Carl Cramer

Als Publizist und Schriftsteller gehörte C. zu den führenden oppositionellen Kräften in Sachsen während des Vormärz und im Verlauf der Revolution von 1848/1849. Nach der Niederschlagung der Revolution engagierte er sich u.a. als Mitglied des Sächsischen Landtags für liberale Positionen. – C. kam als fünftes von sechs Kindern einer evangelischen Pfarrersfamilie im vogtländischen Langenbach zur Welt. 1827 bis 1834 besuchte er das Lyceum in Plauen. Nach seinem Schulbesuch zog er nach Leipzig, um vom 2.5.1834 bis 1.6.1839 Theologie und Philosophie an der dortigen Universität zu studieren. C. folgte damit der Familientradition - seine Vorfahren waren vorwiegend Kantoren und Pfarrer, die ihr Amt in Thüringen ausgeübt hatten. Nach seinem Studium begann er jedoch keine Tätigkeit als Pfarrer, sondern finanzierte seinen Unterhalt als Privatgelehrter. Grund war, dass sich bei C. Zweifel an der christlichen Lehre entwickelte hatten, da es ihm darauf ankam, das Leben auf der Erde anders zu gestalten, als es die christliche Lehre vorschrieb. Am 27.12.1843 ehelichte C. in der Leipziger Thomaskirche Friederike Henriette Dorothea Jacobina Wirth. Seine Frau war die Großcousine des im Vormärz sehr aktiven politischen Schriftstellers Johann Georg August Wirth und die Tochter des königlich bayerischen Postmeisters Franz August Wirth aus Hof/Saale. – Am 12.8.1839 wurde C. Ehrenmitglied der Leipziger Burschenschaft Germania, die nach dem Namen der Wirtschaft Koch in der Fleischergasse auch „Kochei“ genannt wurde. Die Burschenschaft erlebte mit den weiteren Ehrenmitgliedern Robert Blum und Johann Georg Günther eine Blütezeit. C. gehörte zudem seit 1842 auch dem im gleichen Jahr von Blum gegründeten „Leipziger Literatenverein“ an. – 1840 erschienen zum ersten Mal die „Sächsischen Vaterlands-Blätter“, eine oppositionelle Zeitung, die zunächst in Dresden von Adolph Schäfer und ab 1842 in Leipzig von Robert Friese, einem engen Freund Blums, herausgegeben wurde. Blum prägte durch diesen Kontakt die Zeitung maßgeblich. C. übernahm die „Sächsischen Vaterlands-Blätter“ am 17.8.1844 als Redakteur. Seine politischen Ansichten gab er in einem Einführungsbeitrag mit dem Titel „An unsere Leser“ bekannt. Weil die schlesische Opposition um Eduard von Reichenbach eng mit den „Vaterlands-Blättern“ verbunden war und durch sie sogar nachdrücklich unterstützt wurde, war es für die preußische Regierung Grund genug, immer wieder Beschwerden über die Zeitung bei der sächsischen Regierung vorzulegen und sie im Frühjahr 1845 in Preußen zu verbieten. Ein Schritt dem sich Bayern, Baden und schließlich auch Sachsen wenig später anschlossen. Wegen des Verbots der „Sächsischen Vaterlands-Blätter“ suchte C. nach einem anderen Weg, seine Meinung zu publizieren. So gab er mehrere Flugschriften heraus: Im Januar 1846 „Ein fliegendes Blatt aus dem Vaterlande“, im Februar desselben Jahrs folgten die „Stimmen aus dem Vaterlande“ und im Dezember „Ein fliegendes Blatt aus dem Vaterlande“, mit dem Untertitel „Das Ministerium des Innern und - ich!“. 1847 veröffentlichte er eine weitere Flugschrift mit dem Titel „Sächsische Zustände“. Ende 1847 beteiligte sich C. an Blums „Volksthümlichem Handbuch der Staatswissenschaften und Politik“, das zugleich das bedeutendste Werk Blums wurde. Erst am 1.4.1848 - infolge der Märzrevolution - erschienen die „Vaterlands-Blätter“ unter dem Titel „Vaterlandsblätter. Constitutionelle Staatsbürger-Zeitung“ wieder. Herausgeber waren nun - neben C. - auch Blum und Günther, verantwortlicher Redakteur wurde Rudolph Rüder. Am 30.12.1848 übernahm C. wieder in Eigenregie die „Vaterlandsblätter“. Da die Zeitung die revolutionären Entwicklungen 1848/1849 unterstützte, musste C. nach dem Ende der Revolution Geld- und Gefängnisstrafen