Schilling Georg Rudolf (Pseudonym: Georg Lindek)
Architekt
* 1.6.1859 Dresden 19.12.1933 Dresden Dresden, Johannisfriedhof Tolkewitz(ev.)
VJohannes (1828-1910), Bildhauer in DresdenMLouisa Isidora, geb. Arnold, Tochter des Dresdner Kunsthändlers Ernst Arnold1887 Clara Elfriede, geb. Hantzsch (* 1862)SOtto (1888-1927), Architekt, Privatdozent
GND: 117270342





Die 1889 von S. und seinem Freund und Mitarbeiter Julius Graebner gegründete Architektenfirma Schilling & Graebner war zwischen 1890 und 1914 neben Lossow & Viehweger das einflussreichste und gefragteste Architekturbüro in Dresden. Schilling & Graebner erwarben sich mit ihren ausdrucksstarken Bauten großes Ansehen. Sie verstanden es, ausgehend von historischen Bauformen, die sie frei einsetzten, neuartige dekorative Wirkungen zu erzielen. Mit ihren Kirchenbauten, die eine Hinwendung zum Jugendstil erkennen lassen, hatten sie großen Einfluss auf die Reform des evangelischen Kirchenbaus im frühen 20. Jahrhundert. In der Architektenfirma herrschte eine produktive Arbeitsteilung. S. entwickelte die Grundrisse und löste technische und organisatorische Fragen, während Graebner mehr für die künstlerischen Belange zuständig war. – S. war der älteste Sohn des bekannten Bildhauers Johannes Schilling. Er besuchte in Dresden 1867 bis 1872 die Böttchersche Privatschule und dann bis 1878 die Kreuzschule. Nachdem er als Einjährig-Freiwilliger seinen Militärdienst abgeleistet hatte, nahm er ein Architekturstudium an der Technischen Hochschule Dresden auf. Zu seinen Lehrern gehörten Karl Weißbach und Ernst Giese. In Weißbachs Privatatelier lernte er Graebner kennen. 1883 ging S. für ein Jahr nach München, wo er in der Architekturfirma Dietrich & Voigt arbeitete. Dann wechselte er nach Berlin, um in die renommierte Architektenfirma Ende & Böckmann einzutreten. In Berlin traf S. wieder mit Graebner zusammen, der damals im Architekturbüro von Hans Grisebach angestellt war. 1886 ließ sich S. als selbstständiger Architekt in Dresden nieder. Zusammen mit Graebner gründete er 1889 die Architektensozietät Schilling & Graebner. – Schilling & Graebner brachten einen starken Berliner Einfluss nach Dresden. Bekannt wurden sie durch die Lutherkirche in Radebeul (1891/92). Dieser rote Backsteinbau, dekoriert mit Motiven der nordischen Renaissance, war der erste sächsische Kirchenbau des 19. Jahrhunderts, der eine Abkehr von der traditionellen Vorstellung erkennen lässt, eine Kirche müsse durch Bauformen des Mittelalters geprägt sein. Schilling & Graebner brachten den Baustil der deutschen Renaissance nach Dresden. Das Rathaus in Pieschen (1890/91) war das erste öffentliche Gebäude im Dresdner Stadtgebiet, das diesen Baustil vorführte. Die herrschaftlichen Villen, die Schilling & Graebner für das gehobene Dresdner Bürgertum schufen, zeichnen sich durch einen freien Umgang mit historischen Bauformen aus und sind oft malerisch angelegt. Unter ihnen sind die schlossartige Villa Muttersegen des Schriftstellers Franz von Schönthan in der Goetheallee 24 (1892), die Villa Reuter in Blasewitz (1893), die Villa Friedrichsruh in Löbtau (1898), die Villa Ginsberg in Dresden-Strehlen (1899/1900), die Villa Rautendelein des Schriftstellers Gerhard Hauptmann in Blasewitz (1899/1900, 1945 zerstört) und S.s eigenes Wohnhaus in der Goethestraße 8 in Klotzsche (1901) zu nennen. In den 1890er-Jahren wandten sich Schilling & Graebner stärker der Dresdner Barocktradition zu. Das Geschäftshaus Kaiserpalast am Pirnaischen Platz (1895, 1945 zerstört) gestalteten sie in den opulenten Formen des Neobarock und die 1893 ausgebrannte Stadtkirche in Augustusburg bauten sie in Barockformen wieder auf (1894-1896). Schilling & Graebner entwarfen den Wettin-Obelisk vor dem Dresdner Schloss (1889, 1897 in dauerhaftem Material ausgeführt) und das Rathaus in Löbtau (1896-1898, 1945 zerstört). Außerhalb Dresdens entstanden das schlossartige Herrenhaus in Ehrenberg bei Altenburg, die Kirche in Hohenfichte (heute Leubsdorf) (1895/96), in der erste Elemente des Jugendstils zu erkennen sind, und die Auferstehungskirche in Stenn (heute Lichtentanne) (1895/96). – Dass Schilling & Graebner neuen künstlerischen Reformbestrebungen aufgeschlossen gegenüberstanden, bewiesen sie mit dem Wiederaufbau der 1897 ausgebrannten Dresdner Kreuzkirche. Der Kirchenraum (1897-1900, 1945 zerstört) erhielt eine reiche neobarocke Stuckdekoration, durchmischt mit floralen Elementen des aufkommenden Jugendstils. Eine unkonventionelle Lösung war das flache, weit gespannte Gewölbe. Die Kirchen, die Schilling & Graebner nach der Jahrhundertwende konzipierten, sind