Mogk Helmut
Bibliothekar, Bibliotheksdirektor, Biologe
* 12.11.1896 Leipzig 5.9.1973 Leipzig(ev.)
VEugen (1854-1939), UniversitätsprofessorMMargarethe, geb. Scheer, HausfrauGWerner, Arzt1925 Gertrud, geb. Lorbeer, LehrerinTKarin, Vikarin
GND: 117090115





M. war der letzte „bürgerliche“ Direktor der Universitätsbibliothek Leipzig zu DDR-Zeiten. Trotz immensen politischen Drucks und unter Preisgabe des Direktorenpostens setzte er sich in den 1950er-Jahren erfolgreich für die Rückführung von 850 irrtümlich nach Leipzig gelangten „Lubecensien“-Bänden an die Stadtbibliothek Lübeck als der tatsächlichen Sammlungseigentümerin ein. – M. besuchte zunächst die Höhere Bürgerschule, danach die Thomasschule in Leipzig. Nach dem Abitur wurde er 1915 zum Kriegsdienst an der Westfront eingezogen und erlebte den Grabenkrieg von Verdun. Die Kriegserlebnisse verarbeitete er später zum Teil auch in selbstverfassten Gedichten. 1918 wurde M. durch eine Granate der eigenen Truppen verletzt, schied im Dienstrang eines Leutnants der Reserve aus und begann in Leipzig das Studium der Naturwissenschaften und der Philosophie. Nach zwischenzeitlichem Studienaufenthalt in Tübingen bestand M. 1925 in Leipzig die Prüfung für das Lehramt an Höheren Schulen und schloss im selben Jahr das Studium mit der Promotion zum Dr. phil. ab. Daran unmittelbar anschließend volontierte er an der Universitätsbibliothek Leipzig und legte hier Mitte 1927 die bibliothekarischen Fachexamina ab. Nach einer kurzen Beschäftigung als Assistent am Zoologischen Institut der Universität Halle/Saale wechselte er zum 1.9.1927 an die Universitätsbibliothek Leipzig zurück, wo er als Bibliotheksrat angestellt wurde. Nach eigenen Angaben kam es deshalb auch nicht zur geplanten Habilitation, da diese - zumindest an der Universität Leipzig - nicht berufsbegleitend zum bibliothekarischen Beschäftigungsverhältnis vollzogen werden durfte. – Als Bibliotheksrat betreute M. die naturwissenschaftlich-mathematische Abteilung der Universitätsbibliothek Leipzig und beriet fachlich zugleich die Leipziger Bücherhallen im gleichen Segment. Neben der bibliothekarischen Arbeit, zu der v.a. die Auseinandersetzung mit Fragen der inhaltlichen Erschließung zählte - M. gehörte u.a. dem „Ausschuss für Sachkatalogisierung an den deutschen wissenschaftlichen Bibliotheken“ an -, beschäftigte er sich intensiv mit der allgemeinen und speziellen Pflanzenphysiologie. – 1939 erneut zum Kriegsdienst eingezogen, wurde M. schon wenige Monate später aufgrund einer Knieoperation als dienstuntauglich wieder entlassen. Beginnend mit dem Luftangriff auf Leipzig 1943 hatte er daher als „Daheimgebliebener“ Gelegenheit, gemeinsam mit Fritz Prinzhorn, dem seit 1939 amtierenden Direktor der Universitätsbibliothek Leipzig, die kriegsbedingte Auslagerung der Bibliotheksbestände koordinierend vorzubereiten und maßgeblich durchzuführen. Dieser sorgfältig geplanten wie auch umfassenden Auslagerungsaktion ist es letztlich zu verdanken, dass der Leipziger Universitätsbibliothek trotz starker Beschädigung ihres Hauptgebäudes, der „Bibliotheca Albertina“, bestandsbezogen das Schicksal der beispielsweise während des Kriegs komplett zerstörten Landesbibliotheken in Kiel und Kassel erspart blieb. – M. gehörte vor 1933 keiner Partei an und trat auch