sowie Hausdurchsuchungen erleiden. Am 31.12.1850 stellte er die Herausgabe ein. – Bereits 1845 hatte sich in Leipzig ein Redeübungsverein gegründet, in dem sich Oppositionelle zusammenfanden, die auch während der Revolution von 1848/1849 an führender Stelle stehen sollten. Der Vereinsleitung gehörte neben Blum, Arnold Ruge, Heinrich Wuttke und dem späteren Vorsteher des „Sächsischen Vaterlandsvereins“ Wilhelm Bertling auch C. an. Aus diesem Verein entwickelte sich kurz vor Ausbruch der Märzrevolution 1848 der Leipziger Vaterlandsverein, in dem C. ein Führer des gemäßigten antirepublikanischen Flügels war und für eine konstitutionelle Monarchie eintrat. C. gehörte zudem - wie auch Blum und Wuttke - dem provisorischen Ausschuss dieser Vereinigung an. – Insbesondere mit Blum, einem der bedeutendsten Parteiführer der Revolution von 1848/1849, der für seine Teilnahme am Wiener Oktoberaufstand am 9.11.1848 standrechtlich erschossen wurde, stand C. in einem engen Verhältnis. Dies geht auch daraus hervor, dass Blum noch am Morgen vor seiner Hinrichtung einen Brief an C. schrieb. Und es war C., der Jenny Blum die Mitteilung über die Hinrichtung ihres Ehemanns persönlich überbrachte. – Nach der Revolution vertrat C. 1849/1850 den 27. Wahlbezirk Borna in der Zweiten Kammer des Sächsischen Landtags. In den „Mittheilungen über die Verhandlungen des ordentlichen Landtags im Königreich Sachsen während der Jahre 1849 und 1850“ sind über einhundert Wortmeldungen von C. protokolliert. Hervorzuheben wäre hierbei seine Rede in der 43. öffentlichen Sitzung am 6.3.1850 über „Die Deutsche Verfassungsangelegenheit.“ – Neben seinem politischen Amt schrieb C. für die Wiener Presse 1863 bis 1865 Artikel in den Zeitschriften „Der Adler“ und der „Leipziger Abendpost“. Für die Zeitschrift „Der Adler. Zeitung für Deutschland“, die 1861 bis 1864 erschien, war C. zudem als Redakteur tätig. Wuttke stand ihm hierbei unterstützend zur Seite. Das Blatt sollte das „Leipziger Journal“ ersetzen. „Der Adler“ bestand allerdings nur wenige Jahre. Er hatte sich als ein zu kostspieliges Organ erwiesen, das von der Wiener Kasse nicht mehr zu halten war. – Auch nach 1849 engagierte sich C. weiterhin im Leipziger Schriftstellerverein (vormals Leipziger Literatenverein). Als dessen Schriftführer unterzeichnete er gemeinsam mit Hermann Friedrich Friedrich eine Einladung an alle Schriftsteller Deutschlands zum Schriftstellertag in Leipzig am 19. und 20.8.1865. Gegenstand der Verhandlungen waren die Bildung eines allgemeinen Deutschen Schriftstellerbunds, die Feststellung des Begriffs des schriftstellerischen Eigentums sowie des Nachdrucks. Darüber hinaus sollten auch die deutschen Theaterverhältnisse und die Tantiemen für Bühnendichter diskutiert werden. Zudem engagierte er sich in dieser Zeit auch weiter politisch. So war er - u.a. neben Wuttke, August Bebel, Wilhelm Liebknecht und Friedrich Wilhelm Fritzsche - einer der Redner auf der Volksversammlung von 1866 im großen Saal des Odeons in Leipzig, die sich gegen das Kriegstreiben Preußens gegen Österreich richtete. Am 19.12.1872 erlangte C., der zuvor seit 2.7.1839 den Status eines Schutzverwandten hatte, die Bürgerrechte der Stadt Leipzig. Seinen Unterhalt verdiente er in dieser späten Lebensphase wohl am meisten mit Korrekturen, entweder für Zeitschriften oder für andere Autoren. So wirkte er u.a. als Korrektor bei der „Leipziger Zeitung“, korrigierte 1862 die „Geschichte der französischen Literatur im Mittelalter, nebst ihren Beziehungen auf die Gegenwart“ von Herman Semmig und arbeitete über Jahrzehnte als Korrektor für den Juristen und Rechtshistoriker Gustav Friedrich Hänel. C. starb mit 69 Jahren in Reudnitz. Er wurde auf dem Neuen Johannisfriedhof in Leipzig (heute Friedenspark) beerdigt.

