Jahre die kurz zuvor gegründete Mal- und Zeichenschule von Johann Ulrich Schellenberg in Winterthur. Für seine weitere Ausbildung begab er sich 1756 zu dem Maler und Kupferstecher Johann Jakob Haid nach Augsburg. Schon im Jahr darauf musste er Augsburg verlassen und wurde daraufhin Geselle des Ansbacher Hofmalers Leonhard Schneider, bei dem er bis 1759 blieb. Anschließend kehrte G. zu Haid nach Augsburg zurück. Im August 1764 verließ er die Stadt vorübergehend und hielt sich bis zum Februar des folgenden Jahrs in Regensburg auf, um dort Porträtaufträge auszuführen. Gegen Ende 1765 folgte ein längerer Aufenthalt in Winterthur und Zürich. Dank der Empfehlung von Johann Heinrich Heidegger - ein Schwager des Malers und Dichters Salomon Gessner, bei dem G. in Zürich wohnte - erhielt er während seines dortigen Aufenthalts die Aufforderung des Dresdner Akademiedirektors Christian Ludwig von Hagedorn, in Dresden probeweise ein Gemälde anzufertigen. Sollte das Bild Gefallen finden, würde G. eine bezahlte Anstellung in Dresden erhalten. Aufgrund seiner Skepsis gegenüber dieser „Probe“ sandte G. ein bereits fertiggestelltes Selbstporträt (Jugendliches Selbstbildnis, 1765, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Gemäldegalerie Alte Meister). Nachdem das Probestück positiv aufgenommen wurde, wurde er im Frühjahr 1766 in Dresden zum Hofmaler und Mitglied der dortigen Kunstakademie ernannt. Die Stelle als Hofmaler hatte G. sein gesamtes weiteres Leben inne. Er malte zahlreiche Porträts der kurfürstlichen Familie und nahm ab 1767 an der jährlichen Akademieausstellung teil. Darüber hinaus gehörte eine Vielzahl an bedeutenden Persönlichkeiten des sächsischen Bürgertums und Adels zu seinem Kundenkreis, wie die Familie von Miltitz, deren Mitglieder G. im Porträt festhielt. Trotz seiner Position war es G. erlaubt, mehrere Monate im Jahr zu reisen. Regelmäßig begab er sich v.a. nach Leipzig und Berlin. Zu einem seiner bedeutendsten Auftraggeber entwickelte sich der Leipziger Verleger und Buchhändler Philipp Erasmus Reich. Dieser legte eine Galerie mit Porträts berühmter Zeitgenossen an, für die G. zwischen 1769 und 1783 mehr als 25 Bildnisse schuf. Leipzig erwies sich insgesamt als fruchtbarer Boden für G.s Tätigkeit. Für die Bewohner der Stadt stellte er über einen Zeitraum von vier Jahrzehnten etwa 200 Bildnisse her und porträtierte dabei insbesondere Gelehrte, Künstler und einflussreiche Kaufleute. Nach seinen Gemälden entstanden zahlreiche druckgrafische Reproduktionen, die zur Verbreitung seiner Bildideen und damit zu G.s Popularität beitrugen. Allein der mit G. befreundete Johann Friedrich Bause, der an der Leipziger Kunstakademie als Lehrer für den Kupferstich tätig war, gab 45 Bildnisse des Malers in dem druckgrafischen Medium wieder. Auch nach Berlin reiste G. häufig. 1771 heiratete er dort die Tochter des Philosophen, Mathematikers und Ästhetikers Johann Georg Sulzer, der wie G. aus Winterthur stammte, und hielt sich fortan regelmäßig in der preußischen Hauptstadt auf. Es erschlossen sich ihm dort in der Folge neue Auftragsgeberkreise, zu denen u.a. das preußische Königshaus zählte. Man ernannte G. 1783 zum Ehrenmitglied der Akademie der Künste in Berlin und ab 1786 zeigte er Werke auf der dortigen Akademieausstellung. 1788 bot man G. eine Anstellung am preußischen Hof mit einem deutlich höheren Gehalt an, was er jedoch ablehnte. An der Dresdner Kunstakademie erhielt er im darauffolgenden Jahr den Titel des Professors. In seiner späteren Schaffenszeit wandte sich G. verstärkt der Landschaftsmalerei zu. Um 1800 entstanden vier Gemälde als Zyklus der Tageszeiten (Staatliche Kunstsammlungen Dresden), die die Umgebung Dresdens zeigen. Mit dem befreundeten Landschaftsmaler Adrian Zingg unternahm er bereits ab 1766 Ausflüge in die Sächsische Schweiz, als deren Namensgeber Zingg gilt. Mehr als dreißig Schüler, zu denen u.a. sein Sohn Carl Anton Graff und Philipp Otto Runge zählten, bildete G. in der Malerei aus. In den Jahren um 1800 machte sich eine zunehmende Sehschwäche des Künstlers bemerkbar, die ihm seine Arbeit erschwerte. Aufgrund der kriegerischen Auseinandersetzungen im Zuge der Befreiungskriege war G. 1813 gezwungen, seine Wohnung in Dresden zu verlassen, und verstarb am 22.6.1813 in der Wohnung seiner Tochter. Noch wenige Monate vor seinem Tod waren ihm die Ehrenmitgliedschaften der Kunstakademien in Wien und München verliehen worden.

