Francesco Graf von Algarotti

Der Kosmopolit Francesco Graf von Algarotti war im 18. Jahrhundert in aller Munde, war er doch entscheidend am Kulturtransfer zwischen Italien und Deutschland - insbesondere Preußen und Sachsen - beteiligt. Mit seinen Schriften wirkte er richtungsweisend für die Antikenrezeption im Zeitalter der Aufklärung, wodurch die Antike zu einer Quelle für Architektur, Malerei, Musik und Literatur wurde. V.a. für sein Wirken im Umfeld Friedrichs II. von Preußen bekannt, wirkte er 1742 bis 1746 auch am Dresdner Hof. Die im Auftrag Friedrich Augusts II. (August III.) von Algarotti in Italien erworbenen Kunstwerke zählen zu den Höhepunkten der Gemäldegalerie Alte Meister in Dresden. – Algarotti wurde 1712 als Sohn von Rocco Algarotti, einem wohlhabenden Kaufmann, und dessen Ehefrau Maria in Venedig (Italien) geboren. Nach dem frühen Tod des Vaters übernahm der ältere Bruder Bonomo Algarotti das Geschäft des Vaters. Sein Bruder ermöglichte Algarotti den Besuch der Accademia delle Scienze dellʼIstituto in Bologna (Italien), wo er sich neben Philosophie und Kunstgeschichte auch naturwissenschaftlichen Studien, u.a. bei dem angesehenen Mathematiker und Astronomen Eustachio Manfredi, widmete. 1728 gelang es ihm, optische Experimente Isaac Newtons zu wiederholen. Algarotti setzte seine Studien in Florenz (Italien) und Padua (Italien) fort, bereiste Europa und knüpfte ein Netzwerk nützlicher Bekanntschaften. – 22-jährig begleitete Algarotti den schwedischen Naturwissenschaftler Anders Celsius, den er in Rom kennengelernt hatte, im Sommer 1734 nach Paris. Dort begegnete er u.a. den Newtonianern Pierre Louis Moreau de Maupertuis und Alexis-Claude Clairaut. Sein Interesse galt jedoch Bernard le Bovier de Fontenelle, dem 77-jährigen Sekretär der Académie royale des Sciences. Dieser sollte mit seiner Idee, komplizierte philosophisch-wissenschaftliche Sachverhalte möglichst verständlich und im unterhaltenden Konversationsmodus darzustellen, zum Vorbild für Algarottis eigene Publikationen werden. Algarotti gehörte damit zu den Begründern der sog. Damenphilosophie, einer besonderen Form populärwissenschaftlichen Schreibens der Aufklärungszeit. – Auf Schloss Cirey-sur-Blaise (Provinz Champagne) begegnete Algarotti im November 1735 der Naturforscherin Émilie du Châtelet und ihrem Geliebten Voltaire. In den folgenden sechs Wochen diskutierte Algarotti mit seinen Gastgebern v.a. die Lehre Newtons. Insbesondere die wissenschaftlichen Gespräche mit Émilie du Chatelet erwiesen sich dabei als anregend für Algarotti. Sie inspirierten ihn zu seinem Buch „Il Newtonianismo per le dame ovvero dialogo sopra la luce e i colori“ (Newtonismus für Damen oder Dialog über Licht und Farben), das 1737 in Venedig erschien und als allgemein verständliches Sachbuch zu einem Bestseller avancierte, der in fünf Sprachen übersetzt wurde. – Während seiner Zeit in Frankreich folgte Algarotti mehreren Einladungen nach London. Ab 1736 war er Mitglied in der Royal Society und der Society of Antiquaries, wodurch ihm die Türen namhafter Persönlichkeiten geöffnet wurden. In den Salons der britischen Hauptstadt begegnete er der Schriftstellerin Mary Wortley Montagu und John Hervey, 2nd Baron Hervey, Vize-Kammerherr