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Otto (der Reiche)

O.s Herrschaftsbeginn 1156/1157 war von den Problemen seines Vaters, Markgraf Konrads von Meißen und der Ostmark, mit dem neuen Herrscher Friedrich Barbarossa überschattet. In den folgenden Jahrzehnten gelang es ihm aber, sein Ansehen am Kaiserhof mithilfe seiner Verwandten, Erzbischof Wichmanns von Magdeburg und Markgraf Dietrichs von der Ostmark/Lausitz, zu stabilisieren. Begünstigt durch die Silberfunde auf der Christiansdorfer Flur um 1168 förderte O. die Stadtentwicklung und den Landesausbau in seinem Machtbereich. Erneut krisenbestimmt gestalteten sich seine letzten Lebensjahre und der Übergang der Herrschaft auf seine Söhne Albrecht I. und Dietrich. – 1135 weilte O. erstmals am Hof Kaiser Lothars III. Nach der Abdankung seines Vaters Ende November 1156 erhielt er zu einem nicht genau bekannten Zeitpunkt, aber spätestens im Januar 1158, von Friedrich I. Barbarossa die Markgrafschaft Meißen. Da er sich durch die Aufteilung der Ämter, Besitzungen, Rechte und Würden seines Vaters auf fünf Brüder benachteiligt sah, nahm er nicht an dessen Beerdigung teil, wodurch er sich zeitweilig von seinen Verwandten entfremdete. Zum Herrscher Friedrich Barbarossa, der das Bautzener Land 1158 nicht ihm, sondern dem Herzog/König von Böhmen übertrug, stand er ebenfalls in Distanz. Mit dem Zuzug Ende 1161/1162 zur 2. italienischen Heerfahrt Friedrich Barbarossas gegen Mailand (Italien) gelang es O. die Gunst des Kaisers wieder zu erlangen. Äußeres Anzeichen dafür war die urkundliche Zustimmung des Herrschers am 26.2.1162 zu O.s Vorhaben der Stiftung eines eigenen Hausklosters für seine engere Familie, der späteren Zisterze Altzelle. Das führte jedoch zu Verstimmungen zwischen O. und den Augustinerchorherren auf dem Lauterberg, als deren Vogt O. als Senior des Gesamtfamilienverbands amtierte und das die vom Vater favorisierte Grablege gewesen war. Denn er hatte gemeinsam mit seinen Brüdern den Chorherren zweimal geschworen, an Lauterberg als Grablege festzuhalten. Zu seinen Verwandten normalisierte sich sein Verhältnis wieder. Gemeinsam mit seinen Brüdern Dedo, Heinrich und Friedrich beteiligte er sich 1166 bis 1170 unter der Führung ihres Vetters, des Erzbischofs Wichmann von Magdeburg, und seines Schwiegervaters, des Markgrafen Albrecht des Bären, an den Kämpfen gegen Heinrich den Löwen, Herzog von Sachsen und Bayern. – Um 1168 wurde in seinem Herrschaftsbereich bei Christiansdorf, dem späteren Freiberg, Silber gefunden. Vom Reich wurde er in der Folge mit jeglichem Metallvorkommen in seiner Mark belehnt. Etwa zur selben Zeit sicherte sich O. gegen die Konkurrenz des Merseburger Bischofs Johann I. die Herrschaft über Leipzig, wo er wie in Camburg, Döbeln, Eisenberg in Thüringen und Weißenfels die städtische Entwicklung förderte. Zur Erschließung seines Lands ließ er im östlichen Franken Siedler anwerben. In den 1170er- und 1180er-Jahren förderte er die rasante Entwicklung der Bergstadt Freiberg, in der er eine Burg mit Münzstätte unterhielt. Urbanisierung