Flemming Jacob Heinrich Graf von
Generalfeldmarschall, Kabinettsminister, Kriegsratspräsident
* 3.3.1667 Hoff bei Greifenberg/Hinterpommern (poln. Trzęsacz/Gryfice) 30.4.1728 Wien Putzkau bei Bautzen(ev.)
VGeorg Caspar (1630-1703), kurbrandenburgischer Generalfeldmarschall, Geheimer Rat, Erblandmarschall und Präsident des Hofgerichts von HinterpommernMAgnes Helene, geb. Flemming auf Böck und RibbertowGJoachim Friedrich (1665-1740), kurfürstlicher General, Kammerherr, Gouverneur von Leipzig; Bogislaw Bodo (1671-1732), kurfürstlicher Generalleutnant 1.1702 (gesch. 1718) Franziska, geb. Gräfin von Sapieha, verw. Fürstin Radziwill 2.1725 Thekla, geb. Prinzessin von RadziwillSJakob Karl August
GND: 119415410

Als Premierminister prägte der im höfischen System des frühen 18. Jahrhunderts dem Sozialtypus des „Favoriten“ zuzurechnende F. für fast zwei Jahrzehnte die sächsisch-polnische Politik. Er diente als stärkste Stütze der fragilen Personalunion, die er durch seine nahen verwandtschaftlichen Beziehungen zum polnischen Hochadel geradezu persönlich verkörperte. – Nach dem Schulbesuch in Greifswald studierte F. zunächst in Frankfurt/Oder, dann in Utrecht und Leiden. Seine Entscheidung für eine militärische Laufbahn führte ihn 1688 mit der Armee Wilhelms von Oranien nach England, wo er noch die Universität Oxford besuchte. 1693 folgte F. dem Beispiel seines Onkels Heino Heinrich sowie seines älteren Bruders und wechselte von der kurbrandenburgischen Armee als Oberst und Adjutant Kurfürst Johann Georgs IV. in sächsische Dienste. 1695/96 bewährte er sich als Diplomat und Offizier auf dem Ungarn-Feldzug Kurfürst Friedrich Augusts I. Die polnische Königswahl von 1697 bildete den Auftakt zu einer steilen Karriere im Militär- und Staatsdienst: Als bevollmächtigter Unterhändler nach Warschau entsandt, setzte er mit außerordentlichem Verhandlungsgeschick die Wahl seines Dienstherrn durch. In diesem Kontext offenbarten sich bereits frühzeitig Vorsicht und Weitsicht des klugen Machtpolitikers F., der sich im Vorfeld des brisanten Glaubenswechsels durch einen Revers des Kronkandidaten den konfessionellen Status quo in Sachsen bestätigen ließ. Nach der Krakauer Königskrönung und der Vertreibung des französischen Gegenkandidaten wurde er mit der Ernennung zum Generalmajor, Geheimen Kriegsrat und Erbgeneralpostmeister belohnt. Der trotz seiner Warnungen unternommene, jedoch gescheiterte Überfall auf Riga führte Sachsen-Polen in den militärischen Konflikt mit der Großmacht Schweden. Mit wechselndem Erfolg kämpfte F. als Generalleutnant (1699) im Nordischen Krieg und wurde 1702 in der Schlacht bei Klissow schwer verwundet. Trotz seines persönlichen Muts als Truppenführer war F. kein herausragender Feldherr. 1706 General der Kavallerie, 1707 Gouverneur von Dresden, 1710 Geheimer Kriegsratspräsident und Generalfeldzeugmeister der polnischen Krone, erreichte er gleichwohl 1712 auf dem pommerischen Feldzug der nordischen Alliierten mit der Ernennung zum Generalfeldmarschall die Krönung seiner militärischen Karriere. Nachdem F. 1715 zunächst die sächsischen Truppen in Pommern befehligt hatte, schlug er in Polen eine schwedisch-polnische Armee bei Sandomir; 1719 erhielt er das Oberkommando über die gesamte polnische Kronarmee. – Ungleich wichtiger und folgenreicher war jedoch F.s langjähriges Wirken als stets loyaler und omnipräsenter Diplomat und Minister. Bereits zuvor Wirklicher Geheimer Rat, wurde F. 1706 mit den auswärtigen Angelegenheiten im neu gebildeten Geheimen Kabinett beauftragt und erhielt mit der Leitung dieser höchsten Regierungsbehörde 1712 faktisch die Stellung eines Premierministers mit alleinigem Vortragsrecht. In kurzer Zeit war es dem kühlen Taktiker gelungen, sowohl seine unmittelbaren Konkurrenten Statthalter Anton Egon von Fürstenberg-Heiligenberg und Generalfeldmarschall Johann Matthias Freiherr von der Schulenburg als auch die unkontrollierbare Mätresse Anna Constantia Gräfin von Cosel auszuschalten. Gestützt auf die dauerhafte Gunst seines Dienstherrn, aber auch auf sein systematisch aufgebautes personales Netzwerk in den Schlüsselstellen von Diplomatie, Politik und Verwaltung konnte F. als „Favorit“ Friedrich Augusts I. seine nunmehr unangefochtene Führungsrolle in der sächsisch-polnischen Politik bis zu seinem Tod behaupten. – Nach verschiedenen diplomatischen Missionen seit 