Poelzig Hans
Architekt, Stadtbaurat
* 30.4.1869 Berlin 14.6.1936 Berlin Berlin-Steglitz-Zehlendorf, Friedhof Wannsee I, Ehrengrab(ev.)
MClara Henriette Marie Ames, geb. Gräfin von Poelzig (1835-1879) 1.1899 Maria, geb. VossSHans; Jochen; Peter (1906-1981), Architekt, Stadtbaurat in Münster, HochschullehrerTRuth, verh. Poelzig-Ockel (1904-1996), Kabarettistin, Schauspielerin 2.1924 Marlene, geb. Moeschke (1894-1985), Bildhauerin, ArchitektinSAlexanderTMarlene; Angelika
GND: 118741217

Der vielseitig begabte P. gehörte der jungen Generation an, die in den Jahren nach 1900 überholte Kunstauffassungen zu überwinden versuchte. Seine Bauten und Entwürfe waren wegweisend für die moderne Architektur des 20. Jahrhunderts. P. war 1916 bis 1920 als Stadtbaurat in Dresden tätig, hat aber in dieser Zeit nur wenig bauen können. Einen internationalen Ruf erwarb er sich durch den Umbau des Großen Schauspielhauses in Berlin sowie seine visionären Theaterentwürfe und Bühnendekorationen. Viele seiner großartigen Pläne blieben unausgeführt. P. war ein brillanter Architekturlehrer, der über seine Schüler großen Einfluss auf das moderne Bauen ausübte. – P. war das uneheliche Kind einer thüringischen Gräfin. Durch die Familie seiner Mutter war er mit den ernestinischen Herzögen von Sachsen und dem englischen Königshaus verwandt. Sein Großvater, Maximilian Freiherr von Hanstein, hatte 1826 Herzogin Luise geheiratet, die geschiedene Gattin des Herzogs Ernst I. von Sachsen-Coburg-Gotha und Mutter des englischen Prinzgemahls Albert. P. wuchs im Haus eines Kantors Liese in Stolpe am Wannsee auf und trug auch dessen Namen, bis er 1879, nach dem Tod seiner Mutter, den Namen P. erhielt. Das Architekturstudium an der Technischen Hochschule Berlin bezahlte der ältere Bruder, der das Gut Pölzig im Herzogtum Sachsen-Altenburg geerbt hatte. Seine Lehrer waren Karl Schäfer und dessen Mitarbeiter Hugo Hartung, in dessen Architekturbüro er 1893/94 arbeitete. Sein Referendariat verbrachte P. im preußischen Ministerium der öffentlichen Arbeiten. Nachdem er 1899 die zweite Staatsprüfung abgelegt hatte, wurde er 1900 als Lehrer der neu eingerichteten Klasse für architektonisches Zeichnen und Kunsttischlerei an die Kunstgewerbeschule in Breslau (poln. Wrocław) berufen und dort 1903 zum Direktor ernannt. Unter P.s Leitung wurde die Kunstgewerbeschule 1911 zur Akademie für Kunst und Kunstgewerbe erhoben. P.s eigene Bautätigkeit begann 1904 mit einem Landhaus, das auf der Gewerbeausstellung in Breslau gezeigt wurde und mit seiner schlichten, ornamentlosen Bauweise für Aufsehen sorgte. 1906 legte er einen wegweisenden Entwurf für die Werdermühle in Breslau vor, die aber nach Einspruch des Bürgermeisters nicht ausgeführt wurde. P. errichtete sein eigenes Haus in Breslau-Leerbeutel (poln. Wrocław-Zalesie) (1906), die Dorfkirche in Maltsch/Oder (poln. Malczyce) (1906), das Jugendheim Haus Zwirner in Löwenberg/Schlesien (poln. Lwówek Śląski) (1910) und ein modernes Geschäftshaus in Breslau (1911/12), das sich durch eine horizontal gegliederte Fassade auszeichnete. Außerdem bewies er mit dem Umbau des Rathauses in Löwenberg (1906), dass er sich in eine historische Umgebung einzufühlen vermochte. Für die Industrieausstellung 1911 in Posen (poln. Poznań) baute er einen Wasserturm, der als Ausstellungsbau der oberschlesischen Industrie diente und einen Neubeginn auf dem Gebiet der Industriearchitektur markierte. P.s Wasserturm in Posen und die Chemische Fabrik in Lauban (poln. Lubań) (1911/12) waren aufgrund ihrer funktionsorientierten, sachlichen und ornamentfreien Gestaltung wegweisend für die moderne Baukunst des 20. Jahrhunderts. Nach einem Wettbewerbserfolg baute P. 1908 bis 1914 die Talsperre Klingenberg im Erzgebirge. Deren beeindruckende Staumauer scheint sich mit ihrem wuchtigen Zyklopenmauerwerk dem Wasserdruck entgegenzustemmen. In dem vom Deutschen Werkbund 1916 ausgeschriebenen Wettbewerb um ein „Haus der Freundschaft“ in Istanbul (Türkei) erstellte P. einen originellen und kühnen Entwurf. – Nachdem der Dresdner Stadtbaurat Hans Erlwein 1914 tödlich verunglückt war, suchte man einen fähigen, mit der modernen Architekturentwicklung vertrauten Nachfolger. Karl Schmidt, der Gründer und Leiter der Deutschen Werkstätten in