Christian Ludwig Stieglitz

S. stammte aus einer einflussreichen Familie, die seit dem 17. Jahrhundert in Leipzig ansässig war und 1765 in den Reichsadelsstand erhoben wurde, ohne dass ihre Vertreter zunächst von diesem Diplom Gebrauch machten. Die Familie brachte eine Reihe an Juristen hervor, die hohe städtische Ämter bekleideten. S. war Mitglied des Leipziger Stadtrats und verfasste zahlreiche Schriften zur Architekturgeschichte. – Nach dem frühen Tod seines Vaters 1772 übernahm der bekannte Theologe Johann August Ernesti die Vormundschaft für S., der zunächst die Leipziger Thomasschule besuchte. Wie sein Vater und Großvater schlug er eine juristische Laufbahn ein und begann 1773 ein Studium an der Universität in Leipzig, bei dem er sich neben den Rechtswissenschaften u.a. mit Philosophie und Mathematik beschäftigte. 1784 wurde er mit der Dissertation „De causis, cur jus feudale germanicum in Germania neglectum et jus feudale longobardicum receptum sit“ zum Doktor beider Rechte promoviert. Ab 1792 war er Mitglied des Leipziger Ratskollegiums, wurde 1801 zum Stadtrichter und 1804 zum Baumeister ernannt. 1810 erarbeitete er eine neue Feuerordnung für die Stadt Leipzig. Von 1823 an bekleidete S. das Amt des Prokonsuls, das er bis 1830 innehatte. Darüber hinaus war er in entwerfender wie in umsetzender Funktion an einer Reihe von Bauprojekten beteiligt. So leitete er zum Beispiel den Neubau des Leipziger Kuhturms. Schon früh war er in der Nachfolge seines Vaters in das Kollegiatstift Wurzen eingetreten. 1791 als Kanonikus aufgenommen, wurde er 1810 zum Propst erhoben. Außerdem war er Vorsteher der Leipziger Thomasschule. – 1801 trat S. in die „Deutsche Gesellschaft“ ein, die sich der Förderung der deutschen Sprache verschrieben hatte. Da diese immer weiter an Mitgliedern verlor, wurde sie 1827 unter seiner Mitwirkung durch Zusammenschluss zweier Vereinigungen als „Deutsche Gesellschaft zur Erforschung vaterländischer Sprache und Alterthümer in Leipzig“ neugegründet. Bis 1832 war S. Geschichtsschreiber der Gesellschaft und wurde, nachdem er dieses Amt niedergelegt hatte, im selben Jahr zu ihrem Vorsteher ernannt. 1828 war er in Leipzig an der Gründung des „Vereins der hiesigen Kunstfreunde“ beteiligt. Darüber hinaus war S. Mitglied der Leipziger Freimaurerloge „Minerva zu den drei Palmen“, als deren Bibliothekar er tätig war. – Bereits in seiner Kindheit und Jugend zeichnete S. ein reges Interesse an der Kunst aus. Sein Vater besaß neben einer Gemäldesammlung ein Münz- und Medaillenkabinett sowie eine Sammlung von Mineralien. S.s Leidenschaft galt besonders der Architektur und der Archäologie, mit deren Erforschung er sich fortwährend beschäftigte. Daraus gingen zahlreiche Schriften hervor. So gab er 1786, zunächst noch anonym, seine „Versuche über die Baukunst“ heraus. Mit dem Jahr 1792 begann er, seine Schriften unter seinem Namen zu veröffentlichen. Als Erstes publizierte er auf diese Weise seine „Geschichte der Baukunst der Alten“ (1792). Zwischen 1792 und 1798 gab er seine umfangreiche „Encyklopädie der bürgerlichen Baukunst“ heraus, die fünf Bände umfasste. In weiteren Schriften beschäftigte er sich neben der Architektur und Archäologie auch mit der Numismatik und der Gartenkunst. Noch im Alter veröffentlichte er seine zweibändigen „Beiträge zur Geschichte der Ausbildung der Baukunst“ (1834). Von S. stammen außerdem einige dichterische Werke, wie die anonym herausgegebenen „Erzählungen aus den Ritterzeiten“ (1787) und „Wartburg. Gedicht in fünf Gesängen“ (1802). – Darüber hinaus war S. auch zeichnerisch tätig. Nachdem er in jungen Jahren Unterricht darin erhalten hatte, betätigte er sich auch später noch als Zeichner und entwarf für seine Schriften eigens die Illustrationen. Es sind Landschafts- und Architekturzeichnungen von ihm bekannt, von denen sich einige in der Sammlung des Stadtgeschichtlichen Museums in Leipzig befinden. Außerdem fertigte er Radierungen nach Zeichnungen Rembrandts an. Zahlreiche Akademien, Gesellschaften und Vereine, wie u.a. die Bayerische Akademie der Wissenschaften, ernannten S. im Laufe seines Lebens zu ihrem (Ehren-)Mitglied. Anlässlich seines 50-jährigen Doktorjubiläums 1834 gab S.s Sohn seine Dissertation neu heraus.

