Georgi Emilie Hortense Felixine Yvonne
Tänzerin, Regisseurin, Tanzpädagogin
* 29.10.1903 Leipzig 25.1.1975 Hannover Hannover, Stadtfriedhof Engesohde
VCarl Theodor Marius Albrecht, Augen- und AllgemeinarztMMarguérite Cornélie, französisch-algerische Offizierstochter1932 Louis Marie George Arntzenius (1898-1964), Dirigent, Musikkritiker, Feuilletonchef von „De Telegraaf“ in Amsterdam
GND: 118690523





G. gehörte zu den avantgardistischsten AusdruckstänzerInnen aus der Schule von Mary Wigman und hat wie Hanya Holm, Harald Kreutzberg und Walter Sorell den in Dresden erlernten Ausdruckstanz als ‚German Modern Dance‘ in den USA etabliert. Dabei vermischte sie Groteske, Klassisches Ballett und Ausdruckstanz. Alleinstellungsmerkmale ihrer künstlerischen Tätigkeit sind Choreografien zu elektronischer Musik sowie Paarchoreografien. Ihre Ästhetik der Verbindung von konventionellen Tanzelementen mit freier Bewegung zeichnete sich durch eine Balance von bewegter Anmut und expressiver Körperlichkeit aus. G. suchte nach einer realen Körpersprache, die Wahrheiten vermittelt. – Als Tochter eines in Leipzig niedergelassenen Arztes und einer musisch begabten Mutter erhielt G. früh Zugang zur Kunst. Sie besuchte die Höhere Töchterschule und begann eine Ausbildung zur Bibliothekarin an der Deutschen Bücherei Leipzig. Während dieser Zeit gab G. erste Pantomime-Vorführungen. 1920 trat sie bei den „Bunten Veranstaltungen für die Jugend“ im Städtischen Kaufhaus auf, absolvierte eine kurzzeitige Ausbildung in rhythmischer Gymnastik bei Agathe Schlesinger und ging etwas später an die Bildungsanstalt für Musik und Rhythmik nach Hellerau. Ein Besuch eines Tanzabends von Wigman im November 1920 animierte G., an deren Schule zu studieren (bis 1924). Zu ihren Kommilitonen gehörten neben Holm, Kreutzberg und Sorell u.a. auch Max Terpis, Gret Palucca und Margherita Wallmann. – Noch im ersten Ausbildungsjahr stieg G. zur Meisterschülerin und Solotänzerin auf. Am 14.12.1921 wirkte sie in der Uraufführung von Wigmans „Die sieben Tänze des Lebens“ mit. 1923 ging G. mit Palucca auf Deutschlandtournee, begleitet von Alfred Schlee und Frederic Cohen (Klavier und Schlagwerk). Die jungen Künstler favorisierten, im Bann der Avantgarde, Musik von Ernst Krenek, Béla Bartók und Francis Poulenc. 1924 wirkte G. im Leipziger Kabarett „Retorte“ mit und tanzte beim Pressefest im Leipziger Zoo. Bei dieser Gelegenheit wurde sie von Kurt Jooss für das „Persische Ballett“ von Egon Wellesz engagiert, das er im Rahmen des Kammermusikfests in Donaueschingen im Sommer 1924 choreografierte. Nach ihrem Debüt in Donaueschingen holte sie Jooss für die Spielzeit 1924/1925 an das Stadttheater von Münster. Im Zuge dessen wurde G. Mitglied der „Neuen Tanzbühne“, einer Truppe, der u.a. Jooss, Cohen, Hanns Ludwig Niedecken-Gebhard, Rudolf Schulz-Dornburg, Sigurd Leeder und Hein Heckroth angehörten. 1925 stieg sie zur Ballettmeisterin am Fürstlich Reußischen Theater in Gera auf, wo sie groteske, teils kryptische Choreografien wie die „Arabische Suite“, „Saudades do Brasil“ oder „Barabau“ darbrachte. Mit diesen Produktionen war sie sehr erfolgreich und erhielt Einladungen nach Leipzig und Berlin. – Im Herbst 1926 ging G. an die Städtischen Bühnen Hannover und gründete eine eigene Tanzschule. Im Dezember 1926 gab G. ihren ersten Tanzabend in Hannover mit den Balletten „Pulcinella“ und „Petrushka“ von Igor Strawinsky. An ihrer Seite tanzte Kreutzberg, der bis 1931 als Solotänzer in G.s Truppe wirkte. In den Folgemonaten avancierten G. und Kreutzberg zu einem gefeierten Tanzpaar. Zwischen 1929 und 1931 absolvierten sie vier große Tourneen in Europa und den USA. Die Darbietungen des Tanzpaars waren durch Witz, Ironie und Originalität gekennzeichnet, eine Ästhetik, die Themen wie Tod, Apokalypse und das Jüngste Gericht nicht aussparte. Kennzeichen ihrer Tänze bildete der häufige Rollentausch. – Im Januar 1932 heiratete G. in Holland den Dirigenten und Musikkritiker Louis Marie George Arntzenius. Trotz zunehmender Schwierigkeiten - ihr Tanz galt wie alle modernen Choreografien als entartete Kunst - arbeitete sie bis 1935 noch zeitweise in