Carl Wedderkopf

W. war ein energischer und zielstrebiger Mann, der sich durch starke Eigeninitiative zu einer vielseitig ausgebildeten Persönlichkeit entwickeln konnte. V.a. für die Stadt Freital war er ab 1922 als erster gewählter Bürgermeister ein Glücksfall. Obwohl er erst ein Jahr zuvor seine universitäre Ausbildung abgeschlossen hatte, schaffte es W. mit großem Erfolg die Voraussetzungen für eine funktionierende Stadt zu organisieren. Um die schwierigen Lebensbedingungen der Bewohner Freitals zu verbessern, gelang es, ein leistungsfähiges Sozialsystem aufzubauen. – W. wurde als Sohn des 1887 verstorbenen Fuhrmanns Heinrich Wedderkopf in Wolfenbüttel im Herzogtum Braunschweig geboren. Vom 6. bis zum 14. Lebensjahr besuchte er die Erste Bürgerschule Wolfenbüttel und trat mit 17 Jahren freiwillig in den Dienst der kaiserlichen Marine, wo er an Bord von Marineschiffen im In- und Ausland tätig war. 1914 absolvierte er die Primareife an der Gaußschule, Städtische Oberrealschule am Löwenwall in Braunschweig. Zu diesem Zeitpunkt stand er im Rang eines Deckoffiziers. Nach dem Besuch der Technischen Marineschulen absolvierte er die Abschlussprüfungen zum Maschinenbauer und erlangte im weiteren Verlauf seiner Dienstzeit durch seine guten praktischen und theoretischen Fähigkeiten die Funktion eines Torpedo-Oberingenieurs mit dem Rang eines Oberleutnants zur See. Am Ende des Ersten Weltkriegs wurde er auf eigenen Wunsch verabschiedet, um das Studium der Rechts- und Staatswissenschaften aufzunehmen. Während des Kriegs erhielt er das Eiserne Kreuz II. Klasse sowie die Militärdienstauszeichnung II. Klasse. – Bereits im September 1917 hatte W. seine Reifeprüfung an der Oberrealschule in Braunschweig absolviert. Danach studierte er neben seinem Dienst bei der Marine an der Christian-Albrechts-Universität Kiel vom Wintersemester 1917/1918 bis zum Wintersemester 1919/1920 die Staats-, Rechts- und Wirtschaftswissenschaften. Nach Abschluss seines juristischen Studiums bestand er im April 1920 die erste juristische Staatsprüfung. W. setzte sein Studium an der Universität Halle/Saale fort, wo er vom 3.5.1920 bis 30.7.1920 Nationalökonomie und ihre philosophischen Hilfswissenschaften studierte. In Leipzig dehnte er sein Studium zudem auf kommunalpolitische Themen aus. Nach einem kurzen Studienaufenthalt in München, wo er die Universität und die Handelsschule besuchte, wurde W. am 7.2.1921 in Halle mit dem Thema „Die Entwicklung der Jugendgesetzgebung und des Jugend-Fürsorgewesens in Deutschland“ promoviert. Am 3.5.1921 erhielt er seinen Doktortitel für Rechts- und Staatswissenschaften, die Dissertation wurde als Auszug in München gedruckt. – Ab Ende Juni 1921 war W. sehr erfolgreich in der Position des Zweiten Bürgermeisters der Stadt Demmin in Vorpommern tätig und ordnete dort die Städtischen Betriebe und die Finanzverwaltung. Diese erfolgreiche Arbeit in Demmin scheint - u.a. neben der Zugehörigkeit zur SPD und der kurzfristigen Verfügbarkeit W.s - mit ausschlaggebend gewesen zu sein, dass W. am 16.3.1922 gegen 52 Mitbewerber die Wahl zum Bürgermeister der am 1.10.1921 infolge der Zusammenlegung der Gemeinden Döhlen, Deuben und Potschappel gegründeten Stadt Freital gewann. Als erster gewählter Bürgermeister trat W. sein Amt am 1.5.1922 