Therese Malten

Therese Malten war eine der großen Wagnersängerinnen ihrer Generation und verbrachte nahezu ihr gesamtes Bühnenleben am Dresdner Hoftheater. Sie vereinte eine durchschlagende, hochdramatische, dunkel timbrierte Sopranstimme mit perfekt beherrschter Technik und einhellig bezeugter bezwingender Darstellungskraft. – Schon als Vierjährige legte Malten eine ungewöhnliche musikalische Begabung im Singen und im Klavierspiel an den Tag und trat früh bei Konzerten im privaten Rahmen auf. Nach Stationen in Torgau und Danzig (poln. Gdańsk) zog die Familie wieder nach Berlin an den Geburtstort des Vaters zurück. Auf Anraten des Berliner Hofopernsängers Anton Woworsky ließen die Eltern Maltens umfangreiche Stimme vom Berliner Gesangspädagogen Gustav Engel und dem Schauspieler Richard Kahle ausbilden. Am 30.5.1873 debütierte sie am Dresdner Hoftheater in der Partie der Pamina in Wolfgang Amadeus Mozarts „Zauberflöte“, gefolgt von derjenigen der Agathe in Carl Maria von Webers „Freischütz“ am 6.6. und der Elsa in Richard Wagners „Lohengrin“ am 13.6.1873. Der damalige Hoftheaterintendant Julius von Platen bot ihr daraufhin einen Vertrag auf Lebenszeit an, den die Anfängerin annahm. In ihren ersten Dresdner Jahren verkörperte Malten zunächst die lyrischen Partien (Anna in Heinrich August Marschners „Hans Heiling“) und die jugendlich-dramatischen Sopranpartien: Noch im Jahr ihres Engagements vertraute man ihr die Titelpartie der „Mignon“ in der gleichnamigen Oper von Ambroise Thomas an, 1874 gestaltete sie erfolgreich die Maria in der Uraufführung von Edmund Kretschmers „Die Folkunger“. Auch die drei Wagner-Partien der Elsa („Lohengrin“), Elisabeth („Tannhäuser“) und Eva („Die Meistersinger“) gehörten zu ihren Rollen in den Dresdner Anfangsjahren. 1878 sang sie jeweils bei der letzten Vorstellung des Interimstheaters, das nach dem Theaterbrand von 1869 als Hoftheaterbühne gedient hatte, und bei der ersten Vorstellung in der neuen, zweiten Semperoper. 1881 hörte Wagner sie als Senta in einer Aufführung des „Fliegenden Holländers“ in Dresden und trug ihr daraufhin brieflich an, im folgenden Jahr im Rahmen der Bayreuther Festspiele die Kundry bei der Uraufführung des „Parsifals“ zu singen. Im gleichen Schreiben legte er ihr auch die Rolle der Isolde (mit Heinrich Gudehus als Tristan) ans Herz. Nach einem Gastspiel im Londoner Drury Lane Theater im Mai/Juni 1882 unter Hans Richter mit den drei Wagnerpartien Elsa, Elisabeth und Eva sowie als Ludwig van Beethovens „Fidelio“ trat Malten im Sommer 1882 im Wechsel mit Amalie Materna und Marianne Brandt als Kundry in Bayreuth in den ersten Vorstellungen des „Parsifals“ auf und feierte einen überwältigenden Erfolg. Als jüngste der drei Sängerinnen überzeugte sie in allen Aggregatzuständen der Kundry. Es gelangen Malten v.a. die „geisterhaften, unheimlichen“ Töne (Ehrlich, Berühmte Sängerinnen, S. 108) nachhaltig beeindruckend. Wagner selbst fühlte sich durch sie an die berühmte Wilhelmine Schröder-Devrient erinnert und schätzte Malten wegen ihrer gleichermaßen stimmlichen Prägnanz und Durchschlagskraft wie ihrer darstellerischen Brillanz. Sie war seine bevorzugte Interpretin der Kundry und verkehrte auch privat im Haus Wahnfried. 1883/1884 war sie wieder bei den Bayreuther Festspielen vertreten, desgleichen 1886 mit der Isolde und 1888 als Eva sowie letztmalig 1894 als Kundry. In Dresden sang Malten 1884 die Isolde in der ersten Dresdner Aufführung von „Tristan und Isolde“ neben Heinrich Gudehus unter Ernst von Schuch, gefolgt von der Dresdner Erstaufführung von Wagners „Rheingold“ (als Fricka) im November desselben Jahrs. 