später nicht der NSDAP oder einer ihrer Gliederungen bei - ein Alleinstellungsmerkmal unter den höheren Bibliotheksbeamten an der Universitätsbibliothek Leipzig. Er wurde daher während der personellen Entnazifizierung der Leipziger Universität im Spätsommer/Herbst 1945 als einziger Bibliothekar des wissenschaftlichen Diensts nicht entlassen. Für die Universitätsbibliothek war dies insofern gewinnbringend, da M. nicht nur über ein immenses Spezialwissen zu den Katalogen und Repositorien des Hauses verfügte, sondern auch bestens über die Quantität der ausgelagerten Bibliotheksbestände sowie deren qualitative Unterbringung Bescheid wusste. In der Reorganisationsphase des dienstlichen Betriebs an der Universitätsbibliothek Leipzig wurde M. so zu einem ihrer wichtigsten Mitarbeiter. Er trat deshalb auch auf Empfehlung des Volksbildungsamts der Stadt Leipzig zum 1.1.1946 gemeinsam mit Otto Kielmeyer und Karl Buchheim in das sog. Triumvirat ein, durch das die seit 1945 formal vakante Leitung der Universitätsbibliothek wieder besetzt werden sollte: Kielmeyer wurde dabei zum kommissarischen Bibliotheksleiter ernannt, der fachlich von den Abteilungsleitern Geisteswissenschaften (Buchheim) und Naturwissenschaften (M.) unterstützt wurde. In den Folgejahren galt M.s Aufmerksamkeit - nunmehr in Zusammenarbeit mit Kielmeyer - besonders der zu koordinierenden Rückführung der kriegsbedingt ausgelagerten Bestände sowie der baulichen Konsolidierung der „Bibliotheca Albertina“. Seit 1947 hielt er zudem Fachvorlesungen und -seminare am Botanischen Institut der Universität Leipzig. – Nach dem Weggang Kielmeyers und Buchheims wurde M. zum 1.4.1950 zum kommissarischen Direktor, mit Wirkung vom 1.8.1953 zum ordentlichen Direktor der Universitätsbibliothek Leipzig berufen. Dabei handelte es sich bei ihm, der bereits seit 1945 der CDU angehörte, weder um einen Wunschkandidaten der Universitätsleitung noch des Staatssekretariats für Hochschulwesen. Vielmehr fand M.s Berufung aus Mangel an Alternativen statt, denn es war den politischen Funktionären in Leipzig und Berlin trotz intensiver Suche nicht gelungen, fachlich gut ausgebildete und zugleich politisch verlässliche Kader für den Direktorenposten an der größten wissenschaftlichen Bibliothek der SBZ zu finden. Unter diesen politisch problematischen Voraussetzungen war der Konflikt von Beginn an programmiert. Geheimen Kadereinschätzungen nach zu urteilen, stand M. bereits seit Amtsantritt unter Verdacht, die sozialistische Transformation der Universität zu behindern, das sozialistische Bibliothekskollektiv zu schwächen und die Universitätsbibliothek zu einer Hochburg „bürgerlicher Kräfte“ auszubauen. Dieser Zersetzungsverdacht hatte für ihn durchaus ernste Folgen, da er für die sich seit Mitte der 1950er-Jahre auch an der Leipziger Universitätsbibliothek häufenden „Republikfluchten“ als ideologischer Förderer in Haftung genommen wurde. Zwar gelang es der Universitätsparteileitung nicht, ihre Vorwürfe strafrechtsrelevant zu verdichten, doch ist nicht von der Hand zu weisen, dass M.s Konstitution unter den permanenten Vorwürfen und disziplinarischen Ermahnungen enorm litt. Künftig fiel er dienstlich immer öfter durch längere Krankschreibungen aus. Zudem wurden M.s direktorale Kompetenzen zunehmend eingeschränkt. So wurde ihm u.a. mit der stabstellenartigen Einrichtung der „Prüfstelle zur Aussonderung untragbarer und unerwünschter Literatur“, der der Wissenschaftliche Bibliothekar Walter Eisen vorstand, die Mitwirkung in Fragen der Ausleihe politisch brisanten Schriftguts entzogen. Zugleich erschwerten zentrale Weisungen des Staatssekretariats für Hochschulwesen merklich den Kontakt zu Bibliotheken des nichtsozialistischen Auslands oder der Bundesrepublik Deutschland. 