stark durch den Jugendstil beeinflusst. In ihnen äußert sich das Bestreben, zeitgemäße Ausdrucksformen zu finden und eine kraftvolle Gegenwartskunst zu entwickeln. Mit ihren Grundriss- und Raumlösungen verwirklichten Schilling & Graebner den Gemeindegedanken, für den Emil Schulze, Pfarrer an der Dresdner Dreikönigskirche, unter Hinweis auf die evangelische Predigtkirche des 18. Jahrhunderts geworben hatte. Der bedeutendste Sakralbau der Architektensozietät ist die Christuskirche in Dresden-Strehlen (1902-1905), mit der Schilling & Graebner als „Bahnbrecher des protestantischen Kirchenbaus“ in ganz Deutschland bekannt wurden. Die auf einem Hügel angeordnete Kirche enthält einen überkuppelten, mit reichem Jugendstildekor versehenen Zentralraum. Die monumentale, eigenwillig gestaltete Zweiturmfront setzt deutliche Akzente im Dresdner Stadtbild. Auch die Lutherkirche in Zwickau (1902-1906), die Trinitatiskirche in Wiesa (heute Thermalbad Wiesenbad) (1903/04) und die Friedenskirche in Aue-Zelle (1907) zeigen herausragende künstlerische Lösungen. Für die Zionskirche in der Dresdner Südvorstadt (1912-1914, als Ruine erhalten), entwickelten Schilling & Graebner einen fächerartigen Grundriss, um die Anteilnahme der Gemeinde an Predigt und Liturgie zu stärken. Der äußere Bauschmuck ist untrennbar mit der plastisch durchgebildeten Sandsteinfassade verschmolzen. Die Jakobikirche in Chemnitz erhielt 1910 bis 1912 eine bemerkenswerte Fassadenbekleidung in Jugendstilformen. – Die Architektenfirma, in der zeitweise zehn bis zwölf Angestellte beschäftigt waren, konnte ihr Arbeitsgebiet nach der Jahrhundertwende beträchtlich ausdehnen. Aus Sachsen und Thüringen kamen bedeutende öffentliche und private Aufträge. Schilling & Graebner errichteten das Bankgebäude der Sächsischen Handelsbank an der Waisenhausstraße in Dresden (1899/1900, 1945 zerstört), die Villa des Glockengießers Franz Schilling in Apolda (1904), die Friedhofskapelle in Rochlitz (1906), das König-Albert-Bad in Bad Elster (1906-1909), die Augusta-Schule in Cottbus (1907-1912), die Heilstätte der Landesversicherungsanstalt in Gottleuba (1909-1913), das Realgymnasium in Görlitz (1912/13) und das Verwaltungsgebäude der Allgemeinen Ortskrankenkasse in Dresden (1912/13), außerdem zahlreiche Villen und Wohnhäuser. Schloss Sonnenstein in Pirna wurde durch sie umgestaltet und der alte Baubestand einfühlsam ergänzt (1904-1909). In Böhmen entstanden im Zusammenhang mit der Los-von-Rom-Bewegung die evangelischen Gotteshäuser in Dux (tschech. Duchcov) (1900/01), Hohenelbe (tschech. Vrchlabí) (1900/01), Klostergrab (tschech. Hrob) (1901/02) und Langenau (tschech. Skalice u České Lípy) (1902). – Schilling & Graebner arbeiteten eng mit dem Denkmalpfleger und Hochschullehrer Cornelius Gurlitt zusammen. Die viel beachtete Schutzhalle vor der Goldenen Pforte des Freiberger Doms (1902/03) folgt dem von Gurlitt aufgestellten, damals heftig umstrittenen Prinzip, dass Zubauten, die an Baudenkmale angefügt werden, nicht historisierend gestaltet sein dürfen, sondern immer in den Formen der Gegenwart ausgeführt werden müssen. – Beide Architekten waren sozial sehr engagiert. Um den Mangel an bezahlbaren und ausreichend großen Arbeiterwohnungen zu beheben, förderten sie den 1898 gegründeten Dresdner Bau- und Sparverein, für den sie sechs teilweise sehr große Wohnanlagen entwarfen. Erhalten haben sich die nach S. benannten Rudolf-Schilling-Häuser in Dresden-Striesen (1910/11). Seit 1900 war S. erster Vorsitzender und seit 1905 Aufsichtsratsmitglied des Dresdner Bau- und Sparvereins. Nach dem Ersten Weltkrieg gründete er den Bauverein Kriegerfamilienheim, der Kleinhaussiedlungen errichten sollte. Außerdem wirkte S. im Deutschen Verein für Volkshygiene mit. Seine eher konservativen Ansichten veröffentlichte er in der Schrift „Wahrheit und Wollen als Selbstschutz der Jugend bei geschlechtlicher Anfechtung“, die 1922 unter dem Pseudonym Georg Lindek erschien. – Die fruchtbare Zusammenarbeit der beiden Architekten endete, als Graebner 1917 auf einer Studienreise durch Kleinasien an Typhus starb. S. und Graebners Sohn Erwin führten das Architekturbüro weiter, das aber in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg nur wenige Aufträge erhielt. S. plante mehrere Kleinsiedlungen, darunter die Kriegersiedlung Trachau (1921-1926), aus der die Großsiedlung Dresden-Trachau hervorging. Die Diesterwegschule in Werdau (1926-1928) zeichnet sich durch schlichte, sachliche Bauformen aus. Von Erwin Graebner geleitet bestand das Architekturbüro Schilling & Graebner auch nach S.s Tod 1933 noch bis 1947.



