David Salomon Magnus

David Salomon Magnus war ein aus Ostpreußen zugewanderter Ingenieur, Maschinenfabrikant und vermutlich erster Vertreter seiner Profession in Leipzig, der einem jüdischen Glaubensbekenntnis anhing. Herausragende Anerkennung fand er schon zu Lebzeiten als jahrzehntelanges Mitglied und späterer Vorsteher der Israelitischen Religionsgemeinde Leipzigs. – Geboren wurde Magnus in der ostpreußischen Stadt Lyck (poln. Ełk) im Nordosten des heutigen Polen wahrscheinlich als Sohn eines erfolgreichen Textilkaufmanns. Hier dürfte er seine Kindheit und frühe Jugend verbracht haben, bevor er ab Mai 1851 überwiegend im nahen Königsberg (russ. Kaliningrad) lebte. Magnus folgte nicht dem beruflichen Vorbild seines Vaters, sondern absolvierte ein Ingenieursstudium, dem sich von Juli 1861 bis September 1863 eine längere Ausbildungsreise in Fabriken Englands und Frankreichs anschloss. Mit 27 Jahren kam Magnus im Herbst 1863 nach Leipzig, wo er erklärtermaßen seine dauerhafte Niederlassung anstrebte. Attraktiv machte er diesen Plan gegenüber den Behörden nicht zuletzt durch Verweis auf sein Vermögen, das er auch nutzte, um die bedeutende Landmaschinenfabrik des Agrarwissenschaftlers Wilhelm von Hamm in Eutritzsch zu erwerben. Der Kauf ging offenbar ohne Probleme vonstatten, im April 1864 gab Magnus an, neben der Anzahlung für das Grundstück bereits 4.000 Taler in Landmaschinen und Werkzeuge investiert zu haben. Bei seinem Antrag, Bürger Sachsens und Leipzigs zu werden, konnte Magnus auf den Rückhalt des Stadtrats und vieler Stadtverordneter zählen. Diese bescheinigten dem aufstrebenden Unternehmer, dass er alle erforderlichen Nachweise habe vorlegen können und auch sonst keine Bedenken vorhanden seien. Im Mai 1864 erhielt Magnus das ersehnte Leipziger Bürgerrecht und richtete am Brühl im Zentrum der Stadt ein Büro für seine Eutritzscher Fabrik ein. Diese stellte nach wie vor landwirtschaftliche Maschinen, Eisengusserzeugnisse und bäuerliche Hilfsmittel her. Bald jedoch spezialisierte sich die Produktion auf Schieber, Hydranten, Ventile und Wasserhähne. Hintergrund war der Bau eines industriellen Wasserwerks in Connewitz 1866, das einen enormen Bedarf an diesen Bauteilen entstehen ließ. Zudem verließen Magnus’ Fabrik, die 1871 Arbeit für 38 Menschen bot, auch Leitungsarmaturen, Konsolen, Wandarme, Fenster, Gitter, Säulen, Träger und ähnliche Teile, die im Bauhandwerk nachgefragt waren. Mit seiner geglückten Etablierung schien sich der inzwischen über 30-jährige Magnus zunehmend auch dem Privatleben und der eigenen Frömmigkeit zu widmen: Der im damals noch nicht eingemeindeten Dorf Eutritzsch wohnende Magnus gehörte mit der im gleichen Jahr reformierten Gemeindeordnung obligatorisch der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig an. Magnus war seit 1869 Vater eines Mädchens, eine weitere Tochter verstarb tragischerweise im Februar 1879 ohne Vergabe eines Namens drei Tage nach der Geburt. Seit 1873 zählte Magnus zur Gemeindevertretung, war hier zunächst Verordneten-Ersatzmann, dann selbst einer von 15 Verordneten und rückte nach acht Jahren schließlich in den Gemeindevorstand auf, wo er mit der Sorge für Kultus und Synagoge betraut war. Magnus’ Engagement für die Gemeinde brachte ihm weithin Respekt ein. Zeitgleich kam es zum Bedeutungsverlust seines Unternehmens, das sich einer erstarkenden Konkurrenz in Leipzig gegenübersah. Erschwerend kam der Tod von Magnus’ Buchhalter Anton Berliner 1895 hinzu, der ihm jahrelang loyal zur Seite gestanden hatte. Spätestens 1898 dürfte Magnus’ Zeitpensum ausgefüllt gewesen sein, als er zum Vorsteher der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig gewählt wurde und es an ihm lag, in einer Zeit von Umbruch und Unruhe souveräne Führungskraft zu beweisen: Die Verdopplung der Gemeindemitglieder bis 1914 verlangte Verwaltungs- und Organisationsgeschick, zumal sowohl Einnahmen als auch Ausgaben auf das etwa Dreifache anstiegen. Obendrein griffen Vorurteile und Antisemitismus in Teilen der Gesellschaft um sich. Ein starker Zuzug orthodoxer Juden aus Osteuropa, die den liberalisierten Kultus und Religionsunterricht in Leipzig ablehnten, warf zusätzlich neue Herausforderungen auf. Magnus, der das Stadtbüro seines Betriebs 1905 aufgegeben und 1912 das Eutritzscher Fabrikgrundstück verkauft hatte, begegnete letzterer Situation mit einer Doppelstrategie aus weitgehender Abgrenzung und Minimalzugeständnis. Um das eher liberal ausgerichtete Profil der Leipziger Gemeinde zu wahren, gestattete der Vorsteher z.B. privaten Religionsunterricht für Kinder orthodoxer Gläubiger abseits der Gemeindeschule, außerdem setzte er sich zugunsten eines orthodoxen Betlokals ein. Weitergehende Maßnahmen für eine Gleichberechtigung orthodoxer Juden ergriff er nicht. Umfassende Anerkennung erwarb er sich als Vorsteher um das jüdische Friedhofs- und Beerdigungswesen, die würdige Gemeindevertretung nach außen und als Ausschussmitglied des Deutsch-Israelitischen Gemeindebunds. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 führte zu einem Aufschub regulärer Neuwahlen der Gemeinde, sodass auch der inzwischen hochbetagte Magnus kommissarisch im Amt verblieb. Am 9.11.1915 verstarb er krankheitsbedingt mit 79 Jahren und fand auf dem Israelitischen Friedhof an der Berliner Straße im Leipziger Norden seinen letzten Ruheort. Bestattet wurde er unter großer Anteilnahme neben seiner Ehefrau Sophie, die er um mehr als 15 Jahre überlebt hatte. In der Rückschau darf man sich Magnus einerseits als bedeutenden, hochgebildeten Unternehmer vorstellen und andererseits in ihm den letzten Gemeindevorsteher sehen, der sich mit Nachdruck um die weitgehende Isolation orthodoxer Reformgegner von assimilierten Juden in Leipzig bemühte, die der liberalen Richtung zuneigten. Unter seinem Nachfolger Abraham Adler erfolgten dagegen Schritte zur Integration der Orthodoxie. Von der Wertschätzung für Magnus legt seine bis heute erhaltene Grabtafel Zeugnis ab, welche die Israelitische Religionsgemeinde zu Leipzig laut Inschrift „Ihrem Vorsteher und Ehrenmitgliede in dankbarer Erinnerung“ gewidmet hat. Zudem war er schon am 1.1.1903 mit einer Urkunde anlässlich seines 30-jährigen Jubiläums als Angehöriger der Gemeindevertretung ausgezeichnet worden. Darüber hinaus engagierte sich Magnus als Mitglied des Eutritzscher Gemeinderats und war Vorstandsmitglied der Leipziger Ortskrankenkasse sowie des hiesigen Vereins der Nationalliberalen Partei. Auch trat er als Vorsitzender der Ortsgruppe des Hilfsvereins der deutschen Juden hervor. Für seine Verdienste verlieh ihm 1911 König Friedrich August III. das Ritterkreuz des Albrechtsordens I. Klasse.

