Hans Graf von Löser
Hans von Löser war aufgrund seiner hohen Ämter eine der wichtigsten Persönlichkeiten am königlich polnischen und kurfürstlich sächsischen Hof. Er stand im Austausch mit bedeutenden Naturwissenschaftlern und anderen Gelehrten seiner Zeit und gründete eine Werkstatt für den Bau aufwändiger feinmechanischer, optischer und astronomischer Instrumente, an deren Entwicklung er maßgeblich beteiligt war. Für seine Verdienste auf diesem Gebiet erhielt Löser die Reichsgrafenwürde. – Löser wurde am 17.4.1704 als zweites Kind des Heinrich von Löser und seiner Ehefrau
Johanna Charlotte von Löser geboren. Der Vater verstarb bereits 1705. Löser immatrikulierte sich nach dem Besuch der Fürstenschule Sankt Afra in Meißen 1717 an der Universität
Wittenberg, wo er bis 1719 Rechts- und Naturwissenschaften studierte. 1721 kehrte er von Bildungsreisen zurück, die ihn nach den Niederlanden, England und Frankreich geführt hatten. Löser trat als Kammerjunker und dann als Kammerherr in kürsächsische Dienste. 1730 schloss er mit
Carolina Sophia von Boineburg, der Tochter des hessischen Generalleutnants und Oberjägermeisters Carl von Boineburg, die Ehe. Das Paar bekam 15 Kinder. Löser führte sowohl in Dresden als auch auf seinem Schloss
Reinharz ein geselliges Leben. 1741 erhielt er das der Familie Löser herkömmlich zustehende Erbmarschallamt und die dazu gehörende Position als Obersteuereinnehmer. 1742 wurde Löser zum Geheimen Rat, 1760 zum Konferenzminister ernannt. Bereits 1755 wurde er Ritter des russischen St.-Andreas-Ordens. Mit seinen Ämtern war er eine der wichtigsten Persönlichkeiten am königlich polnischen und kurfürstlich sächsischen Hof unter Kurfürst Friedrich August II. (König August III.) und spielte als Erbmarschall und damit ranghöchster Vertreter des sächsischen Adels eine zentrale Rolle auf den sächsischen Landtagen 1742 bis 1749. Zum mächtigen sächsischen Kabinettsminister Heinrich Graf von Brühl pflegte er eine enge persönliche Beziehung. – Im Grunde hatte Löser jedoch wenig Neigung für die Politik. Sein Interesse an den sich in der Epoche der Aufklärung rasant entwickelnden Naturwissenschaften, v.a. an der Medizin und an der Astronomie, war außerordentlich groß. Er besaß eine umfangreiche Bibliothek und stand in Kontakt mit bedeutenden Wissenschaftlern, wie beispielsweise dem Philosophen und Naturwissenschaftler Christian Wolff und dem Arzt und Naturforscher Johann Nathaniel Lieberkühn, aber auch mit dem Dichter Christian Fürchtegott Gellert, der bei Löser oft zu Gast war. Aufgrund seiner Herkunft und seines Stands hatte Löser die Mittel, um 1740 auf Schloss Reinharz eine Werkstatt für den Bau von physikalischen und chirurgischen Instrumenten zu begründen und bis zu seinem Tod zu unterhalten. Er konstruierte und baute nicht nur selbst Instrumente, sondern beschäftigte namhafte Mechaniker, Uhrmacher und Optiker. Dazu gehörten der Uhrmacher
Johann Andreas Lehmann, die Mechaniker
Johann Daniel Gärtner und
Johann Siegmund Merklein, der Optiker
Johann Gottlob Rudolph und der Hof- und Artilleriemechanikus
Johann Gottfried Zimmer. In der Werkstatt entstanden Spiegelfernrohre, Thermometer, Sonnenuhren, Schrittzähler und Wegmesser. Löser führte Versuche auch mit Wissenschaftlern und weiteren Gästen durch, wie z.B. im April 1741 in Anwesenheit Ernst Christoph von Manteuffels und des Aufklärungstheologen Johann Gustav Reinbeck mit Lieberkühn zu dessen Thermometern, Vergrößerungsgläsern und einem Sonnen-Mikroskop. Anderen Gästen führte er die in der Werkstatt gefertigten Instrumente vor, wie z.B. Johann Christoph Gottsched im Juli 1742. Löser ließ 1748 den Turm des Schlosses Reinharz auf 68 Meter erhöhen, um die feinmechanischen und optischen Instrumente dort erproben zu können. In diesem Turm richtete er auch eine Sternwarte ein und führte mit in seiner Werkstatt angefertigten Instrumenten astronomische Beobachtungen durch. Die technische und auch die künstlerische Qualität der Instrumente war so hoch, dass sie nicht nur für den eigenen Bedarf entwickelt, sondern sogar bis nach Frankreich und England exportiert wurden. Für seine Verdienste um die Entwicklung technischer Geräte verlieh Kurfürst Friedrich August II., als dieser während einer Vakanz das Reichsvikariat ausübte, Löser und seinen Nachkommen 1745 die Reichsgrafenwürde. – Löser starb 1763 auf Schloss Reinharz. In der Werkstatt wurden danach keine Instrumente mehr gefertigt. In einem Verzeichnis, das drei Jahre nach seinem Tod erschien, wurden 168 noch auf Reinharz vorhandene Stücke aufgelistet. Einige der dort gebauten Instrumente sind heutzutage im Mathematisch-Physikalischen Salon in Dresden zu besichtigen.
