Zedler Johann Heinrich
Verleger
* 7.1.1706 Breslau (poln. Wrocław) 21.3.1751 Leipzig(ev.)
VJohann, Schuhmacher1726 Christiane Dorothea, geb. Richter
GND: 118636316

Über Kindheit und Jugend des Verlegers der bedeutendsten deutschsprachigen Enzyklopädie des 18. Jahrhunderts ist wenig bekannt. Wohl über keine höhere Schulbildung verfügend, trat Z. nicht in die beruflichen Fußstapfen seines Vaters, sondern begann in Breslau eine Lehre als Buchhändler, die er in Hamburg fortsetzte. 1726 erwarb Z. das Bürgerrecht im sächsischen Freiberg, wo er in eine angesehene Kaufmanns- und Ratsherrenfamilie einheiratete und sich als Buchhändler niederließ. Seine beruflichen Ambitionen führten ihn bereits 1727 nach Leipzig als dem Zentralort des deutschen Buchhandels im Reich, wo er in der Grimmaischen Straße eine wohl relativ kleine Buchhandlung eröffnete und noch im selben Jahr mit Johann Gotthard Beyers „Ursprüngliche Quellen des Indifferentismi, oder Ursachen der närrischen Meynung: Man kann in allen Religionen selig werden“ erstmals als Verleger hervortrat. Nach diesem Erstprodukt folgte bereits 1728 die Ankündigung einer vermehrten und verbesserten Ausgabe sämtlicher deutscher Schriften Martin Luthers, mit der sich der Hang Z.s zu ehrgeizigen Großprojekten andeutete. Mittels des Subskriptionssystems und unterstützt durch einen Kredit seines Schwagers, des Bautzener Buchhändlers und Verlegers David Richter, gelang es Z. tatsächlich, sich mit seiner zu günstigem Preis angebotenen Luther-Ausgabe (22 Teile in 11 Bänden), die er in etwas mehr als fünf Jahren (1729-1734) rasch auf den Markt brachte, einen Namen zu machen. Daraufhin fühlte sich Z., von den etablierten Leipziger Verlegern argwöhnisch beobachtet, zu längerfristigen Unternehmungen ermutigt. Er entdeckte dabei für sich die Lexikografie als ebenso attraktives wie zukunftsweisendes Marktsegment. Die Quantifizierung des Wissens und des gedruckten Wortes in der Frühen Neuzeit auf der einen Seite, die Formierung eines an Bildungserwerb interessierten, Wissen und Bildung zugleich als Distinktionskriterium einsetzenden Bürgertums andererseits verlangten nach einer übersichtlichen und leicht zu rezipierenden Präsentation des Wissensbestandes der Zeit. Im 18. Jahrhundert schlug damit die Stunde des Lexikons und Fachwörterbuchs, das beanspruchte, das Wissen alphabetisch geordnet in deutscher Sprache darzubieten. Bereits 1704 war der Leipziger Verleger Johann Friedrich Gleditsch mit einem 1712 bereits in fünfter Auflage erschienenen „Real-, Staats-, Zeitungs- und Conversations-Lexicon“ hervorgetreten, andere wie Thomas Fritsch waren diesem Beispiel alsbald gefolgt. Wenn Z. seine Aktivitäten nun auf die Lexikografie verlegte, betrat er mithin kein völliges Neuland, ungewöhnlich kühn war allerdings sein Vorhaben, alle bisherigen, vorzugsweise an einzelnen Wissenssparten orientierten Lexika der Leipziger Verleger in den Schatten zu stellen und ein „Grosses vollständiges Universal-Lexicon Aller Wissenschafften und Künste“ vorzulegen, das zunächst auf 12 Bände konzipiert war. Für die Erarbeitung der Artikel versicherte er sich der Mitarbeit zahlreicher Gelehrter, die aus Gründen der Konkurrenzabwehr offenkundig zum Stillschweigen über ihre Mitarbeit verpflichtet waren; die Autorschaft etwa von Johann Christoph Gottsched kann auf diese Weise nur vermutet werden. Für die redaktionelle Betreuung gewann Z. den Leipziger Professor für Geschichte und Politik, Jakob August von Franckenstein, der sich freilich bereits nach dem Erscheinen der ersten beiden Bände 1732 zurückzog. Nachfolger wurde Paul Daniel Longolius, der allerdings, nachdem sich Hoffnungen auf eine Universitätskarriere in Leipzig nicht erfüllt hatten, 1735 das Rektorat am Gymnasium in Hof übernahm. Das Projekt an sich sowie auch die aggressive Preispolitik Z.s stellten für die eingesessenen Leipziger Verlegerfamilien nicht nur eine unerwünschte Konkurrenz, sondern nachgerade eine Provokation dar. Sich auf ihre Druckprivilegien berufend, wollten sie vor allem verhindern, dass ihre eigenen Lexika von Z.s Autoren ausgeschrieben wurden. Zugleich lehnte die Leipziger Bücherkommission seinen Antrag auf Erteilung eines Druckprivilegs als Schutz gegen Raubdrucke ab. Unbeeindruckt vom Leipziger „Verlegerkrieg“ verfolgte Z. sein Projekt weiter und bemühte sich erfolgreich um kaiserliche und preußische Privilegien. Zugleich knüpfte er, nachdem er kurz im sächsischen Delitzsch bei Vogelsang hatte drucken lassen, Kontakte nach Halle, wo er unter der Protektion des Universitätskanzlers Johann Peter Ludewig die Waisenhaus-Druckerei für den Druck der Lexikonbände gewann. Ludewig war es auch, der in der Vorrede zum ersten Band den Mut des Verlegers rühmte, sich an ein „Werck/daran noch kein anderer, weder in Teutschland, noch außerhalb in andern Reichen und Staaten“ zu wagen. Ungeachtet dessen wurde die Auslieferung des Lexikons in Leipzig von der Konkurrenz verhindert, sodass es in Sachsen zunächst nur aus dem preußischen Halle bezogen werden konnte. Wohl auch deshalb blieb der Absatz der Lexikonbände hinter den Erwartungen zurück, sodass Z. Mitte der 1730er-Jahre in ernsthafte finanzielle Bedrängnis geriet, die ihn zu einem Vergleich mit seinen Gläubigern und zur Aufgabe seiner Buchhandlung nötigte. Für die Weiterführung des Verlags fand sich mit dem Leipziger Kaufmann Johann Heinrich Wolff ein Finanzier. Die Fortsetzung des „Universal-Lexicons“, für dessen inhaltliche und redaktionelle Betreuung seit 1738 ab Band 19 der Leipziger Philosophieprofessor Carl Günther Ludovici verantwortlich zeichnete, war damit gesichert. Zedler fungierte dabei weiterhin nominell als Verleger, wurde aber faktisch zunehmend an den Rand gedrängt. Er engagierte sich deshalb für andere Projekte wie die „Allgemeine Schatz-Kammer der Kaufmannschafft oder Vollständiges Lexicon aller Handlungen und Gewerbe“ (2 Bde., Leipzig 1741/43), die freilich nicht mehr unter eigener Firma, sondern unter der Verlegeradresse von Johann Samuel Heinsius erschienen. Vom Tagesgeschäft zurückgezogen lebte Z. zuletzt, wie es in dem ihm gewidmeten Lexikoneintrag aus dem Jahr 1749 heißt, „die meiste Zeit des Sommers auf seinem Land-Gute zu Wolfshayn“. – Ungeachtet aller anderer Aktivitäten basiert die verlegerische Bedeutung Z.s auf dem „Universal-Lexicon“, dessen Abschluss er 1750 noch erleben durfte; die Supplementbände erschienen posthum. Mit über 60, jeweils annähernd 1.000 Seiten starken Bänden und etwa 750.000 Lemmata und Querverweisen wurde mit dem „Zedler“ eine Thesaurierung des Wissensbestandes des 18. Jahrhunderts vorgelegt, wobei die gegenüber der ursprünglichen Konzeption ständig gewachsene Bandzahl zugleich indizierte, dass vor dem Hintergrund der Ausdifferenzierung der Wissenschaften und der permanenten Erweiterung des menschlichen Erfahrungshorizontes der enzyklopädische Gedanke an seine Grenzen stieß. So gesehen markiert das „Universal-Lexicon“ das Ende des barocken Polyhistorismus. Für die historische Forschung besitzt es wegen seiner Informationsdichte nach wie vor großen Wert, wobei die Qualität der Artikel z.T. recht unterschiedlich ist; den 160 Spalten zum Stichwort „Leipzig“ korrespondieren beispielsweise gerade einmal drei zum Eintrag „Berlin“. Vor allem aber enthält der „Zedler“ zahlreiche, in modernen Lexika nicht mehr zu findende Lemmata, die ihn vor allem für die Frühneuzeitforschung zu einem unentbehrlichen Hilfsmittel machen. Dem wurde seit den 1960er-Jahren durch Nachdrucke Rechnung getragen. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts wurde der Rang des „Universal-Lexicons“ dadurch dokumentiert, dass der Inhalt aller Bände seitens der Bayerischen Staatsbibliothek München über Internet zugänglich gemacht wurde.