Hannover, fokussierte sich jedoch auf Klassisches Ballett und traditionellen Tanz zu Musik von Johann Sebastian Bach, Wolfgang Amadeus Mozart, Robert Schumann oder Ludwig van Beethoven. Im Zuge dessen engagierte sie zwei Tänzer der Berliner Staatsoper, Victor Gsovsky und Werner Stammer. – G. absolvierte 1935 zwei Soloabende in New York (USA) und Paris. Ein Jahr später zog sie endgültig nach Amsterdam. Mit einer neu gegründeten niederländischen Company tanzte sie Ballette in Wagner-Opern für die Amsterdamer Wagnervereinigung und trat bei städtischen Kulturveranstaltungen auf. Ab 1937 reiste G. regelmäßig zu Sommerauftritten nach Scheveningen (Niederlande), wo sie zu Musik von Julius Röntgen, Alexander Voormolen und Henk Badings tanzte. Im Herbst 1937 übernahm sie in London die Choreografie von Frans Hals „The Laughing Cavalier“ und reiste ein Jahr darauf mit ihrer Truppe in die USA. 1938 schuf sie eine Massen-Choreografie für eine Freilichtveranstaltung im Amsterdamer Stadion zu Ehren des 40-jährigen Regierungsjubiläums von Königin Wilhelmina. – G.s Entschluss, nicht mehr in Deutschland zu arbeiten, bereitete ihr ab 1941 zunehmend Schwierigkeiten. Damit die männlichen Tänzer ihrer Truppe nicht zu Zwangsarbeit oder Kriegsdienst verpflichtet wurden, erklärte sich G. bereit, ein Tanzprogramm für die NS-Regierung auszuarbeiten und rettete ihren Tänzern damit vermutlich das Leben. Nach Beendigung des Kriegs musste sie sich für dieses Arrangement rechtfertigen. So trat sie erst 1948 wieder in Erscheinung und tanzte in der Uraufführung von Werner Egks Ballett „Abraxas“ am 6.6.1948 im Prinzregententheater in München mit. 1949/1950 folgte sie einem Ruf Ludwig Bergers nach Paris, um die Tänze in dessen Film „Ballerina“ für Violette Verdy zu choreografieren. Verdy stand darauf mit G. (ebenso wie Paul Hindemith) zeitlebens in Kontakt. 1951 übernahm G. die Abraxas-Kompanie und 1951/1952 die Ballettabteilung der Städtischen Bühnen in Düsseldorf. Diese Anstellung fußte auf einer Empfehlung von Walter Bruno Iltz, ihrem einstigen Intendanten in Gera. Neben ihrer choreografischen Tätigkeit hielt G. Vorträge über modernen Tanz und veranstaltete öffentliche Proben. Ab 1954 wirkte G. erneut als Ballettmeisterin am Theater in Hannover und übernahm die Leitung der Tanzabteilung an der dortigen Hochschule für Musik und Theater, wo sie 1959 zur Professorin ernannt wurde. Ihre Company beherrschte das klassische Repertoire ebenso wie modernen Tanz. G.s Choreografien wie „Glück, Tod und Traum“, „Human Variations“, v.a. die Ballette zu elektronischer Musik erregten großes Aufsehen. Sie versuchte, menschliche Emotionen zu elektronischer Musik zu imitieren, was ihr so eindringlich gelang, dass sich Ballette wie „Die Frau aus Andros“ viele Jahre im Spielplan hielten. – Als 1964 ihr Mann starb, verlor G. einen Unterstützer ihrer Arbeit. In diesen Jahren arbeitete sie mit Kurt Peters zusammen und versuchte, dessen privates Tanzarchiv an die Staatliche Hochschule für Musik und Theater in Hannover zu überführen. 1970 verlieh man ihr das Große Verdienstkreuz des Landes Niedersachsen. Im darauffolgenden Jahr ging sie als Gastchoreografin nach Buenos Aires. – Ein künstlerisches Vermächtnis schuf G. mit ihrer Choreografie „Skorpion“. Getanzt von Heidrun Schwaarz (Musik von Morton Gold), zeigte es die starke Frau und wurde zu einem ihrer größten Erfolge. Ein Jahr darauf erhielt G. für ihr Lebenswerk die Niedersächsische Landesmedaille. – Die Stadt Hannover würdigt G. heute durch die Benennung einer Straße, das Theatermuseum bewahrt G.s Alben mit Rezensionen, Einladungen, Zeitungsfotos, Theaterzetteln und Programmheften auf, die Oper stellt G.s Kostüme aus. 2009 widmete man ihr die Ausstellung „Die Tänzerin und Choreographin Yvonne G. (1903-1975). Eine Recherche“, kuratiert von Brigitta Weber. Ricardo Fernando choreografierte 2014 in Kooperation mit Maria Hilchenbach den „Schrank der G.“, worin er die verschiedenen Lebensstationen G.s rekonstruierte (Uraufführung 17.5.2014, Theater Hagen). Dabei verwendete er die erhaltenen Kostüme der Tänzerin und zeichnete anhand derer ihren künstlerischen Werdegang nach.



