Berthe Trümpy

T. gehörte zu den engsten Mitstreiterinnen von Mary Wigman und hat v.a. deren Dresdner Jahre geprägt. Sie unterstützte den Aufbau der Wigman-Schule und setzte sich für die Nachhaltigkeit der Lehre Wigmans außerhalb Sachsens ein. Dabei berücksichtigte T. sowohl den künstlerischen Tanz als auch Gymnastik - ihre Medien waren der solistische Auftritt, Turnstudien, Tanzmanuskripte, Vorträge, Schriften sowie die Laienarbeit mit Bewegungschören oder Therapierenden. – T. verbrachte ihre frühe Kindheit in Mitlödi (Schweiz). Sie genoss eine humanistische Bildung und war nach eigener Aussage im vierten Lebensjahr des Lesens mächtig. Nach dem Tod des Vaters zog die Mutter 1906 nach Zürich, wo T. - chronisch krank und gesundheitlich anfällig - zunächst eine öffentliche Schule besuchte. 1910 bis 1913 war sie Internatsschülerin in Lausanne (Schweiz). 1914 immatrikulierte sie sich für die Fächer Kunstgeschichte, Musik und Sprachen (vermutlich in Lausanne oder Zürich), musste ihr Studium jedoch 1915 krankheitsbedingt unterbrechen. Nach einer Therapie in einer Klinik in St. Moritz (Schweiz) besuchte sie einen Tanzkurs bei Isadora Duncan und begann 1917 eine Tanzausbildung in Zürich bei Rudolf von Laban und dessen Assistentin Mary Wigman. Um 1920 nahm sie Unterricht bei Suzanne Perrottet in deren Züricher Tanzschule. Der Entschluss, Tänzerin zu werden, ergab sich aus ihrer Überzeugung, dass sie die therapeutische Bewegungsschule von einer als unheilbar diagnostizierten Bauchfellentzündung geheilt habe. – T. wurde nach kurzer Zeit der Bekanntschaft Wigmans Mitarbeiterin. Bereits 1918 begleitete sie ihre Mentorin nach Ascona (Schweiz) zu Laban und ging ein Jahr später mit ihr als Tänzerin auf Deutschlandtournee. 1920 zogen die Tänzerinnen nach Dresden und eröffneten eine Tanzschule. T., vermutlich durch ihre Herkunft solvent, kaufte in Dresden ein Haus für die Schule und überschrieb es Wigman. Außerdem gestaltete T. die Ausbildungsstruktur mit, fungierte als Co-Leiterin der Schule und als Tanzlehrerin. Dabei betreute sie Tänzerinnen und Tänzer wie Gret Palucca, Yvonne Georgi, Harald Kreutzberg, Vera Skoronel und Hanya Holm. T. gehörte ferner zum Kern von Wigmans Tanz-Kompanie. In dieser Funktion brillierte sie z.B. 1926 in Wigmans Choreografie „Totentanz II“ neben Palucca, Georgi und Wigman. Ab 1923 trat sie solistisch mit Palucca auf. Darüber hinaus gab sie Soloabende in Dresden. – Um 1924 ging T. nach Berlin und gründete eine Schule für künstlerischen Tanz und Gymnastik nach der Lehre von Wigman, über deren Ausbildungsprofil sie im November 1925 im Journal „Der Tänzer“ berichtete. 1926 betraute T. ihre Schülerin Skoronel mit der künstlerischen Leitung, da sie sich vornehmlich um die Gymnastikausbildung bemühen wollte. Nachdem Skoronel die Leitung der Schule übernommen hatte, begann T. an der Berliner Hochschule für Leibesübungen zu dozieren. Sie entwickelte eine Armtrainingsmethode und präsentierte diese auf den Tänzer-Kongressen (1927-1930). Ferner leitete T. den Sprech- und Bewegungschor an der Volksbühne in Berlin. 1927 schuf sie gemeinsam mit Skoronel den Bewegungschor für junge Arbeitslose in „Der gespaltene Mensch“ von Bruno Schönlank, den beide 1927 auf dem ersten Tänzer-Kongress in Magdeburg präsentieren ließen. – Nach Skoronels Tod 1932 strebte T. eine Fusion ihrer Berliner Schule mit dem Tanzstudio von Dorothee Günther (Günther-Schule) sowie den beiden Dresdner Schulen von Wigman und Palucca an, um die Kraft der Bewegungsausbildung zu zentralisieren und die Lehrpläne aufeinander abzustimmen. Sie standen nun unter dem Dachverband „Wigman-Schulgruppe Deutscher Körperbildungsverband e.V.“ und waren Teil des Kampfbunds für Deutsche Kultur. T. geriet dabei seitens der Nationalsozialisten zunehmend unter Druck. Auf deren Anweisung hin hatte sie Massenszenen für Festveranstaltungen zu gestalten. Zum 700-jährigen Jubiläum der Stadt Berlin 1937 choreografierte sie „Zunfttänze“ im Olympiastadion, 1938 für die Berliner Sommerfestspiele „Frohes, freies, glückliches Volk“ (Leitung Hanns Niedecken-Gebhard) und beteiligte sich 1939 am Festspiel „Triumph des Lebens“ im Münchner Dante-Stadion zum „Tag der Deutschen Kunst“ (zusammen mit Helge Peters-Pawlinin und Günther). Beiträgerin war sie auch für das „Deutsche Turn- und Sportfest“ in Breslau (poln. Wrocław). – Nach Schließung der „Wigman-Schulgruppe Deutscher Körperbildungsverband e.V.“ 1938/1939 durch die Nationalsozialisten ging T. für einige Jahre nach Italien und kehrte 1941 in die Schweiz zurück. Sie lebte zunächst im Kanton Glarus und verdiente sich als Turnlehrerin an öffentlichen Schulen. 1947/1948 erhielt T. einen Lehrauftrag an der Universitätsklinik Zürich im Bereich Physiotherapie. Um 1953 ließ sie sich in Brione (offenbar bei ihrem Stiefbruder) nieder und betrieb ein Gourmetrestaurant. Zeitlebens stand sie in Kontakt mit Perrottet, Skoronel, Wigman, Trudy Schoop und Max Terpis.