Hellerau, machte den Dresdner Stadtrat auf P. aufmerksam, der daraufhin 1916 zum Stadtbaurat gewählt wurde. P., der mit großen Hoffnungen nach Dresden kam und durch die Dresdner Baukunst starke künstlerische Impulse erhielt, legte visionäre Entwürfe vor, u.a. für eine Feuerwache auf kreisrundem Grundriss (1916), für ein kühn gestaffeltes Stadthaus (1917) und für einen Konzertsaal (1918). Unter den widrigen Kriegs- und Nachkriegsbedingungen war jedoch an eine Ausführung dieser Pläne nicht zu denken. In Dresden-Reick baute P. ein Gaswerk (1916), dessen technisch bedingte Stahlbetonkonstruktion unverhüllt gezeigt wurde. – 1920 ging P. nach Berlin, weil er wieder hauptamtlich lehren wollte und in der deutschen Hauptstadt auf die Umsetzung seiner künstlerischen Visionen hoffte. Er übernahm ein Meisteratelier an der Akademie der Künste und erhielt 1924 eine Professur an der Technischen Hochschule. Mit dem Umbau des Zirkus Schumann zum Großen Schauspielhaus (1918/19) erregte P. großes Aufsehen, denn er hatte die Kuppel, die sich über das weiträumige „Theater der Fünftausend“ von Max Reinhardt spannte, mit organisch wirkenden Zacken überzogen, die dem Raum ein rauschhaft üppiges Gepräge gaben. Das Große Schauspielhaus gilt als herausragendes Beispiel für die expressionistische Architektur nach dem Ersten Weltkrieg. An der Innenausstattung arbeitete auch P.s Lebensgefährtin Marlene mit, die er 1924 nach der Scheidung von seiner ersten Frau Maria heiratete. P. arbeitete eng mit Reinhardt, Paul Wegener und anderen Film- und Bühnenkünstlern zusammen. Er schuf Bühnenausstattungen für „Die Räuber“ (1922/23), „King Lear“ (1923), „Don Giovanni“ (1923) sowie „Ein Sommernachtstraum“ (1926) und entwarf die phantastische Filmarchitektur für den bedeutenden Film „Der Golem und wie er in die Welt kam“ (1920). In Dresden geht der Majolikabrunnen im Großen Garten auf P. zurück. – P. beteiligte sich an den Debatten um die Durchsetzung der modernen Architektur. Er hatte 1919 bis 1922 den Vorsitz im Deutschen Werkbund inne und war Mitglied der avantgardistischen Architektenvereinigung „Der Ring“, die sich 1922 um Hugo Häring und Ludwig Mies van der Rohe gebildet hatte. Die großen Entwürfe der 1920er-Jahre, u.a. für ein Festspielhaus in Salzburg (1920-1923), zur Umgestaltung des Platzes der Republik in Berlin (1927), für den Völkerbundspalast in Genf (1927) und für das Messegelände in Berlin (1928-1930) blieben unausgeführt. Gebaut wurden das Kabelwerk Dr. Cassirer & Co. AG in Berlin-Spandau (1928/29), das Haus des Rundfunks in Berlin-Charlottenburg (1928-1931), das Verwaltungsgebäude des IG-Farben-Konzerns in Frankfurt/Main (1928-1931) und die Sparkasse in Wolgast (1931). Diese oft sehr großen Bauten sind zweckgemäß angelegt, sachlich gestaltet und einer strengen axialen Ordnung unterworfen. Das riesige IG-Farben-Gebäude in Frankfurt/Main, das mit seinen klar gegliederten Kuben frei in einem ansteigenden Parkgelände angeordnet ist, besitzt zudem eine repräsentative Ausstrahlung. In Berlin entwarf P. die Wohnbebauung am Bülowplatz (heute Rosa-Luxemburg-Platz) mit dem Kino „Babylon“ (1927-1929). Obwohl P. am Bau der Weißenhofsiedlung in Stuttgart (1927) mitwirkte, blieb er gegenüber manchen Formen der avantgardistischen Architektur skeptisch eingestellt. Die Einfamilienhäuser in der Siedlung im Fischtalgrund in Berlin-Zehlendorf (1928) versah er bewusst mit einem traditionellen Dach, was konservative Kreise nicht hinderte, ihm dennoch „Kulturbolschewismus“ vorzuwerfen. P. wurde 1932 zum Vizepräsidenten der Akademie der Künste in Berlin gewählt, aber 1933 nach der nationalsozialistischen „Machtergreifung“ abgesetzt. Obwohl er weiterhin an Wettbewerben teilnehmen konnte, blieben ihm Aufträge verwehrt. Martin Wagner, seit 1933 in Ankara tätig, wollte ihn in die Türkei holen, doch P. starb 1936 kurz vor der geplanten Übersiedlung. – P., der 1929 die Ehrendoktorwürde der Technischen Hochschule Stuttgart entgegennahm, hat sein Leben lang Architektur gelehrt. Er verstand es meisterhaft, die eigene praktische Bautätigkeit mit der architektonischen Ausbildung zu verbinden. Zu seinem Schülerkreis gehörten die bedeutenden deutschen Architekten Rudolf Schwarz, Egon Eiermann, Max Cetto, Helmut Hentrich und Julius Posener.