und Monetarisierung des Meißner Lands schritten unter O. rasch voran. An den Hoftagen und Heerfahrten, die 1179 bis 1181 zum Sturz Heinrichs des Löwen führten, nahm O. in Ostsachsen teil. In seinen letzten Lebensjahren musste er schwere Rückschläge einstecken. So nahm ihn Landgraf Ludwig III. von Thüringen Anfang 1184 infolge territorialer Streitigkeiten gefangen und setzte ihn auf der Wartburg fest. Erst auf Druck verwandter Fürsten erzwang der Kaiser seine Freilassung. Bei der Aufteilung der lausitzischen Güter und Rechte der Abtei Nienburg unter Erzbischof Wichmann, Markgraf Dietrich (II.) von Landsberg und Graf Dedo III. (dem Feisten, dem Fetten) ging O. leer aus. Als sein Bruder Dietrich (II.) von Landsberg, Markgraf der Ostmark, im Februar 1185 starb, gelang es ihm nicht, dessen Nachfolge in diesem Fürstentum und sächsischen Fahnlehen anzutreten. Es ging an seinen jüngeren Bruder Dedo III. (nun als Markgraf der Ostmark Dedo V.). – Fast 75-jährig wurde O. im Februar 1189 von seinem ältesten Sohn Albrecht (dem Stolzen) gestürzt und auf der Burg Döben inhaftiert, wohl weil er kurzfristig die Nachfolge zugunsten des zweitgeborenen Dietrich (des Bedrängten) ändern wollte. Nachdem er wiederum auf Druck des Kaisers, der noch im September 1188 die Mark Meißen besucht hatte, freikam, bekämpften sich Vater und Sohn im Sommer 1189 und verwüsteten mit ihren Verbündeten das Meißner Land. Da Friedrich Barbarossa mit Kreuzzugsvorbereitungen beschäftigt war, griff sein Sohn, König Heinrich VI., ein. Er entsandte Herzog Konrad Otto von Böhmen nach Meißen und die Verheerungen gingen weiter. Den dabei angerichteten Schaden bezifferten die Pegauer Jahrbücher auf 30.000 Mark Silber. Allein 3.000 Mark, über 700 kg Silber, die O. in Altzelle deponiert hatte, habe sich Albrecht (der Stolze) angeeignet. Die hohen Summen sind nicht wörtlich zu nehmen, sondern sollten die materiellen Verluste versinnbildlichen, die derartige Fehden dem Land und seinen Bewohnern zufügten. Diese familiäre Katastrophe sollte nur wenige Jahre später schwere Folgen haben. Heinrich, mittlerweile Kaiser, zog nach Albrechts Tod 1195 die Markgrafschaft als erledigt ein und ließ sie durch seine Ministerialen verwalten. Das Ende der Meißner Linie der Wettiner als Reichsfürsten schien gekommen. O. erlebte das nicht mehr. Er starb im Februar 1190 und wurde in seiner Stiftung Altzelle begraben. Trotz seines hohen Alters und seiner langen Herrschaftszeit von 34 Jahren ist es ihm nicht gelungen, das angesammelte Herrschaftswissen und das einem alten, ehrwürdigen Fürsten normalerweise zuwachsende Ansehen wirksam werden zu lassen. Im Vergleich zu seinen Brüdern Dietrich (II.) und Dedo III./V. kann O., der aufgrund seines Reichtums durch das Freiberger Silber fast unbegrenzte finanzielle Möglichkeiten hatte, nur eingeschränkt als erfolgreicher Fürst eingeschätzt werden. Er war aber auch die gesamte Zeit seiner Herrschaft der harten Konkurrenz Kaiser Friedrich Barbarossas und seiner Helfer ausgesetzt, was sich besonders im Pleißenland und im Nisangau zeigte.