1959 kam es schließlich zum Eklat, in dessen Folge der gesundheitlich wie auch politisch bereits stark angeschlagene M. seines Amts enthoben wurde: Seit 1957 stand M. mit der Stadtbibliothek Lübeck wegen der sog. Leipziger „Lubecensien“ in Kontakt. Diese etwa 850 Bände umfassende Sammlung an Lübecker Handschriften, frühen Drucken und Rara war bei einer der Rückführungsaktionen aus der Stollenanlage Plömnitz-Solvayhall nahe Bernburg/Saale, in der kriegsbedingt ausgelagerte Bestände aus verschiedenen Archiven und Bibliotheken untergebracht waren, versehentlich nach Leipzig gelangt. Trotzdem wurde nach Feststellung des Irrtums seitens der DDR-Regierung eine Rückgabe an die tatsächliche Eigentümerin dezidiert ausgeschlossen, stattdessen wurden die Leipziger „Lubecensien“ zu nationalem Kulturgut der DDR erklärt. M., der diese Besitzerklärungspraxis der Staatsführung als nicht rechtmäßig einstufte, schleuste die Werke entgegen allen offiziellen Anweisungen auf dem Weg des innerdeutschen Leihverkehrs der Bibliotheken dennoch nach Lübeck aus. Das Unterfangen blieb in Leipzig allerdings nicht unbemerkt und wurde nach Bekanntwerden des Vorgangs umgehend nach Berlin übermittelt. In der Folge wurde M. am 17.9.1958 auf eine Weisung des Staatssekretariats hin durch die Universitätsleitung bis auf Weiteres beurlaubt. Trotz Fürsprache westdeutscher Bibliothekare, die u.a. auch dazu bereit waren, die Leipziger „Lubecensien“ wieder in die DDR zu geben, wurde M. zum 31.3.1959 endgültig seines Amts als Direktor der Universitätsbibliothek Leipzig enthoben und an das Institut für Ackerbau und Pflanzenzucht der Karl-Marx-Universität Leipzig versetzt. Hier wirkte er noch wenige Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter, bis er am 1.11.1962 aus Altersgründen ausschied. Zu einer Strafverfolgung M.s kam es trotz der offensichtlichen Brisanz des Vorfalls jedoch nicht.



Q  Universität Leipzig, Universitätsarchiv, Personalakten; Archiv der Hansestadt Lübeck, Schul- und Kultusverwaltung; Universitätsbibliothek Leipzig, Altregistratur.

W  Das System der Kongressbibliothek in Washington, in: S. Runge (Hg.), Beiträge zur Sachkatalogisierung, Leipzig 1937, S. 51-62; Es ist ein Ros entsprungen, Leipzig 1921; Die Abfolge der Ortsbegriffe in systematischen Katalogen, in: H. Schreiber (Hg.), Otto Glauning zum 60. Geburtstag, Leipzig 1936, S. 150-159; Rezensionen zu H. Roloff, Lehrbuch der Sachkatalogisierung, Leipzig ²1954, in: Zentralblatt für Bibliothekswesen 69/1955, H. 3/4, S. 135-138.

L  Helmut M. Ein kurzer Blick in sein Leben, http://karin-johne.de/mogk/helmutmogk.html. – DBA II.



Hassan Soilihi Mzé
9.3.2015


Empfohlene Zitierweise:

Hassan Soilihi Mzé, Mogk, Helmut, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (11.12.2017)

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