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Johann Georg

J., der dritte regierende Herzog von Sachsen-Weißenfels, lässt sich als typischer Barockfürst mit eigenem Musenhof bezeichnen. Als großzügiger Mäzen überforderte der gebildete und vielseitig interessierte J. jedoch die Leistungsfähigkeit seiner bereits zuvor stark verschuldeten Sekundogeniturherrschaft. – Aufgewachsen und erzogen am Weißenfelser Musenhof, stand J. zu Beginn seiner Regierung unter der Vormundschaft des sächsischen Kurfürsten Friedrich August I. (August II., der Starke). Im Mai 1698 wurde er in Leipzig durch den sächsischen Großkanzler Herzog Christian August von Sachsen-Zeitz, den späteren „Kardinal von Sachsen“, für mündig erklärt. – Nach längeren Geheimverhandlungen wurde J. in Form einer letztwilligen Verfügung mit der eventualen Administration des Kurfürstentums sowie der Vormundschaft über den sächsischen Kurprinzen Friedrich August betraut und dies mit einem Mandat 1699 öffentlich bekannt gemacht. Die erst 1700 gegen finanzielle Kompensation gegebene Zustimmung zum Verkauf der Lauenburger Erbrechte an Kurhannover (1697) belegt J.s durchaus hartnäckige Verfolgung eigener Interessen. Nach dem Scheitern der Verhandlungen mit dem ambitionierten ernestinischen Sachsen-Gotha übertrug der zur katholischen Kirche übergetretene August der Starke das reichspolitisch wichtige kursächsische Direktorium des Corpus Evangelicorum, der protestantischen Interessenvertretung auf dem Regensburger Reichstag, 1700 nominell auf J. In der politischen Praxis blieben die Weißenfelser Mitwirkungsrechte zwar sehr beschränkt, sie sorgten aber gleichwohl für Prestigegewinn und dynastische Aufwertung des Fürstenhauses, boten Möglichkeiten zu konfessioneller und politischer Profilierung und bewirkten Informationsfluss sowie Präsenz in der „Reichsöffentlichkeit“. Dies konnte zugleich die tatsächliche Einführung des 1663 gebildeten Reichsfürstentums Sachsen-Querfurt mit Sitz und Stimme in den Reichsfürstenrat, das wichtigste politische Ziel aller Weißenfelser Regenten, zumindest indirekt befördern, zumal 1702 auch Kaiser Leopold I. seine Unterstützung zusicherte. Bereits 1700 hatte Kurbrandenburg die Mitwirkungsrechte an den evangelischen Religionsangelegenheiten, die Unterstützung für das Querfurter Votum sowie die eventuale Administration und Vormundschaft J.s in Kursachsen vertraglich bestätigt. Mit dem von seinem Vater übernommenen Johann Kaspar von Loß, zugleich kursächsischer Geheimer Rat, befand sich seit 1700 ein hochrangiger und ständiger Vertreter J.s am Dresdner Hof. – In politischer Hinsicht verhielt sich J. als nächster Kurerbe in der Regel kooperativ und loyal zur sächsischen Kurlinie, was von Dresden auch mit dringend benötigten zusätzlichen Finanzmitteln in Form von Einmalzahlungen (Zusatz zum Akzisetraktat von 1704) oder regelmäßigen Zuwendungen aus der kurfürstlichen Rentkammer honoriert wurde. 1704/1705 errichtete er mit Dresdner Geldern für den Kurfürsten das Infanterieregiment Weißenfels, dessen nomineller Inhaber bis 1746 der jeweils regierende Herzog war. 1702 und 1708 erhielt J. die kaiserliche Separatbelehnung mit seinem Reichsfürstentum Sachsen-Querfurt. Ein Vergleich regelte 1710 die Versorgung seines jüngeren Bruders Christian mit 6.000 Talern jährlicher Apanage, dem Amtshaus in Sangerhausen als Wohnsitz sowie verschiedenen Naturaldeputaten. – Als typischen Barockfürsten zog es den jungen Weißenfelser Herzog häufig an den glanzvollen Dresdner Kurfürstenhof. So nahm er etwa 1699 am dortigen Karneval, v.a. aber 1709 an den ausgedehnten Festivitäten anlässlich des Besuchs des Dänenkönigs Friedrich IV. teil. Der prachtliebende J., inspiriert von seinem bewunderten persönlichen Freund August dem Starken, führte in der Folge die glanzvollen Jagden, Turniere und Karnevale des Dresdner Hofs in großem Stil auch in seiner kleinen Residenz ein. Nach einem kurzen Besuch in Weißenfels 1703 erklärte König Karl III. von Spanien, der spätere Kaiser Karl VI., dass er an keinem deutschen Hof „magnifiquer tractiret“ worden sei. In der Tradition seiner beiden Vorgänger erwies sich J. zudem als großer Mäzen sowie als engagierter Förderer von Bildung, Künsten und Wissenschaften, womit Weißenfels auch während seiner relativ kurzen Regentschaft weiterhin zu den kulturellen Zentren des mitteldeutschen Raums gehörte. 1704 stiftete J. den an ritterlichen Tugenden orientierten Orden „De la noble passion“ mit selbstverfassten Ordensstatuten. – Während seiner Regierungszeit förderte J. insbesondere die Stadt Querfurt, die er zur Hauptstadt seines Reichsfürstentums ernannte. Die kostspielige Hofhaltung, Bau- und Jagdleidenschaft (Jagdschloss Klein-Friedenthal, Sommerresidenz Neuenburg in Freyburg/Unstrut), regelmäßige Messebesuche in Leipzig sowie die allseits bekannte Großzügigkeit des regierenden Herzogs vergrößerten freilich den ererbten Schuldenberg noch einmal beträchtlich. Seine gelebte landesfürstliche Mildtätigkeit brachte J. etwa mit der Unterstützung des neu errichteten Landwaisenhauses in Langendorf bei Weißenfels zum Ausdruck. In seiner Finanznot sah sich J. trotz einiger extraordinärer Zuwendungen aus Dresden zu Verpfändungen oder Verkäufen gezwungen. 1710 kam so ein auf 16 Jahre befristeter Wiederkaufkontrakt mit Sachsen-Weimar über den sog. Eckardsbergischen Forst für 21.000 Taler zustande. Dagegen wurde dem Weißenfelser die in seinem Reichsfürstentum Sachsen-Querfurt legitim begonnene lukrative Münzprägung (1709/1710), wohl aus Konkurrenzgründen, von August dem Starken untersagt. Die ungebremste Verschuldung während seiner Regierungszeit sollte unter seinem Bruder und Nachfolger Christian schließlich zum Konkurs des Sekundogeniturfürstentums und zugleich zu einem ziemlich abrupten Ende des Weißenfelser Musenhofs führen.

