Hirsch Beer

Zwischen 1821 und 1837, in einer Phase innerer und äußerer Umbrüche, wirkte B. als einer der Ältesten und damit einflussreichsten Akteure in der Dresdner jüdischen Gemeinde. – B., ein Enkel des kursächsischen Hoffaktors Simon Isaac Bondi, durchlief zunächst eine traditionelle jüdische Ausbildung, die sich auf das Erlernen des Hebräischen und das Studium von Talmud und Tora beschränkte. Zusätzlich erhielt er Privatunterricht im Deutschlesen und -schreiben sowie im Rechnen. Außerdem erlernte er die französische Sprache. Dadurch verfügte er über einen hinreichenden Wissenskanon, um nach dem Tod seines Vaters ab den 1790er-Jahren dessen Geld- und Wechselgeschäft fortzuführen, das B. bis zu seinem Lebensende in der Kreuzgasse 532 betrieb. Durch seine berufliche Tätigkeit sowie in seinem städtischen Lebensumfeld stand er auch mit christlichen Einwohnern Dresdens in Kontakt. – Der jüdischen Tradition seiner Vorfahren folgend hielt B. an den religiösen Ritualbestimmungen sowie der schriftlichen und mündlichen Überlieferung des Judentums fest. Er vernachlässigte dabei das Studium jüdischer Schriften wie dem Pentateuch, den Psalmen und weiteren biblischen Büchern nicht, in die er auch seinen Sohn Bernhard einführte. Dessen spätere Privatbibliothek baute auf der Büchersammlung B.s auf. – Aufgrund seiner familiären Herkunft, seiner ökonomischen Stellung sowie seiner jüdischen Bildung nahm B. erheblichen Einfluss auf die Entwicklungen innerhalb der in verschiedene Interessengruppen fragmentierten Dresdner jüdischen Gemeinde. Schon 1818 war er als Kandidat für das Amt des Ältesten im Gespräch, das er ab Anfang der 1820er-Jahre ausübte. Neben dieser Funktion wirkte er als Verwalter der Gemeindekasse und als Vorsteher des Talmud-Tora-Vereins, der sich um das jüdische Armenschulwesen kümmerte. Außerdem unterhielt er die Bondische Betstube mit, die bis zur Errichtung der öffentlichen Gemeindesynagoge Ende der 1830er-Jahre neben weiteren, sogenannten Privatsynagogen in Dresden bestand. – B. zählte zu den Traditionalisten in der jüdischen Gemeinde. Reformmaßnahmen stand er eher kritisch gegenüber. Dennoch beschäftigte er sich auch mit Schriften des jüdischen Aufklärers Moses Mendelssohn und dessen Schülern, den hebräischen Schriften des Haskala-Schriftstellers Hartwig Wessely sowie Werken zur jüdischen Geschichte. Zudem sah er sich ganz konkret mit Reformbestrebungen innerhalb der Dresdner Judenschaft konfrontiert, die von jüngeren Juden und insbesondere von seinem Sohn initiiert und getragen wurden. Diese hatten auch das Ziel, eine Verbesserung der Rechtsstellung und die Gleichstellung der sächsischen Juden zu befördern, um die B. und die mit ihm amtierenden Ältesten ab dem Ende der 1820er-Jahre wiederholt gegenüber den Staatsbehörden und dem König nachsuchten. Wohl auch deshalb gehörte er dem 1829 gegründeten Mendelssohn-Verein an, der sich die Hinwendung der jüdischen Jugend zu Handwerk, Kunst und Wissenschaft zum Ziel gesetzt hatte und dem ebenfalls namhafte nichtjüdische Mitglieder angehörten. – Die Bestrebungen der jüngeren Generation innerhalb der jüdischen Gemeinde sowie des ab 1836 neu eingesetzten Oberrabbiners Zacharias Frankel und das in den 1830er-Jahren auch seitens der Staatsbehörden bestehende Interesse an einer Regelung des jüdischen Kultus und Schulwesens kennzeichneten B.s letzte Lebensjahre. Geprägt war diese Phase auch von den öffentlichen Debatten über die Frage der Emanzipation der Juden in Sachsen und persönliche Anfeindungen gegen ihn als Vorsteher. Das Gesetz vom 18.5.1837, das offiziell die Bildung einer jüdischen Religionsgemeinde sowie den Bau einer gemeinschaftlichen Synagoge in Dresden gestattete, erlebte er nicht mehr: Aufgrund einer Unterleibserkrankung war er schon Mitte Januar 1837 verstorben. – Sein Sohn Bernhard verfasste einen umfangreichen Nachruf für die „Allgemeine Zeitung des Judentums“. Darin bezeichnete er B. als traditionsbewussten Juden, suchte ihn jedoch auch als Bindeglied für den Übergang von Althergebrachtem und notwendiger Neuerung zu vereinnahmen. In der Überlieferung der Dresdner Jüdischen Gemeinde blieb er auch deshalb präsent, weil für ihn jährliche Gebete zum Seelengedenken (Jiskor) gestiftet waren.

Quellen Leo Baeck Institute New York/Jüdisches Museum Berlin, MF 542 Elias Bondi Collection.

Literatur Bernhard Beer, Nekrolog, in: Allgemeine Zeitung des Judentums 9.5.1837, S. 16, 11.5.1837, S. 20, 13.5.1837, S. 24, 18.5.1837, S. 32; Dresdner Anzeiger 17.1.1837, S. 3 (Todesanzeige); Simone Lässig, Jüdische Wege ins Bürgertum, Göttingen 2004, S. 405f.

Daniel Ristau
20.12.2017

Empfohlene Zitierweise:
Daniel Ristau, Hirsch Beer, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V.
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (4.12.2020)

Hirsch Beer



Quellen Leo Baeck Institute New York/Jüdisches Museum Berlin, MF 542 Elias Bondi Collection.

Literatur Bernhard Beer, Nekrolog, in: Allgemeine Zeitung des Judentums 9.5.1837, S. 16, 11.5.1837, S. 20, 13.5.1837, S. 24, 18.5.1837, S. 32; Dresdner Anzeiger 17.1.1837, S. 3 (Todesanzeige); Simone Lässig, Jüdische Wege ins Bürgertum, Göttingen 2004, S. 405f.

Daniel Ristau
20.12.2017

Empfohlene Zitierweise:
Daniel Ristau, Hirsch Beer, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V.
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (4.12.2020)