1705 rückten mit Wien und Berlin zwei zentrale Bezugspunkte der sächsischen Außenpolitik ins Zentrum seiner Tätigkeit. So brachte F. 1719 den Ehevertrag zwischen dem katholisch gewordenen Kurprinzen Friedrich August und der Erzherzogin Maria Josepha zum Abschluss. Für den Wiener Kaiserhof wiederum bildete F. - einbezogen in die Geheimdiplomatie des Prinzen Eugen von Savoyen - ein wichtiges Bindeglied zum kaiserfernen Norden, insbesondere zum „Soldatenkönig“ Friedrich Wilhelm I. von Preußen. Mit Unterbrechungen als außerordentlicher Gesandter 1697 bis 1728 in Berlin akkreditiert, warnte F. vor dem gefährlichen Konkurrenten und Nachbarn Brandenburg-Preußen. Nachdem sich im Kontext der konfessionellen Krise des Reichsverbands seit 1717 das sächsisch-preußische Verhältnis bis an die Schwelle eines militärischen Konflikts verschärft hatte, gelang F. seit 1723 eine schrittweise Normalisierung bis zum Abschluss des Freundschaftsvertrags von 1728. In Polen hatte F. als Bevollmächtigter wesentlich dazu beigetragen, mit dem Warschauer Vergleich von 1716 die erneute Anerkennung seines Dienstherrn als König durchzusetzen. – Die spürbare Verbesserung der inneren Staatsverwaltung Sachsens einschließlich der Herausbildung einer zuverlässigen Beamtenschaft ging wesentlich auf die Initiative und das Organisationstalent F.s zurück. V.a. im Bereich der Finanzverwaltung zeigte sich sein Programm einer strikten Trennung von „Hof“ und „Staat“. Die Ausbildung absolutistischer Regierungsformen in Sachsen war mit der Person F.s eng verbunden; sein Einfluss verhinderte gleichwohl eine unkalkulierbare, finale Machtprobe des katholischen Landesherrn mit den evangelischen Landständen. Der persönlich tolerante Protestant F. erkannte klar die negativen Folgen des landesherrlichen Glaubenswechsels und wandte sich nachdrücklich, wie etwa in seinem Regierungsprogramm für den sächsischen Kurprinzen (1726), gegen jede Art von konfessionell motivierter Politik. So gehörte er auch der Ende 1720 gebildeten gemischtkonfessionellen Kommission zur Beilegung auftretender Religionsstreitigkeiten - besonders in der Residenz Dresden - an. – Der kunstsinnige und prachtliebende F. unterhielt in Dresden und Warschau eine repräsentative, fast fürstliche Hofhaltung und beförderte wesentlich den Ausbau der sächsischen Residenzstadt. In Brandenburg, Pommern, Preußen, Sachsen, Schlesien, Thüringen und Polen besaß er zahlreiche Güter; seine Hinterlassenschaft wurde auf 14 bis 16 Millionen Taler geschätzt, wobei seine Witwe die Hälfte der landesherrlichen Kammer auszahlen musste. Die gesellschaftlich-ständischen Ambitionen, aber auch das Sicherheitsinteresse F.s reichten jedoch weiter: Der geschiedene F. erwog 1720 eine Vermählung mit der verwitweten Herzogin von Kurland und zeigte sich auch am Ankauf einer reichsunmittelbaren Herrschaft interessiert. F. war Stallmeister des Großherzogtums Litauen, Erblandmarschall von Hinterpommern, Ritter des Johanniterordens (1691), des polnischen Weißen Adlerordens (1705), des russischen St.-Andreas-Ordens (1713) und des dänischen Elefantenordens (1719). – Nachdem eine moderne politische Biografie unter Auswertung seiner gewaltigen Korrespondenz noch immer fehlt, scheint eine abschließende Beurteilung seiner Person kaum möglich. Bereits die Äußerungen der Zeitgenossen zeichnen ein widersprüchliches Bild: Während Friedrich Wilhelm I. Anfang 1728 das Haus seines Dresdner Gastgebers F. als königliches Schloss bewunderte, sah er andererseits wenig später in ihm den Urheber aller Dissonanzen mit Friedrich August I. Der gebildete, sprachbegabte F. korrespondierte mit zahlreichen gelehrten Zeitgenossen; mit Gottfried Wilhelm Leibniz schloss er 1703 einen Gesellschaftsvertrag über die in Sachsen geplante Seidenproduktion. Er verfasste einige lateinische theologische Abhandlungen und war an einer angemessenen Würdigung seiner Persönlichkeit interessiert, wie die von ihm initiierten „Remarques“ auf seine wenig positive Charakterisierung in dem bekannten „Portrait de la cour de Pologne“ belegen. Als erfahrener Soldat, gewandter Diplomat und glänzender Gesellschafter gehört F. zweifellos zu den herausragenden Repräsentanten des höfischen Systems, aufgrund seiner bleibenden Verdienste um Heeresorganisation, Politik und Verwaltung aber auch zu den bedeutendsten Persönlichkeiten der sächsischen Geschichte.



