Krause Fritz
Ethnologe, Amerikanist, Volkskundler, Kulturwissenschaftler, Museologe
* 23.4.1881 Moritzburg 1.6.1963 Leipzig(ev.)
VKarl (1849-1929), Pädagoge, Direktor der Blindenanstalt LeipzigMBertha Concordia, geb. Weißbach (1847-1885)1912 Clara Frida, geb. Sperling (1883-1941)SHans Peter (* 1913); Karl Helmut (* 1922)TGisela (* 1914)
GND: 118715712
Ältere Version des Artikel vom 07.09.2011





K. war einer der bedeutendsten Fachvertreter der deutschsprachigen Ethnologie in der Zwischenkriegszeit. Der langjährige Direktor des Museums für Völkerkunde Leipzig vertrat mit der ethnologischen Strukturlehre eine moderne Auffassung seines Fachs, verstrickte sich jedoch in der NS-Zeit in den Erwerb von Raubgut. – K. besuchte nach der Übersiedlung der Familie nach Leipzig 1887 bis 1892 die dortige 7. Bürgerschule sowie anschließend bis 1901 das Nikolai-Gymnasium. Nach Abschluss seiner Schulzeit nahm er an der Universität Leipzig ein Studium der Mathematik, Astronomie und Physik auf, wechselte ab dem sechsten Semester jedoch zu den Fächern Geografie, Völkerkunde und Geologie. Hier studierte er u.a. bei Karl Weule, Joseph Partsch und Friedrich Ratzel. K. erhielt 1905 eine Anstellung als wissenschaftlicher Hilfsarbeiter am Museum für Völkerkunde Leipzig und übernahm drei Jahre später - unter dem Direktorat Weules - die Position des Direktorialassistenten. – K. wurde 1907 an der Universität Leipzig mit der zwei Jahre zuvor abgeschlossenen Arbeit über „Die Pueblo-Indianer. Eine historisch-ethnographische Studie“ promoviert. Im Anschluss führte er Januar 1908 bis Februar 1909 im Auftrag des Museums eine wissenschaftliche Expedition nach Zentral-Brasilien (Araguaya-Gebiet) durch, von der er umfangreiche ethnografische Sammlungen sowie zahlreiche Fotos und phonografische Aufnahmen mitbrachte. 1919 wurde K. zum Leiter der amerikanischen Abteilung des Völkerkundemuseums Leipzig und zwei Jahre später zum Kustos ernannt. – K. habilitierte sich 1920 sich mit einer Arbeit über „Die Kultur der kalifornischen Indianer in ihrer Bedeutung für die Ethnologie und nordamerikanische Völkerkunde“, die von Weule, Felix Krueger und Partsch begutachtet wurde. Am 7.2.1920 wurde ihm die Venia Legendi für das Fach Völkerkunde verliehen und er erhielt 1925 am Ethnographischen Seminar eine nichtplanmäßige außerordentliche Professur für Völkerkunde (ab 1939 als außerplanmäßiger Professor). Zudem war K. 1924 bis 1927 neben- und ehrenamtlicher Leiter des Museums für Länderkunde in Leipzig. Nach dem Tod Weules 1926 wurde K. schließlich 1927 zum Direktor des Museums für Völkerkunde Leipzig berufen und übernahm interimsweise die Leitung des 1914 gegründeten Staatlich-Sächsischen Forschungsinstituts für Völkerkunde sowie des Ethnographischen Seminars, die 1927 zusammen mit dem Ordinariat für Völkerkunde an Otto Reche übertragen wurden. Zwei Jahre später erfolgte auf K.s Anregung hin die Gründung der Gesellschaft für Völkerkunde (ab 1938: Deutsche Gesellschaft für Völkerkunde), deren Vorsitzender er bis 1936 war. Neben seiner Universitätstätigkeit in Leipzig hielt K. in Vertretung Richard Thurnwalds 1931 bis 1936 Vorlesungen an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität. 1932 wurde er Leiter des „Bunds der Deutschen Museen für Völkerkunde“ als Abteilung des Deutschen Museumsbunds. – Der international gut vernetzte K. war u.a. Mitglied des Vereins für Völkerkunde Leipzig, der Deutschen Amerikanisten-Vereinigung und der American Anthropological Association, Mitglied des Vorstands des International Institute for African Languages and Cultures, Ehrenmitglied des Royal Anthropological Institute of Great Britain und Ireland sowie korrespondierendes Mitglied der Wiener Anthropologischen Gesellschaft und der Societé des Américanistes de Paris. Außerdem war K. Mitbegründer und Mitherausgeber der „Mitteldeutschen Blätter für Volkskunde“, Herausgeber der „Ethnologischen Studien“ sowie Mitherausgeber der Abteilung Völkerkunde in „Jedermanns Bücherei“. In seinen zahlreichen Zeitschriftenbeiträgen beschäftigte er sich u.a. mit der Besiedlungsgeschichte der nordamerikanischen Prärie, mit den nordamerikanischen Kulturprovinzen sowie mit „Kulturwandel und Volkstum“. Völkerkunde verstand K. in kritischer Abgrenzung zum ethnologischen Biologismus und zur physischen Anthropologie seiner Zeit als Kulturwissenschaft, in deren Rahmen er die ethnologische Strukturlehre entwickelte. Diese war v.a. durch eine große Nähe zur „Völkerpsychologie“ in ihrer Prägung durch Wilhelm Wundt gekennzeichnet, während sich K. von der Kulturkreislehre mit ihren sozialdarwinistischen und rassistischen Einfärbungen distanzierte. Die Volkskunde sah K. als Bestandteil der Völkerkunde an, deren Vermittlung im Schulunterricht er als wesentlich für die Stärkung des kulturellen Eigenbewusstseins betrachtete. Demzufolge engagierte er sich im Wissenschaftlichen Ausschuss für den „Atlas der deutschen Volkskunde“ in Sachsen. – Nachdem K. sich seit 1933 seiner Funktion als Museumsdirektor entsprechend in Treuebekundungen zum Nationalsozialismus und zur NS-„Volksgemeinschaft“ geübt hatte, trat K. 1937 in die NSDAP ein. Seine wissenschaftlichen Arbeiten und seine Lehre entsprachen indes nicht der nationalsozialistischen Rassenideologie und auch das Führerprinzip wurde in der Gesellschaft für Völkerkunde nicht umgesetzt. – Zwischen Mai 1940 und September 1942 erwarb K. nach Angebot von Walter Frenzel für das Leipziger Völkerkundemuseum mehr als 1.200 Objekte ethnografischen Raubguts aus dem Archäologischen und Ethnographischen Museum Łódź (Polen), von dem er einen Teil an die völkerkundlichen Sammlungen in Hamburg, Köln und Göttingen weiterverkaufte. Nach einem Bombenangriff auf Leipzig 1943 wurde K. am 30.3.1944 wegen des Vorwurfs, er habe unzureichende Schutzmaßnahmen für die Museumsobjekte getroffen, die Leitung des Völkerkundemuseums entzogen. Nach Kriegsende wurde er aufgrund seiner politischen Belastung im Juni 1945 auf Druck der amerikanischen Militärverwaltung als Museumsdirektor aus dem Dienst der Stadt Leipzig entlassen. Im Oktober desselben Jahrs entzog ihm die Landesregierung Sachsen die Lehrberechtigung für die Universität Leipzig. K. wurde in der Folge zwar zum Frankfurter Ethnologentreffen 1946 eingeladen, jedoch als „politisch belastet“ bezeichnet. Im gleichen Jahr trat er in den Ruhestand, in dem er sich als Privatgelehrter betätigte und 1947 vom sächsischen Kulturamt als freischaffender Schriftsteller anerkannt wurde. Aufgrund seiner NS-Vergangenheit verweigerte ihm jedoch 1950 die Landesregierung die Wiedererlangung der Lehrerlaubnis; maßgebend war dabei ein Gutachten von Eva Lips, der Witwe des 1934 emigrierten und 1949 nach Leipzig berufenen Völkerkundlers Julius Lips. Auch die Verleihung der Urkunde zum 50-jährigen Doktorjubiläum wurde ihm 1957 auf Intervention von Lips verweigert.