Quellen Kurze Lebensgeschichte des jüngst verstorbenen Conferenz-Ministers und der Chur Sachsen Erb-Marschalls, Herrn Reichsgrafen von Löser, in: Fortgesetzte alte und neue Curiosa Saxonica, Dresden 1763, S. 242-246; Johann Daniel Titius, Thermometri Metallici Ab Inventione Illustrissimi Atque Excellentissimi S.R.I. Comitis Loeseri Descriptio, Leipzig 1765; Christian Friedrich von Löser, Verzeichniß der auf dem Schlosse Reinharz befindlichen Mathematischen, Physicalischen, Chirurgischen und andern Instrumenten, welche meistentheils unter eigener Aufsicht Sr. Excellenz des Hrn. Reichsgrafen Löser … daselbst verfertiget worden sind, Wittenberg 1766; Johann Christoph Gottsched - Briefwechsel, Bd. 8: 1741-1742, hrsg. von Detlef Döring u.a., Berlin 2014, S. 295-299; Briefwechsel zwischen Christian Wolff und Ernst Christoph von Manteuffel 1738-1743, bearb. von Hanns-Peter Neumann/Katharina Middell, Hildesheim/Zürich 2019, S. 96-107.
Literatur Georg von Reinbeck, Leben und Wirken des Dr. Th. Johann Gustav Reinbeck, Stuttgart 1842; John Anthony Chaldecott, Hans Loeser’s metallic thermometers of 1746 and 1747, in: Annals of Science 28/1972, H. 1, S. 87-100; Klaus Schillinger, Reichsgraf Hans von Löser (1704-1763) auf Schloß Reinharz - ein Liebhaber und Förderer des wissenschaftlichen Instrumentenbaus, in: Erich Donnert (Hg.), Europa in der Frühen Neuzeit. Festschrift für Günter Mühlpfordt, Bd. 6: Mittel-, Nord- und Osteuropa, Göttingen 2000, S. 529-548; Josef Matzerath, Aspekte sächsischer Landtagsgeschichte. Die Mitglieder der (kur-) sächsischen Landstände 1694 bis 1749, Dresden 2015, S. 25-27. – NDB 15, S. 66.
Porträt Hans Graf von Löser, um 1748, Öl auf Leinwand, in: Josef Matzerath, Aspekte sächsischer Landtagsgeschichte. Die Mitglieder der (kur-) sächsischen Landstände 1694 bis 1749, Dresden 2015.
Sinikka Gusset-Bährer
20.8.2026
Empfohlene Zitierweise:
Sinikka Gusset-Bährer, Artikel: Hans Graf von Löser,
in: Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde,
https://saebi.isgv.de/biografie/2721 [Stand 20.08.2026, Aufruf 09.09.2026].
Hans Graf von Löser
Quellen Kurze Lebensgeschichte des jüngst verstorbenen Conferenz-Ministers und der Chur Sachsen Erb-Marschalls, Herrn Reichsgrafen von Löser, in: Fortgesetzte alte und neue Curiosa Saxonica, Dresden 1763, S. 242-246; Johann Daniel Titius, Thermometri Metallici Ab Inventione Illustrissimi Atque Excellentissimi S.R.I. Comitis Loeseri Descriptio, Leipzig 1765; Christian Friedrich von Löser, Verzeichniß der auf dem Schlosse Reinharz befindlichen Mathematischen, Physicalischen, Chirurgischen und andern Instrumenten, welche meistentheils unter eigener Aufsicht Sr. Excellenz des Hrn. Reichsgrafen Löser … daselbst verfertiget worden sind, Wittenberg 1766; Johann Christoph Gottsched - Briefwechsel, Bd. 8: 1741-1742, hrsg. von Detlef Döring u.a., Berlin 2014, S. 295-299; Briefwechsel zwischen Christian Wolff und Ernst Christoph von Manteuffel 1738-1743, bearb. von Hanns-Peter Neumann/Katharina Middell, Hildesheim/Zürich 2019, S. 96-107.
Literatur Georg von Reinbeck, Leben und Wirken des Dr. Th. Johann Gustav Reinbeck, Stuttgart 1842; John Anthony Chaldecott, Hans Loeser’s metallic thermometers of 1746 and 1747, in: Annals of Science 28/1972, H. 1, S. 87-100; Klaus Schillinger, Reichsgraf Hans von Löser (1704-1763) auf Schloß Reinharz - ein Liebhaber und Förderer des wissenschaftlichen Instrumentenbaus, in: Erich Donnert (Hg.), Europa in der Frühen Neuzeit. Festschrift für Günter Mühlpfordt, Bd. 6: Mittel-, Nord- und Osteuropa, Göttingen 2000, S. 529-548; Josef Matzerath, Aspekte sächsischer Landtagsgeschichte. Die Mitglieder der (kur-) sächsischen Landstände 1694 bis 1749, Dresden 2015, S. 25-27. – NDB 15, S. 66.
Porträt Hans Graf von Löser, um 1748, Öl auf Leinwand, in: Josef Matzerath, Aspekte sächsischer Landtagsgeschichte. Die Mitglieder der (kur-) sächsischen Landstände 1694 bis 1749, Dresden 2015.
Sinikka Gusset-Bährer
20.8.2026
Empfohlene Zitierweise:
Sinikka Gusset-Bährer, Artikel: Hans Graf von Löser,
in: Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde,
https://saebi.isgv.de/biografie/2721 [Stand 20.08.2026, Aufruf 09.09.2026].