Winckelmann Johann Joachim
Archäologe, Kunsthistoriker, Privatbibliothekar, Oberaufseher der römischen Antiken der Vatikanischen Museen
* 9.12.1717 Stendal 8.6.1768 Triest (ital. Trieste) Triest, Friedhof San Giusto(ev., ab 1754 kath.)
VMartin (1686-1750), SchuhmachermeisterMAnna Maria, geb. Meyer (1680-1747)
GND: 118633600

W. hat die Archäologie als Kunstwissenschaft begründet, war Wegbereiter der klassizistischen Ästhetik in Europa und gewann maßgebenden Einfluss auf das literarische Leben seiner Zeit (u.a. Gotthold Ephraim Lessing, Johann Gottfried Herder und Johann Wolfgang von Goethe). – Nach einem vorwiegend theologisch-philologischen Studium in Halle/Saale und Jena wirkte W. als Hauslehrer, ehe er 1743 das Konrektorat der Lateinschule in Seehausen (Altmark) übernahm. Dort vertiefte er seine Kenntnisse der griechischen Literatur. Er trat 1748 in den Dienst des Grafen Heinrich von Bünau, der im Schloss Nöthnitz bei Dresden eine bedeutende, von Johann Michael Francke verwaltete Bibliothek aufgebaut hatte. Zunächst war W. ausschließlich für die Fortsetzung von Bünaus „Genauer und umständlicher teutscher Kayser- und Reichs-Historie“ tätig, deren vier bereits gedruckte Bände er selbst besaß. W. erarbeitete die Quellennachweise und war an der Textformulierung beteiligt. Die von ihm bearbeiteten Kapitel über die Ottonen wurden zwar nicht mehr gedruckt, sind aber im Manuskript erhalten. Nachdem von Bünau 1750 sein Amt in Eisenach als Statthalter des in Weimar residierenden Herzogs von Sachsen-Weimar-Eisenach angetreten hatte, arbeitete W. 1751 bis 1754 an Franckes „Catalogus Bibliothecae Bunavianae“ mit. Die ihm übertragenen Abschnitte (Staatsrecht, deutsche und italienische Geschichte) fand Francke indessen „sehr flüchtig und fast ohne Accuratesse gemacht“, sie erforderten eine „fast ganz neue Ausarbeitung“. W.s Interessen galten in dieser Zeit weniger der neueren Historie als der Archäologie und Kunstgeschichte. Die zahlreich erhaltenen Exzerpte bezeugen ein umfassendes Studium der gesamten Kunstliteratur. W. besuchte häufig die Gemäldegalerie in Dresden und freundete sich mit mehreren Dresdner Künstlern an, so mit dem Galerieinspektor Johann Gottfried Riedel und mit Adam Friedrich Oeser. 1752 verfasste er eine fragmentarische „Beschreibung der vorzüglichsten Gemälde der Dreßdner Gallerie“. Die damals im Großen Garten ungünstig deponierten antiken Skulpturen („wie die Heringe gepacket“, fand W.) hatte er nur flüchtig kennengelernt. – Die Bekanntschaft mit Kardinal Alberigo Archinto, dem Nuntius am Dresdner Hof, und dem königlichen Beichtvater Pater Leo Rauch erweckten Hoffnungen auf eine Anstellung in Rom, die 1754 zur Konversion führten. Die Abreise nach Italien verzögerte sich jedoch um ein ganzes Jahr, das W. mit intensiven Studien im Kreise der Künstler und Gelehrten in Dresden verbrachte. Er entwarf „Gedanken vom mündlichen Vortrag der neueren allgemeinen Geschichte“ für eine „gewiße Gesellschaft“ und schrieb im Frühjahr 1755 die „Gedancken über die Nachahmung der Griechischen Wercke in der Mahlerey und Bildhauer-Kunst“ nieder. Die nur in wenigen Exemplaren gedruckte Abhandlung mit Bildschmuck von Oeser widmete er Kurfürst Friedrich August II. (König August III. von Polen). Sie wurde zur Programmschrift des Klassizismus. Eine erweiterte Auflage erschien 1756 bei George Conrad Walther. Im September 1755 reiste W. nach Rom. Zunächst beschäftigte ihn das Studium der Antikensammlungen. Seit 1757 war er als Bibliothekar seines zum Kardinalstaatssekretär aufgestiegenen Gönners Archinto tätig. Nach dessen Tod 1758 trat er in den Dienst des kunstsinnigen Kardinals Alessandro Albani, dessen Berater und Hausgenosse er wurde. Reisen nach Neapel (Italien) ermöglichten ihm das Studium der Ausgrabungen in Herculaneum, von denen er in mehreren „Sendschreiben“ berichtete. In Florenz bearbeitete er 1758/59 die berühmte Gemmensammlung des Antiquars Philipp von Stosch, der einige Jahre im Dienst Kurfürst Friedrich Augusts I. (König August II. von Polen, der Starke) gestanden hatte. Bedeutsam wurde W.s Freundschaft zu Anton Raphael Mengs, einem Hauptvertreter der frühklassizistischen Malerei. Die Ernennung zum Oberaufseher der römischen Antiken der Vatikanischen Museen und zum Scriptor an der Vatikanischen Bibliothek krönten seine Laufbahn. – Spätere Pläne einer Rückkehr W.s nach Dresden als Antiquar des Kurprinzen Friedrich Christian zerschlugen sich. Durch eine umfangreiche Korrespondenz blieb er mit seinen Dresdner Freunden verbunden. Im Verlag der Waltherschen Buchhandlung erschienen viele seiner Schriften, so 1764 die „Geschichte der Kunst des Alterthums“, zu der sein Nöthnitzer Kollege Francke das Register verfasst hatte.