W  Gewerbeausstellung Breslau, Landhaus, 1904; eigenes Haus in Breslau-Leerbeutel, 1906; Dorfkirche Maltsch/Oder, 1906; Rathaus Löwenberg, Umbau, 1906; Talsperre Klingenberg, 1908-1914; Haus Zwirner Löwenberg, 1910; Industrieausstellung Posen, Wasserturm, 1911; Geschäftshaus in Breslau, 1911/12; Chemische Fabrik Lauban, 1911/12; Feuerwache Dresden, 1916; Gaswerk Dresden-Reick, 1916; Zirkus Schumann Berlin, Umbau zum Großen Schauspielhaus, 1918/19; Majolikabrunnen im Großen Garten Dresden, 1922; Bülowplatz Berlin, Wohnbebauung mit Kino „Babylon“, 1927-1929; Siedlung im Fischtalgrund Berlin-Zehlendorf, 1928; Kabelwerk Dr. Cassirer & Co. AG Berlin-Spandau, 1928/29; Haus des Rundfunks Berlin-Charlottenburg, 1928-1931; Verwaltungsgebäude des IG-Farben-Konzerns Frankfurt/Main, 1928-1931; Sparkasse Wolgast, 1931.

L  T. Heuss, Hans P. - Das Lebensbild eines deutschen Baumeisters, Berlin 1939; J. Posener (Hg.), Hans P. - Gesammelte Schriften und Werke, Berlin 1970 (WV); F. Löffler, Das alte Dresden, Leipzig 1981; M. Schirren (Hg.), Die Pläne und Zeichnungen aus dem ehemaligen Verkehrs- und Baumuseum in Berlin, Berlin 1989; J. Posener, Hans P. - Sein Leben, sein Werk, Braunschweig/Wiesbaden 1994; C. P. Müller, Das Werk von Hans und Marlene Posener aus heutiger Sicht, Berlin 2003. – DBA II, III; DBE 8, S. 12; NDB 20, S. 565-567; Thieme/Becker, Bd. 27, Leipzig 1999, S. 179f.; Vollmer, Bd. 3, Leipzig 1999, S. 604; D. Petschel (Bearb.), Die Professoren der TU Dresden 1828-2003, Köln 2003, S. 725f.

P  Hans P., 1919, Fotografie, Architekturmuseum der Technischen Universität Berlin in der Universitätsbibliothek, Inv. Nr. 19921 (Bildquelle).



Matthias Donath
1.12.2006


Empfohlene Zitierweise:

Matthias Donath, Poelzig, Hans, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (24.6.2017)

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