Konrad I.
Konrad war um die Mitte des 12. Jahrhunderts eine der prägenden Persönlichkeiten im ostsächsischen Raum. In seine Zeit fällt das Ende der slawischen Selbstständigkeit nordöstlich der Elbe und der Beginn des Landesausbaus in den Gebieten östlich von Saale und Elbe. Vielfältig war er in die Vorgänge seiner Zeit und in die Reichspolitik eingebunden. Beim Auf- und Ausbau seiner Machtbasis bewies er einiges Geschick, wenngleich seine letzten Lebensjahre eher als krisenhaft zu charakterisieren sind. – Konrad wurde in eine Familie geboren, deren Anfänge sich bis ins 10. Jahrhundert zurückverfolgen lassen und die in vielerlei Hinsicht mit der Geschichte des Raums an Saale und Elbe verwoben war. Hatte sein Vater Thiemo noch zahlreiche Geschwister - darunter als bekanntester Markgraf Dedo II. der Ostmark und Bischof Friedrich von Münster -, verengte sich die Familie, was die männliche Nachfolge betraf, nach dem Tod von Markgraf Heinrich II. von Eilenburg 1123 und von Konrads Bruder Dedo IV. 1124 wohl auf die Person Konrads selbst. Damit konzentrierte sich auch der größte Teil des Besitzes und der Rechte der ehemals weitverzweigten Familie auf die Person Konrads, was nicht zuletzt Einfluss auf seinen weiteren Aufstieg hatte. Über Besitz und Grafenrechte verfügte Konrad nun an der unteren Saale und der unteren Mulde (um
Wettin,
Brehna und
Zörbig), um
Camburg bei
Jena und um Eilenburg. Weitere wichtige Ressourcen bildeten die Vogteien über die Klöster Gerbstedt und Niemegk (wüst, bei
Bitterfeld) und besonders die Hochstiftsvogtei des Bistums Naumburg, die sich auch über dessen Besitz an der Elbe und dessen Eigenklöster in Riesa,
Bosau und
Zeitz erstreckte. Seine Mutter
Ida, Tochter des bayerischen Herzogs Otto von Northeim, brachte Konrad in Verwandtschaft mit der sächsischen Herzogin und künftigen Kaiserin Richenza, Gemahlin Lothars III. – Nach dem Tod Heinrichs II. von Eilenburg vergab Kaiser Heinrich V. die erledigten Marken Meißen und Lausitz an Wiprecht von Groitzsch. Lothar von Süpplingenburg, Herzog in Sachsen, widersetzte sich dieser Entscheidung, denn seit der Schlacht am Welfesholz 1115 duldete er keine königlich salische Einflussnahme im sächsischen Raum mehr. Er zwang Wiprecht zum Rückzug und gab die Mark Lausitz an Albrecht den Bären und die Mark Meißen an Konrad. Niemals zuvor und niemals danach sind Markgrafen durch einen Herzog eingesetzt worden. Das zeitnahe Ableben sowohl Wiprechts von Groitzsch als auch Kaiser Heinrichs V. festigte die Position Konrads in der Mark und mit der Wahl Lothars zum König 1125 stand die Legitimität des Besitzes der Mark Meißen für Konrad und seine Zeitgenossen außer jedem Zweifel. In direkter Sohnesfolge regierten die Nachfahren Konrads - mit einer kurzen Unterbrechung 1195 bis 1198 - die Mark Meißen bis 1918. Diese Kontinuität und der Umstand, dass das Leitmedium der frühen wettinischen Geschichtsschreibung - die Chronik vom Lauterberg (Chronica Sereni Montis auctore Conrado presbytero) - Konrad zur zentralen Figur erkor, begünstigte später dessen Konstruktion als Spitzenahn der Familie. Selbstverständlich war er dies nicht, denn schon vor ihm lebende Verwandte wie Dietrich I. und Dedo II. waren Markgrafen der Lausitz, Heinrich I. von Eilenburg und sein Sohn Heinrich II. Markgrafen der Lausitz und von Meißen gewesen. Sichtbaren Ausdruck fand die genannte Position Konrads in der Rückschau z.B. im Dresdner Fürstenzug, der Darstellung der Wettiner auf ca. 23.000 Meißner Porzellanfliesen am Stallhof in Dresden. – Mit der Mark Meißen erwarb