Adolph Meyer
Adolph Meyer war zentral am Entstehungsprozess der Israelitischen Gemeinde zu Leipzig beteiligt. Darüber hinaus war er wirtschaftlich sehr aktiv, hatte dabei jedoch immer wieder mit Problemen, Widerständen und Anfeindungen zu kämpfen. – Nach eigener Aussage kam Meyer 1811 aus seiner Geburtsstadt
Hildburghausen, wo er sich bereits seit seiner Jugend intensiv dem Handel gewidmet hatte, nach Leipzig. Hier heiratete er 1815
Dorothee Samson, die Tochter des Kantors Ephraim Samson, und wurde durch die Behörden 1818 als Schnittwarenhändler registriert, der auf den Messen und Märkten Handel trieb. Zudem deutet der Vermerk als „substituierter Kantor“ auch auf eine wichtige Funktion Meyers innerhalb der jüdischen Gemeinde der Stadt, deren abgeschlossene Konstituierung zu dieser Zeit noch in weiter Ferne lag. Meyers jährliche Konzessionsgebühr für den legalen Aufenthalt in der Stadt betrug 35 Taler. Sein kaufmännisches Treiben verlief wohl eher unglücklich, denn am 23.8.1821 musste er beim Stadtgericht offenbar wegen gescheiterter Geschäfte Insolvenz anmelden, deren Folgen ihn auf Jahre hinaus belasten sollten. Im Februar 1824 geriet Meyer wegen der Haltung eines vorgeblich illegalen Warenlagers in Streit mit der judenfeindlichen Kramerinnung von Leipzig, woraufhin eine Geldstrafe von zehn Talern über ihn verhängt wurde. Meyer wandte sich in seiner Verzweiflung umgehend an den sächsischen Königshof und bat den amtierenden Regenten Friedrich August I. um die Gestattung des Handels mit Farb- und Manufakturwaren auch außerhalb der Messezeit bzw. um eine Erlaubnis zum Großhandel. Beide Gesuche wurden noch 1824 abgelehnt. Dazu trug wohl auch der massive Widerstand etablierter Kaufleute bei, die dem „Judenwesen“ pauschal Geschäftssucht und moralische Mängel vorwarfen. Zudem wurde Meyer beschuldigt, seine 1824 gemeldete Insolvenz in der eigenen Darstellung zu verschweigen. Meyer wies jeden Vorwurf von Leichtsinn und Betrug zurück, beteuerte seine Absicht zum redlichen Gelderwerb und zur Rückzahlung angestauter Schulden. Obwohl er seine Kinder, die Mutter und die Ehefrau ernähren musste, beharrte die Kramerinnung darauf, dass er außerhalb der Messen nicht tätig werden dürfe. In einem Gesuch an den König beklagte er sich, dass dies nicht im Interesse des Staats liegen könne. Allen Misserfolgs zum Trotz konnte sich Meyer offenbar weiterhin behaupten und wird in den 1830er-Jahren als Kaufmann in den Leipziger Adressbüchern verzeichnet. 1835 vermerkten die Behörden, dass Meyer mit sächsischen Manufakturwaren Großhandel betrieb. Zur gleichen Zeit war er Vorsteher der Leipziger Juden und damit stark in den Prozess der Leipziger Gemeindebildung involviert. Mit der Maßgabe des sächsischen Ministeriums für Kultus und öffentlichen Unterricht zur Bildung eines Religionsvorstands, der den jüdischen Kultus und Unterricht in der Stadt beaufsichtigen sollte, kündigte Meyer jedoch seinen Rückzug vom Posten des Vorstehers an. Er sah sich nicht mehr imstande, dieser Aufgabe weiter nachzukommen, wie er im Oktober 1835 an der Seite des Kantors Wolff Seeligmann Ulmann gegenüber dem Leipziger Rat erklärte. Nachdem mit Levy Bendix ein Nachfolger feststand, wurde Meyer am 30.1.1836 als Beisitzer in den neu gebildeten Religionsvorstand gewählt. Als dessen Mitglied beteiligte sich Meyer für die Leipziger Juden an Verhandlungen mit dem Oberrabbiner Zacharias Frankel und mit sog. auswärtigen Messejuden um die Errichtung einer zentralen Synagoge in Leipzig, von der man sich eine Vereinheitlichung der Vielzahl privater Betstätten erhoffte. Die Pläne blieben wegen zu großer Differenzen in der religiösen Ausübungspraxis ohne Erfolg, nichtsdestotrotz hielt auch Meyer am Vorhaben des Synagogenbaus fest und unterzeichnete Ende 1836 ein Gesuch an den Stadtrat um Zuweisung eines geeigneten