Karl-Georg Levin von Metzsch-Reichenbach
Geprägt von einem hohen Selbstverständnis als Aristokrat, pflegte Georg von Metzsch-Reichenbach ein enges Verhältnis zum sächsischen Königshaus. Über mehrere Jahrzehnte hinweg fungierte er als Vertrauter und engster innenpolitischer Berater dreier Monarchen. Politisch vertrat er einen streng konservativen Kurs, der sich dezidiert gegen die Sozialdemokratie richtete. In der Nachwelt, insbesondere der DDR-Geschichtsschreibung, galt Metzsch-Reichenbach als Exponent eines reaktionären Konservatismus. Demgegenüber wird in der jüngeren Historiografie auch auf seine Reformleistungen im Bereich der administrativen Praxis und des Verwaltungsrechts verwiesen. – Metzsch-Reichenbach stammte aus der Reichenbacher Linie der seit dem frühen 14. Jahrhundert im Vogtland beheimateten, thüringischen Adelsfamilie Metzsch. Sein Vater, Karl von Metzsch, vertrat als Rittergutsbesitzer erst den Erzgebirgischen und schließlich bis zu seinem Lebensende den Vogtländischen Kreis in der Ersten Kammer des Sächsischen Landtags. Zusammen mit seinem älteren Bruder, Karl Gustav, wurde Metzsch-Reichenbach anfangs von Hauslehrern unterrichtet, zu denen 1843 bis 1844 auch der Dichter Julius Sturm gehörte, der 1844 zum Erzieher des Erbprinzen Heinrich XIV. Reuß jüngere Linie avancierte. Wie sein späterer Amtsvorgänger als Innen- und Hausminister, Hermann von Nostitz-Wallwitz, besuchte Metzsch-Reichenbach ab 1850 die traditionsreiche Fürstenschule St. Afra in Meißen. Zu deren Schülern gehörte zu dieser Zeit bereits sein älterer Bruder Karl Gustav. Hier lernten die beiden Brüder ihre späteren Schwager,
Henry Goschen und dessen Bruder
Charles Hermann Goschen, kennen. Als Metzsch-Reichenbach 1856 ein Jurastudium an der Universität Leipzig aufnahm, folgte er einmal mehr dem Vorbild seines Bruders, der sich dort ein Jahr zuvor immatrikuliert hatte. Nach seinem Studienabschluss trat Metzsch 1861 in den Staatsdienst ein. Seine erste Station bildete das Gerichtsamt Dresden-Altstadt. Im Jahr darauf wechselte er als Referendar an die Dresdner Kreishauptmannschaft. 1866 diente Metzsch-Reichenbach während des Deutsch-Deutschen Kriegs als Leutnant im 2. Jägerbataillon in Böhmen und Oberösterreich. In derselben Einheit fungierte damals der ebenfalls aus einem vogtländischen Adelsgeschlecht stammende spätere General und Historiker Kurt von Raab als Oberleutnant. Im Gegensatz zum Berufsoffizier Raab nahm Metzsch-Reichenbach jedoch nicht aktiv am Kampfgeschehen teil. – 1867 vermählte sich Metzsch-Reichenbach in
Roehampton bei
London mit
Marion Goschen, der Tochter des aus Sachsen stammenden Bankiers Wilhelm Heinrich Göschen (William Henry Goschen). Auch in dieser Hinsicht zeigen sich erstaunliche Parallelen zu seinem älteren Bruder Karl Gustav, der vier Jahre zuvor Marions ältere Schwester
Emily Louisa geheiratet hatte. Durch ihre Ehefrauen verfügten die beiden Brüder Metzsch-Reichenbach über hervorragende Kontakte zur politischen Elite des Vereinigten Königreichs. So war ihr Schwager, George Joachim, 1. Viscount Goschen, Direktor der Bank of England, Parlamentsabgeordneter, Schatzkanzler sowie Erster Lord der Admiralität in den Regierungen Gladstone und Salisbury. Ihr anderer Schwager Sir William Edward, 1. Baronet Goschen, war wiederum von 1908 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 britischer Botschafter in