1885 verkörperte Malten in der Fortführung des „Rings des Nibelungen“ die Brünnhilde in der „Walküre“ und in „Siegfried“, gefolgt von der „Götterdämmerung“ 1886. Darüber hinaus spielte sie 1884/1885 die Kundry auf Einladung König Ludwigs II. von Bayern in dessen Separatvorstellungen und gab Gastspiele an der Wiener Hofoper (1884) sowie in Amsterdam (1887). Mit dem „Ring“ gastierte Malten zudem in Deutschland, Österreich, Ungarn, den Niederlanden, Belgien und der Schweiz. – 1889 bereiste Malten mit Angelo Neumanns reisendem Wagner-Theater Russland und sang in Moskau, Kiew und St. Petersburg (russ. Sankt-Peterburg). Sie teilte Neumanns Wagnerenthusiasmus: Der frühere Direktor des Leipziger Stadttheaters verbreitete mit diesen Tourneen den „Ring“ europaweit und bewies dessen Repertoirefähigkeit. 1893 übernahm Malten eine Rolle bei der Uraufführung von Paul Umlaufts Oper „Evanthia“ am Gothaer Hoftheater. 1898 folgte eine erneute Russlandtournee unter der Leitung von Julius Prüwer und Bernhard Stavenhagen. Im selben Jahr wurde ihr 25-jähriges Bühnenjubiläum mit einer umjubelten Aufführung des „Tannhäusers“ mit Malten als Elisabeth am Dresdner Hoftheater begangen. – Von einigen Gastspielen an deutschen und europäischen Bühnen abgesehen - wie einem erneuten Gastspiel in London 1886 mit der Kundry -, blieb Malten dem Dresdner Hoftheater ihr ganzes Berufsleben lang treu. Unbewiesener Überlieferung zufolge soll ihre angebliche (Liebes-)Beziehung zum sächsischen König Albert mit ein Grund dafür gewesen sein. Ihn hielt man auch für den Finanzier ihrer großzügigen Neorenaissance-Villa in Zschieren. Die luxuriöse Villa wurde 1892/1893 an der Elbe gegenüber dem Schloss Pillnitz erbaut und war mit einer Dampfmaschine zur Energieerzeugung, einer parkähnlichen Gartenanlage mit Teich, drei Pavillons, einem Tempelchen, einer Kegelbahn, zahlreichen Tieren sowie einem Dogcart ausgestattet. Das Gebäude ist noch heute als Therese-Malten-Villa bekannt. Auch eine Liebesbeziehung zur Philosophin Helene von Druskowitz wurde nur von dieser behauptet und konnte bislang nicht nachgewiesen werden. – Maltens Stimme hatte sich unter Führung Franz Wüllners von einer lyrisch-dramatischen hin zu einer hochdramatischen entwickelt und Malten damit die Nachfolge von Jenny Bürde-Ney angetreten. Neben den von ihr kongenial verkörperten Wagnerpartien (Malten verkörperte auch Fricka, Ortrud) trat sie häufiger als Fidelio (Beethoven war neben Wagner ihr bevorzugter Komponist) sowie in weiteren Partien auf. Hierzu gehörten u.a. „Armide“ (Christoph Willibald Gluck), Christine (Ignaz Brüll, „Goldenes Kreuz“), Rezia (Carl Maria von Weber, „Oberon“) und Eglantine (Carl Maria von Weber, „Euryanthe“) sowie „Genoveva“ (Robert Schumann), Santuzza (Pietro Mascagni, „Cavalleria Rusticana“) und weitere heute teils vergessenen Opern. Dabei gelangen ihr nach allen zeitgenössischen Zeugnissen die hochdramatischen Partien am überzeugendsten. Annähernd 1.500 Vorstellungen hat sie im Laufe ihrer Karriere bestritten, ehe sie sich am 15.6.1903 mit der Interpretation der Isolde („Tristan und Isolde“) von ihrem Publikum und der Bühne verabschiedete. Seit 1880 bereits königlich sächsische Kammersängerin wurde Malten anlässlich ihres Rücktritts vom aktiven Bühnenleben von König Georg zum Ehrenmitglied des königlichen Hoftheaters ernannt. – Nach ihrem Abschied von der Bühne trat Malten nur noch selten auf, vielmehr wirkte sie als Gesangspädagogin, betätigte sich wohltätig und pflegte den Kontakt zu ihrem ausgedehnten, stark englisch geprägten Verehrerinnenkreis. Im Zschierener Villenviertel wurde eine Straße nach ihr benannt. Im Laufe ihres Lebens wurden Malten verschiedene sächsische und ausländische Orden verliehen, z.B. die bayerische Ludwigsmedaille für Wissenschaft und Kunst oder die Medaille „Virtuti et Ingenio“ am Bande des sächsischen Albrechtsordens. Seit 1923 herzkrank verstarb Malten am 2.1.1930 in ihrem Haus in Zschieren.

