Johann Jakob Weber

Selbst aus einfachen sozialen Verhältnissen stammend, sah der Wahlsachse und erfolgreiche Verlagsunternehmer W. in der Förderung der allgemeinen Volksbildung eine seiner Lebensaufgaben. Insbesondere als Herausgeber des „Pfennig-Magazins“ revolutionierte er das deutsche Zeitschriftenwesen des 19. Jahrhunderts. – W. wuchs als Sohn eines Leinewebers in Basel auf. Dort besuchte er das Gymnasium und begann am 1.1.1818 eine Buchhändlerlehre bei Emanuel Thurneysen. Im Frühjahr 1825 ging er 22-jährig nach Genf und wurde Gehilfe in der Sortimentsbuchhandlung von Jean Jacques Paschoud. Nach einem halben Jahr wechselte er Stellung und Wohnort, zog nach Paris und arbeitete für das angesehene Verlagshaus von Ambroise Firmin Didot. – W.s erster längerer Aufenthalt in Sachsen währte von 1826 bis 1827. Er fand in Leipzig Anstellung bei Breitkopf und Härtel, dem weltweit ältesten Musikverlag. Ein Angebot von Bartholomä Herder, die Geschäftsführung seiner Kunst- und Buchhandlung zu übernehmen, führte ihn im Mai 1827 nach Freiburg/Breisgau. Drei Jahre später kehrte W. nach Leipzig zurück und wurde Leiter der seit 1830 bestehenden Niederlassung des Pariser Kommanditgeschäfts von Martin Bossange. Für diesen gab er im Anschluss an einen längeren Paris-Aufenthalt im Herbst/Winter 1832/1833, bei dem er das „Magasin pittoresque“ kennenlernte, ab 4.5.1833 das „Pfennig-Magazin“ heraus und verfasste einen Großteil der Beiträge selbst. Mit dem achtseitigen illustrierten Wochenblatt, das sich an englischen und französischen Vorbildern orientierte, gelang W. eine nachhaltige Änderung des Erscheinungsbilds der deutschen Presse. 30.000 Exemplare wurden binnen weniger Monate gedruckt. Ein halbes Jahr nach Gründung hatte die Zeitschrift bereits über 60.000 Abonnenten. Der Erwerbspreis des „Pfennig-Magazins“ war relativ niedrig, der Absatz in breiten Teilen der lesenden Bevölkerung hoch. Die Mischung von Text und Illustrationen fand großen Zuspruch. Bald darauf gab W. die Redaktion der Zeitung ab, da er andere Pläne verfolgte. 1834 legte W. die Geschäftsführung bei Bossange nieder und zeigte am 15.8. die Eröffnung eines Verlages unter seinem Namen in der Leipziger Nikolaistraße an. Diesen konnte er mit überlassenen Titeln von Bossange aufbauen. Finanzielle Unterstützung erhielt W. zunächst vom Magdeburger Buchhändler und Bankier Friedrich Louis Nulandt, im August 1837 wurde sein ehemaliger Volontär Carl Berendt Lorck Teilhaber des Geschäfts. – Als Verleger schlug W. von Beginn an eigene Wege ein und sorgte in Deutschland für einen beachtenswerten Aufschwung der illustrierten Literatur. Durch seine Verbindung von Buchdruck und Holzstich gilt er als „Wiederbeleber der deutschen Holzschneidekunst“ (Ernst Schellenberger, 1956). Schon frühzeitig erhielt er den Beinamen der „Illustrierte W.“ (Carl Berendt Lorck, 1868). Durch W.s Engagement stieg Leipzig zum deutschen Zentrum der Xylografie auf. – Beruflich etabliert, heiratete W. am 14.1.1838 Mariette Andrien, die Tochter eines Seidenfärbers. Das Ehepaar hatte fünf Kinder, eine Tochter verstarb noch im Geburtsjahr. Die Söhne traten schon in jungen Jahren in das Verlagsgeschäft ein. – Der verlegerische Durchbruch gelang W. 1839 mit der Übersetzung der biografischen „Geschichte des Kaisers Napoleon“. Binnen kürzester Zeit war die Erstauflage von 7.500 Exemplaren ausverkauft und musste in doppelter Höhe nachgedruckt werden. Der Höhenflug des Jungverlegers hielt an. 1840 erschien die „Geschichte Friedrichs des Großen“ von Franz Kugler. Für dieses Werk erhielt W. die preußische Goldmedaille für Kunst und Wissenschaft. Es waren v.a. die qualitativ hochwertigen Illustrationen von Adolph Menzel, die zu