Q  Universitätsarchiv Leipzig, Personalakten, PA 114 (Fritz K.), Promotionsakte Fritz K., UAL Prom. 1765, Nachlass Lips, UAL NA Lips 4/4/1; Stadtarchiv Leipzig, Personalamt, Kap. 10, K, Nr. 425; Staatliche Ethnographische Sammlungen/Museum für Völkerkunde Leipzig, Nr. 1942/13.

W  Die Pueblo-Indianer. Eine historisch-ethnographische Studie, Halle/Saale 1907; In den Wildnissen Brasiliens, Leipzig 1911; Die Kunst der Karaja-Indianer, Leipzig 1911; Die Kultur der kalifornischen Indianer in ihrer Bedeutung für die Ethnologie und die nordamerikanische Völkerkunde, Leipzig 1921; Das Wirtschaftsleben der Völker, Breslau 1924; Denkschrift über die Ausgestaltung des Museums für Länderkunde zu Leipzig, 2 Teile, Leipzig 1926.

L  U. Wolfradt, Ethnologie und Psychologie. Die Leipziger Schule der Völkerpsychologie, Berlin 2011; C. Lentz/S. Thomas, Die Deutsche Gesellschaft für Völkerkunde. Geschichte und aktuelle Herausforderungen, in: Zeitschrift für Ethnologie 140/2015, H. 2, S. 225-253; B. Herrmann, Doppelt sensibel. Die Ethnographische Sammlung Łódź als Zeugnis polnischer und deutscher Zeitgeschichte, in: A.-M. Brandstetter/V. Hierholzer (Hg.), Nicht nur Raubkunst! Sensible Dinge in Museen und universitären Sammlungen, Göttingen 2017, S. 93-106. – DBA II, III; DBE 6, S. 81; Kürschners Deutscher Gelehrten-Kalender, Berlin/Leipzig 1931; H. A. L. Degener (Hg.), Wer ist’s?, Berlin 1935.

P  Passbild von Fritz K., 1935, Fotografie, Universitätsarchiv Leipzig, FS N 457 (Bildquelle).



Sönke Friedreich
31.1.2019


Empfohlene Zitierweise:

Sönke Friedreich, Krause, Fritz, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V.
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (26.6.2019)

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