Gutmann Eugen
Bankier, Mitbegründer der Dresdner Bank
* 24.6.1840 Dresden 21.8.1925 München(jüd., später ev.)
VBernhard (1815-1894), Bankier in DresdenMMarie, geb. Lederer (1813-1889) 1.1873 SophieS4 u.a. Walther (1877-1917), Bankdirektor; Herbert (1879-1942), Bankier; Fritz (1886-1943), BankierTLilli; Antonie 2.G. Conte Sciamplicotti
GND: 129003972





G. war während des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts einer der bedeutendsten Bankiers in Sachsen und im Deutschen Reich. Als erster Vorstandssprecher der Dresdner Bank war er maßgeblich am Aufstieg des Unternehmens vom Lokalinstitut zu einer der größten deutschen Universalbanken beteiligt. Er erwies sich zudem als ein wichtiger Förderer der sächsischen Industrie. – G. absolvierte eine Banklehre im Hause Günther & Palmié in Dresden. Anschließend widmete er sich Holzgeschäften in Budapest. Nach Dresden zurückgekehrt, wurde er Teilhaber im renommierten Bankhaus Michael Kaskel. Gemeinsam mit dessen Inhaber, Carl Freiherr von Kaskel, initiierte G. 1872 die Gründung der Dresdner Bank. Zu diesem Zweck wurde das Privatbankhaus Kaskel in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Das Ziel G.s war es dabei, eine regionale Aktienbank zu schaffen, die über genügend Kapital verfügte, um den Kreditbedarf der sächsischen Industrie zu decken. Im neu gegründeten Kreditinstitut wurde er Vorstandssprecher. Mit vorsichtiger Geschäftspolitik gelang es G., die Bank ohne größere Verluste durch die Schwierigkeiten der Gründerkrise seit 1873 und der damit verbundenen wirtschaftlichen Rezession zu führen. Das Aktienkapital wurde von ursprünglich acht Millionen Taler auf 3,2 Millionen Taler reduziert und zunächst nur eine Dividende von 1,5 Prozent ausgezahlt. Beim Krisenmanagement kam der Bank auch der gute Ruf des Vorgängerunternehmens Kaskel, das als ausgesprochen solide galt, sowie dessen hervorragendes finanzielles Fundament zu Hilfe. Bereits 1873 konnte ein gemäßigter Expansionskurs eingeschlagen werden. Während der Krisenzeit hatte G. erkannt, dass die Bank ihren Geschäftsbereich ausweiten musste, um langfristig im Finanzsektor bestehen zu können. Bis 1878 wurden der Sächsische Bankverein, die Dresdner Handelsbank, die Sächsische Creditbank und die Thüringische Bank in Sondershausen übernommen. Damit hatte sich die Dresdner Bank nicht nur als feste Größe im sächsischen Wirtschaftsleben etabliert, sondern auch den Grundstein für ihre Expansion über das Land hinaus gelegt. Seit Ende der 1870er-Jahre drängte G. verstärkt darauf, die Begrenzung der Geschäftsaktivitäten auf Sachsen aufzugeben. 1881 gründete die Bank eine Niederlassung in Berlin, der damaligen Finanzmetropole des Reichs. Nach den Plänen G.s sollte das Institut von hier aus zu einem überregional operierenden Unternehmen ausgebaut werden. Dem Bankier war klar, dass lukrative Großgeschäfte mit Anleihen oder Industrieunternehmen nur am Börsenplatz Berlin abgeschlossen werden konnten, weil hier die großen Finanzkonsortien zusammenkamen. Dementsprechend konzentrierte G. bald alle wesentlichen Bereiche des Bankgeschäfts an der Spree. Dresden blieb allerdings Geschäftssitz de jure. Aufgrund der positiven Auswirkungen der anziehenden Konjunktur ab Beginn der 1880er-Jahre und des soliden sächsischen Fundaments konnte die Bank schnell in der Berliner Finanzwelt Fuß fassen. Unternehmenspolitisch setzte G. nun auf den Ausbau des Auslands-, Emissions- und Depositengeschäfts. In diesen Bereichen konnte die Bank ab den 1890er-Jahren ihr