Pantaleon Hebenstreit

H. gehört zu den innovativsten sächsischen Hofmusikern des 18. Jahrhunderts. Seine Reputation rührt vornehmlich von der Erfindung des Soloinstruments Pantaleon her, das sich seinerzeit großer Beliebtheit erfreute und z.B. von Friedrich August I. (August II., der Starke), Kaiser Karl VI., dem französischen König Ludwig XIV., Gottfried Silbermann, Johann Kuhnau und Georg Philipp Telemann bewundert wurde. Nach seinem Erfinder benannt, gilt das Pantaleon heute allgemein als Wegbereiter des Hammerflügels. – H.s Lebensgeschichte liegt im Dunkeln. Telemanns Versuch, H.s Biografie zu rekonstruieren, scheiterte an fehlenden biografischen Überlieferungen, wie aus einem Brief von Johann Georg Pisendel an Telemann vom Juni 1752 hervorgeht. Neuere Forschungen haben aber ergeben, dass er nicht - wie zumeist angenommen - in Eisleben geboren wurde, sondern in Kleinheringen bei Naumburg als Sohn eines Spielmanns und Türmers. H. soll an der Universität Leipzig studiert haben, wo er als Violinlehrer und Tanzmeister akkreditiert war. In den 1690er-Jahren entwickelte er - angeblich im Exil auf einem Dorf bei Merseburg - das im Tanzunterricht angewandte, volkstümliche Hackbrett zu einem Konzertinstrument weiter. Um 1697 gab H. erste öffentliche Auftritte in Leipzig und folgte einer Einladung von Jan-Baptist Woulmyer nach Berlin, der das Instrument studieren wollte. 1698 wurde H. als Konzertmeister in Weißenfels am Hof Herzog Johann Georgs von Sachsen-Weißenfels angestellt, wo er 1703 die Gelegenheit wahrnahm, sein Instrument dem Thronprätendenten Karl III. von Spanien sowie August dem Starken vorzustellen. 1705 gastierte er am Hof Ludwigs XIV., der dem Klangkörper den Namen „Pantaleon“ gegeben haben soll. Ab dieser Zeit bürgerte sich die Bezeichnung Pantalon/Pantaleon oder Pantalonisches Cimbal/Cymbal (Kuhnau) ein. Nach seiner Rückkehr weilte H. zunächst in Bayreuth und Kassel, bis er 1707 am Hof von Herzog Johann Wilhelm von Sachsen-Eisenach als Konzert- und Tanzmeister angestellt wurde. H. oblag die Aufgabe, eine vornehmlich französische Musik darbietende Kapelle aufzubauen, zu deren Kapellmeister 1708 Telemann ernannt wurde. H. komponierte für die Kapelle zahlreiche Orchestersuiten im französischen Stil und gastierte als Pantaleonist europaweit, so auch am Hof des Kaisers Karl VI. Im Mai 1714 berief August der Starke H. als Kammermusiker mit einem Jahresgehalt von 1.200 Talern (zuzüglich Sachkosten zur Instandhaltung des Pantaleons) in die sächsische Hofkapelle. Dass H. ein gleiches Salär wie der Kapellmeister Johann Christoph Schmidt und der Lautenist Silvius Leopold Weiss bezog, unterstreicht das Ansehen H.s am Hof. Im August 1718 reiste er mit einem Kammerensemble, dem u.a. Weiss, Pisendel und der Konzertmeister Woulmyer angehörten, nach Wien, um die Brautschau des sächsischen Kurprinzen Friedrich August zu begleiten. – Nachdem H. sein zunehmend an Bedeutung gewonnenes Instrument in Freiberg bei Silbermann hatte fertigen lassen und gegen ihn wegen Raubkopie prozessierte, erhielt er mit Reskript vom 20.11.1727 das königliche Privileg des Eigenbaus. 1729 vertraute ihm August der Starke die Leitung des Gesangs in der protestantischen Schlosskapelle, der Sophienkirche, an. 1733 gehörte er zur Berufungskommission des Sophienorganisten, wobei sich H. ausdrücklich für Wilhelm Friedemann Bach aussprach. – Aufgrund einer Augenschwäche musste H. ab 1733 zunehmend auf solistische Auftritte verzichten. Als Pantaleonist vertrat ihn sein Schüler, der spätere Dresdner Kapellmeister und Hofkantor Johann Christoph Richter. Nunmehr das Amt des Vize-Kapellmeisters innehabend, vertraute ihm Friedrich August II. (August III.) 1734 die Hofkapelldirektion der protestantischen Kirchenmusik an, in dieser Funktion oblag ihm auch die Oberaufsicht über die Bildung der Kapellknaben. 1737 baute H. ein Glockenspiel aus Glas. Nach seinem gänzlichen Rückzug aus der Öffentlichkeit wurde er im März 1740 zum Geheimen Kämmerer ernannt - ein Amt, das er bis zu seinem Tod 1750 innehatte. – H.s Leistung besteht v.a. in der Erfindung des Pantaleon, das mit der Hammerschlagtechnik (versus Zupfen der Saiten) der Kunst des Klavierbaus wichtige Impulse gab. Silbermann und der Klavierbauer Christoph Gottlieb Schröter, der 1717 die Hammermechanik für Cembali erfand, ließen sich davon inspirieren. Ebenso fanden H.s (nicht überlieferte) Kompositionen außerhalb Dresdens Gehör, wie das Inventar der „Concert-Stube“ des Zerbster Schlosses belegt, das neben Kompositionen von Johann David Heinichen, Woulmyer, Johann Joachim Quantz, Francesco Maria Cattaneo und Antonio Veracini auch Werke von H. aufweist. Unabhängig von seiner Expertise als Pantaleonist gehörte H. neben Telemann, Pisendel, Franz Benda und Johann Gottlieb Graun zu den versiertesten Geigern des 18. Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum. Seine Schüler, die Dresdner Hoforganisten Richter und Christian Gottlob Binder, die Wiener Musiker Johann Baptist Gumpenhuber und Maximilian Hellmann sowie der als letzter großer Pantaleonist in die Geschichte eingegangene Schweriner Organist Georg Rölli, pflegten sein Vermächtnis.

