Valeria Kratina

K. zeichnete sich als eine Tänzerin und Rhythmikerin aus, die das Anatomische des Körpers in den Vordergrund stellte. Zeitlebens blieb sie dieser anthropologischen Sicht treu. K. schuf Lehrmethoden für den weiblichen Körper und setzte sich zum Ziel, das Eigene des körperlichen Weiblichen herauszuarbeiten. Als Lehrerin von Damen an der Neuen Schule Hellerau (1919-1930) und innovative Ballettmeisterin des Sächsischen Staatsopernballetts (1937-1944) gehört sie zu den wichtigsten Bewegungskünstlerinnen Dresdens. – K. wuchs in einer Musikerfamilie auf und erhielt vermutlich in ihrer frühen Kindheit eine künstlerische Ausbildung. 1910 bis 1914 war sie Meisterschülerin an der von Émile Jaques-Dalcroze geleiteten Bildungsanstalt für Musik und Rhythmus in Hellerau und nahm Unterricht bei Rudolf von Laban, Mary Wigman und verschiedenen Tänzern in Paris. Ab 1915 leitete sie bis 1919 eine eigene Tanzschule in München und debütierte dort 1916 als Solotänzerin. Nach dem Ersten Weltkrieg setzte sie sich federführend für die Wiedereröffnung der Bildungsanstalt in Hellerau ein. Sie leitete 1919 bis 1925 zusammen mit Christine Baer-Frisell und Ernst Ferand-Freund die Neue Schule Hellerau, wo sie für die künstlerische Abteilung zuständig war. Neben ihrer Lehrtätigkeit choreografierte sie für eine an die Schule angegliederte Gruppe, der u.a. Rosalia Chladek angehörte, eigene Tänze. Ihre europaweit gastierende „Tanzgruppe Kratina“ hatte sich der Pflege moderner Tanzwerke von Belá Bartók, Darius Milhaud, Igor Strawinsky und Sergej Prokofjew verschrieben. – Nach der Übersiedlung der Schule nach Laxenburg bei Wien übernahm K. ab 1926 die künstlerische Abteilung der Schule Hellerau-Laxenburg, die sie bis 1930 innehatte. Ihre Ausbildung basierte auf der Idee einer strikten Trennung von männlichen und weiblichen Körpern. K. priorisierte die weiblich konnotierte Gymnastik. Dabei fokussierte sie auf die Befreiung des Körpers und sparte Gymnastikakrobatik, Spitzentanz und Tanzvirtuosität aus. K. suchte nach der wahrheitsgemäßen Bewegung, die ihrer Meinung nach mit einem gesunden Selbstbewusstsein sowie angewandter Intelligenz korreliere. Sie distanzierte sich von Ballettbewegungen und ermutigte ihre Schülerinnen, eine persönliche Bewegungssprache nach außermusikalischen Klängen und Rhythmen zu entdecken. K. orientierte sich an Wigman und suchte in Bezug auf die Improvisation einen Kompromiss zwischen den Lehren von Jaques-Dalcroze und Laban. – 1930 verließ K. Laxenburg und ging nach Breslau (poln. Wrocław), wo sie bis 1933 als Choreografin wirkte, ehe sie die Position der Ballettmeisterin am Karlsruher Stadttheater übernahm, die sie bis 1937 innehatte. Außerdem arbeitete K. an der Wiener Staatsoper, wo sie 1933 einen eigenen Abend gestaltete, bei dem sie ihre Choreografie „Der Schneemann“ (Musik: Erich Wolfgang Korngold) zur Aufführung brachte. Ferner choreografierte sie in Wien u.a. „Der Bettler namenlos“, „Die Fledermaus“ und ein Divertissement von Richard Strauss. – 1934 trat K. ebenso wie Palucca, Harald Kreutzberg, Yvonne Georgi, Wigman, Jens Keith, Laban und Lizzie Maudrik auf den von der Reichskulturkammer veranstalteten Deutschen Tanzfestspielen auf, wo sie das typisch Deutsche im Ausdruckstanz ausloten sollte - zunehmend fand sich K. im Spannungsfeld von politischer Ideologie der Nationalsozialisten und künstlerischer Freiheit wieder. – Nach diesen außerhalb Sachsens verbrachten Lebensjahren kehrte K. 1937 nach Dresden zurück und übernahm die Leitung des Sächsischen Staatsopernballetts, eine Position, die sie bis 1944 innehatte. In Ihrer Funktion als Ballettmeisterin der Staatsoper Dresden unterstand sie Karl Böhm, dem Generalmusikdirektor, Direktor der Oper und künstlerischen Leiter der Sächsischen Staatskapelle. Zu ihren choreografischen Arbeiten aus dieser Zeit gehören „Sinfonischer Golo“ (M: Jakov Gotovac), „Carmina Burana (M: Carl Orff)“ sowie die Tänze in „Der Verschwender“ (Text: Ferdinand Raimund). Ab 1940 choreografierte K. an der Deutschen Tanzbühne Berlin, z.B. gemeinsam mit Kreutzberg „Till Eulenspiegel“ (M: Strauss). 1944 verließ K. auf eigenen Wunsch die Verbände der Sächsischen Staatstheater. Nach dem Zweiten Weltkrieg wirkte K. vornehmlich als Choreografin an der Berliner Kroll-Oper und der Wiener Staatsoper. Zeitlebens stand sie in engem Kontakt mit Palucca, Wigman, Georgi und Grete Wiesenthal. – 1928 erhielt K. das Ehrendiplom der Staatlichen Akademie der Kunstwissenschaften in Moskau. 1922 schuf der Bildhauer Karl Albiker eine Bronzebüste von K., die heute zum Bestand der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden gehört. 2006 wurde in Hellerau eine Straße nach ihr benannt.