am Hof Georges II. In Chiswick House, einer palladianischen Villa im Westen Londons, lernte er 1739 den Architekten Richard Boyle, 3rd Earl of Burlington kennen. Diese Bekanntschaft ermöglichte es Algarotti, im März 1739 im Gefolge des britischen Gesandten Charles Calvert, 5th Baron Baltimore, nach St. Petersburg (russ. Sankt-Peterburg) zu reisen. Anlass war die Hochzeit des Herzogs Anton Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel und der Prinzessin Anna Leopoldowna, Nichte der Zarin Anna Iwanowna. Algarottis in Briefform abgefassten und mit klassischen Zitaten gespickten Reiseerlebnisse „Viaggi di Russia“ (1764) trafen erneut den Nerv des Publikums. Die Rückreise von St. Petersburg erfolgte zunächst zu Land. Baron Baltimore und seine Entourage machten dabei Station im Kurfürstentum Sachsen, dann im Königreich Preußen. Auf Schloss Rheinsberg begegnete Algarotti im September 1739 dem gleichaltrigen Kronprinzen Friedrich von Preußen, womit ein 25 Jahre währendes, von Höhen und Tiefen bestimmtes Miteinander seinen Anfang nahm. – Nach seiner Thronbesteigung im Mai 1740 bat Friedrich II. Algarotti, nach Berlin zu kommen. Dieser reiste - unterstützt von Lady Montagu - im Juni an den preußischen Hof und begleitete Friedrich auf dessen Huldigungsreise nach Königsberg (russ. Kaliningrad). Ende 1740 wurde Algarotti in den erblichen Grafenstand erhoben. Er beriet den König v.a. im Bereich Kunst und Kultur, ohne jedoch hierfür eine finanzielle Gegenleistung zu erhalten. – In der Hoffnung auf eine bezahlte Anstellung wechselte Algarotti im Januar 1742 in die kursächsische Residenz- und Kunststadt Dresden, wo er schnell Kontakt zu Landsleuten fand. Hierzu gehörten u.a. Ignatius Guarini, der Beichtvater der Kurfürstin-Königin Maria Josepha, Giovanni Lodovico Bianconi, der Leibarzt des Kurprinzen Friedrich Christian, der Architekt der Katholischen Hofkirche Gaetano Chiaveri oder der Bildhauer Lorenzo Matielli. Der sächsische Staatsmann und Historiker Heinrich von Bünau führte Algarotti in den Kreis der Gelehrten ein. Beide verewigte der Maler Theobald von Oer auf dem fiktiven Historiengemälde „Winckelmann im Kreise der Gelehrten in der Nöthnitzer Bibliothek“ (1874), dessen Original sich in der Sächsischen Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden befindet. – Auch in Dresden widmete sich Algarotti Kunst und Kultur. So bearbeitete er das Libretto der Oper „Didone abandonnata“ von Pietro Metastasio für deren Aufführung anlässlich der Geburtstagsfeierlichkeiten für August III. auf Schloss Hubertusburg 1742. Neben dem Komponisten und Kapellmeister Johann Adolph Hasse, der Primadonna Faustina Hasse-Bordoni sowie den Kastraten Giovanni Bindi und Venturo Rocchetti gehörte Algarotti zu den gefeierten Akteuren dieser Aufführung. Zum Dank für die gelungene Inszenierung erhielt er eine diamantenbesetzte Tabatière. Vom Erfolg ermutigt, legte Algarotti August III. mit seiner Denkschrift „Progetto per ridurre a compimento il Regio Museo di Dresda“ Ende Oktober 1742 ein Projekt zur Vervollkommnung des königlichen Museums vor. Darin empfahl er, den Werken Alter Meister eine Auswahl neuzeitlicher Gemälde hinzuzufügen und die Gemäldesammlung in einem lichtdurchfluteten