Quellen Sächsisches Staatsarchiv - Hauptstaatsarchiv Dresden, 10001 Ältere Urkunden, 10006 Oberhofmarschallamt, 10026 Geheimes Kabinett. – Johann Christian Lünig, Das Teutsche Reichs=Archiv …, Bd. 5 Leipzig 1712, Bd. 8, Leipzig 1713; Johann Beer. Sein Leben von ihm selbst erzählt, hrsg. von Adolf Schmiedecke, Göttingen 1965; Sächsische Fürstentestamente 1652-1831. Edition der letztwilligen Verfügungen der regierenden albertinischen Wettiner mit ergänzenden Quellen, hrsg. von Jochen Vötsch, Leipzig 2018.

Literatur Christian Ernst Weiße, Neueste Geschichte des Königreichs Sachsen seit dem Prager Frieden bis auf unsere Zeiten, Bd. 1, Leipzig 1808; Gottlob Traugott Gabler, Die Fürstengruft auf Neu=Augustusburg, Weißenfels 1844; Friedrich Gerhardt, Geschichte von Weißenfels a. S. mit neuen Beiträgen zur Geschichte des Herzogtums Sachsen-Weißenfels, Weißenfels 1907; Hellmut Kretzschmar, Zur Geschichte der sächsischen Sekundogeniturfürstentümer, Teil 1, in: Sachsen und Anhalt 1/1925, S. 312-343; Martin Bircher, Historische Miniaturen aus dem Herzogtum Sachsen-Weißenfels, in: 300 Jahre Vollendung der Neuen Augustusburg - Residenz der Herzöge von Sachsen-Weißenfels, hrsg. vom Museum Weißenfels, Weißenfels 1994, S. 9-54; Roswitha Jacobsen, Der Hof von Sachsen-Weißenfels und das kulturelle Verdienst seiner Herzöge, in: Mitteldeutsches Jahrbuch für Kultur und Geschichte 3/1996, S. 75-96 (P); Weltsicht und Selbstverständnis im Barock. Die Herzöge von Sachsen-Weißenfels - Hofhaltung und Residenzen, hrsg. vom Landesheimatbund Sachsen-Anhalt e.V., Halle 1999; Jochen Vötsch, Kursachsen, das Reich und der mitteldeutsche Raum zu Beginn des 18. Jahrhunderts, Frankfurt/M. u. a. 2003; Barocke Fürstenresidenzen an Saale, Unstrut und Elster, hrsg. vom Museumsverbund „Die Fünf Ungleichen e.V.“ und dem Museum Schloss Moritzburg Zeitz, Petersberg 2007; Vinzenz Czech (Hg.), Fürsten ohne Land. Höfische Pracht in den sächsischen Sekundogenituren Weißenfels, Merseburg und Zeitz, Berlin 2009; Martina Schattkowsky/Manfred Wilde (Hg.), Sachsen und seine Sekundogenituren. Die Nebenlinien Weißenfels, Merseburg und Zeitz (1657-1746), Leipzig 2010; Otto Klein, Weißenfels, in: Wolfgang Adam/Siegrid Westphal (Hg.), Handbuch kultureller Zentren der Frühen Neuzeit. Städte und Residenzen im alten deutschen Sprachraum, Bd. 3: Nürnberg-Würzburg, Berlin/Boston 2012, S. 2119-2159; Dynastiegewitter. August der Starke versus Herzog Christian, hrsg. vom Museum Weißenfels im Schloss Neu-Augustusburg, Weißenfels 2017 (P). – Michael Ranft, Leben und Thaten des Durchl. Hertzogs Johann Georgens zu Sachsen=Weißenfels, in: Necrologium Domus Saxonicae Coaevum …, Leipzig 1728, S. 20-51.

