Bünau Heinrich Graf von
Jurist, Oberkonsistorialpräsident, Geheimer Rat, Historiker
* 2.6.1697 Weißenfels 7.4.1762 Oßmannstedt bei Weimar(ev.)
VHeinrich, herzoglich weißenfelsischer Kanzler, später kursächsischer Geheimer Rat und KanzlerMJuliana Dorothea, geb. von GeismarGRudolph, herzoglich weißenfelsicher Rat, Assessor am Oberhofgericht Leipzig 1.1721 Auguste Helene, geb. von Döring († 1728)S3 u.a. Heinrich; GüntherTJuliana 2.1729 (gesch. 1736) Erdmuthe Friederike, geb. von HoymTHenriette Friederike 3.1739 Christiana Elisabeth, geb. von Arnim († 1783)SHeinrich
GND: 100061753

B., der ursprünglich eine militärische Laufbahn einschlagen sollte, studierte nach dem Besuch der Fürstenschule in Pforta 1713 bis 1716 an der Universität Leipzig Rechtswissenschaft und trat danach in den kursächsischen Staatsdienst. 1717/18 unternahm er eine ausgedehnte Bildungsreise durch Westeuropa. 1719 war er als Geheimer Rat für Steuerangelegenheiten zuständig. 1722 erfolgte die Ernennung zum wirklichen Hof- und Justizrat, 1725 zum Appellationsrat am Appellationsgericht. 1727 bis 1730 war B. Präsident des Oberkonsistoriums. 1730 wurde er wirklicher Geheimer Rat. Nach dem Sturz seines Gönners, des Kabinettsministers Graf Karl Heinrich von Hoym, 1731 verlor B. an politischem Einfluss und wurde 1734 als Oberaufseher der Grafschaft Mansfeld nach Eisleben abgeschoben. Nach dem Tod Kaiser Karls VI. 1740 vertrat B. als Gesandter am kurmainzischen Hof die Interessen Kursachsens bei der anstehenden Kaiserwahl. 1741/42 weilte er wieder in Dresden. Jedoch trat er noch 1742 in den Dienst Kaiser Karls VII. Dieser erhob ihn und seinen Vater noch im gleichen Jahr in den Reichsgrafenstand. In kaiserlichen Diensten fungierte B. als lutherischer Reichshofrat und war Bevollmächtigter für den niedersächsischen Reichskreis. Nach dem Tod des Kaisers 1745 kehrte B. erneut nach Sachsen zurück. Nicht mehr im kursächsischen Staatsdienst stehend, gehörte er nun als Mitglied der Ritterschaft der Ständeversammlung und ihrem engeren Ausschuss an. Innenpolitisch stand B. für die vollständige Erhaltung der ständischen Rechte und gegen jegliche absolutistischen Bestrebungen. Außenpolitisch vertrat er zeitlebens die Hoymschen antihabsburgischen und profranzösischen Positionen. Das Verhältnis zu seinem alten Widersacher Graf Heinrich von Brühl, der B.s politische Karriere schon nach 1731 verhindert hatte, verschärfte sich 1749 erneut, nachdem er mit einer Denkschrift zur Sanierung der Staatsfinanzen den Zorn des allmächtigen Ministers auf sich gezogen hatte. Resignierend nahm B. 1751 die Stelle des sachsen-weimarischen Statthalters in Eisenach an und wurde 1755 leitender Minister des Herzogtums. Nach seinem Rücktritt 1759 aufgrund von Differenzen mit Anna Amalia, der Gattin des ein Jahr zuvor verstorbenen Herzogs Ernst August II., lebte er bis zu seinem Tod auf seinem Gut in Oßmannstedt. – Als Politiker scheiterte B. Umso größer ist seine Bedeutung und Wirkung als Gelehrter. In seiner unvollendeten „Genauen und umständlichen Teutschen Kaiser- und Reichshistorie“ (1728-1743) löste er sich von der barocken, nur staatsrechtlich argumentierenden Historiografie. Die typisch aufklärerische didaktische Motivation ist bereits in dieser Arbeit unverkennbar. Bemerkenswert ist auch, dass B. seine „Reichshistorie“ in deutscher Sprache verfasste. Zusammen mit Johann Jacob Mascov steht B. damit am Beginn der deutschen Aufklärungsgeschichtsschreibung. In seinem Werk „Kurtze ... Information ... des Chur- und Fürstlichen Hauses Sachsen Gerechtsame an den erledigten Herzogtümern ... Jülich, Cleve, Berg ...“ (1733) - einem staatsrechtlichen Gutachten zu einem kursächsischen Prozess - bewies er aber auch, wie virtuos er die großen Errungenschaften der barocken Geschichtsschreibung hinsichtlich der formalen Quellenkritik bei der Darstellung politisch-staatsrechtlicher Sachverhalte beherrschte. Über seine zweifellos vorhandenen Kontakte zu anderen bedeutenden Historiker liegen keine Quellen vor. Der auf dem Gemälde von Theobald von Oer (1885) dargestellte gelehrte Kreis in Nöthnitz ist eine Fiktion. – Die Bibliothek B.s - anfangs in Dresden (Kleine Brüdergasse 21), seit 1740 auf seinem Gut in Nöthnitz - umfasste 42.000 Bände. Sie gilt als die vielleicht bedeutendste deutsche Gelehrtenbibliothek des 18. Jahrhunderts und wurde 1765 von der kurfürstlichen Bibliothek (heute Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden) angekauft. Neben Johann Michael Francke stand Johann Joachim Winckelmann, der Begründer der klassischen Archäologie und modernen Kunstgeschichte, 1748 bis 1754 als Bibliothekar in B.s Diensten. – Auf seinem Rittergut Dahlen, in dessen Besitz B. durch seine erste Ehefrau gelangte, veranlasste er den Bau eines Schlosses (1734 bis 1751).