Quellen Stadtarchiv Dresden, 6.4.25-86.4.2-13 Standesamt/Urkundenstelle, Standesamt Großzschachwitz/Zschachwitz, Personenstandsbuch, Sterberegister 1930, Nr. 1 (ancestry.de); Trinitatis-Friedhof Dresden, Friedhofsbuch; Kirchenbuch Dresden-Leuben, 1930, S. 204.

Literatur Therese Malten 1873-1898, in: Dresdener Kunst. Wochenschrift für Musik, Litteratur und bildende Kunst 2/1897/1898, H. 38, S. 627-637 (P); Carlos Droste, Therese Malten, in: Bühne und Welt. Zeitschrift für Theaterwesen, Litteratur und Musik 2/1899/1900, 1. Halbjahr, S. 465-469 (P); Bodo Wildberg, Das Dresdner Hoftheater in der Gegenwart, Dresden/Leipzig 1902, S. 169-173; Tage-Buch der Königlich Sächsischen Hoftheater 87/1903, S. 89-91; Georg Kaiser, Aus dem Tagebuche der Bayreuther Kundry Therese Malten, in: Neue Zeitschrift für Musik. Halbmonatsschrift für Musiker und Freunde der Tonkunst 81/1914, Nr. 14, S. 213-215; Nachruf, in: Jahrbuch der Sächsischen Staatstheater 111/1929/1930, S. 10-16 (P); Hans Schnoor, Dresden. Vierhundert Jahre deutsche Musikkultur, Dresden 1948, S. 226-237 (P); Kurt Hommel, Die Separatvorstellungen vor König Ludwig II. von Bayern, München 1963, S. 194; Michael Hochmuth, Chronik der Dresdner Oper, Bd. 2: Die Solisten, Dresden 2004, S. 213; Michael Letchford, Therese Malten. Wagner’s devoted Kundry, 2010 (P); ders., Therese Malten. Wagner’s devoted Kundry, in: The Wagner Journal 4/2010, Nr. 1, S. 38-49 (P); Katharina Höhne, „Ihr Stern leuchtet auf wie ein Meteor mit blendendem Glanze“, in: Semper! Magazin 2009/2010, S. 80-83 (P). – DBA I, II, III; DBE II 6, S. 691; MGG2P 11, Sp. 931; NGroveD (2/2001) 15, S. 714; A. Ehrlich [d.i. Albert Payne], Berühmte Sängerinnen der Vergangenheit und Gegenwart, Leipzig 1899, S. 107-109 (P); Ludwig Eisenberg, Großes biographisches Lexikon der Deutschen Bühne im 19. Jahrhundert, Leipzig 1903, S. 635f.; Hermann Degener, Wer ist’s?, Leipzig 1905, S. 535; Adolph Kohut, Die Gesangsköniginnen in den letzten drei Jahrhunderten, Bd. 2, Berlin [1906], S. 189-194 (P); Julius Reichelt, Erlebte Kostbarkeiten. Begegnungen mit Künstlern in Bekenntnisstunden, Leipzig 1936, S. 211-231; Folke Stimmel (Hg.), Stadtlexikon Dresden A-Z, Dresden 1998, S. 269 (P); Karl Josef Kutsch/Leo Riemens/Hansjörg Rost, Großes Sängerlexikon, Bd. 4, München 2003, S. 2874; Swantje Koch-Kanz, Therese Malten, in: FemBio. Frauen.Biographieforschung.

Porträt Porträt Therese Malten, Wilhelm Höffert, um 1885, Fotografie (Cabinetformat), Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Abteilung Deutsche Fotothek, Vorlage: 1995.A.195 (Bildquelle) [Public Domain Mark 1.0; dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Public Domain Mark 1.0 Lizenz].

