Sie sind hier:

Christian II. Herzog von Sachsen-Merseburg

Der älteste Sohn des Stifters des albertinischen Sekundogeniturfürstentums Sachsen-Merseburg, zur Unterscheidung von seinem Vater zeitgenössisch auch als „Christian der Jüngere“ oder „der Andere“ bezeichnet, ließ während seiner kurzen Regentschaft unter schwierigen äußeren Rahmenbedingungen vielversprechende Ansätze für eine erfolgreiche Regierung erkennen. – Gemeinsam mit seinen jüngeren Brüdern wuchs Christian II. am väterlichen Hof in Merseburg auf, wobei über seine Ausbildung und Jugend bislang wenig bekannt ist. 1660, mit bereits sieben Jahren, erhielt er die Eventualpostulation im Hochstift Merseburg und wurde 1691, nur einen Monat nach dem Tod seines Vaters Christian I., vom Domkapitel zum Administrator des Hochstifts ernannt. Die Huldigung Christians II. als neuem Herzog führte dagegen zum erneuten Konflikt mit dem Kurfürsten Johann Georg IV., wobei die erbländischen Ämter und die Residenz Merseburg im Herbst 1691 kurzzeitig von kursächsischen Truppen besetzt wurden. Gleichwohl gelang es Christian II. wenig später, mit dem Kurfürsten einen kommissarischen Vergleich über die geforderten Subsidiengelder seines Hochstifts für die kurfürstliche Miliz für den Zeitraum von 1680 bis 1691 abzuschließen. Zeitgleich vereinbarte Christian II. mit seinem Zeitzer Vetter Moritz Wilhelm eine Fortsetzung der engen Zusammenarbeit hinsichtlich des beide Fürstenhäuser betreffenden und seit 1680 schwelenden Grundsatzkonflikts um die staatsrechtliche Stellung von Kur- und Nebenlinien. Nach kursächsischer Intervention in Wien entschied sich Kaiser Leopold I. 1692 jedoch für weitere Vermittlungsverhandlungen und damit gegen eine höchstrichterliche Entscheidung auf dem seit 1685 beschrittenen Rechtsweg. Die vielversprechende Initiative Christians II., die Unterstützung des Kaisers für die Wiederzulassung seines Hochstifts mit Sitz und Stimme im Reichsfürstenrat gegen Zahlung von Subsidien zu gewinnen, verlor sich freilich bereits 1693 im Kräftespiel der großen Politik. Immerhin erhielt Christian II. Ende 1692 die Reichsbelehnung mit dem Hochstift Merseburg und erreichte zeitgleich die Eventualpostulation für seinen ältesten, ihn jedoch nur wenige Wochen überlebenden Sohn Christian Moritz. – Nach dem väterlichen Kodizill von 1689 sollten Christians II. jüngere Brüder mit einem Wohnsitz, einer jährlichen Apanage von 6.000 Gulden sowie verschiedenen Naturaldeputaten aus dem jeweils zugeordneten Amt vergleichsweise üppig ausgestattet werden. Mit Rücksicht auf die angespannte Finanzlage des Sekundogeniturfürstentums Sachsen-Merseburg gelang es Christian II. mit den Erbvergleichen von 1692, die Last der dauerhaften Unterhaltsleistungen auf etwa ein Drittel der ursprünglich verordneten Versorgungsdeputate zu reduzieren. – Der überraschende Tod des erst vierzigjährigen Christian II. stürzte das Merseburger Fürstenhaus in eine tiefe dynastische Krise, die lediglich dank der herausragenden Tatkraft und Willensstärke der Herzogin-Witwe Erdmuthe Dorothea so gut als möglich kompensiert werden konnte.

Quellen Sächsisches Staatsarchiv - Hauptstaatsarchiv Dresden, 10001 Ältere Urkunden; Jochen Vötsch (Hg.), Sächsische Fürstentestamente 1652-1831, Leipzig 2018.

Literatur Alfred Schmekel, Historisch=topographische Beschreibung des Hochstiftes Merseburg. Ein Beitrag zur Deutschen Vaterlandskunde, Halle/Saale 1858; Walther Thenius, Die Anfänge des stehenden Heerwesens in Kursachsen unter Johann Georg III. und Johann Georg IV., Leipzig 1912; Johannes Heckel, Die evangelischen Dom- und Kollegiatstifter Preußens, insbesondere Brandenburg, Merseburg, Naumburg, Zeitz. Eine rechtsgeschichtliche Untersuchung, Stuttgart 1924; Hellmut Kretzschmar, Zur Geschichte der sächsischen Sekundogeniturfürstentümer, T. 2, in: Sachsen und Anhalt 3/1927, S. 284-315; Rudolf Lehmann, Geschichte des Markgraftums Niederlausitz, Dresden 1937; ders., Die Niederlausitzer Stände in sächsischer Zeit, in: Archivar und Historiker. Studien zur Archiv- und Geschichtswissenschaft, hrsg. von der Staatlichen Archivverwaltung im Staatssekretariat für Innere Angelegenheiten, Berlin 1956, S. 308-325; Jochen Vötsch, Kursachsen, das Reich und der mitteldeutsche Raum zu Beginn des 18. Jahrhunderts, Frankfurt/Main u.a. 2003; Karin Heise (Hg.), Zwischen Kathedrale und Welt. 1000 Jahre Domkapitel Merseburg, Petersberg 2004; Barocke Fürstenresidenzen an Saale, Unstrut und Elster, hrsg. vom Museumsverband „Die Fünf Ungleichen e.V.“ und dem Museum Schloss Moritzburg Zeitz, Petersberg 2007; Vinzenz Czech (Hg.), Fürsten ohne Land. Höfische Pracht in den sächsischen Sekundogenituren Weißenfels, Merseburg und Zeitz, Berlin 2009; Martina Schattkowsky/Manfred Wilde (Hg.), Sachsen und seine Sekundogenituren, Leipzig 2010; Joachim Säckl, Erdmuth Dorothea von Sachsen-Merseburg (1661-1720). Regentin in Krisenzeiten, in: Unsere Neuenburg. Mitteilungen des Vereins zur Rettung und Erhaltung der Neuenburg e.V. 14/2013, S. 14-53, 17/2016, S. 7-74. – ADB 4, S. 175; DBA I.