Werke Jugendliches Selbstbildnis, 1765, Gemäldegalerie Alte Meister Dresden; Richard Muther, Anton G. Ein Beitrag zur Kunstgeschichte des achtzehnten Jahrhunderts, Leipzig 1881 (WV); Ekhart Berckenhagen, Anton G. Leben und Werk, Berlin 1967 (WV); ders., Anton G. Nachträge zum Oeuvre, in: Zeitschrift des Deutschen Vereins für Kunstwissenschaft 43/1989, H. 2, S. 7-20 (WV).

Literatur Hans Joachim Neidhardt, Die Malerei der Romantik in Dresden, Leipzig 1976; Franz Zelger, Stiftung Oskar Reinhart Winterthur, Bd. 1: Schweizer Maler des 18. und 19. Jahrhunderts, Zürich 21981; Susanne Heiland (Hg.), Anton G. Selbstbildnis vor der Staffelei, Leipzig 1986; Roland Kanz, Dichter und Denker im Porträt. Spurengänge zur deutschen Porträtkultur des 18. Jahrhunderts, München 1993; Peter Wegmann, Museum Stiftung Reinhart Winterthur. Deutsche, österreichische und schweizerische Malerei aus dem 18., 19. und frühen 20. Jahrhundert, Frankfurt/Main/Leipzig 1993; Marc Fehlmann/Birgit Verwiebe (Hg.), Anton G. Gesichter einer Epoche, München 2013. – ADB 9, S. 565f.; AKL 60, S. 97-101; DBE 4, S. 130; NDB 6, S. 729f.; Carl Brun (Hg.), Schweizerisches Künstler-Lexikon, Bd. 1, Frauenfeld 1905 (ND Nendeln 1967), S. 612-615; Thieme/Becker, Bd. 14, Leipzig 1921, S. 480-482; Horst Riedel, Stadtlexikon Leipzig von A bis Z, Leipzig 2005, S. 195; Jane Turner (Hg.), The Dictionary of Art, Bd. 13, London/New York 1996, S. 268f.

Porträt Selbstbildnis in hohem Alter, Anton Graff, 1805/1806, Öl auf Leinwand, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Gemäldegalerie Alte Meister, Inventar-Nr. Gal.-Nr. 2168, Foto: Hans-Peter Klut (Bildquelle); Daniel Berger nach Anton G., 1782, Kupferstich, Universitätsbibliothek Leipzig, Porträtstichsammlung.

Alana Möller
3.11.2021


Empfohlene Zitierweise:
Alana Möller, Anton Graff, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V.
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (26.5.2022)

Anton Graff



Werke Jugendliches Selbstbildnis, 1765, Gemäldegalerie Alte Meister Dresden; Richard Muther, Anton G. Ein Beitrag zur Kunstgeschichte des achtzehnten Jahrhunderts, Leipzig 1881 (WV); Ekhart Berckenhagen, Anton G. Leben und Werk, Berlin 1967 (WV); ders., Anton G. Nachträge zum Oeuvre, in: Zeitschrift des Deutschen Vereins für Kunstwissenschaft 43/1989, H. 2, S. 7-20 (WV).

Literatur Hans Joachim Neidhardt, Die Malerei der Romantik in Dresden, Leipzig 1976; Franz Zelger, Stiftung Oskar Reinhart Winterthur, Bd. 1: Schweizer Maler des 18. und 19. Jahrhunderts, Zürich 21981; Susanne Heiland (Hg.), Anton G. Selbstbildnis vor der Staffelei, Leipzig 1986; Roland Kanz, Dichter und Denker im Porträt. Spurengänge zur deutschen Porträtkultur des 18. Jahrhunderts, München 1993; Peter Wegmann, Museum Stiftung Reinhart Winterthur. Deutsche, österreichische und schweizerische Malerei aus dem 18., 19. und frühen 20. Jahrhundert, Frankfurt/Main/Leipzig 1993; Marc Fehlmann/Birgit Verwiebe (Hg.), Anton G. Gesichter einer Epoche, München 2013. – ADB 9, S. 565f.; AKL 60, S. 97-101; DBE 4, S. 130; NDB 6, S. 729f.; Carl Brun (Hg.), Schweizerisches Künstler-Lexikon, Bd. 1, Frauenfeld 1905 (ND Nendeln 1967), S. 612-615; Thieme/Becker, Bd. 14, Leipzig 1921, S. 480-482; Horst Riedel, Stadtlexikon Leipzig von A bis Z, Leipzig 2005, S. 195; Jane Turner (Hg.), The Dictionary of Art, Bd. 13, London/New York 1996, S. 268f.

Porträt Selbstbildnis in hohem Alter, Anton Graff, 1805/1806, Öl auf Leinwand, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Gemäldegalerie Alte Meister, Inventar-Nr. Gal.-Nr. 2168, Foto: Hans-Peter Klut (Bildquelle); Daniel Berger nach Anton G., 1782, Kupferstich, Universitätsbibliothek Leipzig, Porträtstichsammlung.

Alana Möller
3.11.2021


Empfohlene Zitierweise:
Alana Möller, Anton Graff, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V.
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (26.5.2022)