Eva Chrambach
24.4.2023


Empfohlene Zitierweise:
Eva Chrambach, Artikel: Therese Malten,
in: Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde,
https://saebi.isgv.de/biografie/10778 [Zugriff 25.4.2024].

Therese Malten



Quellen Stadtarchiv Dresden, 6.4.25-86.4.2-13 Standesamt/Urkundenstelle, Standesamt Großzschachwitz/Zschachwitz, Personenstandsbuch, Sterberegister 1930, Nr. 1 (ancestry.de); Trinitatis-Friedhof Dresden, Friedhofsbuch; Kirchenbuch Dresden-Leuben, 1930, S. 204.

Literatur Therese Malten 1873-1898, in: Dresdener Kunst. Wochenschrift für Musik, Litteratur und bildende Kunst 2/1897/1898, H. 38, S. 627-637 (P); Carlos Droste, Therese Malten, in: Bühne und Welt. Zeitschrift für Theaterwesen, Litteratur und Musik 2/1899/1900, 1. Halbjahr, S. 465-469 (P); Bodo Wildberg, Das Dresdner Hoftheater in der Gegenwart, Dresden/Leipzig 1902, S. 169-173; Tage-Buch der Königlich Sächsischen Hoftheater 87/1903, S. 89-91; Georg Kaiser, Aus dem Tagebuche der Bayreuther Kundry Therese Malten, in: Neue Zeitschrift für Musik. Halbmonatsschrift für Musiker und Freunde der Tonkunst 81/1914, Nr. 14, S. 213-215; Nachruf, in: Jahrbuch der Sächsischen Staatstheater 111/1929/1930, S. 10-16 (P); Hans Schnoor, Dresden. Vierhundert Jahre deutsche Musikkultur, Dresden 1948, S. 226-237 (P); Kurt Hommel, Die Separatvorstellungen vor König Ludwig II. von Bayern, München 1963, S. 194; Michael Hochmuth, Chronik der Dresdner Oper, Bd. 2: Die Solisten, Dresden 2004, S. 213; Michael Letchford, Therese Malten. Wagner’s devoted Kundry, 2010 (P); ders., Therese Malten. Wagner’s devoted Kundry, in: The Wagner Journal 4/2010, Nr. 1, S. 38-49 (P); Katharina Höhne, „Ihr Stern leuchtet auf wie ein Meteor mit blendendem Glanze“, in: Semper! Magazin 2009/2010, S. 80-83 (P). – DBA I, II, III; DBE II 6, S. 691; MGG2P 11, Sp. 931; NGroveD (2/2001) 15, S. 714; A. Ehrlich [d.i. Albert Payne], Berühmte Sängerinnen der Vergangenheit und Gegenwart, Leipzig 1899, S. 107-109 (P); Ludwig Eisenberg, Großes biographisches Lexikon der Deutschen Bühne im 19. Jahrhundert, Leipzig 1903, S. 635f.; Hermann Degener, Wer ist’s?, Leipzig 1905, S. 535; Adolph Kohut, Die Gesangsköniginnen in den letzten drei Jahrhunderten, Bd. 2, Berlin [1906], S. 189-194 (P); Julius Reichelt, Erlebte Kostbarkeiten. Begegnungen mit Künstlern in Bekenntnisstunden, Leipzig 1936, S. 211-231; Folke Stimmel (Hg.), Stadtlexikon Dresden A-Z, Dresden 1998, S. 269 (P); Karl Josef Kutsch/Leo Riemens/Hansjörg Rost, Großes Sängerlexikon, Bd. 4, München 2003, S. 2874; Swantje Koch-Kanz, Therese Malten, in: FemBio. Frauen.Biographieforschung.

Porträt Porträt Therese Malten, Wilhelm Höffert, um 1885, Fotografie (Cabinetformat), Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Abteilung Deutsche Fotothek, Vorlage: 1995.A.195 (Bildquelle) [Public Domain Mark 1.0; dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Public Domain Mark 1.0 Lizenz].

Eva Chrambach
24.4.2023


Empfohlene Zitierweise:
Eva Chrambach, Artikel: Therese Malten,
in: Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde,
https://saebi.isgv.de/biografie/10778 [Zugriff 25.4.2024].