Werke De causis, cur jus feudale germanicum in Germania neglectum et jus feudale longobardicum receptum sit, Diss. Leipzig 1784, ND ebd. 1834; Versuche über die Baukunst, Jena 1786; Erzählungen aus den Ritterzeiten, Weißenfels 1787; Über den Gebrauch von Grotesken und Arabesken, Leipzig 1790; Geschichte der Baukunst der Alten, Leipzig 1792; Encyklopädie der bürgerlichen Baukunst, in welcher alle Fächer dieser Kunst nach alphabetischer Ordnung abgehandelt sind. Ein Handbuch für Staatswirthe, Baumeister und Landwirthe, 5 Bde., Leipzig 1792-1798; Die Baukunst der Alten. Ein Handbuch für Freunde dieser Kunst. Nebst einem architektonischen Wörterbuche, Leipzig 1796; Gemälde von Gärten in neuem Geschmack, Leipzig 1798, 21804; Archäologie der Baukunst der Griechen und Römer, 2 Bde., Weimar 1801; Wartburg. Gedicht in fünf Gesängen, Leipzig 1802; Geschichte der Baukunst vom frühesten Alterthume bis in die neuern Zeiten, Nürnberg 1827; Beiträge zur Geschichte der Ausbildung der Baukunst, 2 Bde., Leipzig 1834.

Literatur Karl August Espe, Dr. Christian Ludwig S. Worte der Aufforderung an die ... Mitglieder der Deutschen Gesellschaft, feierlich die irdische Hülle des Verewigten nach dem Grabe zu begleiten, Leipzig 1836; Christian Ludwig S. Biographische Notiz, in: Allgemeine Bauzeitung 47/1838, S. 423-426; Rudolph Weigel (Hg.), Die Werke der Maler in ihren Handzeichnungen. Beschreibendes Verzeichniss der in Kupfer gestochenen, lithographirten und photographirten Facsimiles von Originalzeichnungen grosser Meister, Leipzig 1865; Clemens Alexander Wimmer, Bäume und Sträucher in historischen Gärten. Gehölzverwendung in Geschichte und Denkmalpflege, Dresden 2001; Harry Francis Mallgrave (Hg.), Architectural Theory, Bd. 1: An Anthology from Vitruvius to 1870, Malden u.a. 2006; Clemens Alexander Wimmer, Lustwald, Beet und Rosenhügel. Geschichte der Pflanzenverwendung in der Gartenkunst, Weimar 2014. – ADB 36, S. 176f.; DBA I, III; DBE 9, S. 527; Neuer Nekrolog der Deutschen 14/1836, H. 1, S. 438-443; Oskar Ludwig Bernhard Wolff (Hg.), Enzyclopädie der deutschen Nationalliteratur oder biographisch-kritisches Lexicon der deutschen Dichter und Prosaisten seit den frühesten Zeiten, nebst Proben aus ihren Werken, Bd. 7, Leipzig 1842, S. 221; Jane Turner (Hg.), The Dictionary of Art, Bd. 29, New York 1996, S. 657f.; Thieme/Becker, Bd. 32, Leipzig 1999, S. 39f.; Stadtlexikon Leipzig von A bis Z, hrsg. von PRO LEIPZIG e.V., Leipzig 2005, S. 573.