W  Bauwerke: Wettin-Obelisk Dresden, 1889; Rathaus Pieschen, 1890/91; Lutherkirche Radebeul, 1891/92; Villa Muttersegen (Pernwaldhaus) Dresden, 1892; Villa Reuter Blasewitz, 1893; Stadtkirche St. Petri Augustusburg, Wiederaufbau, 1894-1896; Geschäftshaus Kaiserpalast Dresden, 1895, 1945 zerstört; Kirche Hohenfichte, 1895/96; Auferstehungskirche Stenn, 1895/96; Rathaus Löbtau, 1896-1898, 1945 zerstört; Kreuzkirche Dresden, Innengestaltung, 1897-1900, 1945 zerstört; Villa Friedrichsruh Löbtau, 1898; Villa Ginsberg Dresden-Strehlen, 1899/1900; Villa Rautendelein Blasewitz, 1899/1900, 1945 zerstört; Sächsische Handelsbank Dresden, 1899/1900, 1945 zerstört; Lutherkirche Dux, 1900/01; Evangelische Kirche Hohenelbe, 1900/01; Villa Goethestraße 8 Klotzsche, 1901; Evangelische Kirche Klostergrab, 1901/02; Evangelische Kirche Langenau, 1902; Dom Freiberg, Schutzhalle vor der Goldenen Pforte, 1902/03; Christuskirche Dresden-Strehlen, 1902-1905; Lutherkirche Zwickau, 1902-1906; Trinitatiskirche Wiesa, 1903/04; Schloss Sonnenstein Pirna-Sonnenstein, Umgestaltung, 1904-1909; Villa Franz Schilling Apolda, 1904; Friedhofskapelle Rochlitz, 1906; König-Albert-Bad Bad Elster, 1906-1909; Friedenskirche Aue-Zelle, 1907; Augusta-Schule Cottbus, 1907-1912; Heilstätte der Landesversicherungsanstalt Gottleuba, 1909-1913; Rudolf-Schilling-Häuser Dresden-Striesen, 1910/11; Jakobikirche Chemnitz, Fassadenbekleidung, 1910-1912; Realgymnasium Görlitz, 1912/13; Allgemeine Ortskrankenkasse Dresden, Verwaltungsgebäude, 1912/13; Zionskirche Dresden, 1912-1914; Kriegersiedlung Dresden-Trachau, 1921-1926; Diesterwegschule Werdau, 1926-1928; Schriften: Wahrheit und Wollen als Selbstschutz der Jugend bei geschlechtlicher Anfechtung, Göttingen 1922 (ND Dresden 1925).

L  Arch. Baurat Rudolf S., Dresden, 70 Jahre, in: Deutsche Bauzeitung 63/1929, S. 456; F. Löffler, Das alte Dresden, Leipzig 1981; V. Helas, Architektur in Dresden 1800-1900, Braunschweig/Wiesbaden 1985; R. Kube, Schilling und Graebner (1889-1917). Das Werk einer Dresdner Architektenfirma, Diss. Dresden 1988 [MS] (WV); H. Magirius, Geschichte der Denkmalpflege. Sachsen, Berlin 1989; H. Mai, Kirchen in Sachsen, Berlin/Leipzig 1992. – DBA II; Thieme/Becker, Bd. 30, Leipzig 1999, S. 70f.



Matthias Donath
1.12.2006


Empfohlene Zitierweise:

Matthias Donath, Schilling, Georg Rudolf (Pseudonym: Georg Lindek), in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (19.10.2017)

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