Berlin. Aus der Ehe von Metzsch-Reichenbach und Marion Goschen gingen keine Kinder hervor. – 1874 trat Metzsch-Reichenbach den Posten des Amtshauptmanns in Oschatz an, bevor er 1880 in gleicher Funktion nach Dresden-Neustadt wechselte. Ab 1887 diente er als Vortragender Rat mit dem Titel eines Geheimen Regierungsrats im sächsischen Innenministerium. Unter Beförderung zum Ersten Rat mit dem Titel Geheimer Rat wurde er zwei Jahre später ins Außenministerium versetzt. – Nachdem seine erste Ehefrau bereits 1877 verstorben war, heiratete Metzsch-Reichenbach 1889 in zweiter Ehe
Félicie von Könneritz. Sie war die Tochter des vormaligen königlich sächsischen Zivilkommissars für das Herzogtum Sachsen-Lauenburg, Konsistorialpräsidenten, Kreisdirektors und Ehrenbürgers von Dresden, Eduard Freiherr von Könneritz. – Metzsch-Reichenbach wurde 1890 zum Bevollmächtigten des Königreichs Sachsen beim Bundesrat bestellt. In dieser Funktion diente er jedoch nur ein Jahr, da er bereits im Januar 1891 als Nachfolger von Nostitz-Wallwitz sächsischer Innenminister wurde. Als Außenminister Georg Friedrich Alfred Graf von Fabrice wenige Wochen später starb, übernahm er Anfang April 1891 auch noch zusätzlich dessen bisherigen Posten. Damit stand Metzsch-Reichenbach an der Spitze zweier einfluss- und prestigereicher Zentralstellen des Königreichs. – Als Innenminister verschrieb sich Metzsch-Reichenbach ganz dem Kampf gegen die Sozialdemokratie. So trieb er in enger Abstimmung mit der konservativen Mehrheit der Zweiten Kammer unter Führung Paul Mehnerts die Einführung eines restriktiven Dreiklassenwahlrechts voran. Die Wahlrechtsreform erlangte schließlich 1896 Gesetzeskraft. Sie hatte zur Folge, dass ein Großteil der bisherigen Wahlberechtigten ihr Stimmrecht einbüßte. Nach dem Dafürhalten Metzsch-Reichenbachs und Mehnerts zeitigte die Maßnahme insofern den gewünschten Erfolg, als zwischen 1901 und 1905 kein Sozialdemokrat in die Zweite Kammer gewählt wurde. 1901 wurde Metzsch-Reichenbach schließlich mit der Leitung des Gesamtministeriums betraut, was ihn faktisch zum Regierungschef machte. Im selben Jahr brach die Leipziger Bank zusammen und löste eine schwere Finanzkrise im Königreich Sachsen aus. Als der Staatshaushalt 1902 ein erhebliches Defizit aufwies, bot Metzsch-Reichenbach seinen Rücktritt und die Entlassung seines gesamten Kabinetts an. König Albert ging darauf jedoch nicht ein. Statt Metzsch-Reichenbach musste lediglich sein Studienfreund, Finanzminister Werner Rudolf Heinrich von Watzdorf, den Posten räumen. Im Streit zwischen König Georg und seiner Schwiegertochter Luise von Österreich-Toskana, der Ehefrau des Kronprinzen Friedrich August, stand Metzsch-Reichenbach fest an der Seite des Königshauses. Die offizielle Trennung der beiden Eheleute 1903 löste einen Skandal aus. In der Öffentlichkeit wurde Metzsch-Reichenbach in der Folge heftig für seine Haltung kritisiert. Der Sieg der Sozialdemokraten bei den Reichstagswahlen 1903, in der sie alle Mandate bis auf eines im Königreich gewannen, schwächte Metzsch-Reichenbachs Position noch zusätzlich. Allzu offensichtlich zeigte sich, dass er mit seiner streng konservativen Linie gescheitert war. 1906 musste er daher seinen Posten als Regierungschef räumen. Anstelle des konservativen Metzsch-Reichenbach trat der eher liberal gesinnte Wilhelm Graf von Hohenthal an die Spitze des Innen- und des Außenministeriums. Neuer Leiter des Gesamtministeriums wurde Finanzminister Konrad Wilhelm Rüger. Metzsch-Reichenbach wurde auf Betreiben König Friedrich Augusts III. umgehend zum Minister des Königlichen Hauses ernannt. Deutlich zeigte sich daran das enge Verhältnis zwischen Metzsch-Reichenbach und dem Haus Wettin sowie das Vertrauen, das er beim Monarchen genoss. Zu seinem 25-jährigen Minister-Jubiläum erhob ihn der König schließlich 1916 in den erblichen Grafenstand. 