Konrad kein geschlossenes und entwickeltes Herrschaftsgebiet, sondern eine gewisse Anzahl an Einzelrechten, die geografisch im Bereich zwischen Saale und Elbe und gelegentlich auch etwas über die Elbe nach Osten hinaus verstreut lagen. Die Markgrafschaft brachte neben einem materiellen Zugewinn eine sehr viel stärkere Königsnähe und damit ein Mitspracherecht bei reichsweiten und im Besonderen auch die eigene Region betreffenden Angelegenheiten. – In der Regierungszeit Lothars III. ist Konrad im Reichsdienst zunächst nicht aufgefallen. Eine Teilnahme am Böhmenfeldzug des frisch gekrönten Königs 1126 ist nicht nachzuweisen, ebenso wenig wie sein Mitwirken bei späteren militärischen Unternehmungen des Königs gegen Elbslawen, Dänen oder - reichsintern - gegen die Staufer. Auch in den Quellen zu den innersächsischen Auseinandersetzungen 1129/1130 findet er keine Erwähnung. Auf den Hoftagen des Herrschers ist er nur belegt, wenn diese im Herzogtum Sachsen stattfanden. Für den heutigen Betrachter etwas überraschend erhielt Konrad 1136 von Lothar dennoch zusätzlich zur Mark Meißen auch die Mark Lausitz sowie die Vogtei über das Reichskloster Chemnitz. Der mehr als sechzig Jahre alte König favorisierte seinen Schwiegersohn Heinrich den Stolzen als Nachfolger im Reich und im sächsischen Herzogtum. Vermutlich sollten die erheblichen Gunsterweisungen Konrad auf die Unterstützung dieser Pläne verpflichten. Am folgenden Italienzug Lothars nahm Konrad teil und zeichnete sich in militärischen Auseinandersetzungen vor
Ancona (Italien) aus. – Nach dem Tod Lothars 1137 gelangte der Staufer Konrad III. auf den Thron. In den langwierigen und heftigen Kämpfen um das sächsische Herzogtum unterstützte Konrad zunächst die welfische Seite, erst Heinrich den Stolzen und dann dessen Sohn Heinrich den Löwen, gegen Albrecht den Bären, welcher wiederum von Konrad III. protegiert wurde. Erst nach 1142 und nachdem sich die Welfen im Herzogtum durchgesetzt hatten, entspannte sich das Verhältnis Konrads zu König Konrad III. Etwas deutlicher wird nun auch eine eigenständige Politik des Markgrafen, insbesondere gegenüber den östlichen und nördlichen Nachbarn: Konrad war neben Albrecht dem Bären Verhandlungsführer bei der Findung eines vorläufigen Kompromisses bezüglich der piastischen Thronstreitigkeiten bei einem Feldzug König Konrads III. gegen Polen 1146. Auch als Teilnehmer am sog. Wendenkreuzzug 1147 trat er in Erscheinung. – Verheiratet war Konrad seit etwa 1120 mit Luitgard von Elchingen, einer Grafentochter aus der Gegend um
Ulm. Gemeinsam hatten sie sechs Söhne (von denen einer früh starb) und sechs Töchter, was Konrad die Gelegenheit zu einer breiten Heiratspolitik bot. Verwandtschaftliche Beziehungen stellte er zu Albrecht dem Bären, den Piasten (in Polen), dem dänischen König, nach Bayern und ins Rheinland her. Wenigstens eine Tochter trat noch zu Lebzeiten Konrads in das Kloster Gerbstedt ein und wurde dort Äbtissin. – 1145 begab sich Konrad gemeinsam mit Bischof Udo von Naumburg auf eine Pilgerreise nach