Quellen Central Archives for the History of the Jewish People Jerusalem, D/Le1/9-11; Stadtarchiv Leipzig, 0008 Ratsstube, Tit. LI Nr. 235, 0056 Wahl- und Listenamt, Fallakten/Aufnahme- und Bürgerakten Nr. 22101, 0045 Abteilung für Standesamtssachen/Standesamt, Standesamt Eutritzsch, Geburtenregister 1879, Nr. 37; Ephraim-Carlebach-Stiftung, Der Alte Israelitische Friedhof. Zeuge jüdischer Kultur und Tradition in Leipzig.

Literatur Ingenieur David Magnus †, in: Leipziger Tageblatt und Handelszeitung 10.11.1915, S. 4; Juden in Leipzig. Eine Dokumentation zur Ausstellung anläßlich des 50. Jahrestages der faschistischen Pogromnacht, hrsg. vom Rat des Bezirks Leipzig, Abteilung Kultur, Leipzig 1988; Adolf Diamant, Chronik der Juden in Leipzig. Aufstieg, Vernichtung und Neuanfang, Chemnitz/Leipzig 1993; Josef Reinhold, Zwischen Aufbruch und Beharrung. Juden und jüdische Gemeinde in Leipzig während des 19. Jahrhunderts, Dresden 1999; Ulrich Krüger, David Salomon Magnus. Ingenieur, Maschinenfabrikant und Vorsteher der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig, in: Leipziger Blätter 20/2001, H. 39, S. 80f.

Lucas Böhme
18.8.2025


Empfohlene Zitierweise:
Lucas Böhme, Artikel: David Salomon Magnus,
in: Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde,
https://saebi.isgv.de/biografie/29404 [Zugriff 30.8.2025].

David Salomon Magnus



Quellen Central Archives for the History of the Jewish People Jerusalem, D/Le1/9-11; Stadtarchiv Leipzig, 0008 Ratsstube, Tit. LI Nr. 235, 0056 Wahl- und Listenamt, Fallakten/Aufnahme- und Bürgerakten Nr. 22101, 0045 Abteilung für Standesamtssachen/Standesamt, Standesamt Eutritzsch, Geburtenregister 1879, Nr. 37; Ephraim-Carlebach-Stiftung, Der Alte Israelitische Friedhof. Zeuge jüdischer Kultur und Tradition in Leipzig.

Literatur Ingenieur David Magnus †, in: Leipziger Tageblatt und Handelszeitung 10.11.1915, S. 4; Juden in Leipzig. Eine Dokumentation zur Ausstellung anläßlich des 50. Jahrestages der faschistischen Pogromnacht, hrsg. vom Rat des Bezirks Leipzig, Abteilung Kultur, Leipzig 1988; Adolf Diamant, Chronik der Juden in Leipzig. Aufstieg, Vernichtung und Neuanfang, Chemnitz/Leipzig 1993; Josef Reinhold, Zwischen Aufbruch und Beharrung. Juden und jüdische Gemeinde in Leipzig während des 19. Jahrhunderts, Dresden 1999; Ulrich Krüger, David Salomon Magnus. Ingenieur, Maschinenfabrikant und Vorsteher der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig, in: Leipziger Blätter 20/2001, H. 39, S. 80f.

Lucas Böhme
18.8.2025


Empfohlene Zitierweise:
Lucas Böhme, Artikel: David Salomon Magnus,
in: Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde,
https://saebi.isgv.de/biografie/29404 [Zugriff 30.8.2025].