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Sophia Elisabeth von Holstein-Wiesenburg

Der nur bruchstückhaft überlieferte Briefwechsel (1678-1684) von Sophia Elisabeth von Holstein-Wiesenburg mit der theologischen Schriftstellerin Johanna Eleonora von Merlau, aber auch ihre Korrespondenz mit Johann Jakob Spener und Johann Jakob Schütz sind Beleg für ihre zwar eher passive, aber nicht unwichtige Rolle in der Frühzeit des deutschen Pietismus. – Ihre ersten neun Lebensjahre verbrachte Sophia Elisabeth bei ihrer Großmutter, der verwitweten Landgräfin Margarethe Elisabeth von Hessen-Darmstadt. Danach hielt sie sich sechs Jahre am Hof ihres Onkels Friedrich II. von Hessen-Homburg auf, anschließend ein Jahr in Dresden bei der sächsischen Kurfürstin Magdalena Sibylla. Um 1670 kam Sophia Elisabeth nach Wiesenburg, der kleinen väterlichen Herrschaft nahe Zwickau mit Burg und Stadt Kirchberg, und schloss sich dort eng an das ältere Kammerfräulein Johanna Eleonora von Merlau an. Unter Überwindung der Standesgrenzen verband beide Frauen eine innige Freundschaft und Seelenverwandtschaft, die auch Merlaus Weggang 1675 und Heirat 1680 mit dem Theologen Johann Wilhelm Petersen überdauerte. Auf einer gemeinsamen Reise nach Ems lernte Sophia Elisabeth 1672 in Frankfurt/Main Spener und Schütz kennen und stand fortan auch mit diesen beiden Protagonisten der pietistischen Erweckungsbewegung im Briefwechsel. – 1676 erfolgte in Wiesenburg Sophia Elisabeths Eheschließung mit dem bereits zweimal verwitweten und 34 Jahre älteren Herzog Moritz von Sachsen-Zeitz, einem der bedeutendsten Vertreter des sächsisch-albertinischen Fürstenhauses. Im Ehevertrag erhielt sie nur 6.000 Reichstaler an Heiratsgeld sowie eine Morgengabe in gleicher Höhe. 1678 nahm die junge Herzogin mit ihrem Ehemann an der glanzvoll begangenen „Freundbrüderlichen Zusammenkunft“ der vier Söhne Kurfürst Johann Georgs I. in Dresden teil. Die Ehe von Sophia Elisabeth sollte zwar kinderlos bleiben, aber ihr zunehmend hinfällig werdender Ehemann schätzte ihre Gesellschaft sehr. 1679 honorierte er ihre treue Pflege in einem Kodizill, wonach Sophia Elisabeth nach seinem Tod zusätzliche 600 Reichstaler pro Jahr erhalten sollte. Schütz nahm auch nach ihrer Heirat die Rolle eines geistlichen Beraters ein, wobei diese Verbindung auch weitere Personen ihres Zeitzer Hofstaats umfasste. – 1681 verwitwet, bezog die Herzogin im Juli 1682 ihren Witwensitz auf der Bertholdsburg im hennebergischen Schleusingen. Dort lebte Sophia Elisabeth sehr zurückgezogen und verbrachte ihre Zeit v.a. mit Betstunden und Gottesdiensten in der Schlosskirche. Die als mildtätig geschilderte fromme Herzogin korrespondierte regelmäßig über religiöse Themen mit pietistischen Theologen wie Schütz oder mit ihrer Freundin Merlau, die sich als ihre geistige Mutter verstand. Sophia Elisabeth wurde von ihr immer wieder zur Abkehr von der Welt und zur völligen Hinwendung zu Gott ermahnt. Noch 1680 hatte ihr die Pietistin Merlau geschrieben: „Dies dünket mich, daß bey meiner liebsten Hertzogin noch kein recht beständiger Geist ist.“ Abgesehen von gelegentlichen Verwandtenbesuchen empfing sie auf ihrem Witwensitz fast ausschließlich Theologen, meist aus der näheren Umgebung. Eine wichtige Quelle für diesen weltabgewandten Lebensstil ist der für 1682 überlieferte, eigenhändig geführte Schreibkalender der Herzoginwitwe. – 1683 errichtete Sophia Elisabeth ein Testament, abgefasst von dem Staatstheoretiker und früheren Zeitzer Kanzler Veit Ludwig von Seckendorff. Abgesehen von einer Stiftung zum Unterhalt ihrer in Neustadt/Orla lebenden jüngsten Schwester Johanna Magdalena Luise (400 Gulden jährlich), einigen Legaten für Bediente sowie einer Armenstiftung in Schleusingen sollte demnach ihr gesamter Nachlass an ihren Stiefsohn fallen, den regierenden Herzog Moritz Wilhelm von Sachsen-Zeitz. Ihre Anordnungen für die Beisetzung sahen nur das notwendigste standesgemäße Zeremoniell, aus Kostengründen aber keine Einladung von fürstlichen Personen vor. Nach längerer Bettlägerigkeit verstarb Sophia Elisabeth 1684 mit erst 31 Jahren und wurde nach ihrer feierlichen Überführung im Dom der Residenz Zeitz beigesetzt.

Quellen Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Mscr.Dresd.Q.267; C. Cellarius, Höchst-verdient- und Unvergängliches Denk- und Ehrenmahl / Der … Fürstin und Frauen / Frauen Sophia Elisabeth …, Zeitz 1684 (P); Markus Matthias, Mutua Consolatio Sororum. Die Briefe Johanna Eleonora von Merlaus an die Herzogin Sophie Elisabeth von Sachsen-Zeitz, in: Pietismus und Neuzeit 22/1996, S. 69-102; Jochen Vötsch (Hg.), Sächsische Fürstentestamente 1652-1831. Edition der letztwilligen Verfügungen der regierenden albertinischen Wettiner mit ergänzenden Quellen, Leipzig 2018.