Q  Deutsches Tanzarchiv Köln, Nachlass Yvonne G.; Theatermuseum Hannover, Teilnachlass Yvonne G.; Opernhaus Hannover, Kostüme; Archiv der Akademie der Künste Berlin, Archiv Gret Palucca, Ludwig-Berger-Archiv; Deutsche Nationalbibliothek, Nachlass Günter Peter Straschek; Universitätsbibliothek Leipzig, NL 246 Nachlass Eugen Mogk, NL 374 Sammlung Mary Wigman, NL 387 Sammlung Gret Palucca, NL 393 Nachlass Fritz Böhme, NL 396 Nachlass Rudolf von Laban, NL 397 Nachlass Ilse Loesch; Tanzarchiv Leipzig, Postkartensammlung; Deutsches Literaturarchiv Marbach, A: Küpper, Hannes, A: Viertel, Berthold; A: Zuckmayer, Carl; Theatermuseum der Landeshauptstadt Düsseldorf, Dumont-Lindemann-Archiv, Nachlass Schauspielhaus Düsseldorf; Universität Köln, Institut für Medienkultur und Theater, Theaterwissenschaftliche Sammlung, Au 13 794 Brief von Yvonne G. an Georg Altmann; Badische Landesbibliothek, K 3335 Nachlass Ernst-Lothar von Knorr; Universitätsbibliothek Basel, Nachlass Christoph Bernoulli.

W  Solotänze, Paar- und Gruppenchoreografien: Arabische Suite, 1924; Saudades do Brasil, 1925; Barabau, 1925; Pulcinella, 1926; Fahnentanz, 1928; Bäuerlicher Tanz, 1928; Der Engel des Jüngsten Gerichts, 1928; Persisches Lied, 1928; Hymnis, 1929; Salome, 1929; Dämmerung, 1929; Walzer, 1929; Potpourri, 1929; Pavane, 1930; Die Planeten, 1931; Choreografien nach Kompositionen von Johann Sebastian Bach, Ludwig van Beethoven, Wolfgang Amadeus Mozart, Robert Schumann 1933-1936; Coppélia, 1936; The Laughing Cavalier, 1937; Josephs Legende, 1942; Orpheus und Eurydike, 1943/Wiederaufführung 1975; Carmina Burana, 1944; Ballerina, 1949/1950; Glück, Tod und Traum, 1953; Human Variations, 1955; Suite Evolutionen, 1958; Ballett für Tänzer, Feuer und Wasser, 1959; Die Frau aus Andros, 1960; Prisma, 1961; Glück, Tod und Traum, 1961; Evolutionen, 1961; Apollon Musagète, 1962; Demeter, 1963; Der Golem, Uraufführung 1965; Blumenmädchenszene in Parsifal, Bayreuther Festspiele 1968; Klein Zack, 1970; Skorpion, 1973.

L  Josef Davidovich Lewitan, Yvonne G. - Harald Kreutzberg, Matinée in der Volksbühne am 14. Oktober 1928, in: Tanz 1/1928, S. 19; Hansjürgen Wille (Bearb.), Harald Kreutzberg, Yvonne G., Leipzig 1930; Horst Koegler, Yvonne G., Velber/Hannover 1963; Jens Wendland, Yvonne G. Zum siebzigsten Geburtstag, in: Tanzarchiv 21/1973, H. 6, S. 180f.; Rolf Helmut Schäfer (Hg.), Yvonne G. Tanz, Ballett, Tanz, Ballett, Tanz, Braunschweig 1974; Karl Toepfer, Empire of Ecstasy. Nudity and Movement in German Body Culture 1910-1935, Berkeley/Los Angeles/London 1997, S. 224-233; Gerhard Schumann, Yvonne G. in Hannover, in: Peter Becker/Peter Schnaus (Hg.), Hochschule für Musik und Theater Hannover. 1897-1997, Hannover 1997, S. 44-52; Geertje Andresen, Yvonne G. und Harald Kreutzberg. Zwei Künstler - eine Seele, in: Tanz-Journal 2008, H. 2, S. 10-13; Brigitta Weber (Hg.), Die Tänzerin und Choreographin Yvonne G. (1903-1975). Eine Recherche, Hannover 2009; Yvonne Hardt/Frank Manuel Peter (Hg.), Yvonne G. Tagebuch und Dokumente zu Tanztourneen mit Harald Kreutzberg (1929-1931). Eine andere Recherche zu den Potentialen einer kritischen Nachlassforschung, Köln 2019; Geertje Andresen, Die wahrhafte Tänzerin [https://www.deutsches-tanzarchiv.de/archiv/nachlaesse-sammlungen/g/yvonne-georgi]. – DBA II, III; DBE 3, S. 633.

P  Deutsches Tanzarchiv Köln.



Uta Dorothea Sauer
12.12.2019


Empfohlene Zitierweise:

Uta Dorothea Sauer, Georgi, Emilie Hortense Felixine Yvonne, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V.
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (19.2.2020)

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