Porträt Porträt des Christian Ludwig S. (1756-1836), Stadtrichter ab 1802, Johann Friedrich August Tischbein, 1804, Öl auf Leinwand, Stadtgeschichtliches Museum Leipzig, Inv.-Nr. Stadtrichter Nr. 56 (Bildquelle) [Public Domain Mark 1.0; dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Public Domain Mark 1.0 Lizenz].

Alana Möller
7.7.2020

Empfohlene Zitierweise:
Alana Möller, Stieglitz, Christian Ludwig, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V.
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (12.8.2020)

Christian Ludwig Stieglitz



Werke De causis, cur jus feudale germanicum in Germania neglectum et jus feudale longobardicum receptum sit, Diss. Leipzig 1784, ND ebd. 1834; Versuche über die Baukunst, Jena 1786; Erzählungen aus den Ritterzeiten, Weißenfels 1787; Über den Gebrauch von Grotesken und Arabesken, Leipzig 1790; Geschichte der Baukunst der Alten, Leipzig 1792; Encyklopädie der bürgerlichen Baukunst, in welcher alle Fächer dieser Kunst nach alphabetischer Ordnung abgehandelt sind. Ein Handbuch für Staatswirthe, Baumeister und Landwirthe, 5 Bde., Leipzig 1792-1798; Die Baukunst der Alten. Ein Handbuch für Freunde dieser Kunst. Nebst einem architektonischen Wörterbuche, Leipzig 1796; Gemälde von Gärten in neuem Geschmack, Leipzig 1798, 21804; Archäologie der Baukunst der Griechen und Römer, 2 Bde., Weimar 1801; Wartburg. Gedicht in fünf Gesängen, Leipzig 1802; Geschichte der Baukunst vom frühesten Alterthume bis in die neuern Zeiten, Nürnberg 1827; Beiträge zur Geschichte der Ausbildung der Baukunst, 2 Bde., Leipzig 1834.

Literatur Karl August Espe, Dr. Christian Ludwig S. Worte der Aufforderung an die ... Mitglieder der Deutschen Gesellschaft, feierlich die irdische Hülle des Verewigten nach dem Grabe zu begleiten, Leipzig 1836; Christian Ludwig S. Biographische Notiz, in: Allgemeine Bauzeitung 47/1838, S. 423-426; Rudolph Weigel (Hg.), Die Werke der Maler in ihren Handzeichnungen. Beschreibendes Verzeichniss der in Kupfer gestochenen, lithographirten und photographirten Facsimiles von Originalzeichnungen grosser Meister, Leipzig 1865; Clemens Alexander Wimmer, Bäume und Sträucher in historischen Gärten. Gehölzverwendung in Geschichte und Denkmalpflege, Dresden 2001; Harry Francis Mallgrave (Hg.), Architectural Theory, Bd. 1: An Anthology from Vitruvius to 1870, Malden u.a. 2006; Clemens Alexander Wimmer, Lustwald, Beet und Rosenhügel. Geschichte der Pflanzenverwendung in der Gartenkunst, Weimar 2014. – ADB 36, S. 176f.; DBA I, III; DBE 9, S. 527; Neuer Nekrolog der Deutschen 14/1836, H. 1, S. 438-443; Oskar Ludwig Bernhard Wolff (Hg.), Enzyclopädie der deutschen Nationalliteratur oder biographisch-kritisches Lexicon der deutschen Dichter und Prosaisten seit den frühesten Zeiten, nebst Proben aus ihren Werken, Bd. 7, Leipzig 1842, S. 221; Jane Turner (Hg.), The Dictionary of Art, Bd. 29, New York 1996, S. 657f.; Thieme/Becker, Bd. 32, Leipzig 1999, S. 39f.; Stadtlexikon Leipzig von A bis Z, hrsg. von PRO LEIPZIG e.V., Leipzig 2005, S. 573.

Porträt Porträt des Christian Ludwig S. (1756-1836), Stadtrichter ab 1802, Johann Friedrich August Tischbein, 1804, Öl auf Leinwand, Stadtgeschichtliches Museum Leipzig, Inv.-Nr. Stadtrichter Nr. 56 (Bildquelle) [Public Domain Mark 1.0; dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Public Domain Mark 1.0 Lizenz].

Alana Möller
7.7.2020

Empfohlene Zitierweise:
Alana Möller, Stieglitz, Christian Ludwig, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V.
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (12.8.2020)