Kunsttempel unterzubringen. Allerdings lehnte Heinrich Graf von Brühl in seiner Funktion als Generalintendant der Königlichen Galerie das kostenaufwändige Projekt ab. Jedoch erhielt Algarotti die Erlaubnis, im März 1743 erstmals im Auftrag Augusts III. nach Venedig zu reisen, um Kunstwerke zu erwerben und - seiner Vision entsprechend - zeitgenössische Künstler mit Gemälden zu beauftragen. Aus dem Atelier des befreundeten Malers Giovanni Battista Tiepolo stammten z.B. die Gemälde „Maecenas stellt Augustus die freien Künste vor“ (1743) und „Triumph der Flora“ (1743). Die Bilder befinden sich heute in der Staatlichen Eremitage in St. Petersburg bzw. in den Fine Arts Museums of San Francisco (USA). Insgesamt drei Reisen nach Italien unternahm Algarotti zwischen 1743 und 1746 in sächsischen Diensten stehend und erwarb dabei eine große Anzahl an Gemälden für die Dresdner Kunstsammlungen. Hierzu zählte auch 1744 ein Gemälde von Jean-Étienne Liotard. Es zeigt ein Dienstmädchen, das seiner Herrschaft eine Tasse heiße Schokolade serviert. Unter dem Namen „Das Schokoladenmädchen“ (1744) avancierte das leuchtende Pastell zu einem Publikumsliebling. Im folgenden Jahr saß Algarotti Liotard selbst Modell. Das Pastellgemälde (1745) zeigt ihn mit perfekt onduliertem Haar, mit Spitzenjabot und schwarzer Schleife in einem taubenblauen Samtmantel mit Fellbesatz. Das Bild befand sich im Privatbesitz des Künstlers und gelangte 1873 in das Rijksmuseum Amsterdam. – Trotz seiner emsigen Sammlungstätigkeit gelang es Algarotti nicht, eine ihm gebührende Anerkennung am sächsischen Hof zu erhalten. So wurde er z.B. am 21.5.1744 nicht zum Oberaufseher des Bauamts und der königlichen Kabinette ernannt, sondern erhielt lediglich den Titel Geheimer Kriegsrat. Seine propreußische Haltung und nicht zuletzt seine Kritik am Fehlen italienischer Druckgrafiken bestärkten die Vorbehalte des mächtigen Premierministers Brühl und dessen Privatsekretärs und Direktors des Kupferstichkabinetts Carl Heinrich von Heineken. Sie bremsten den Ehrgeiz Algarottis auf ihre Art: Die von ihm angeregten Verhandlungen über den Erwerb der Sammlung des Francesco III. dʼEste, Herzog von Modena und Reggio, legten sie in die Hände der kursächsischen Agenten Pietro Guarienti und Giovanni Ventura Rossi. Bitter enttäuscht von diesen Entwicklungen und von Friedrich II., mit dem er auch in seiner Dresdner Zeit in Kontakt stand, umworben, kehrte Algarotti 1747 nach Preußen zurück. – In Berlin erhielt er den begehrten Titel eines Kammerherrn inklusive einer jährlichen Pension von 3.000 Talern. Am 23.4.1747 wurde er mit dem Orden Pour le mérite geehrt und im Mai wurde Algarotti zum auswärtigen Mitglied der Königlich-Preußischen Akademie der Künste und mechanischen Wissenschaften ernannt. Algarotti bereicherte die Tafelrunde Friedrichs II. auf Schloss Sanssouci und beriet den preußischen König in Philosophie und Literatur, Musik und Kunst. Querelen am Hof, v.a. aber gesundheitliche Probleme veranlassten Algarotti im Winter 1753 seinen Dienst zu quittieren und nach Italien zurückzukehren. Am 3.5.1764 verstarb er in Pisa (Italien). Seine Schriften und die zum Netzwerk Algarottis zählenden Persönlichkeiten beschäftigen die Wissenschaft noch heute.