an. Laut Stadtratsbeschluss und auf eigenen Vorschlag übernahm W. zudem den Vorsitz in mehreren Ratsabteilungen, wie dem Bau-, Feuerlösch-, Finanz-, Kassen-, Steuer- und Verfassungsausschuss. Da Freital am 1.4.1924 aus dem Bezirksverband der Amtshauptmannschaft Dresden-Altstadt ausschied, wurde in Vorbereitung zum 21.2.1924 in der Stadtverordnetensitzung W. zum ersten Oberbürgermeister und Stadtrat Gustav Klimpel zum Zweiten Bürgermeister Freitals gewählt. Ab 1924 nahm W.s Leistungsfähigkeit plötzlich ab, er wurde immer häufiger krank und setzte über Monate aus oder wurde mehrfach beurlaubt. Auf eigenen Wunsch und unter Vorlage von ärztlichen Attesten beschloss der Freitaler Stadtrat einstimmig seine Pensionierung zum 1.6.1927. W. war somit für fünf Jahre Bürgermeister der Stadt Freital. Während der gesamten Regierungszeit wohnte W. in dem vom Dresdner Architekten Rudolf Bitzan 1914/1915 erbauten Rathaus Döhlen. Mit Bitzan stand W. in enger Verbindung, da der Architekt wichtige Pläne für Plätze und große Gebäude der Stadt entwarf. So wurde in W.s Regierungszeit der Potschappler Markt in eine Grünanlage mit zwei Brunnen nach den Plänen Bitzans umgestaltet. Ebenso wurde an der Verwirklichung des Freitaler Neumarkts und an einem Zentralfriedhof mit Krematorium nach einem Modell von Bitzan gearbeitet - von sieben geplanten Gebäuden wurden allerdings nur vier errichtet und die Gelder für den Zentralfriedhof hatte man erst kurz vor Baubeginn gestrichen. Dabei hatte die Bebauung des Neumarkts eine besonders wichtige Symbolfunktion: Er sollte sowohl in den Köpfen als auch in der Realität vieles vereinen und vereinfachen, die Stadteile, die Behörden, die Menschen und die gesamte Organisation. Der Platz hätte ein modernes Zentrum markiert mit allen wichtigen Institutionen und Dienstleistungen, die eine Stadt mit einer vielfältigen und blühenden Industrie benötigt hätte, keine langen Wege mehr von einem Stadtteil in den anderen, sondern alles zentral nebeneinander, in einer zeitgemäßen und modernen Architektur verpackt, als großer Rathausplatz gedacht. Vorgesehen war ein großes zentrales Rathaus, statt vier kleiner Amtshäuser, dazu ein großes Postamt am Platz, wo Industrie und Bürger ihre nötige Kommunikation und Versandgeschäfte abgewickelt hätten. Es entstand ein Finanzamt, eine Krankenkasse und eine Handels- und Gewerbeschule für den Nachwuchs der Industrie, deren Gebäude ursprünglich für die Stadtbank gedacht war und natürlich das Stadthaus (heute Ärztehaus). Für die beiden letzten hatte sich W. in besonderem Maße eingesetzt. So hatte er für den Bau der Handels- und Gewerbeschule in Eigeninitiativ im Voraus günstig Baumaterial gekauft, wodurch die Schule trotz der herrschenden Inflation 1923 mithilfe von Erwerbslosen errichtet werden konnte. Auch für das Stadthaus brachte W. ab 1923 immer wieder Finanzierungsvorschläge ein und machte 1926 den Vorschlag, das Stadthaus über die zukünftigen Mieter vorzufinanzieren, sodass das Projekt 1927 umgesetzt wurde, auch wenn W. zur Fertigstellung nicht mehr Oberbürgermeister war. – Die Regierungsphase W.s in Freital war schwierig und krisenreich, da die Zwischenkriegszeit von Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot, Inflation und Notgeld gekennzeichnet war. Sein Wirken in