Jerusalem. Während seiner Abwesenheit verstarb seine Gemahlin Luitgard und wurde zunächst im Kloster Gerbstedt begraben, später aber durch Konrad in das Augustinerchorherrenstift auf dem Lauterberg umgebettet. Diesem Stift galt Konrads größte Aufmerksamkeit. Er vollendete die Gründung seines Bruders Dedo IV., inkorporierte die Stiftung seiner Eltern in Niemegk in das Chorherrenstift und sorgte für eine großzügige Ausstattung. Er bestimmte dieses Stift zur Familiengrablege und verpflichtete auch seine Söhne darauf. Schließlich trat er wenige Monate vor seinem Tod selbst in das Stift ein. Neben religiösen und gesundheitlichen Gründen könnte auch ein drohender Ehrverlust Motivation für diesen Eintritt gewesen sein: War Konrad von König Konrad III. noch durch die Übertragung weiterer Herrschaftstitel - die Länder Rochlitz und Bautzen sowie Teile des Nisangaus - gestärkt und für die königliche Seite insbesondere in den immer wieder neu aufflammenden Konflikten mit Herzog Heinrich dem Löwen gewonnen worden, änderte sich die Situation mit dem Übergang der Königsherrschaft auf Friedrich Barbarossa. Friedrich I. setzte in Sachsen nun ganz auf Heinrich den Löwen und brachte damit neben zahlreichen weiteren Großen auch Konrad und den böhmischen Herzog Vladislav II. gegen sich auf. Um diese Opposition zu spalten, entzog Friedrich I. dem einen, Konrad von Wettin, das Land Bautzen, um es dem anderen, Vladislav II. von Böhmen, zu geben. Dass Friedrich I. sich dazu entschied, Konrad zurückzusetzen, lag vermutlich u.a. an den königlichen Ambitionen im Pleißenland, wo er in direkter Nachbarschaft und Konkurrenz zum Herrschaftsgebiet der Wettiner ein Reichsterritorium aufbaute. Vielleicht war das königliche Vorgehen aber auch in der Konstellation im Elbtalkessel nahe dem späteren Dresden begründet, wo die Burggrafen von Dohna im kaiserlichen Auftrag wirkten. – Die ältere Literatur hat in Konrad einen der großen Kolonisatoren des deutschen Ostens gesehen. Diese Zuschreibung ist abzulehnen. Neben der schwierigen und teilweise belasteten Begrifflichkeit sind es v.a. folgende Gründe, die dagegensprechen, Konrad als eine in besonderem Maße mit dem mittelalterlichen Landesausbau zwischen Saale, Elbe und Erzgebirge oder gar über die Elbe hinaus bis zur Oder verbundene Herrscherpersönlichkeit zu betrachten: Es gibt kein schriftliches oder archäologisches Zeugnis, das Konrad mit dem Landesausbau in Verbindung bringen würde. Weder berichten Quellen von einer durch Konrad initiierten Rodungstätigkeit, einer Dorfgründung oder einer Stadtrechtsverleihung, noch finden sich Hinweise auf das Anwerben oder die rechtliche Besserstellung von Neusiedlern, die Vergabe von Neubruchzehnten oder Ähnlichem durch Konrad. Das von ihm besonders geförderte Augustinerchorherrenstift auf dem Lauterberg ist nicht durch missionarische oder Tätigkeiten im Landesaufbau aufgefallen. Allein Plausibilitätserwägungen sprechen dafür, dass auch Konrad dem, sich ohnehin erst nach seinem Tod in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts voll entfaltenden, Landesausbau als einem Instrument zur Herrschaftsausweitung kaum ferngestanden haben kann. – Im Augustinerchorherrenstift auf dem Lauterberg verstarb der Markgraf am 5.2.1157 und wurde dort auch beigesetzt. Aufgrund der im Adel noch weitverbreiteten Realteilung und vermutlich auch auf massiven Druck Kaiser Friedrichs I. verteilten sich die verschiedenen Herrschaftstitel, die Konrad besessen hatte, auf seine zahlreichen Söhne. Ganz verloren gingen dabei das Bautzener Land und die Vogtei über das Reichskloster in Chemnitz.
Quellen Genealogia Wettinensis, hrsg. von Ernst Ehrenfeuchter (MGH SS 23), Hannover 1874, S. 226-230; Codex diplomaticus Saxoniae regiae, I. Hauptteil, Bd. 2: Urkunden der Markgrafen von Meißen und Landgrafen von Thüringen. 1100-1195, hrsg. von Otto Posse/Hubert Ermisch, Leipzig 1889; Priester Konrad, Chronik des Lauterbergs (Petersberg bei Halle/S.), hrsg. von Klaus Naß (MGH SS rerum Germanicarum in usum scholarum separatim editi 83), Wiesbaden 2020.