Quellen Deutsches Tanzarchiv Köln, 6224 Nachlass Berthe T., Tanzmanuskripte; Archiv der Akademie der Künste Berlin, Archiv Gret Palucca, Schulprospekt der Schule Bartolomé-Trümpy; Kunsthaus Zürich, Bibliothek, Nachlass Suzanne Perrottet, Tanzmanuskripte von T.; Deutsche Sportschule Köln, Zentralbibliothek der Sportwissenschaften, Sammlung Berthe T.; Universitätsbibliothek Leipzig, NL 374 Sammlung Mary Wigman; Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Ausstellung Kunst im Aufbruch 1918-1933, 1980-1981, FD 196 365.

Werke Choreografien: Tanz der Prophetin, 1920; Teufelsmesse, 1923/1924; Das Quadrat, 1924; Arabieh, 1926; Menuett, 1926; Rubine, 1926; Revolutionslied, 1926; Weihnachtsspiel, 1927; Tönende Kugel, 1927; Bewegungschor, in: Der gespaltene Mensch, 1927; Die Legende des Weißen Waldes, Tanzmärchen in vier Bildern, 1928; Zunfttänze, 1937; Frohes, freies, glückliches Volk, 1938; Triumph des Lebens, 1939. – Schriften: Bericht über Trümpy-Schule in Berlin, in: Der Tänzer. Das Blatt für Tanz und Gesellschaft, 2/1925, H. 21, S. 275; Erziehung zum Tänzer. Zeitgemäße Tanzfragen, in: Paul Stefan (Hg.), Tanz in dieser Zeit, Wien/New York 1926, S. 45f.; Selbstdarstellung - Brief an Rudolf Lämmel, in: Rudolf Lämmel, Der moderne Tanz. Eine allgemeinverständliche Einführung in das Gebiet der rhythmischen Gymnastik und des neuen Tanzes, Berlin 1928, S. 170f.; Einige Antworten auf Fragen, die mir so über Tanz und Schule gestellt werden, in: Liesl Freund (Hg.), Monographien der Ausbildungsschulen für Tanz und künstlerische Körperbildung, Bd. 1, Berlin 1929, S. 23-28; Tänzerische Erziehung, in: Der Tanz. Monatsschrift für Tanzkultur 8/1929, S. 2f., 9/1929, S. 5f.; Die Anfänge der Wigman-Schule, in: Tanzgemeinschaft. Vierteljahresschrift für tänzerische Kultur 2/1930, H. 2, S. 8-10.