diesem Erfolg beitrugen. Die anspruchsvolle Produktion verlangte nach guten Holzstechern, die zu dieser Zeit noch selten waren. W. engagierte sich daher für die professionelle Ausbildung dieses Berufszweigs und förderte beispielsweise den jungen Eduard Kretzschmar, dessen Xylografisches Atelier er nach dessen frühem Tod übernahm. Dies war für das Verlagsprogramm besonders wichtig, denn mit der Herausgabe der „Illustrirten Zeitung“ und der Verlagerung auf eine illustrierte Verlagsproduktion stieg der Bedarf an zuverlässigen Bildlieferanten nochmals an. Der Cliché-Handel florierte, und Zeitungen und Zeitschriften waren nach W.s ersten Erfahrungen mit dem „Pfennig-Magazin“ künftig nicht mehr ohne Text-Bild-Kombinationen denkbar. Der unerwartete Erfolg, den die „Illustrirte Zeitung“ hervorrief, führte zur wirtschaftlichen Unabhängigkeit des Verlags J. J. Weber. Am 31.5.1845 trennte sich W. einvernehmlich von seinem Verlagsteilhaber Lorck, an den er mit wenigen Ausnahmen sämtliche Titelrechte abtrat. Er selbst behielt nur die Rechte an der zum Massenorgan avancierten „Illustrirten Zeitung“, deren Redaktion er bis zu seinem Tod innehatte. W.s jüngster Sohn, Felix Weber, und seine Enkel führten das Journal bis 1944 fort. Für die innovative Leistung im Pressewesen wurde W. 1868 vom österreichischen Kaiser mit dem Franz-Joseph-Orden geehrt. – Aufgrund des verlegerischen Coups gelang es W. innerhalb kurzer Zeit, ein neues, wiederum umfängliches Verlagsprogramm aufzubauen, das periodische Schriften, Katechismen, Chroniken, Lexika, dramatische und belletristische Werke sowie einige wenige Kinderbücher umfasste. Auch zahlreiche freimaurerische Schriften wie die Herausgabe der „Latomia“ (1842-1873) fanden sich darunter. W. selbst gehörte seit 1835 der Leipziger Loge „Minerva zu den drei Palmen“ an. Zu den bekannteren Autoren des Verlags zählten u.a. Eduard Devrient, Heinrich Laube, Otto Ludwig und Richard Wagner. W.s verlegerische Leistung auf dem Gebiet der Xylografie wie auch der Typografie dokumentiert nicht nur die „Illustrirte Kriegs-Chronik“, ein Gedenkbuch an den Deutsch-Französischen Krieg 1870/1871, sondern v.a. die 18-bändigen „Meisterwerke der Holzschneidekunst auf dem Gebiete der Architektur, Skulptur und Malerei“. – In den Folgejahren baute W. sein Verlagsgeschäft mehr und mehr aus und gliederte diesem u.a. ein artistisches Institut sowie ab 1860 eine Buch- und Kunstdruckerei an, deren Leitung sein Sohn Hermann Weber übernahm. Bis ins hohe Alter, von Krankheit gezeichnet und an den Rollstuhl gebunden, war W. in alle Verlagsangelegenheiten involviert. Nach seinem Tod führten die drei Söhne das Verlagsgeschäft erfolgreich weiter. Es blieb bis zur Enteignung 1948 in Familienbesitz. – Obwohl seit den 1830er-Jahren im Zentrum des deutschen Buchhandels wirkend und seit 1834 das Leipziger Bürgerrecht besitzend, blieb W. zeitlebens seiner Schweizer Heimat verbunden. Beleg dafür sind u.a. sein Engagement in der Schweizer Gesellschaft in Leipzig, deren Mitbegründer und Ehrenmitglied er war, sowie seine Beiträge über die Schweiz in der „Illustrirten Zeitung“. 1867 wurde W. zum Konsul der Schweizerischen Eidgenossenschaft für das Königreich Sachsen und die thüringischen Herzog- und Fürstentümer ernannt. Heute erinnert im Leipziger Stadtteil Stötteritz der Johann-Jacob-Weber-Platz an den tüchtigen Geschäftsmann, Verleger und Zeitungsherausgeber. Die Namensgebung fand 1934 aus Anlass der 100-jährigen Verlagsgründung statt. Umfang und Größe des einst imposanten Verlagsgebäudes im Graphischen Viertel, das im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde, sind heute nur noch anhand der rudimentär vorhandenen Gebäudeteile zu erahnen.