Literatur Immanuel Ludwig Otto Lobeck, Markgraf Konrad von Meissen, Leipzig 1878; Willy Hoppe, Markgraf Konrad von Meißen, der Reichsfürst und Gründer des wettinischen Staates, in: NASG 40/1919, S. 1-53; Stefan Pätzold, Die frühen Wettiner. Adelsfamilie und Hausüberlieferung bis 1221, Köln/Weimar/Wien 1997; Michael Lindner, Eine Frage der Ehre: Markgraf Konrad von Wettin und Kaiser Friedrich Barbarossa, in: Rainer Aurig u.a. (Hg.), Im Dienste der historischen Landeskunde. Beiträge zu Archäologie, Mittelalterforschung, Namenkunde und Museumsarbeit vornehmlich in Sachsen, Beucha 2002, S. 105-121; Harald Winkel, Herrschaft und Memoria. Die Wettiner und ihre Hausklöster im Mittelalter, Leipzig 2010; Christoph Mielzarek, Albrecht der Bär und Konrad von Wettin. Fürstliche Herrschaft in den ostsächsischen Marken im 12. Jahrhundert, Köln/Weimar/Wien 2020. – ADB 16, S. 598f.; DBA I, II, III; ; DBE II 6, S. 512f.; NDB 12, S. 334.
Porträt Brakteat Konrads, um 1150, Silber (geprägt), Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Münzkabinett, Inventar-Nr. 1898/34 (Bildquelle); Konrad der Große, Graf von Wettin, Markgraf von Meissen, Grabstatue (Kopie nach mittelalterlicher Grabstatue), Hans Walter/Christoph Walter, 1567, Sandstein, Kirche des ehemaligen Benediktinerklosters Petersberg bei Halle/Saale, Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Abteilung Deutsche Fotothek, Reproduktion: Handrick.
Christoph Mielzarek
27.7.2026
Empfohlene Zitierweise:
Christoph Mielzarek, Artikel: Konrad I.,
in: Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde,
https://saebi.isgv.de/biografie/2505 [Stand 27.07.2026, Aufruf 31.07.2026].
Konrad I.
Quellen Genealogia Wettinensis, hrsg. von Ernst Ehrenfeuchter (MGH SS 23), Hannover 1874, S. 226-230; Codex diplomaticus Saxoniae regiae, I. Hauptteil, Bd. 2: Urkunden der Markgrafen von Meißen und Landgrafen von Thüringen. 1100-1195, hrsg. von Otto Posse/Hubert Ermisch, Leipzig 1889; Priester Konrad, Chronik des Lauterbergs (Petersberg bei Halle/S.), hrsg. von Klaus Naß (MGH SS rerum Germanicarum in usum scholarum separatim editi 83), Wiesbaden 2020.
Literatur Immanuel Ludwig Otto Lobeck, Markgraf Konrad von Meissen, Leipzig 1878; Willy Hoppe, Markgraf Konrad von Meißen, der Reichsfürst und Gründer des wettinischen Staates, in: NASG 40/1919, S. 1-53; Stefan Pätzold, Die frühen Wettiner. Adelsfamilie und Hausüberlieferung bis 1221, Köln/Weimar/Wien 1997; Michael Lindner, Eine Frage der Ehre: Markgraf Konrad von Wettin und Kaiser Friedrich Barbarossa, in: Rainer Aurig u.a. (Hg.), Im Dienste der historischen Landeskunde. Beiträge zu Archäologie, Mittelalterforschung, Namenkunde und Museumsarbeit vornehmlich in Sachsen, Beucha 2002, S. 105-121; Harald Winkel, Herrschaft und Memoria. Die Wettiner und ihre Hausklöster im Mittelalter, Leipzig 2010; Christoph Mielzarek, Albrecht der Bär und Konrad von Wettin. Fürstliche Herrschaft in den ostsächsischen Marken im 12. Jahrhundert, Köln/Weimar/Wien 2020. – ADB 16, S. 598f.; DBA I, II, III; ; DBE II 6, S. 512f.; NDB 12, S. 334.
Porträt Brakteat Konrads, um 1150, Silber (geprägt), Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Münzkabinett, Inventar-Nr. 1898/34 (Bildquelle); Konrad der Große, Graf von Wettin, Markgraf von Meissen, Grabstatue (Kopie nach mittelalterlicher Grabstatue), Hans Walter/Christoph Walter, 1567, Sandstein, Kirche des ehemaligen Benediktinerklosters Petersberg bei Halle/Saale, Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Abteilung Deutsche Fotothek, Reproduktion: Handrick.
Christoph Mielzarek
27.7.2026
Empfohlene Zitierweise:
Christoph Mielzarek, Artikel: Konrad I.,
in: Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde,
https://saebi.isgv.de/biografie/2505 [Stand 27.07.2026, Aufruf 31.07.2026].