Camillo Marcolini

Der aus dem Kirchenstaat stammende M. zählte für viele Jahrzehnte zu den einflussreichsten Politikern am sächsischen Hof. Spätere Generationen von Bildhauern sahen in M. zudem den letzten Vertreter eines postaugusteischen Mäzenatentums während der vom kostenbewussten Rétablissement geprägten Regentschaft Friedrich Augusts III. (Friedrich August I.). Bedeutend sind zudem seine Bemühungen, in der heutigen Radeberger Vorstadt Dresdens ein Mustergut nach englischem Vorbild anzulegen, das sog. Marcolinische Vorwerk. Seine bauliche Tätigkeit prägt bis heute die Dresdner Residenzlandschaft. – M. wurde im April 1739 geboren. Zu dieser Zeit lernte der sächsische Kurprinz Friedrich Christian M.s Vater Pietro Paolo Marcolini in Rom kennen. 1752 kam M. als Silberpage des Kurprinzen an den Hof nach Dresden, auch dank eines Empfehlungsschreibens von Papst Benedikt XIV., in dem M. erstmals mit dem Titel eines Grafen bezeichnet wurde. Er erhielt eine höfische Ausbildung u.a. in französischer und deutscher Sprache, im Reiten und Fechten. Sein Zeichenlehrer war Philipp Daniel Lippert. In Dresden erlebte M. 1756 den Ausbruch des Siebenjährigen Kriegs und blieb wohl bis zur Abreise des Kurprinzen nach Prag 1759 an dessen Seite. In den letzten Kriegsjahren hielt sich M. auf dem väterlichen Gut in Italien auf. Als nach dem Tod Friedrich Augusts II. (August III.) im Oktober 1763 dessen Sohn Friedrich Christian Kurfürst von Sachsen wurde, war M. wieder Silberpage am Dresdner Hof. Der Kurfürst verstarb bereits am 17.12.1763 und M. wurde gemeinsam mit dem späteren Oberstallmeister Stephan Swinarski zum Kammerpagen des jungen Thronfolgers Friedrich August ernannt. – Wohl schon während der Administration durch Prinz Xaver gelang es M. das Vertrauen des Thronerben zu gewinnen. An dessen 17. Geburtstag wurde M. durch Prinz Xaver zum Kammerherrn ernannt, am 3.8.1768 erfolgte die Wehrhaftmachung M.s durch den Oberhofmeister Baron Joseph Franz von Forelle. Dieser schied kurz darauf aus dem Amt und M. wurde am 21.1.1769 zu seinem Nachfolger ernannt. M.s Karriere am Hof schritt steil voran, 1772 wurde er Wirklicher Geheimer Rat, 1778 Oberkammerherr, 1799 Oberstallmeister. – In die politischen Geschäfte lange nur beratend involviert, blieb M. zeitlebens ein wichtiger persönlicher Vertrauter Friedrich Augusts. Dieser schätzte insbesondere den Scharfsinn und das menschliche Geschick des Italieners. M. wurde die Ehre zuteil, den sächsischen Hof anlässlich der Hochzeit des Prinzen und späteren Königs Anton mit Maria Carolina von Sardinien in Turin vertreten zu dürfen. Unklar ist, wie groß M.s Anteil an der Affäre um den 1776 inhaftierten Hofmeister Peter Aloysius Marquis d’Agdollo und den Sturz des Ministers Carl von der Osten-Sacken war. Die Ereignisse halfen dem Vertrauten des Königs jedoch, seine Position am Hof zu festigen. Im Nachgang des Bayerischen Erbfolgekriegs verlieh ihm Zarin Katharina von Russland den Orden des Heiligen Andreas des Erstberufenen. Zudem war M. Träger des toskanischen Sankt-Stephan-Ordens. – Als Christian Ludwig von Hagedorn im Januar 1780 starb, wurde M. zum neuen Direktor der Dresdner Kunstakademie ernannt und übernahm die Aufsicht über die kurfürstlichen Sammlungen. Bereits 1774, im Jahr seiner Ernennung zum Direktor der Porzellan-Manufaktur Meißen, hatte M. das Palais Heinrich von Brühls in der Dresdner Friedrichstadt erworben sowie die Restaurierung der verfallenen Anlage begonnen. Für den klassizistisch geprägten Umbau waren Johann Gottfried Kuntsch und Johann Daniel Schade verantwortlich. M. beschäftigte zudem die Hofbildhauer Johann Baptist Dorsch und Thaddeus Ignaz Wiskotschill. Zusätzlich kaufte M. Skulpturen aus dem Brühlschen Nachlass auf. M.s Wirken in diesen Jahren zielte offensichtlich darauf ab, sich in der Tradition Brühls als zweiter Mann im Staat zu inszenieren. Zur Hochzeit mit der Baronesse Maria Anna O’Kelly, der Tochter des österreichischen Feldzeugmeisters, am 4.5.1778 wurde das Palais in Gegenwart des Kurfürsten und der Kurfürstin eingeweiht und diente fortan als Festort und Residenz M.s und seiner Ehefrau. – In der Zeit der Koalitionskriege stand M. außenpolitisch zunächst für eine Allianz mit Österreich und riet Friedrich August III. erst später, nach der Niederlage bei Jena und Auerstedt 1806, zum Übertritt ins napoleonische Lager. 1809 rückte M. als Kabinettsminister auch offiziell in den engsten politischen Zirkel des Königreichs Sachsen auf. M. wurde gegen Ende seiner politischen Laufbahn zum Ritter des sächsischen Rautenkranzordens ernannt sowie der Großadler der kaiserlich französischen Ehrenlegion verliehen. Als sich 1813 die Niederlage Napoleons abzeichnete, riet er dem sächsischen König - zu spät - zu einer Abkehr von Frankreich und ging nach der Völkerschlacht von Leipzig im Oktober 1813 ins böhmische Exil, wo sich seine Familie am nach Prag geflüchteten sächsischen prinzlichen Hof aufhielt. Hier starb M. am 10.7.1814 an einem Blasenleiden. Erst 1839 wurden seine Gebeine gemeinsam mit denen der in Dresden verstorbenen Witwe nach Fano überführt. – Gelegentlich wurde M. als ausländischer Einflüsterer verunglimpft, zu seinen schärfsten Kritikern zählte der sächsische Gesandte in Paris und spätere sächsische Kabinettsminister Friedrich Christian Ludwig Senfft von Pilsach. Eine gnädige Beurteilung erfuhr M. dagegen durch die posthum verfasste Biografie (1877) des königlich-sächsischen Kammerherrn Friedrich August O’Byrn. M.s politische Nachfolge als Vertrauter des Königs trat der Leitende Minister Detlev von Einsiedel an. Das Marcolinische Palais in Dresden beherbergt heute das Krankenhaus Friedrichstadt. Der Staatsmann ließ ferner das neogotisch gestaltete Waldschlösschen im heutigen Dresdner Stadtteil Radeberger Vorstadt errichten (ab 1800) und 1775 für Friedrich August III. eine künstliche Grotte auf dem Borsberg bei Pillnitz anlegen. Der Weg zwischen Borsberg und dem Schloss Pillnitz durch den Friedrichsgrund wurde ab 1785 unter M.s Leitung im Stil eines sentimentalen Landschaftsgartens u.a. mit künstlichen Wasserfällen, Ruinen und Denkmälern gestaltet. – Belletristischen Widerhall fand das Leben M.s im Jugendroman „Marcolini oder Wie man Günstling wird“ (2007) von Karla Schneider.