Q  V. E. Löscher, Des Feld=Herrn Davids Merckwürdiger Aus= und Eingang ... , Frankfurt 1728 (Gedächtnispredigt) (P); [D. Fassmann], Curieus- und extraordinaires Gespräche In dem Reiche derer Todten ... [zwischen F. und Georg von Werthern], Frankfurt 1729; T. Diestel, Briefe von Leibniz in dem Hauptstaatsarchive zu Dresden, in: Berichte über die Verhandlungen der Königlich Sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften zu Leipzig, Phil.-hist. Kl., Bd. 31/32, Leipzig 1880, S. 104-154, 187-189; R. Pekrun, Hof und Politik Augusts des Starken im Portrait de la Cour Pologne, Friedland i. Mecklenburg 1913-1914; O. Krauske (Bearb.), Die Briefe König Friedrich Wilhelms I. an den Fürsten Leopold zu Anhalt-Dessau 1704-1740, ND Frankfurt/Main 1986-1987; Sächsisches Staatsarchiv - Hauptstaatsarchiv Dresden, Geheimes Kabinett, Geheimes Kriegsratskollegium; Sächsische Landesbibliothek, Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Denkschrift F.s vom 4.2.1726 (Msc. R 12).

L  M. Ranft, Leben und Thaten des General-Feldmarschalls Jacob Heinrich, Grafen von F., Naumburg-Zeitz 1731 (P); F. Bülau, Die Grafen von Flemming, in: ders., Geheime Geschichten und rätselhafte Menschen, Bd. 4, Leipzig 21863-1864, S. 348-365; K. Biedermann, Aus der Glanzzeit des sächsisch-polnischen Hofes, in: Zeitschrift für Deutsche Kulturgeschichte N.F. 1/1891, S. 214-218; P. Haake, Zur Kritik der „Remarques sur le Portraits de la cour Pologne“, in: NASG 23/1902, S. 84-99; ders., Die Wahl Augusts des Starken zum König von Polen, in: Historische Vierteljahrsschrift 9/1906, S. 31-84; ders., August der Starke, Kurprinz Friedrich August und Premierminister Graf F. im Jahre 1727, in: NASG 49/1928, S. 37-58; M. Braubach, Geschichte und Abenteuer, München 1950; H. Pönicke, Politisch einflußreiche Männer um August den Starken, in: Archiv für Sippenforschung 40/1974, S. 599-610; K. Czok, August der Starke und Kursachsen, Leipzig 31990 (P); J. I. Kraszewski, F.s List, Leipzig 1996; W. Held, Der Adel und August der Starke, Köln/Weimar/Wien 1999 (P); F. Göse, Vom Aufstieg und Fall einer Favoritin, in: M. Kaiser/A. Pecar (Hg.), Der zweite Mann im Staat, Berlin 2003, S. 101-120; J. Vötsch, Kursachsen, das Reich und der mitteldeutsche Raum zu Beginn des 18. Jahrhunderts, Frankfurt/Main/Berlin/Bern/Wien 2003. – ADB 7, S. 117f.; DBA I, II, III; DBE 3, S. 347; NDB 5, S. 239f.; J. H. Zedler, Großes Vollständiges Universal-Lexikon aller Wissenschaften und Künste, Bd. 9, Halle/Leipzig 1735, Sp. 1234f.; Sächsische Lebensbilder, Bd. 2, Leipzig 1938, S. 149-160 (P); K. Bosl/G. Franz/H.H. Hofmann (Bearb.), Biographisches Wörterbuch zur deutschen Geschichte, Bd. 1, München 21973, Sp. 698f.; L. Bittner/L. Groß/F. Hausmann (Hg.), Repertorium der diplomatischen Vertreter aller Länder seit dem Westfälischen Frieden (1648), Bd. 1, Graz/Köln 1936, Bd. 2, Zürich 1950 (ND Nendeln/Liechtenstein 1976).

P  P. Mortzfeld (Bearb.), Katalog der graphischen Porträts in der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel 1500-1850, Reihe A, Bd. 7, München/London/New York/Paris 1988, A 6634-6639, 6641; A.Pesne, Öl auf Leinwand, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Rüstkammer, Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Abteilung Deutsche Fotothek (Bildquelle).



Jochen Vötsch
26.10.2005


Empfohlene Zitierweise:

Jochen Vötsch, Flemming, Jacob Heinrich Graf von, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (27.6.2017)

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