Porträt Christian II., Herzog von Sachsen-Merseburg, Kupferstich, Österreichische Nationalbibliothek Wien, Bildarchiv und Grafiksammlung, Inventar-Nr.. PORT_00056322_01 (Bildquelle) [Public Domain Mark 1.0; dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Public Domain Mark 1.0 Lizenz]; Bildnis Christians II., Johann-Baptist Paravicini, um 1660, Druckgrafik, Sächsische Landesbibliothek - Staat- und Universitätsbibliothek Dresden, Abt. Deutsche Fotothek.

Jochen Vötsch
24.4.2023


Empfohlene Zitierweise:
Jochen Vötsch, Artikel: Christian II. Herzog von Sachsen-Merseburg,
in: Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde,
https://saebi.isgv.de/biografie/1007 [Zugriff 24.4.2024].

Christian II. Herzog von Sachsen-Merseburg



Quellen Sächsisches Staatsarchiv - Hauptstaatsarchiv Dresden, 10001 Ältere Urkunden; Jochen Vötsch (Hg.), Sächsische Fürstentestamente 1652-1831, Leipzig 2018.

Literatur Alfred Schmekel, Historisch=topographische Beschreibung des Hochstiftes Merseburg. Ein Beitrag zur Deutschen Vaterlandskunde, Halle/Saale 1858; Walther Thenius, Die Anfänge des stehenden Heerwesens in Kursachsen unter Johann Georg III. und Johann Georg IV., Leipzig 1912; Johannes Heckel, Die evangelischen Dom- und Kollegiatstifter Preußens, insbesondere Brandenburg, Merseburg, Naumburg, Zeitz. Eine rechtsgeschichtliche Untersuchung, Stuttgart 1924; Hellmut Kretzschmar, Zur Geschichte der sächsischen Sekundogeniturfürstentümer, T. 2, in: Sachsen und Anhalt 3/1927, S. 284-315; Rudolf Lehmann, Geschichte des Markgraftums Niederlausitz, Dresden 1937; ders., Die Niederlausitzer Stände in sächsischer Zeit, in: Archivar und Historiker. Studien zur Archiv- und Geschichtswissenschaft, hrsg. von der Staatlichen Archivverwaltung im Staatssekretariat für Innere Angelegenheiten, Berlin 1956, S. 308-325; Jochen Vötsch, Kursachsen, das Reich und der mitteldeutsche Raum zu Beginn des 18. Jahrhunderts, Frankfurt/Main u.a. 2003; Karin Heise (Hg.), Zwischen Kathedrale und Welt. 1000 Jahre Domkapitel Merseburg, Petersberg 2004; Barocke Fürstenresidenzen an Saale, Unstrut und Elster, hrsg. vom Museumsverband „Die Fünf Ungleichen e.V.“ und dem Museum Schloss Moritzburg Zeitz, Petersberg 2007; Vinzenz Czech (Hg.), Fürsten ohne Land. Höfische Pracht in den sächsischen Sekundogenituren Weißenfels, Merseburg und Zeitz, Berlin 2009; Martina Schattkowsky/Manfred Wilde (Hg.), Sachsen und seine Sekundogenituren, Leipzig 2010; Joachim Säckl, Erdmuth Dorothea von Sachsen-Merseburg (1661-1720). Regentin in Krisenzeiten, in: Unsere Neuenburg. Mitteilungen des Vereins zur Rettung und Erhaltung der Neuenburg e.V. 14/2013, S. 14-53, 17/2016, S. 7-74. – ADB 4, S. 175; DBA I.

Porträt Christian II., Herzog von Sachsen-Merseburg, Kupferstich, Österreichische Nationalbibliothek Wien, Bildarchiv und Grafiksammlung, Inventar-Nr.. PORT_00056322_01 (Bildquelle) [Public Domain Mark 1.0; dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Public Domain Mark 1.0 Lizenz]; Bildnis Christians II., Johann-Baptist Paravicini, um 1660, Druckgrafik, Sächsische Landesbibliothek - Staat- und Universitätsbibliothek Dresden, Abt. Deutsche Fotothek.

Jochen Vötsch
24.4.2023


Empfohlene Zitierweise:
Jochen Vötsch, Artikel: Christian II. Herzog von Sachsen-Merseburg,
in: Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde,
https://saebi.isgv.de/biografie/1007 [Zugriff 24.4.2024].