Werke So komm, geliebte Todesstunde (Liedtext).

Literatur Andreas Deppermann, Johann Jakob Schütz und die Anfänge des Pietismus, Tübingen 2002; Ruth Albrecht, Johanna Eleonora Petersen. Theologische Schriftstellerin des frühen Pietismus, Göttingen 2005; Barocke Fürstenresidenzen an Saale, Unstrut und Elster, hrsg. vom Museumsverbund „Die Fünf Ungleichen e.V.“ und dem Museum Schloss Moritzburg Zeitz, Petersberg 2007; Claudia Tietz, Johann Winckler (1642-1705). Anfänge eines lutherischen Pietisten, Göttingen 2008; Joachim Säckl, Erdmuth Dorothea von Sachsen-Merseburg - eine Regentin in Krisenzeiten, Teil 1, in: Unsere Neuenburg. Mitteilungen des Vereins zur Rettung und Erhaltung der Neuenburg e.V. 14/2013, S. 14-53; Oliver Auge, Beobachtungen zu den Eheverbindungen zwischen den sächsischen und schleswig-holsteinischen Fürstenhäusern von der Mitte des 13. bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts, in: Alexander Sembdner/Christoph Volkmar (Hg.), Nahaufnahmen. Landesgeschichtliche Miniaturen für Enno Bünz zum 60. Geburtstag, Leipzig 2021, S. 305-335; Christian Pönitz, Friedrich Heinrich, in: Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e. V.. – DBA I.

Porträt Sophie Elisabeth, Prinzessin von Holstein-Wiesenburg (Ausschnitt), Kupferstich, Österreichische Nationalbibliothek Wien, Bildarchiv und Grafiksammlung, Porträtsammlung, Inventar-Nr. PORT_00053058_01 POR MAG (Bildquelle); Sophia Elisabeth von Holstein-Wiesenburg, Kupferstich, Staatliche Kunstsammlung Dresden, Kupferstichkabinett, A 152837.

Jochen Vötsch
31.1.2024


Empfohlene Zitierweise:
Jochen Vötsch, Artikel: Sophia Elisabeth von Holstein-Wiesenburg,
in: Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde,
https://saebi.isgv.de/biografie/23474 [Zugriff 15.4.2024].

Sophia Elisabeth von Holstein-Wiesenburg



Quellen Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Mscr.Dresd.Q.267; C. Cellarius, Höchst-verdient- und Unvergängliches Denk- und Ehrenmahl / Der … Fürstin und Frauen / Frauen Sophia Elisabeth …, Zeitz 1684 (P); Markus Matthias, Mutua Consolatio Sororum. Die Briefe Johanna Eleonora von Merlaus an die Herzogin Sophie Elisabeth von Sachsen-Zeitz, in: Pietismus und Neuzeit 22/1996, S. 69-102; Jochen Vötsch (Hg.), Sächsische Fürstentestamente 1652-1831. Edition der letztwilligen Verfügungen der regierenden albertinischen Wettiner mit ergänzenden Quellen, Leipzig 2018.

Werke So komm, geliebte Todesstunde (Liedtext).

Literatur Andreas Deppermann, Johann Jakob Schütz und die Anfänge des Pietismus, Tübingen 2002; Ruth Albrecht, Johanna Eleonora Petersen. Theologische Schriftstellerin des frühen Pietismus, Göttingen 2005; Barocke Fürstenresidenzen an Saale, Unstrut und Elster, hrsg. vom Museumsverbund „Die Fünf Ungleichen e.V.“ und dem Museum Schloss Moritzburg Zeitz, Petersberg 2007; Claudia Tietz, Johann Winckler (1642-1705). Anfänge eines lutherischen Pietisten, Göttingen 2008; Joachim Säckl, Erdmuth Dorothea von Sachsen-Merseburg - eine Regentin in Krisenzeiten, Teil 1, in: Unsere Neuenburg. Mitteilungen des Vereins zur Rettung und Erhaltung der Neuenburg e.V. 14/2013, S. 14-53; Oliver Auge, Beobachtungen zu den Eheverbindungen zwischen den sächsischen und schleswig-holsteinischen Fürstenhäusern von der Mitte des 13. bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts, in: Alexander Sembdner/Christoph Volkmar (Hg.), Nahaufnahmen. Landesgeschichtliche Miniaturen für Enno Bünz zum 60. Geburtstag, Leipzig 2021, S. 305-335; Christian Pönitz, Friedrich Heinrich, in: Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e. V.. – DBA I.

Porträt Sophie Elisabeth, Prinzessin von Holstein-Wiesenburg (Ausschnitt), Kupferstich, Österreichische Nationalbibliothek Wien, Bildarchiv und Grafiksammlung, Porträtsammlung, Inventar-Nr. PORT_00053058_01 POR MAG (Bildquelle); Sophia Elisabeth von Holstein-Wiesenburg, Kupferstich, Staatliche Kunstsammlung Dresden, Kupferstichkabinett, A 152837.

Jochen Vötsch
31.1.2024


Empfohlene Zitierweise:
Jochen Vötsch, Artikel: Sophia Elisabeth von Holstein-Wiesenburg,
in: Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde,
https://saebi.isgv.de/biografie/23474 [Zugriff 15.4.2024].