Literatur Benjamin Gottfried Weinart, Topographische Geschichte der Stadt Dresden und der um dieselbe herum liegenden Gegenden, Dresden 1777; August Ferdinand Hauschild, Darstellung der Rechtsgründe Sr. des Herrn Oberkammerherrn, Grafens Kamillo M. Excellenz, zum Besiz der Gräflich Ferrettischen Fideicommißgüter, bey der Rota Romana übergeben, [Dresden] 1788; Friedrich August O’Byrn, Camillo Graf M., Königlich Sächsischer Cabinetsminister, Oberstallmeister und Kämmerer. Eine biographische Skizze, Dresden 1877; Woldemar Lippert, Die Anfänge der Familie Marcolini in Kursachsen, in: NASG 20/1899, S. 111-128; Walter Müller, Die Bildhauerei, in: Erich Haenel (Hg.), Hundert Jahre Sächsischer Kunstverein 1828-1928, Dresden 1928, S. 37-49; Rainer G. Richter, Camillo Graf M. und die Kunst in Sachsen zwischen 1768 und 1814, in: Dresdner Hefte 6/1988, S. 65-71; ders., Die Kunst in Sachsen unter Einfluß des Ministers Camillo Graf M., in: Keramos. Zeitschrift der Gesellschaft der Keramikfreunde e.V. Düsseldorf 126/1989, S. 7-26; Christian Kunath, Ein Mann mit Scharfsinn und großem Sachverstand. Vor 185 Jahren starb Camillo Graf M., in: Dresdner Neueste Nachrichten, 19.7.1999, S. 7; Karla Schneider, M. oder wie man Günstling wird, München/Wien 2007; Albrecht Scholz/Sigrid Schulz-Beer, Krankheiten der Harnwege zu Zeiten des Dresdner Arztes Carl Gustav Carus, in: Dirk Schultheiss/Friedrich Moll (Hg.), Die Geschichte der Urologie in Dresden, Berlin/Heidelberg 2009, S. 27-37; Daniel Jacob, Barocke Adelspalais in Dresden. Die Bauten, ihre Architekten und Bewohner, [Freital] 2011; Christian Kunath, Aus der Geschichte des Schönfelder Hochlandes, in: Hochland-Kurier 21/2014, Nr. 7, S. 38. – ADB 20, S. 306; DBA I, II.