Porträt J. G., Herzog zu Sachsen-Weißenfels-Querfurt, Martin Bernigeroth, undatierter Kupferstich, Österreichische Nationalbibliothek Wien, Bildarchiv und Grafiksammlung, Signatur PORT_00056342_02 (Bildquelle) [Public Domain Mark 1.0; dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Public Domain Mark 1.0 Lizenz].

Jochen Vötsch
19.1.2022


Empfohlene Zitierweise:
Jochen Vötsch, Johann Georg, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V.
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (7.10.2022)

Johann Georg



Quellen Sächsisches Staatsarchiv - Hauptstaatsarchiv Dresden, 10001 Ältere Urkunden, 10006 Oberhofmarschallamt, 10026 Geheimes Kabinett. – Johann Christian Lünig, Das Teutsche Reichs=Archiv …, Bd. 5 Leipzig 1712, Bd. 8, Leipzig 1713; Johann Beer. Sein Leben von ihm selbst erzählt, hrsg. von Adolf Schmiedecke, Göttingen 1965; Sächsische Fürstentestamente 1652-1831. Edition der letztwilligen Verfügungen der regierenden albertinischen Wettiner mit ergänzenden Quellen, hrsg. von Jochen Vötsch, Leipzig 2018.

Literatur Christian Ernst Weiße, Neueste Geschichte des Königreichs Sachsen seit dem Prager Frieden bis auf unsere Zeiten, Bd. 1, Leipzig 1808; Gottlob Traugott Gabler, Die Fürstengruft auf Neu=Augustusburg, Weißenfels 1844; Friedrich Gerhardt, Geschichte von Weißenfels a. S. mit neuen Beiträgen zur Geschichte des Herzogtums Sachsen-Weißenfels, Weißenfels 1907; Hellmut Kretzschmar, Zur Geschichte der sächsischen Sekundogeniturfürstentümer, Teil 1, in: Sachsen und Anhalt 1/1925, S. 312-343; Martin Bircher, Historische Miniaturen aus dem Herzogtum Sachsen-Weißenfels, in: 300 Jahre Vollendung der Neuen Augustusburg - Residenz der Herzöge von Sachsen-Weißenfels, hrsg. vom Museum Weißenfels, Weißenfels 1994, S. 9-54; Roswitha Jacobsen, Der Hof von Sachsen-Weißenfels und das kulturelle Verdienst seiner Herzöge, in: Mitteldeutsches Jahrbuch für Kultur und Geschichte 3/1996, S. 75-96 (P); Weltsicht und Selbstverständnis im Barock. Die Herzöge von Sachsen-Weißenfels - Hofhaltung und Residenzen, hrsg. vom Landesheimatbund Sachsen-Anhalt e.V., Halle 1999; Jochen Vötsch, Kursachsen, das Reich und der mitteldeutsche Raum zu Beginn des 18. Jahrhunderts, Frankfurt/M. u. a. 2003; Barocke Fürstenresidenzen an Saale, Unstrut und Elster, hrsg. vom Museumsverbund „Die Fünf Ungleichen e.V.“ und dem Museum Schloss Moritzburg Zeitz, Petersberg 2007; Vinzenz Czech (Hg.), Fürsten ohne Land. Höfische Pracht in den sächsischen Sekundogenituren Weißenfels, Merseburg und Zeitz, Berlin 2009; Martina Schattkowsky/Manfred Wilde (Hg.), Sachsen und seine Sekundogenituren. Die Nebenlinien Weißenfels, Merseburg und Zeitz (1657-1746), Leipzig 2010; Otto Klein, Weißenfels, in: Wolfgang Adam/Siegrid Westphal (Hg.), Handbuch kultureller Zentren der Frühen Neuzeit. Städte und Residenzen im alten deutschen Sprachraum, Bd. 3: Nürnberg-Würzburg, Berlin/Boston 2012, S. 2119-2159; Dynastiegewitter. August der Starke versus Herzog Christian, hrsg. vom Museum Weißenfels im Schloss Neu-Augustusburg, Weißenfels 2017 (P). – Michael Ranft, Leben und Thaten des Durchl. Hertzogs Johann Georgens zu Sachsen=Weißenfels, in: Necrologium Domus Saxonicae Coaevum …, Leipzig 1728, S. 20-51.

Porträt J. G., Herzog zu Sachsen-Weißenfels-Querfurt, Martin Bernigeroth, undatierter Kupferstich, Österreichische Nationalbibliothek Wien, Bildarchiv und Grafiksammlung, Signatur PORT_00056342_02 (Bildquelle) [Public Domain Mark 1.0; dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Public Domain Mark 1.0 Lizenz].

Jochen Vötsch
19.1.2022


Empfohlene Zitierweise:
Jochen Vötsch, Johann Georg, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V.
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (7.10.2022)