Devrient Philipp Eduard
Schauspieler, Baritonist, Regisseur, Dramaturg, Theaterhistoriker
* 11.8.1801 Berlin 4.10.1877 Karlsruhe(ev.)
VTobias Philipp (1772-1836), KaufmannMMarie Charlotte, geb. Prittschow, verw. FuchsGCarl August (1798-1872), Schauspieler; Hans Carl Wilhelm (1800-1871), Maler, Kupferstecher; Gustav Emil (1803-1872), Schauspieler; Auguste; Mathilde (1809-1888)1824 Therese, geb. Schlesinger (1803/05-1882)SFelix (1829-1899), Schiffbauer; Gustav; Georg (* 1834), Landwirt; Richard (* 1836), Schiffbauer; Otto Eduard (1838-1894), Schauspieler, RegisseurTMarie († 1873); Anna
GND: 118525042






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Obwohl von Beruf Schauspieler, wurde D. v.a. als Bühnenleiter und Theaterhistoriker bekannt. Er entstammte einer bekannten Schauspielerfamilie. Neben seinem prominenten Bruder Emil stand u.a. auch sein Onkel Ludwig auf der Bühne. D.s Schwägerin Wilhelmine Schröder-Devrient zählte zu den bekanntesten Opernsängerinnen ihrer Zeit. – Neben einer kaufmännischen Ausbildung nahm D. Musikstunden bei Carl Friedrich Zelter in Berlin. 1819 debütierte er als Baritonist auf der Bühne der Königlichen Oper Berlin, wo er auch anschließend tätig war. Seine bedeutendste Leistung in dieser Zeit war die Wiederaufführung von Johann Sebastian Bachs „Matthäuspassion“ in der Berliner Singakademie, die Felix Mendelssohn-Bartholdy gemeinsam mit ihm initiierte. Beide verband eine enge Freundschaft, wie D. überhaupt in seiner Berliner Zeit den Kontakt zu künstlerischen und gebildeten Kreisen pflegte und u.a. zu Alexander von Humboldt in enger Beziehung stand. – Zu Beginn der 1830er-Jahre ließ D.s Stimme infolge einer Überlastung nach, woraufhin er sich ganz dem Schauspiel zuwandte. Schon zuvor hatte er in meist kleineren Rollen auf der Bühne gestanden. Er brillierte darin zeitlebens, aber eher durch seine ausgezeichnete Bildung und die verstandesmäßige Erfassung der Rollen als durch geniales schauspielerisches Können. Die zeitgenössische Kritik bescheinigten ihm „ungraciöse Haltungen und Bewegungen, linkische Manieren“ und einen Mangel „an eigentlichem, natürlichem Darstellungstalente“ (Nekrolog). Von D.s Interesse an literarischer Bildung als theoretischer Grundlage seines Berufs zeugt die Gründung des „Vereins dramatischer Künstler“, den er 1834 gemeinsam mit Louis Schneider mit dem Ziel der Hebung des Bildungsniveaus der Schauspieler ins Leben rief, der aber nur wenige Jahre bestand. Die Eindrücke einer 1839 unternommenen Reise nach Paris veranlassten D. ein Jahr später zu der Schrift „Ueber Theaterschule“, in der er die Frage nach der Lehrbarkeit der Schauspielkunst ausdrücklich bejahte. In der Berliner Zeit betätigte er sich auch als Bühnenschriftsteller, seine Stücke hatten allerdings keinen bleibenden Wert. Lediglich sein Libretto zu Heinrich Marschners „Hans Heiling“ (1827) ist Musikhistorikern noch heute bekannt. – 1844 berief der Intendant des Königlichen Hoftheaters Dresden, Wolf Adolf August von Lüttichau, D. auf die durch Ludwig Tiecks Weggang an den preußischen Hof vakant gewordene Stelle eines Dramaturgen. Er begann nun mit der praktischen Umsetzung seiner bislang Theorie gebliebenen Entwürfe zur Reform des Theaters. D. forderte von Lüttichau weitgehende künstlerische Autonomie, die dieser auch zunächst gewährte, und erhielt den Titel eines Oberregisseurs. In dieser Funktion führte er ein exaktes, verbindliches Probenschema, bestehend aus Lese- und Generalproben, sowie das historische Kostüm auf der Dresdner Bühne ein und bemühte sich um die Gestaltung eines klassischen Repertoires. Doch schon nach zwei Jahren musste er das Scheitern seiner Projekte erkennen und legte die Oberregie nieder. Den äußeren Anlass bildeten Differenzen mit seinem Bruder Emil, der ebenfalls als Schauspieler dem Dresdner Hoftheater angehörte. – D. blieb in Dresden, trat aber fortan nur noch als Schauspieler auf. Daneben widmete er sich wiederum historischen und theoretischen Überlegungen zu Theater und Schauspielkunst. Im Geist der Revolutionsjahre 1848/49 entstand die Reformschrift „Das Nationaltheater des neuen Deutschlands“, in der D. die aus dem 18. Jahrhundert stammende Programmatik zu einem deutschen Nationaltheater aufgriff. Er plädierte darin gegen das überkommene Hoftheatermodell zugunsten künstlerischer Selbstverwaltung und forderte Staatszuschüsse für den Theaterbetrieb sowie die materielle Absicherung der Schauspieler, die anderen Künstlern gleichgestellt werden sollten. – In D.s Dresdner Jahre fiel ebenfalls der Beginn der Arbeit an seinem Lebenswerk, einer groß angelegten „Geschichte der deutschen Schauspielkunst“, die noch lange nach seinem Tod trotz einiger Irrtümer als Standardwerk galt. Darin beschrieb er die deutsche Theatergeschichte als eine Höherentwicklung von Wandertruppen als primitiven Anfängen hin zu einem künftigen Nationaltheater mit einer expliziten Bildungsfunktion, in dem das Schauspiel den anderen Künsten ebenbürtig sein würde. – 1852 berief der spätere Großherzog Friedrich I. von Baden D. nach Karlsruhe, wo er als Direktor die Reorganisation des nach einem Brand völlig zerstörten Hoftheaters übernehmen sollte. In seiner 17-jährigen Leitung der Einrichtung formte er sie zu einer Musterbühne mit klassischem Repertoire. D.s Karlsruher Tätigkeit gilt als bedeutendste Bemühung um eine Bühnenreform vor der Meininger Theaterreform.