Werke An unsere Leser, in: Sächsische Vaterlands-Blätter 4/1844, Nr. 31, S. 525; Stimmen aus dem Vaterlande, Leipzig 1846; Ein fliegendes Blatt aus dem Vaterlande. Das Ministerium des Innern und - ich!, Leipzig 1846; Sächsische Zustände, in: Konstitutionelle Jahrbücher 2/1847, S. 44-82; (Hg.), Vaterlandsblätter. Constitutionelle Staatsbürger-Zeitung (später Vaterlandsblätter. !Vorwärts!) 1848-1850; Rede des Abgeordneten C., gehalten in der drei und vierzigsten öffentlichen Sitzung der zweiten Kammer, den 6. März 1850, in: Mittheilungen über die Verhandlungen des Ordentlichen Landtags im Königreiche Sachsen 1849 und 1850. Zweite Kammer, Bd. 1, S. 991-998; Sachsens Gegenwart und Zukunft. Ein Mahnruf an das sächsische Volk, Leipzig 1866.

Literatur Franz Ulrich, Leipzig’s Wühler und Wühlerinnen. Daguerreotypen und Vereinsgestalten, Nordhausen 1849; Robert Blum, Volksthümliches Handbuch der Staatswissenschaften und Politik. Ein Staatslexikon für das Volk, Bd. 2, Leipzig 1851, S. VII; Otto Wigand, Briefe eines deutschen Bürgers, Leipzig 1851; Wilhelm Blos, Denkwürdigkeiten eines Sozialdemokraten, Bd. 1, München 1914; Hans Uhlig, Leben und Werk Rudolf Lavants, Diss. Greifswald 1965; Robert Blum, Briefe und Dokumente, Leipzig 1981; Ralf Zerback, Robert Blum. Eine Biografie, Leipzig 2007; Peter Reichel; Robert Blum. Ein deutscher Revolutionär 1807-1848, Göttingen 2007; Gerd Cramer (Hg.), Carl Eduard C. Sein Leben und Wirken in Zeiten der Erhebung und des Umbruchs, Berlin 2017.

Porträt Carl Eduard C., Ottomar Anschütz, ca. 1875-1882, Fotografie, Gerd Cramer via Wikimedia Commons (Bildquelle) [CC BY-SA 4.0; dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Attribution-ShareAlike 4.0 International License].

Gerd Cramer
21.7.2022


Empfohlene Zitierweise:
Gerd Cramer, Carl Cramer, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V.
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (5.10.2022)

Carl Cramer



Werke An unsere Leser, in: Sächsische Vaterlands-Blätter 4/1844, Nr. 31, S. 525; Stimmen aus dem Vaterlande, Leipzig 1846; Ein fliegendes Blatt aus dem Vaterlande. Das Ministerium des Innern und - ich!, Leipzig 1846; Sächsische Zustände, in: Konstitutionelle Jahrbücher 2/1847, S. 44-82; (Hg.), Vaterlandsblätter. Constitutionelle Staatsbürger-Zeitung (später Vaterlandsblätter. !Vorwärts!) 1848-1850; Rede des Abgeordneten C., gehalten in der drei und vierzigsten öffentlichen Sitzung der zweiten Kammer, den 6. März 1850, in: Mittheilungen über die Verhandlungen des Ordentlichen Landtags im Königreiche Sachsen 1849 und 1850. Zweite Kammer, Bd. 1, S. 991-998; Sachsens Gegenwart und Zukunft. Ein Mahnruf an das sächsische Volk, Leipzig 1866.

Literatur Franz Ulrich, Leipzig’s Wühler und Wühlerinnen. Daguerreotypen und Vereinsgestalten, Nordhausen 1849; Robert Blum, Volksthümliches Handbuch der Staatswissenschaften und Politik. Ein Staatslexikon für das Volk, Bd. 2, Leipzig 1851, S. VII; Otto Wigand, Briefe eines deutschen Bürgers, Leipzig 1851; Wilhelm Blos, Denkwürdigkeiten eines Sozialdemokraten, Bd. 1, München 1914; Hans Uhlig, Leben und Werk Rudolf Lavants, Diss. Greifswald 1965; Robert Blum, Briefe und Dokumente, Leipzig 1981; Ralf Zerback, Robert Blum. Eine Biografie, Leipzig 2007; Peter Reichel; Robert Blum. Ein deutscher Revolutionär 1807-1848, Göttingen 2007; Gerd Cramer (Hg.), Carl Eduard C. Sein Leben und Wirken in Zeiten der Erhebung und des Umbruchs, Berlin 2017.

Porträt Carl Eduard C., Ottomar Anschütz, ca. 1875-1882, Fotografie, Gerd Cramer via Wikimedia Commons (Bildquelle) [CC BY-SA 4.0; dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Attribution-ShareAlike 4.0 International License].

Gerd Cramer
21.7.2022


Empfohlene Zitierweise:
Gerd Cramer, Carl Cramer, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V.
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (5.10.2022)