1899 hatten er und sein Bruder Karl Gustav bereits die königliche Erlaubnis erhalten, sich künftig Metzsch-Reichenbach zu nennen und ihr Familienwappen um das Reichenbacher Stadtwappen zu erweitern. – Metzsch-Reichenbach schied erst nach der Abdankung Friedrich Augusts III. im November 1918 aus dem Amt. Als Privatmann betrachtete er die junge Weimarer Republik und den neu gegründeten Freistaat Sachsen ausgesprochen kritisch. Er starb in Dresden, wo er seit 1905 Ehrenbürger war, eine Ehre, die ihm auch bereits 1900 die Stadt Chemnitz hatte zukommen lassen. – Neben seiner politischen Tätigkeit war Metzsch-Reichenbach auch ein Förderer von Kultur und Kunst. So unterstützte er z.B. ab 1892 den Mylauer Schlossbauverein. Sein Engagement für die Denkmalpflege resultierte nicht allein aus seinen dienstlichen Pflichten als Chef des Innenressorts, sondern auch aus seinem adligen Selbstverständnis, war Mylau doch ein Stammsitz seiner Familie. Die Sächsische Akademie der bildenden Künste, die er ebenfalls über viele Jahre hinweg förderte, ernannte Metzsch-Reichenbach 1912 zu ihrem Mitglied.
Quellen August Hermann Kreyssig, Afraner-Album. Verzeichnis sämmtlicher Schüler der Königlichen Landesschule zu Meissen von 1543 bis 1875, 8422 an der Zahl, Meißen 1876, S. 501; Metzsch-Reichenbach, Karl Georg Levin von, in: Historische Protokolle des Sächsischen Landtags, hrsg. von der Sächsischen Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek.
Literatur Gesamt-Liste der Mitglieder der Balley Brandenburg des Ritterlichen Ordens St. Johannis vom Spital zu Jerusalem. Nach dem Stand vom 1. Januar 1925, Berlin 1925, S. 7; Genealogisches Handbuch der gräflichen Häuser, Bd. 8, Limburg/Lahn 1976, S. 267; Karlheinz Blaschke, Das Königreich Sachsen 1815-1918, in: Klaus Schwabe (Hg.), Die Regierungen der deutschen Mittel- und Kleinstaaten 1815-1933, Boppard/Rhein 1983, S. 81-102; Ders., Anhang. Ministerlisten. Königreich Sachsen, in: ebd., S. 285-294; Simone Lässig, Wahlrechtskampf und Wahlrechtsreform in Sachsen (1895-1909), Weimar/Köln/Wien 1996; Josef Matzerath, Aspekte sächsischer Landtagsgeschichte. Präsidenten und Abgeordnete von 1833 bis 1952, Dresden 2001, S. 46; Andreas Raithel, Die Adelsfamilie Metzsch im Vogtland, in: Mitteilungen des Vereins für Vogtländische Geschichte. Volks- und Landeskunde 13/2007, S. 3-40; Ders., Minister dreier sächsischer Könige. Graf Carl Georg Levin von Metzsch-Reichenbach, in: Vogtländische Heimatblätter. Unabhängige und überparteiliche Zeitschrift für Natur, Kultur und Heimatgeschichte 27/2007, S. 10-13; Josef Matzerath, Aspekte sächsischer Landtagsgeschichte. Die Mitglieder und Wahlbezirke der sächsischen Landtage, Teil I: 1833-1918, Dresden 2011; Joey Rauschenberger, Reformkonservatismus im Kaiserreich? Die sächsischen Konservativen in den Wahlrechtsdebatten 1895/96 bis 1909, in: NASG 91/2020, S. 225-255. – NDB 17, S. 263; Meyers Großes Konversations-Lexikon 13 (1908), S. 726; Berühmte Vogtländer, Bd. 3, Plauen 2002, S. 63.