Quellen Genealogia Wettinensis, hrsg. von Ernst Ehrenfeuchter (MGH SS 23), Hannover 1874, S. 226-230; Die Siegel der Wettiner bis 1324 und der Landgrafen von Thüringen bis 1247, hrsg. von Otto Posse, Leipzig 1888; Codex diplomaticus Saxoniae regiae, I. Hauptteil, Bd. 2: Urkunden der Markgrafen von Meißen und Landgrafen von Thüringen. 1100-1195, hrsg. von Otto Posse/Hubert Ermisch, Leipzig 1889; ebd., II. Hauptteil, Bd. 19: Urkundenbuch des Zisterzienserklosters Altzelle, Teil 1: 1162-1249, bearbeitet von Tom Graber, Hannover 2006; Priester Konrad, Chronik des Lauterbergs (Petersberg bei Halle/S.), hrsg. von Klaus Nass (MGH SS rerum Germanicarum in usum scholarum separatim editi 83), Wiesbaden 2020.

Literatur Stefan Pätzold, Die frühen Wettiner. Adelsfamilie und Hausüberlieferung bis 1221, Köln/Weimar/Wien 1997; Harald Winkel, Herrschaft und Memoria. Die Wettiner und ihre Hausklöster im Mittelalter, Leipzig 2010; Christoph Mielzarek, Albrecht der Bär und Konrad von Wettin. Fürstliche Herrschaft in den ostsächsischen Marken im 12. Jahrhundert, Köln/Weimar/Wien 2020; Michael Lindner, Markgraf O. von Meißen. Brüderliche Konkurrenz und familiäre Erbengemeinschaft, in: Thomas Arnold/Hans Friebe/Thomas Uhlmann, Markgraf O. von Meißen. Die Münzen der wettinischen Lande und ihrer Nachbargebiete von 1156 bis um 1200 (in Vorbereitung). – ADB 24, S. 704f.; DBA I, III; DBE II 7, S. 636; NDB 19, S. 689f.

Porträt Brakteat O.s (dargestellt als Herrscher in Rüstung mit Fahne und geschultertem Schwert), um 1170, Silber (geprägt), Staatliche Museen zu Berlin, Münzkabinett, Foto: Lutz-Jürgen Lübke (Lübke und Wiedemann) (Bildquelle) [CC BY-SA 4.0; dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Attribution-NonCommercial_ShareAlike 4.0 International License].

Michael Lindner
26.7.2022


Empfohlene Zitierweise:
Michael Lindner, Otto (der Reiche), in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V.
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (29.11.2022)

Otto (der Reiche)



Quellen Genealogia Wettinensis, hrsg. von Ernst Ehrenfeuchter (MGH SS 23), Hannover 1874, S. 226-230; Die Siegel der Wettiner bis 1324 und der Landgrafen von Thüringen bis 1247, hrsg. von Otto Posse, Leipzig 1888; Codex diplomaticus Saxoniae regiae, I. Hauptteil, Bd. 2: Urkunden der Markgrafen von Meißen und Landgrafen von Thüringen. 1100-1195, hrsg. von Otto Posse/Hubert Ermisch, Leipzig 1889; ebd., II. Hauptteil, Bd. 19: Urkundenbuch des Zisterzienserklosters Altzelle, Teil 1: 1162-1249, bearbeitet von Tom Graber, Hannover 2006; Priester Konrad, Chronik des Lauterbergs (Petersberg bei Halle/S.), hrsg. von Klaus Nass (MGH SS rerum Germanicarum in usum scholarum separatim editi 83), Wiesbaden 2020.

Literatur Stefan Pätzold, Die frühen Wettiner. Adelsfamilie und Hausüberlieferung bis 1221, Köln/Weimar/Wien 1997; Harald Winkel, Herrschaft und Memoria. Die Wettiner und ihre Hausklöster im Mittelalter, Leipzig 2010; Christoph Mielzarek, Albrecht der Bär und Konrad von Wettin. Fürstliche Herrschaft in den ostsächsischen Marken im 12. Jahrhundert, Köln/Weimar/Wien 2020; Michael Lindner, Markgraf O. von Meißen. Brüderliche Konkurrenz und familiäre Erbengemeinschaft, in: Thomas Arnold/Hans Friebe/Thomas Uhlmann, Markgraf O. von Meißen. Die Münzen der wettinischen Lande und ihrer Nachbargebiete von 1156 bis um 1200 (in Vorbereitung). – ADB 24, S. 704f.; DBA I, III; DBE II 7, S. 636; NDB 19, S. 689f.

Porträt Brakteat O.s (dargestellt als Herrscher in Rüstung mit Fahne und geschultertem Schwert), um 1170, Silber (geprägt), Staatliche Museen zu Berlin, Münzkabinett, Foto: Lutz-Jürgen Lübke (Lübke und Wiedemann) (Bildquelle) [CC BY-SA 4.0; dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Attribution-NonCommercial_ShareAlike 4.0 International License].

Michael Lindner
26.7.2022


Empfohlene Zitierweise:
Michael Lindner, Otto (der Reiche), in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V.
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (29.11.2022)