Quellen Sächsisches Staatsarchiv - Hauptstaatsarchiv Dresden, 10006 Oberhofmarschallamt, 10025 Geheimes Konsilium, 10026 Geheimes Kabinett, 10119 Sekundogeniturfürstentum Sachsen-Weißenfels; Bibliothèque nationale de France Paris, Journal de lʼagriculture, du commerce et des finances, 1774-1809; Georg Philipp Telemann. Briefwechsel. Sämtliche erreichbare Briefe von und an Telemann, hrsg. von Hans Grosse/Hans Rudolf Jung, Leipzig 1972, S. 362f.; Concert-Stube des Zerbster Schlosses. Inventarverzeichnis aufgestellt im März 1743, hrsg. von der Kultur- und Forschungsstätte Michaelstein, Michaelstein 1983.

Literatur Johann Mattheson, Critica Musica, Bd. 2, Hamburg 1725; Moritz Fürstenau, Zur Geschichte der Musik und des Theaters am Hofe zu Dresden, Dresden 1862; Christian Ahrens, Pantaleon H. und die Frühgeschichte des Hammerklaviers, in: Beiträge zur Musikwissenschaft 29/1987, H. 1, S. 37-48; Ortrun Landmann, Französische Elemente in der Musikpraxis des 18. Jahrhunderts am Dresdener Hof, in: Eitelfriedrich Thom (Hg.), Der Einfluß der französischen Musik auf die Komponisten der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, Michaelstein 1982, S. 48-56; Hubert Henkel, Das Hackbrett von Pantaleon H. als Vorbild für ein Tafelklavier, in: Monika Lustig/Boje E. H. Schmuhl (Hg.), Geschichte und Bauweise des Tafelklaviers, Augsburg 2006, S. 115-126; Kai Köpp, Johann Georg Pisendel (1687-1755) und die Anfänge der neuzeitlichen Orchesterleitung, Tutzing 2005; Uta Dorothea Sauer, Tanz und Repräsentation. Machtdarstellung im Ballet de cour der Wettiner und ihrer Verbündeten im protestantischen Raum (1600-1725), Diss. Dresden 2017. – ADB 11, S. 196f.; DBA I, II, III; DBE II 4, S. 533; MGG2P 8, Sp. 1134f.; NDB 8, S. 168f.; NGrove online/Grove Music Online (2001).

Uta Dorothea Sauer
17.11.2020


Empfohlene Zitierweise:
Uta Dorothea Sauer, Pantaleon Hebenstreit, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V.
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (13.6.2021)

Pantaleon Hebenstreit



Quellen Sächsisches Staatsarchiv - Hauptstaatsarchiv Dresden, 10006 Oberhofmarschallamt, 10025 Geheimes Konsilium, 10026 Geheimes Kabinett, 10119 Sekundogeniturfürstentum Sachsen-Weißenfels; Bibliothèque nationale de France Paris, Journal de lʼagriculture, du commerce et des finances, 1774-1809; Georg Philipp Telemann. Briefwechsel. Sämtliche erreichbare Briefe von und an Telemann, hrsg. von Hans Grosse/Hans Rudolf Jung, Leipzig 1972, S. 362f.; Concert-Stube des Zerbster Schlosses. Inventarverzeichnis aufgestellt im März 1743, hrsg. von der Kultur- und Forschungsstätte Michaelstein, Michaelstein 1983.

Literatur Johann Mattheson, Critica Musica, Bd. 2, Hamburg 1725; Moritz Fürstenau, Zur Geschichte der Musik und des Theaters am Hofe zu Dresden, Dresden 1862; Christian Ahrens, Pantaleon H. und die Frühgeschichte des Hammerklaviers, in: Beiträge zur Musikwissenschaft 29/1987, H. 1, S. 37-48; Ortrun Landmann, Französische Elemente in der Musikpraxis des 18. Jahrhunderts am Dresdener Hof, in: Eitelfriedrich Thom (Hg.), Der Einfluß der französischen Musik auf die Komponisten der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, Michaelstein 1982, S. 48-56; Hubert Henkel, Das Hackbrett von Pantaleon H. als Vorbild für ein Tafelklavier, in: Monika Lustig/Boje E. H. Schmuhl (Hg.), Geschichte und Bauweise des Tafelklaviers, Augsburg 2006, S. 115-126; Kai Köpp, Johann Georg Pisendel (1687-1755) und die Anfänge der neuzeitlichen Orchesterleitung, Tutzing 2005; Uta Dorothea Sauer, Tanz und Repräsentation. Machtdarstellung im Ballet de cour der Wettiner und ihrer Verbündeten im protestantischen Raum (1600-1725), Diss. Dresden 2017. – ADB 11, S. 196f.; DBA I, II, III; DBE II 4, S. 533; MGG2P 8, Sp. 1134f.; NDB 8, S. 168f.; NGrove online/Grove Music Online (2001).

Uta Dorothea Sauer
17.11.2020


Empfohlene Zitierweise:
Uta Dorothea Sauer, Pantaleon Hebenstreit, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V.
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (13.6.2021)