Quellen Q Sächsisches Staatsarchiv - Staatsarchiv Leipzig, 21085 J. J. Weber, Leipzig, Verlagsverträge mit Autoren und andere Verträge; Deutsche Nationalbibliothek, Deutsches Buch- und Schriftmuseum Leipzig.

Werke (Hg.), Das Pfennig-Magazin der Gesellschaft zur Verbreitung gemeinnütziger Kenntnisse, 1833-1834; (Hg.), Latomia. Freimaurerisches Jahrbuch 1/1842-29/1873; (Hg.), Illustrirte Zeitung 1843-1880.

Literatur Carl Berendt Lorck, Die Herstellung von Druckwerken. Praktische Winke für Autoren und Verleger, Leipzig 1868; Johannes Baensch-Drugulin, Verleger und Mensch. Ein Beitrag zur Geschichte des Hauses J. J. Weber, in: Illustrirte Zeitung 1918, Nr. 150, S. 775f.; Wolfgang Weber, Dr. Felix Weber, der Neuschöpfer der Firma J. J. Weber 1845-1906. Ein Lebensbild, Leipzig 1939; Elvira Siegert, Bald nannte man ihn „den illustrierten W.“. Ein Beitrag zum 100. Todesjahr des Leipziger Verlegers Johann Jakob W., in: Börsenblatt für den deutschen Buchhandel, Leipziger Ausgabe 147/1980, Nr. 51/52, S. 986-992; Viola Düwert, Geschichte als Bildergeschichte? Napoleon und Friedrich der Große in der Buchillustration um 1840, Weimar 1997, S. 143-171; Christine Haug, Johann Jakob W. (1803-1880), Leipziger Buchhändler und Verleger, Förderer des Holzstichverfahrens in Deutschland, Herausgeber des „Pfennig-Magazins“ und der „Illustrirten Zeitung“, in: Gutzkows Werke und Briefe. Kommentierte digitale Gesamtausgabe, hrsg. vom Editionsprojekt Karl Gutzkow, 1999ff.; Wolfgang Weber, Johann Jakob W. Der Begründer der illustrierten Presse in Deutschland, Leipzig 2003; Katrin Löffler, Das Leipziger Pfennig-Magazin. Die Anfänge der illustrierten Presse in Deutschland, in: Leipziger Jahrbuch zur Buchgeschichte 24/2016, S. 313-340. – ADB 41, S. 311-314; DBA I, II, III; DBE 10, S. 356; HLS; Karl Friedrich Pfau, Johann Jacob W., in: Das Buch berühmter Buchhändler. Sammlung von Lebensbildern berühmter Männer, Bd. 1, Leipzig 1885, S. 139-152; Rudolph Schmidt, Deutsche Buchhändler. Deutsche Buchdrucker, Bd. 6, Berlin/Eberswalde 1908, S. 1025-1028; Sächsische Lebensbilder, Bd. 1, Dresden 1930, S. 395-403; Schaffhauser Beiträge zur Geschichte 33/1956, S. 289-300; Reinhard Würffel, Lexikon Deutscher Verlage von A-Z. 1071 Verlage und 2800 Verlagssignete vom Anfang der Buchdruckerkunst bis 1945, Berlin 2000, S. 966f.; Severin Corst u.a. (Hg.), Lexikon des gesamten Buchwesens, Bd. 8, Stuttgart 22014, S. 206.