Q  Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Handschriftenabteilung; W. Rehm (Hg.), Briefe, 4 Bde., Berlin 1952-1957.

W  Beschreibung der vorzüglichsten Gemälde der Dreßdner Gallerie, 1752; Gedancken über die Nachahmung der Griechischen Wercke in der Mahlerey und Bildhauer-Kunst, Friedrichstadt 1755 (ND Dresden 1927); Geschichte der Kunst des Alterthums, Dresden 1764, Wien ²1776; Gedanken vom mündlichen Vortrag der neueren allgemeinen Geschichte, in: Erholungen Jg. 1800, H. 1, S. 1-22; W. Rehm (Hg.), Kleine Schriften, Vorreden, Entwürfe, Berlin 1968 (ND Berlin/New York ²2002); (Werkeditionen: J. J. W., Schriften und Nachlaß, 5 Bde., Mainz 1996-2008).

L  C. Justi, W., Sein Leben, seine Werke und seine Zeitgenossen, Bd. 1, Leipzig 1866; ders., W. und seine Zeitgenossen, Bd. 1, Leipzig 1866, ³1923; G. Baumecker, W. in seinen Dresdner Schriften, Berlin 1933; A. Schulz, Die Bildnisse Johann Joachim W.s, Berlin 1953 (P); K. Zimmermann (Hg.), Die Dresdener Antiken und W., Berlin 1977; G. Heres, W. in Sachsen, Berlin/Leipzig 1991; ders., Erinnerung an Nöthnitz, in: U. Götz (Hg.), Graf Heinrich von Bünau - ein „merkwürdiger“ Sachse, Dresden 1997, S. 20-23; H. van Dolen, Mord in Triest, Stendal 1998; S. Heinisch, Die Bibliothek Graf Heinrich v. Bünaus auf Schloss Nöthnitz, in: U. Götz (Hg.), Zehn Jahre Studienstätte Schloss Nöthnitz e.V. 2001, Bannewitz 2001, S. 33-46; E. Décultot, Untersuchungen zu W.s Exzerptheften, Ruhpolding 2004; M. Schmoeckel, Fiat Iustitia!, Stendal 2005; H. Pfotenhauer, 250 Jahre W.s ‚Gedanken über die Nachahmung‘, Stendal 2006. – ADB 43, S. 343-362; DBA I, II, III; DBE 10, S. 518-520; T. Bürger/K. Hermann (Hg.), Das ABC der SLUB, Dresden 2006, S. 240 (P).

P  Johann Joachim W., A. R. Mengs, nach 1755, Öl auf Leinwand, Metropolitan Museum of Art, New York City (USA); Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Abteilung Deutsche Fotothek (Bildquelle).



Gerald Heres
2.12.2011


Empfohlene Zitierweise:

Gerald Heres, Winckelmann, Johann Joachim, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (28.4.2017)

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