Quellen Francesco Algarotti, Briefwechsel mit Friedrich II., hrsg. von Wieland Giebel, Berlin 2008.

Werke Rime, Bologna 1733; Il Newtonianismo per le dame ovvero dialogo sopra la luce e i colori, Venedig 1737 (ND Berlin 1752), dt.: Jo. Newtons Welt=Wissenschaft für das Frauenzimmer Oder Unterredung über das Licht, die Farben und die Anziehende Kraft, Braunschweig 1745 (ND Hannover 2012); Il congresso di Citera, Neapel 1745 (ND Bologna 2003), dt.: Der Kongreß von Cythera, Leipzig 1747 (ND Hannover 2011); Saggio sopra lʼopera in musica, Venedig 1755, Livorno 21763; Saggio sopra lʼachitettura, Venedig 1756 (ND Mailand 2005); Versi sciolti Lettere sopra la scienza militare del segretario fiorentino, 1757; Saggio sopra Orazio, 1761 (ND Venosa 1990); Saggio sopra lʼAccademia di Francia che è in Roma, Livorno 1763 (ND Ponzano Veneto 2022); Opere del Conte Algarotti, 8 Bde, Livorno u.a 1764; Pensieri diversi, Livorno 1765 (ND Berlin 2001).

Literatur Gerald Heres, Dresdner Kunstsammlungen im 18. Jahrhundert, Leipzig 2006; Rita Unfer Lukoschik, Hors de Paris point de salut? Francesco Algarotti als Kulturvermittler zwischen Preußen, Sachsen und Italien, in: Jahrbuch für internationale Germanistik 1/2009, S. 9-45; Ute Christina Koch, Algarotti, Tiepolo und der antike Geschmack, in: Gernot Kamecke (Hg.), Antike als Konzept. Lesarten der Kunst und der Literatur in den Geisteswissenschaften, Berlin 2009, S. 213-223; Hans Schumacher/Brunhilde Wehinger (Hg.), Francesco Algarotti. Ein philosophischer Hofmann im Jahrhundert der Aufklärung, Hannover 2009; Ivana Miatto, Francesco Algarotti (1712-1764). Annotazioni biografiche, München 2011; Norbert Schmitz, Der italienische Freund, Hannover 2012; Martin Schuster/Thomas Ketelsen (Hg.), Carl Heinrich von Heineken in Dresden und auf Schloss Altdöbern, Dresden 2018; Klaus-Werner Haupt, Francesco Algarotti. Gelehrter - Connaisseur - Poet, Weimar 2019. – ADB 1, S. 340; DBE II 1, S. 114f.; NDB 1, S. 199f.

Porträt Count Francesco Algarotti, Jean-Étienne Liotard, 1745, Pastell auf Pergamentpapier, Rijksmuseum Amsterdam, Objekt-Nr. SK-A-234 (Bildquelle] [Public Domain Mark 1.0; dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Public Domain Mark 1.0 Lizenz].

Klaus-Werner Haupt
19.12.2025


Empfohlene Zitierweise:
Klaus-Werner Haupt, Artikel: Francesco Graf von Algarotti,
in: Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde,
https://saebi.isgv.de/biografie/128 [Zugriff 6.2.2026].

Francesco Graf von Algarotti



Quellen Francesco Algarotti, Briefwechsel mit Friedrich II., hrsg. von Wieland Giebel, Berlin 2008.

Werke Rime, Bologna 1733; Il Newtonianismo per le dame ovvero dialogo sopra la luce e i colori, Venedig 1737 (ND Berlin 1752), dt.: Jo. Newtons Welt=Wissenschaft für das Frauenzimmer Oder Unterredung über das Licht, die Farben und die Anziehende Kraft, Braunschweig 1745 (ND Hannover 2012); Il congresso di Citera, Neapel 1745 (ND Bologna 2003), dt.: Der Kongreß von Cythera, Leipzig 1747 (ND Hannover 2011); Saggio sopra lʼopera in musica, Venedig 1755, Livorno 21763; Saggio sopra lʼachitettura, Venedig 1756 (ND Mailand 2005); Versi sciolti Lettere sopra la scienza militare del segretario fiorentino, 1757; Saggio sopra Orazio, 1761 (ND Venosa 1990); Saggio sopra lʼAccademia di Francia che è in Roma, Livorno 1763 (ND Ponzano Veneto 2022); Opere del Conte Algarotti, 8 Bde, Livorno u.a 1764; Pensieri diversi, Livorno 1765 (ND Berlin 2001).

Literatur Gerald Heres, Dresdner Kunstsammlungen im 18. Jahrhundert, Leipzig 2006; Rita Unfer Lukoschik, Hors de Paris point de salut? Francesco Algarotti als Kulturvermittler zwischen Preußen, Sachsen und Italien, in: Jahrbuch für internationale Germanistik 1/2009, S. 9-45; Ute Christina Koch, Algarotti, Tiepolo und der antike Geschmack, in: Gernot Kamecke (Hg.), Antike als Konzept. Lesarten der Kunst und der Literatur in den Geisteswissenschaften, Berlin 2009, S. 213-223; Hans Schumacher/Brunhilde Wehinger (Hg.), Francesco Algarotti. Ein philosophischer Hofmann im Jahrhundert der Aufklärung, Hannover 2009; Ivana Miatto, Francesco Algarotti (1712-1764). Annotazioni biografiche, München 2011; Norbert Schmitz, Der italienische Freund, Hannover 2012; Martin Schuster/Thomas Ketelsen (Hg.), Carl Heinrich von Heineken in Dresden und auf Schloss Altdöbern, Dresden 2018; Klaus-Werner Haupt, Francesco Algarotti. Gelehrter - Connaisseur - Poet, Weimar 2019. – ADB 1, S. 340; DBE II 1, S. 114f.; NDB 1, S. 199f.

Porträt Count Francesco Algarotti, Jean-Étienne Liotard, 1745, Pastell auf Pergamentpapier, Rijksmuseum Amsterdam, Objekt-Nr. SK-A-234 (Bildquelle] [Public Domain Mark 1.0; dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Public Domain Mark 1.0 Lizenz].

Klaus-Werner Haupt
19.12.2025


Empfohlene Zitierweise:
Klaus-Werner Haupt, Artikel: Francesco Graf von Algarotti,
in: Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde,
https://saebi.isgv.de/biografie/128 [Zugriff 6.2.2026].