Porträt Graf Georg von Metzsch-Reichenbach, Johannes Mogk, 1908, Öl auf Leinwand, Museen der Stadt Dresden, Städtische Galerie Dresden, Inventar-Nr. 1980/k 65, Reproduktion: Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Abteilung Deutsche Fotothek, Foto: André Rous, 1991.08 (Bildquelle); Graf Georg von Metzsch, Hanns Hanfstaengl, um 1865, Fotografie, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Kupferstich-Kabinett, Inventar-Nr. D 1921-299, Singer 63861, Reproduktion: Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Abteilung Deutsche Fotothek, Foto: Martin Würker, 1981.
Florian H. Geidner
25.8.2026
Empfohlene Zitierweise:
Florian H. Geidner, Artikel: Karl-Georg Levin von Metzsch-Reichenbach,
in: Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde,
https://saebi.isgv.de/biografie/2870 [Stand 25.08.2026, Aufruf 27.08.2026].
Karl-Georg Levin von Metzsch-Reichenbach
Quellen August Hermann Kreyssig, Afraner-Album. Verzeichnis sämmtlicher Schüler der Königlichen Landesschule zu Meissen von 1543 bis 1875, 8422 an der Zahl, Meißen 1876, S. 501; Metzsch-Reichenbach, Karl Georg Levin von, in: Historische Protokolle des Sächsischen Landtags, hrsg. von der Sächsischen Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek.
Literatur Gesamt-Liste der Mitglieder der Balley Brandenburg des Ritterlichen Ordens St. Johannis vom Spital zu Jerusalem. Nach dem Stand vom 1. Januar 1925, Berlin 1925, S. 7; Genealogisches Handbuch der gräflichen Häuser, Bd. 8, Limburg/Lahn 1976, S. 267; Karlheinz Blaschke, Das Königreich Sachsen 1815-1918, in: Klaus Schwabe (Hg.), Die Regierungen der deutschen Mittel- und Kleinstaaten 1815-1933, Boppard/Rhein 1983, S. 81-102; Ders., Anhang. Ministerlisten. Königreich Sachsen, in: ebd., S. 285-294; Simone Lässig, Wahlrechtskampf und Wahlrechtsreform in Sachsen (1895-1909), Weimar/Köln/Wien 1996; Josef Matzerath, Aspekte sächsischer Landtagsgeschichte. Präsidenten und Abgeordnete von 1833 bis 1952, Dresden 2001, S. 46; Andreas Raithel, Die Adelsfamilie Metzsch im Vogtland, in: Mitteilungen des Vereins für Vogtländische Geschichte. Volks- und Landeskunde 13/2007, S. 3-40; Ders., Minister dreier sächsischer Könige. Graf Carl Georg Levin von Metzsch-Reichenbach, in: Vogtländische Heimatblätter. Unabhängige und überparteiliche Zeitschrift für Natur, Kultur und Heimatgeschichte 27/2007, S. 10-13; Josef Matzerath, Aspekte sächsischer Landtagsgeschichte. Die Mitglieder und Wahlbezirke der sächsischen Landtage, Teil I: 1833-1918, Dresden 2011; Joey Rauschenberger, Reformkonservatismus im Kaiserreich? Die sächsischen Konservativen in den Wahlrechtsdebatten 1895/96 bis 1909, in: NASG 91/2020, S. 225-255. – NDB 17, S. 263; Meyers Großes Konversations-Lexikon 13 (1908), S. 726; Berühmte Vogtländer, Bd. 3, Plauen 2002, S. 63.
Porträt Graf Georg von Metzsch-Reichenbach, Johannes Mogk, 1908, Öl auf Leinwand, Museen der Stadt Dresden, Städtische Galerie Dresden, Inventar-Nr. 1980/k 65, Reproduktion: Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Abteilung Deutsche Fotothek, Foto: André Rous, 1991.08 (Bildquelle); Graf Georg von Metzsch, Hanns Hanfstaengl, um 1865, Fotografie, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Kupferstich-Kabinett, Inventar-Nr. D 1921-299, Singer 63861, Reproduktion: Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Abteilung Deutsche Fotothek, Foto: Martin Würker, 1981.
Florian H. Geidner
25.8.2026
Empfohlene Zitierweise:
Florian H. Geidner, Artikel: Karl-Georg Levin von Metzsch-Reichenbach,
in: Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde,
https://saebi.isgv.de/biografie/2870 [Stand 25.08.2026, Aufruf 27.08.2026].