Platzes. Zum Abschluss der Gemeindegründung wurde Meyer im Juni 1847 als Beisitzer in den Vorstand gewählt, dem er dann über zwei Wahlperioden bis zu seinem Tod angehörte. – Zumindest das überlieferte Schriftgut Meyers aus dessen eigener Hand zeichnet vordergründig das Bild eines selbstsicheren Kaufmanns, der immer wieder auf seine Fertigkeiten und Vernetzung im Geschäftsleben hinwies. In den Erinnerungen des Dresdner Arzts Bernhard Hirschel, der Meyer und dessen Angehörige als Student in Leipzig getroffen hatte, galt der Familienvater als unnahbar, er sei „kurz, barsch, geldstolz“ gewesen und habe keine Zuneigung zum Gast aufgebaut. Trotz seines grundsätzlich sehr geschäftsorientierten Lebenswandels scheinen die heftigen Vorwürfe der Kramerinnung, die sich schon 1819 namentlich über Meyer und sein Agieren außerhalb der Messen beschwert hatte, aber auch übertrieben: Obgleich sich Meyer mehrfach als Beklagter in Gerichtsverfahren wiederfand, konnte offenbar nie ein Beweis für „Unrechtlichkeit“ erbracht werden. Auch dem Vereinigten Polizeiamt in Leipzig lagen zum Zeitpunkt des Konflikts 1824 keinerlei Anzeigen vor. Insofern verweist Meyers Lebenslauf exemplarisch darauf, wie sehr für eine sachliche Einordnung jüdischer Biografien im 19. Jahrhundert die spezifischen Zeitumstände Berücksichtigung finden müssen.
Quellen Sächsisches Staatsarchiv - Hauptstaatsarchiv Dresden, 11125 Ministerium des Kultus und des öffentlichen Unterrichts, Nr. 11131 Angelegenheiten des jüdischen Kultus und der jüdischen Schulen; Stadtarchiv Leipzig, 0006 Leichenschreiberei, Reg.-Nr. 436 (1853), 0008 Ratsstube, II. Sektion J 246, J 290, C 677, M 1410; Leipziger historische Adressbücher; Bernhard Hirschel, Meine Lebensgeschichte [MS, Leo Baeck Institute Archive, LBI Memoir Collection, ME 316a].
Literatur Josef Reinhold, Die Entstehung einer jüdischen Großgemeinde. Vor 150 Jahren konstituierte sich die israelitische Religionsgemeinde zu Leipzig, in: Sächsische Heimatblätter 43/1997, H. 3, S. 117-141; ders., Zwischen Aufbruch und Beharrung. Juden und jüdische Gemeinde in Leipzig während des 19. Jahrhunderts, Dresden 1999; Daniel Ristau, Jüdisches Leben in Sachsen vom 17. Jahrhundert bis 1840, in: Gunda Ulbricht/Olaf Glöckner (Hg.), Juden in Sachsen, Leipzig 2013, S. 38-65; Katrin Löffler, Leipzigs alter jüdischer Friedhof im Johannistal, Leipzig 2022.
Lucas Böhme
18.8.2025
Empfohlene Zitierweise:
Lucas Böhme, Artikel: Adolph Meyer,
in: Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde,
https://saebi.isgv.de/biografie/27911 [Zugriff 30.8.2025].
Adolph Meyer
Quellen Sächsisches Staatsarchiv - Hauptstaatsarchiv Dresden, 11125 Ministerium des Kultus und des öffentlichen Unterrichts, Nr. 11131 Angelegenheiten des jüdischen Kultus und der jüdischen Schulen; Stadtarchiv Leipzig, 0006 Leichenschreiberei, Reg.-Nr. 436 (1853), 0008 Ratsstube, II. Sektion J 246, J 290, C 677, M 1410; Leipziger historische Adressbücher; Bernhard Hirschel, Meine Lebensgeschichte [MS, Leo Baeck Institute Archive, LBI Memoir Collection, ME 316a].
Literatur Josef Reinhold, Die Entstehung einer jüdischen Großgemeinde. Vor 150 Jahren konstituierte sich die israelitische Religionsgemeinde zu Leipzig, in: Sächsische Heimatblätter 43/1997, H. 3, S. 117-141; ders., Zwischen Aufbruch und Beharrung. Juden und jüdische Gemeinde in Leipzig während des 19. Jahrhunderts, Dresden 1999; Daniel Ristau, Jüdisches Leben in Sachsen vom 17. Jahrhundert bis 1840, in: Gunda Ulbricht/Olaf Glöckner (Hg.), Juden in Sachsen, Leipzig 2013, S. 38-65; Katrin Löffler, Leipzigs alter jüdischer Friedhof im Johannistal, Leipzig 2022.
Lucas Böhme
18.8.2025
Empfohlene Zitierweise:
Lucas Böhme, Artikel: Adolph Meyer,
in: Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde,
https://saebi.isgv.de/biografie/27911 [Zugriff 30.8.2025].