Literatur Rudolf Lämmel, Der moderne Tanz. Eine allgemeinverständliche Einführung in das Gebiet der rhythmischen Gymnastik und des neuen Tanzes, Berlin 1928; Dianne Shelden Howe, Individuality and Expression. The Aesthetics of the New German Dance, 1908-1936, New York u.a. 2001; Marianne Forster, Berthe T. - eine frühe Wigman-Schülerin, in: Tanz & Gymnastik 59/2003, H. 3, S. 21-26; René Radrizzani (Hg.), Vera Skoronel/Berthe T. Schriften und Dokumente, Wilhelmshaven 2005; Gabriele Brandstätter, Poetics of Dance. Body, Image, and Space in the Historical Avant-Gardes, New York 2015. – DBA III; DBE 10, S. 101; Andreas Kotte (Hg.), Theaterlexikon der Schweiz, Bd. 3: R-Z, Zürich 2005, S. 1971f.; Historisches Lexikon der Schweiz.

Porträt Berthe T., Fotografie, Deutsches Tanzarchiv Köln.

Uta Dorothea Sauer
3.11.2021


Empfohlene Zitierweise:
Uta Dorothea Sauer, Berthe Trümpy, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V.
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (25.6.2022)

Berthe Trümpy



Quellen Deutsches Tanzarchiv Köln, 6224 Nachlass Berthe T., Tanzmanuskripte; Archiv der Akademie der Künste Berlin, Archiv Gret Palucca, Schulprospekt der Schule Bartolomé-Trümpy; Kunsthaus Zürich, Bibliothek, Nachlass Suzanne Perrottet, Tanzmanuskripte von T.; Deutsche Sportschule Köln, Zentralbibliothek der Sportwissenschaften, Sammlung Berthe T.; Universitätsbibliothek Leipzig, NL 374 Sammlung Mary Wigman; Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Ausstellung Kunst im Aufbruch 1918-1933, 1980-1981, FD 196 365.

Werke Choreografien: Tanz der Prophetin, 1920; Teufelsmesse, 1923/1924; Das Quadrat, 1924; Arabieh, 1926; Menuett, 1926; Rubine, 1926; Revolutionslied, 1926; Weihnachtsspiel, 1927; Tönende Kugel, 1927; Bewegungschor, in: Der gespaltene Mensch, 1927; Die Legende des Weißen Waldes, Tanzmärchen in vier Bildern, 1928; Zunfttänze, 1937; Frohes, freies, glückliches Volk, 1938; Triumph des Lebens, 1939. – Schriften: Bericht über Trümpy-Schule in Berlin, in: Der Tänzer. Das Blatt für Tanz und Gesellschaft, 2/1925, H. 21, S. 275; Erziehung zum Tänzer. Zeitgemäße Tanzfragen, in: Paul Stefan (Hg.), Tanz in dieser Zeit, Wien/New York 1926, S. 45f.; Selbstdarstellung - Brief an Rudolf Lämmel, in: Rudolf Lämmel, Der moderne Tanz. Eine allgemeinverständliche Einführung in das Gebiet der rhythmischen Gymnastik und des neuen Tanzes, Berlin 1928, S. 170f.; Einige Antworten auf Fragen, die mir so über Tanz und Schule gestellt werden, in: Liesl Freund (Hg.), Monographien der Ausbildungsschulen für Tanz und künstlerische Körperbildung, Bd. 1, Berlin 1929, S. 23-28; Tänzerische Erziehung, in: Der Tanz. Monatsschrift für Tanzkultur 8/1929, S. 2f., 9/1929, S. 5f.; Die Anfänge der Wigman-Schule, in: Tanzgemeinschaft. Vierteljahresschrift für tänzerische Kultur 2/1930, H. 2, S. 8-10.

Literatur Rudolf Lämmel, Der moderne Tanz. Eine allgemeinverständliche Einführung in das Gebiet der rhythmischen Gymnastik und des neuen Tanzes, Berlin 1928; Dianne Shelden Howe, Individuality and Expression. The Aesthetics of the New German Dance, 1908-1936, New York u.a. 2001; Marianne Forster, Berthe T. - eine frühe Wigman-Schülerin, in: Tanz & Gymnastik 59/2003, H. 3, S. 21-26; René Radrizzani (Hg.), Vera Skoronel/Berthe T. Schriften und Dokumente, Wilhelmshaven 2005; Gabriele Brandstätter, Poetics of Dance. Body, Image, and Space in the Historical Avant-Gardes, New York 2015. – DBA III; DBE 10, S. 101; Andreas Kotte (Hg.), Theaterlexikon der Schweiz, Bd. 3: R-Z, Zürich 2005, S. 1971f.; Historisches Lexikon der Schweiz.

Porträt Berthe T., Fotografie, Deutsches Tanzarchiv Köln.

Uta Dorothea Sauer
3.11.2021


Empfohlene Zitierweise:
Uta Dorothea Sauer, Berthe Trümpy, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V.
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (25.6.2022)