dieser Zeit wurde als außerordentlich erfolgreich angesehen. Noch am 28.2.1927, kurz vor seinem Weggang, wurde W. mit einer Dreiviertel-Mehrheit für weitere sechs Jahre zum Oberbürgermeister wiedergewählt. Sein Nachfolger und Wegbegleiter Klimpel lobte W.s Arbeit bei seiner Antrittsrede, was die Anwesenden mit Bravo-Rufen bestätigten. W. konnte v.a. die Finanzen der Stadt mit Taktik und absoluter Sparsamkeit vor großen Verlusten schützen, er schaffte dies durch den gezielten und rechtzeitigen Einsatz von Notgeld und der Vergabe von Krediten. Er führte die Stadt wie ein Wirtschaftsunternehmen und hielt alle städtischen Geschäftsbereiche straff in seiner Hand zusammen. So gelang es der Stadt in den ersten 5 Jahren, sowohl organisatorisch-strukturell, finanziell, sozial und baulich erfolgreich ein Fundament für die Zukunft zu bauen. Er verstand es auch, die meisten Ratsmitglieder und Einwohner für seine Ideen zu gewinnen und die ursprünglichen Ortsteile der Stadt zu einem Ganzen zu vereinen. Trotz aller Geldknappheit verlor er die sozialen Aspekte der Stadt nie aus den Augen. So wurde während seiner Amtszeit mithilfe seiner Kollegen - dem Zweiten Bürgermeister Klimpel und Friedrich Wolf, Leiter des Dezernats Gesundheit - ein mustergültiges Gesundheits- und Wohlfahrtswesen aufgebaut. Die Anerkennung, die Freital auch international hierfür erfuhr, zeigt sich etwa im Besuch der Ärztekommission des Völkerbunds im Oktober 1927. – Neben seiner kommunalpolitischen Tätigkeit war W. Vorsitzender des Aufsichtsrats der 1923 gegründeten Stadtbank Freital, die wenig später in die Freitaler Kreditbank AG umgewandelt wurde, und Vorsitzender des Vorstands der Sparkasse des Plaunschen Grundes. Zudem war er Vorsitzender der 1923 gegründeten Kraftwerke Freital AG, die aus dem ehemaligen Gemeindeverband-Elektrizitätswerk für den Plauenschen Grund zu Deuben hervorgegangen war. Am 31.1.1923 wurde W. vom sächsischen Wirtschaftsministerium zum ehrenamtlichen Mitglied der Landestelle für Gemeinwirtschaft ernannt. Der Stadtrat Freital wählte W. am 7.9.1923 in die Friedhofskommission, die die Vorbereitung der kommunalen Totenbestattung nach den gesetzlichen Vorgaben (vom 30.6.1923) umsetzte und später auch die Durchführung des Projekts Zentralfriedhof am Windberg nach den Plänen Bitzans als wichtigen Teil der kommunalen Totenbestattung vorantrieb. – Nach dem Weggang aus Freital zog W. zunächst zur Familie seines Bruders, dem Steuerinspektor Gustav Wedderkopf, nach Hannover. Sein Bruder war seine wichtigste Bezugsperson und mit ihm unternahm er im Juni 1928 auch eine Schiffsreise nach New York. Ab September 1939 bis 1946 war er dann in Berlin-Nikolassee als Marineoberbaurat in Rente gemeldet, womöglich hatte er eine Stelle bei der Marine in der Verwaltung angenommen. Danach kehrt er wieder zu seinem Bruder nach Hannover zurück. Gelegentlich hielt sich W. in Zoppot (poln. Sopot) und Wyk auf Föhr auf, ab 1954 besaß er zudem einen Zweitwohnsitz in Baden-Baden. Er verstarb im Januar 1961 an Herzschwäche im Alter von 76 Jahren. W. wurde am 20.1.1961 im Krematorium Hannover eingeäschert und die Urne am 25.1.1961 auf den Hauptfriedhof Wolfenbüttel überführt, wo er neben seinem Vater bestattet wurde. Dr. W. war nicht verheiratet und hinterließ keine Kinder.