Porträt Graf Camillo von M., 1776/1800, Kupferstich, Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Abteilung Deutsche Fotothek, Auftrag 31511, Foto: Regine Richter, 2009 (Bildquelle) [CC BY-SA 4.0; dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Attribution 4.0 Unported License]; Camillo M., Johann Heinrich Schmidt, 18. Jahrhundert, Gemälde.

Lennart Kranz
12.11.2021


Empfohlene Zitierweise:
Lennart Kranz, Camillo Marcolini, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V.
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (10.8.2022)

Camillo Marcolini



Literatur Benjamin Gottfried Weinart, Topographische Geschichte der Stadt Dresden und der um dieselbe herum liegenden Gegenden, Dresden 1777; August Ferdinand Hauschild, Darstellung der Rechtsgründe Sr. des Herrn Oberkammerherrn, Grafens Kamillo M. Excellenz, zum Besiz der Gräflich Ferrettischen Fideicommißgüter, bey der Rota Romana übergeben, [Dresden] 1788; Friedrich August O’Byrn, Camillo Graf M., Königlich Sächsischer Cabinetsminister, Oberstallmeister und Kämmerer. Eine biographische Skizze, Dresden 1877; Woldemar Lippert, Die Anfänge der Familie Marcolini in Kursachsen, in: NASG 20/1899, S. 111-128; Walter Müller, Die Bildhauerei, in: Erich Haenel (Hg.), Hundert Jahre Sächsischer Kunstverein 1828-1928, Dresden 1928, S. 37-49; Rainer G. Richter, Camillo Graf M. und die Kunst in Sachsen zwischen 1768 und 1814, in: Dresdner Hefte 6/1988, S. 65-71; ders., Die Kunst in Sachsen unter Einfluß des Ministers Camillo Graf M., in: Keramos. Zeitschrift der Gesellschaft der Keramikfreunde e.V. Düsseldorf 126/1989, S. 7-26; Christian Kunath, Ein Mann mit Scharfsinn und großem Sachverstand. Vor 185 Jahren starb Camillo Graf M., in: Dresdner Neueste Nachrichten, 19.7.1999, S. 7; Karla Schneider, M. oder wie man Günstling wird, München/Wien 2007; Albrecht Scholz/Sigrid Schulz-Beer, Krankheiten der Harnwege zu Zeiten des Dresdner Arztes Carl Gustav Carus, in: Dirk Schultheiss/Friedrich Moll (Hg.), Die Geschichte der Urologie in Dresden, Berlin/Heidelberg 2009, S. 27-37; Daniel Jacob, Barocke Adelspalais in Dresden. Die Bauten, ihre Architekten und Bewohner, [Freital] 2011; Christian Kunath, Aus der Geschichte des Schönfelder Hochlandes, in: Hochland-Kurier 21/2014, Nr. 7, S. 38. – ADB 20, S. 306; DBA I, II.

Porträt Graf Camillo von M., 1776/1800, Kupferstich, Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Abteilung Deutsche Fotothek, Auftrag 31511, Foto: Regine Richter, 2009 (Bildquelle) [CC BY-SA 4.0; dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Attribution 4.0 Unported License]; Camillo M., Johann Heinrich Schmidt, 18. Jahrhundert, Gemälde.

Lennart Kranz
12.11.2021


Empfohlene Zitierweise:
Lennart Kranz, Camillo Marcolini, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V.
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (10.8.2022)