W  Grosses vollständiges Universal-Lexicon Aller Wissenschafften und Künste, Welche bißhero durch menschlichen Verstand und Witz erfunden und verbessert wurden, 64 Bde., Halle u.a. 1732-1750, 4 Supplementbde., Halle u.a. 1751-1754 (Nachdruck Graz 1961-1964, 1994-1999), Online-Ausgabe: www.zedler-lexikon.de.

L  J. Goldfriedrich, Geschichte des deutschen Buchhandels, Bd. 2, Leipzig 1908; E. Blühm, Johann Heinrich Z. und sein Lexikon, in: Jahrbuch der Schlesischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Breslau 7/1962, S. 184-200; B. Kossmann, Deutsche Universallexika des 18. Jahrhunderts, in: Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel 89/1969, S. 2947-2968; G. Quedenbaum, Der Verleger und Buchhändler Johann Heinrich Z. 1706-1751, Hildesheim/New York 1977; „Zedleriana“, fortlaufend ergänzte Materialien und Dokumente unter: www.repositorium.net. – ADB 44, S. 741; DBA I, III; DBE 10, S. 626; W. Killy (Hg.), Literatur-Lexikon. Autoren und Werke deutscher Sprache, Bd. 12, Gütersloh/München 1992, S. 470.



Winfried Müller
11.11.2004


Empfohlene Zitierweise:

Winfried Müller, Zedler, Johann Heinrich, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (22.7.2017)

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