Quellen Universitätsarchiv Halle-Wittenberg, Rep. 23, Nr. 21111: Promotionsakte von Carl W., Rep. 46, Nr. 34; Landesarchiv Schleswig-Holstein, Archiv der Christian-Albrechts-Universität Kiel, Amtliche Verzeichnisse des Personals und der Studierenden“ der Universität Kiel Wintersemester 1917/1918 bis zum Wintersemester 1919/1920; Universitätsarchiv Ludwig-Maximilians-Universität München, Studentenverzeichnis Winter 1920/1921, Studentenkartei und Belegblätter I (1914-1935); Stadtarchiv Hannover, 1.NR.6.02.2, Nr. 660 Einäscherungsbuch des Krematoriums Hannover von 1961, „Meldekarten aus dem Stadtarchiv Hannover“; Niedersächsisches Landesarchiv, Abteilung Wolfenbüttel, 10 Kb Zg.2009/506 Nr. 12, Sterberegister des Standesamts Wolfenbüttel 1887, Geburtsregister Nr. 56. 1886-1887; Städtische Sammlungen Freital, Teile einer Personalakte von Bürgermeister Dr. Carl W. in Freital, Einschätzung geschrieben von Bürgermeister Gustav Klimpel.

Werke Die Entwicklung der Jugendgesetzgebung und des Jugend-Fürsorgewesens in Deutschland, Halle/Saale 1921; (Hg.), Freital. Deutschlands Städtebau, Berlin-Halensee 1924; Tätigkeitsbericht der Stadt Freital 1921-1927.

Literatur Albert Oppermann, Carl Friedrich Gauß, Braunschweig 1914; Freitaler Volkszeitung 1922-1928, Freitaler Tageblatt „Glückauf“ 1922-1928; Tanz und Gesellschaft 27.5.1927; Thomas Klein (Hg.), Grundriss zur deutschen Verwaltungsgeschichte. 1815-1945, Bd. 14, Reihe B: Sachsen, Marburg 1982; Kurt Scherrer, Meinen lieben Eltern, ND Berlin 2010; Materialsammlung zu Carl W..

Porträt Carl W., um 1920, Fotografie, Universitätsarchiv Ludwig-Maximilians-Universität München, Studentenkartei und Belegblätter I (1914-1935).

Lutz Ziegenbalg
14.3.2022


Empfohlene Zitierweise:
Lutz Ziegenbalg, Carl Wedderkopf, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V.
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (21.5.2022)

Carl Wedderkopf



Quellen Universitätsarchiv Halle-Wittenberg, Rep. 23, Nr. 21111: Promotionsakte von Carl W., Rep. 46, Nr. 34; Landesarchiv Schleswig-Holstein, Archiv der Christian-Albrechts-Universität Kiel, Amtliche Verzeichnisse des Personals und der Studierenden“ der Universität Kiel Wintersemester 1917/1918 bis zum Wintersemester 1919/1920; Universitätsarchiv Ludwig-Maximilians-Universität München, Studentenverzeichnis Winter 1920/1921, Studentenkartei und Belegblätter I (1914-1935); Stadtarchiv Hannover, 1.NR.6.02.2, Nr. 660 Einäscherungsbuch des Krematoriums Hannover von 1961, „Meldekarten aus dem Stadtarchiv Hannover“; Niedersächsisches Landesarchiv, Abteilung Wolfenbüttel, 10 Kb Zg.2009/506 Nr. 12, Sterberegister des Standesamts Wolfenbüttel 1887, Geburtsregister Nr. 56. 1886-1887; Städtische Sammlungen Freital, Teile einer Personalakte von Bürgermeister Dr. Carl W. in Freital, Einschätzung geschrieben von Bürgermeister Gustav Klimpel.

Werke Die Entwicklung der Jugendgesetzgebung und des Jugend-Fürsorgewesens in Deutschland, Halle/Saale 1921; (Hg.), Freital. Deutschlands Städtebau, Berlin-Halensee 1924; Tätigkeitsbericht der Stadt Freital 1921-1927.

Literatur Albert Oppermann, Carl Friedrich Gauß, Braunschweig 1914; Freitaler Volkszeitung 1922-1928, Freitaler Tageblatt „Glückauf“ 1922-1928; Tanz und Gesellschaft 27.5.1927; Thomas Klein (Hg.), Grundriss zur deutschen Verwaltungsgeschichte. 1815-1945, Bd. 14, Reihe B: Sachsen, Marburg 1982; Kurt Scherrer, Meinen lieben Eltern, ND Berlin 2010; Materialsammlung zu Carl W..

Porträt Carl W., um 1920, Fotografie, Universitätsarchiv Ludwig-Maximilians-Universität München, Studentenkartei und Belegblätter I (1914-1935).

Lutz Ziegenbalg
14.3.2022


Empfohlene Zitierweise:
Lutz Ziegenbalg, Carl Wedderkopf, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V.
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (21.5.2022)