Porträt Johann Jacob Weber, Adolf Naumann, 1880, Stahlstich, Papier bedruckt, Stadtgeschichtliches Museum Leipzig, Inventar-Nr. Porträt K 43 (Bildquelle) [CC BY-SA 4.0; dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Attribution 4.0 Unported License].

Wiebke Helm
11.12.2020

Empfohlene Zitierweise:
Wiebke Helm, Johann Jakob Weber, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V.
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (2.3.2021)

Johann Jakob Weber



Quellen Q Sächsisches Staatsarchiv - Staatsarchiv Leipzig, 21085 J. J. Weber, Leipzig, Verlagsverträge mit Autoren und andere Verträge; Deutsche Nationalbibliothek, Deutsches Buch- und Schriftmuseum Leipzig.

Werke (Hg.), Das Pfennig-Magazin der Gesellschaft zur Verbreitung gemeinnütziger Kenntnisse, 1833-1834; (Hg.), Latomia. Freimaurerisches Jahrbuch 1/1842-29/1873; (Hg.), Illustrirte Zeitung 1843-1880.

Literatur Carl Berendt Lorck, Die Herstellung von Druckwerken. Praktische Winke für Autoren und Verleger, Leipzig 1868; Johannes Baensch-Drugulin, Verleger und Mensch. Ein Beitrag zur Geschichte des Hauses J. J. Weber, in: Illustrirte Zeitung 1918, Nr. 150, S. 775f.; Wolfgang Weber, Dr. Felix Weber, der Neuschöpfer der Firma J. J. Weber 1845-1906. Ein Lebensbild, Leipzig 1939; Elvira Siegert, Bald nannte man ihn „den illustrierten W.“. Ein Beitrag zum 100. Todesjahr des Leipziger Verlegers Johann Jakob W., in: Börsenblatt für den deutschen Buchhandel, Leipziger Ausgabe 147/1980, Nr. 51/52, S. 986-992; Viola Düwert, Geschichte als Bildergeschichte? Napoleon und Friedrich der Große in der Buchillustration um 1840, Weimar 1997, S. 143-171; Christine Haug, Johann Jakob W. (1803-1880), Leipziger Buchhändler und Verleger, Förderer des Holzstichverfahrens in Deutschland, Herausgeber des „Pfennig-Magazins“ und der „Illustrirten Zeitung“, in: Gutzkows Werke und Briefe. Kommentierte digitale Gesamtausgabe, hrsg. vom Editionsprojekt Karl Gutzkow, 1999ff.; Wolfgang Weber, Johann Jakob W. Der Begründer der illustrierten Presse in Deutschland, Leipzig 2003; Katrin Löffler, Das Leipziger Pfennig-Magazin. Die Anfänge der illustrierten Presse in Deutschland, in: Leipziger Jahrbuch zur Buchgeschichte 24/2016, S. 313-340. – ADB 41, S. 311-314; DBA I, II, III; DBE 10, S. 356; HLS; Karl Friedrich Pfau, Johann Jacob W., in: Das Buch berühmter Buchhändler. Sammlung von Lebensbildern berühmter Männer, Bd. 1, Leipzig 1885, S. 139-152; Rudolph Schmidt, Deutsche Buchhändler. Deutsche Buchdrucker, Bd. 6, Berlin/Eberswalde 1908, S. 1025-1028; Sächsische Lebensbilder, Bd. 1, Dresden 1930, S. 395-403; Schaffhauser Beiträge zur Geschichte 33/1956, S. 289-300; Reinhard Würffel, Lexikon Deutscher Verlage von A-Z. 1071 Verlage und 2800 Verlagssignete vom Anfang der Buchdruckerkunst bis 1945, Berlin 2000, S. 966f.; Severin Corst u.a. (Hg.), Lexikon des gesamten Buchwesens, Bd. 8, Stuttgart 22014, S. 206.

Porträt Johann Jacob Weber, Adolf Naumann, 1880, Stahlstich, Papier bedruckt, Stadtgeschichtliches Museum Leipzig, Inventar-Nr. Porträt K 43 (Bildquelle) [CC BY-SA 4.0; dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Attribution 4.0 Unported License].

Wiebke Helm
11.12.2020

Empfohlene Zitierweise:
Wiebke Helm, Johann Jakob Weber, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V.
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (2.3.2021)