Q  Die vornehmsten Gedächtnisschriften, welche dem Andencken ... Herrn Heinrichs des Hl. Röm. Reichs Grafen von Bünau ... nach Desselben den 7. April 1762 ... erfolgten seligen Ablebens, gewidmet worden, Jena 1762 (ND Leipzig 1768); Sächsische Landes-, Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Handschriftenabteilung, R.112-128, App.1720-1724.

W  De iure circa rem monetariam in Germania, Diss. Leipzig 1716; Probe einer genauen und umständlichen Teutschen Kaiser und Reichshistorie oder Leben und Thaten Friedrichs I., Leipzig 1722; Genaue und umständliche Teutsche Kaiser- und Reichshistorie, aus den bewährtesten Geschichtsschreibern und Urkunden zusammengetragen, 4 Bde. Leipzig 1728-1743 (Bd. 1: P); Kurtze, jedoch gründliche Information, was es um des Chur- und Fürstlichen Hauses Sachsen Gerechtsame an den erledigten Herzogtümern, Graf- und Herrschaften, Jülich, Cleve, Berg etc. für ein Bewandnis habe, Dresden/Leipzig 1733; Betrachtungen über die Religion und ihren jetzigen Verfall ..., hrsg. von J. F. Burscher, Leipzig 1769.

L  J. M. Francke, Catalogus bibliothecae Bunavianae, 3 Bde. (unvollständig), Leipzig 1750-1756; C. Sahrer von Sahr, Heinrich von B., Bd. 1 (Fragment), Dresden 1869 (P); M. Schurig, Die Geschichtsschreibung des Grafen Heinrich von B., Diss. Leipzig 1910; W. Schultze, Heinrich von B. Ein kursächsischer Staatsmann, Gelehrter und Mäcen, Diss. Leipzig 1933 (Porträtnachweise); ders., Die Bibliothek Heinrichs von B., in: Zeitschrift für Bibliothekswesen 52/1935, S. 337-345; R. Grimm, Heinrich von B. Seine Unterrichtsbriefe und Religionsgedanken, Diss. Jena 1935; H. Deckert, B.s Bibliothek - einst und jetzt, in: M. Kunze (Hg.), Winckelmann und Nöthnitz, Stendal 1976, S. 30-39; G. Heres, Graf Heinrich von B. und seine Reichshistorie, in: ders., Winckelmann in Sachsen, Berlin/Leipzig 1991, S.17-22; J. Cämmerer (Bearb.), Heinrich Graf von Bünau (1697-1762), Oßmannstedt 2002; G. Schlüter, Heinrich von Bünau - Staatsmann und Gelehrter, Reichsgräflicher Bauher in Oßmannstedt, in: Azmenstat 956-2006 Oßmannstedt, Oßmannstedt 2006, S. 22-33. – ADB 3, S. 538f.; DBA I, II, III; DBE 2, S. 207; NDB 2, S. 739f.; K. Bosl/G. Franz/H. H. Hofmann (Bearb.), Biographisches Wörterbuch zur deutschen Geschichte, Bd. 1, München 21973, Sp. 385f.

P  L. de Sylvestre, 1742, Ölgemälde, Schloss Nöthnitz, Kopie Schloss Dahlen; A. F. Oeser (?), Ölgemälde, Schloss Dahlen (?); J. M. Bernigeroth/E. G. Hausmann, um 1727/30 bzw. um 1759, drei Kupferstiche; J. J. Haid/A. M. Werner, um 1740, Kupferstich; Semmler, um 1867, Kupferstich nach dem Gemälde von Oeser, Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Abteilung Deutsche Fotothek (Bildquelle).



Reinhardt Eigenwill
5.5.2006


Empfohlene Zitierweise:

Reinhardt Eigenwill, Bünau, Heinrich Graf von, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (27.6.2017)

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