Q  T. Devrient, Jugenderinnerungen, Stuttgart 1905, 51924; Briefwechsel zwischen Eduard und Therese Devrient, Stuttgart 1909; R. Kabel (Hg.), Eduard D. Aus seinen Tagebüchern, 2 Bde., Weimar 1964.

W  Briefe aus Paris, Berlin 1840; Ueber Theaterschule, Berlin 1840; Geschichte der deutschen Schauspielkunst, 5 Bde., Leipzig 1848-1874, 2 Bde., Berlin 41967; Das Nationaltheater des neuen Deutschlands, Leipzig 1849; Das Passionsspiel in Oberammergau, Leipzig 1851; Meine Erinnerungen an Felix Mendelssohn-Bartholdy und seine Briefe an mich, Leipzig 1869, 31891.

L  Eduard D., in: Illustrirte Zeitung 20/1853, Nr. 516, S. 323f.; E. Kneschke, Eduard D., in: ebd. 52/1869, Nr. 1332, S. 25f.; ders., Eduard D., in: ebd. 69/1877, Nr. 1792, S. 343, 346; Eduard D. Nekrolog, in: Wissenschaftliche Beilage der Leipziger Zeitung 1877, Nr. 85, S. 509-512; H. Laube, Eduard D., in: Nord und Süd 5/1878, S. 297-305; R. Prölß, Geschichte des Hoftheaters zu Dresden, Dresden 1878; ders., Zur Biographie Eduard D.s, in: ders., Beiträge zur Geschichte des Hoftheaters zu Dresden, Erfurt 1879, S. 146-170; J. Bab, Die Devrients, Berlin 1932 (P); F. Rein, Eduard D. als Oberregisseur in Dresden, Erlangen 1931. – ADB 47, S. 669f.; DBA I, III; DBE 2, S. 508; W. Kosch, Deutsches Theater-Lexikon, Bd. 1, Klagenfurt/Wien 1953, S. 319f.; MGG² 5, S. 955; NDB 3, S. 626f.; L. Eisenberg, Großes biographisches Lexikon der deutschen Bühne im 19. Jahrhundert, Leipzig 1903, S. 189f.; W. Killy, Literaturlexikon, Autoren und Werke deutscher Sprache, Bd. 3, München 1989, S. 34f.

P  Bildnis des Sängers, Regisseurs und Theaterdirektors Eduard D., 2. Viertel des 19. Jahrhunderts, Kupferstich, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Kupferstichkabinett, Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Abteilung Deutsche Fotothek (Bildquelle).



Corinna Kirschstein
7.1.2010


Empfohlene Zitierweise:

Corinna Kirschstein, Devrient, Philipp Eduard, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (21.8.2017)

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