Quellen Deutsches Tanzarchiv Köln, 58 Nachlass K.; Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Mscr.Dresd.x Nachlass Karl Laux, Nachlass Rudolf Gärtner, Sig. Mscr.Dresd.App.2957,12 (Rollenfotografie), Sammlung Z. 4.8 (Programmhefte); Universitätsbibliothek Leipzig, NL 393 Nachlass Fritz Böhme, NL 395 Nachlass Jenny Gertz, NL 396 Nachlass Rudolf von Laban, NL 397 Nachlass Ilse Loesch, NL 399 Nachlass Kurt Petermann; Theatermuseum der Landeshauptstadt Düsseldorf, Dumont-Lindemann-Archiv, SHD Nachlass Schauspielhaus Düsseldorf, Einführungstexte in Tanzprogramme von K.; Badisches Staatstheater Karlsruhe, Archiv, Programmzettel.

Werke Choreografien: LʼHomme et son désir, 1923; Der holzgeschnitzte Prinz, 1923; Der verlorene Sohn, 1923; Der Bettler namenlos, 1932/1933; Der Schneemann, 1933; Die Fledermaus, 1934; Der Teufel im Dorf, 1935; Wein, Weib und Gesang, 1936; Strauss-Divertissement, 1937/1938; Das Dorf unter dem Gletscher, 1937; Jeu de cartes, 1937; Sinfonischer Golo, 1939; Carmina Burana, 1940; Tanz-Divertissement, 1940; Till Eulenspiegel, 1940; Chor, in: Ferdinand Raimund, Der Verschwender, 1942.

Literatur Andrea Amort, Die Geschichte des Balletts der Wiener Staatsoper 1918-1942, Diss. Wien 1981/1982; Herta Hirmke-Toth, Rhythmik in Hellerau-Laxenburg. Die pädagogische Arbeit der Schule Hellerau-Laxenburg 1925-1938, Saarbrücken 2009; Joachim Gobbert, Hellerau. Ort des Aufbruchs in ein neues Jahrhundert. Leitfaden und Orientierung; Johanna Laakkonen, Das Groteske: Die unbekannte Valeria K. und ihre Grotesken, in: Andrea Amort, Alles tanzt. Kosmos Wiener Tanzmoderne, Berlin 2019, S. 112-121. – DBA II, III; Gunhild Oberzaucher-Schüller, K., Valeria, in: Oesterreichisches Musiklexikon online.

Porträt Valeria K., Fotografie, Deutsches Tanzarchiv Köln, Valeria K., Fotografie, Privatbesitz T. Fleischmann; Valeria K., Karl Albiker, 1922, Bronzeplastik, Staatliche Kunstsammlungen Dresden.

Uta Dorothea Sauer
16.11.2020

Empfohlene Zitierweise:
Uta Dorothea Sauer, Valeria Kratina, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V.
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (16.1.2021)

Valeria Kratina



Quellen Deutsches Tanzarchiv Köln, 58 Nachlass K.; Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Mscr.Dresd.x Nachlass Karl Laux, Nachlass Rudolf Gärtner, Sig. Mscr.Dresd.App.2957,12 (Rollenfotografie), Sammlung Z. 4.8 (Programmhefte); Universitätsbibliothek Leipzig, NL 393 Nachlass Fritz Böhme, NL 395 Nachlass Jenny Gertz, NL 396 Nachlass Rudolf von Laban, NL 397 Nachlass Ilse Loesch, NL 399 Nachlass Kurt Petermann; Theatermuseum der Landeshauptstadt Düsseldorf, Dumont-Lindemann-Archiv, SHD Nachlass Schauspielhaus Düsseldorf, Einführungstexte in Tanzprogramme von K.; Badisches Staatstheater Karlsruhe, Archiv, Programmzettel.

Werke Choreografien: LʼHomme et son désir, 1923; Der holzgeschnitzte Prinz, 1923; Der verlorene Sohn, 1923; Der Bettler namenlos, 1932/1933; Der Schneemann, 1933; Die Fledermaus, 1934; Der Teufel im Dorf, 1935; Wein, Weib und Gesang, 1936; Strauss-Divertissement, 1937/1938; Das Dorf unter dem Gletscher, 1937; Jeu de cartes, 1937; Sinfonischer Golo, 1939; Carmina Burana, 1940; Tanz-Divertissement, 1940; Till Eulenspiegel, 1940; Chor, in: Ferdinand Raimund, Der Verschwender, 1942.

Literatur Andrea Amort, Die Geschichte des Balletts der Wiener Staatsoper 1918-1942, Diss. Wien 1981/1982; Herta Hirmke-Toth, Rhythmik in Hellerau-Laxenburg. Die pädagogische Arbeit der Schule Hellerau-Laxenburg 1925-1938, Saarbrücken 2009; Joachim Gobbert, Hellerau. Ort des Aufbruchs in ein neues Jahrhundert. Leitfaden und Orientierung; Johanna Laakkonen, Das Groteske: Die unbekannte Valeria K. und ihre Grotesken, in: Andrea Amort, Alles tanzt. Kosmos Wiener Tanzmoderne, Berlin 2019, S. 112-121. – DBA II, III; Gunhild Oberzaucher-Schüller, K., Valeria, in: Oesterreichisches Musiklexikon online.

Porträt Valeria K., Fotografie, Deutsches Tanzarchiv Köln, Valeria K., Fotografie, Privatbesitz T. Fleischmann; Valeria K., Karl Albiker, 1922, Bronzeplastik, Staatliche Kunstsammlungen Dresden.

Uta Dorothea Sauer
16.11.2020

Empfohlene Zitierweise:
Uta Dorothea Sauer, Valeria Kratina, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V.
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (16.1.2021)