Geschäftsvolumen stetig erweitern, sodass sie 1913 gemessen an Gesamtumsatz und Bilanzsumme nach der Deutschen Bank das zweitgrößte Kreditinstitut im Reich war. Bedeutende Auslandsaktivitäten waren 1905 die Errichtung der Deutschen Orientbank und der Deutsch-Südamerikanischen Bank, bei denen G. als Mitbegründer auftrat. Beide Institute arbeiteten überdurchschnittlich erfolgreich. Im Emissionsgeschäft sorgte 1904 der Ankauf von Aktien der Bergwerksgesellschaft Hibernia im Auftrag des preußischen Fiskus für Aufsehen. Bemerkenswert war auch die Übernahme der Deutschen Genossenschaftsbank von Soergel, Parisius & Co., die als Zentralinstitut für den gewerblichen Mittelstand fungierte. Damit intensivierte G. als einer der ersten Manager einer deutschen Großbank das Finanzierungsgeschäft mit dem gewerblichen Mittelstand. Wegweisend agierte er auch beim Ausbau des Filialnetzes. Von ihm stammt der Ausspruch, dass „auch der kleinste Beamte, ja, jedes Dienstmädchen ein Depositenkonto haben“ müsse. Wenngleich der Aufbau eines das Reich und wichtige ausländische Finanzplätze umfassenden Filialnetzes auch von anderen Großbanken betrieben wurde, waren die Anstrengungen der Dresdner Bank auf diesem Gebiet außergewöhnlich. Das Institut startete die räumliche Expansion wesentlich später als die Konkurrenz, forcierte diese unter G.s Leitung aber derart, dass es nach der Jahrhundertwende über das größte Filialsystem unter den deutschen Aktienbanken verfügte. Wichtige Wegmarken waren dabei die Übernahme des renommierten Hauses S. E. Wertheimer in Nürnberg (1896), der Niedersächsischen Bank in Bückeburg (1899) oder des Bankgeschäfts Erlanger und Söhne in Frankfurt/Main (1904). Nicht zuletzt signalisierte auch die Bildung einer Interessengemeinschaft zwischen der Dresdner Bank und dem A. Schaaffhausenschen Bankverein 1903, dass die ehemalige Lokalbank zu den Topinstituten der Branche aufgestiegen war. Bis 1920 war G. Vorstandssprecher, dann wurde er Ehrenpräsident der Bank. Neben dieser Tätigkeit wirkte er in zahlreichen Unternehmen als Aufsichtsrat. Außerdem hatte er das Amt eines italienischen Honorarkonsuls inne. – G. war ein Mann der Praxis. Für theoretische Arbeiten hatte er wenig Interesse. Er galt als temperamentvolle Persönlichkeit voller Ideen. Dementsprechend trat er in der Bank als kreativer Initiator zukunftsweisender Unternehmensstrategien auf, die er zumeist auch erfolgreich umzusetzen verstand. Sein Führungsstil war patriarchalisch geprägt, seine Geschäftspolitik gegenüber Konkurrenten galt in der Branche als äußerst aggressiv. – G. sammelte Silber- und Kleinodien, insbesondere des mittelalterlichen Kunstgewerbes. Er besaß eine bedeutende Kollektion dieser Art und war Eigentümer zahlreicher einzigartiger Stücke.



L  25 Jahre Dresdner Bank, hrsg. von der Direktion der Dresdner Bank, o.O. [1897]; G. Obst, Eugen G., in: Der Kaufmann und das Leben. Beiblatt zur Zeitschrift für Handelswissenschaft und Handelspraxis 17/1924, H. 4, S. 25-28; F. Pinner, Deutsche Wirtschaftsführer, Charlottenburg 1925, S. 188; K. Pritzkoleit, Bosse, Banken, Börsen, München 1954; H. Schnee, Die Hoffinanz und der moderne Staat, Bd. 2, Berlin 1954; Chiffren einer Epoche, hrsg. von der Dresdner Bank AG, Frankfurt/Main 1972; H. Wixforth, Zur Geschichte der Dresdner Bank von 1872-1914, in: S. Lässig/K.-H. Pohl (Hg.), Sachsen im Kaiserreich, Weimar 1997, S. 309-342; M. Reitmayer, Führungsstile und Unternehmensstrategien deutscher Großbanken vor 1914, in: Zeitschrift für Unternehmensgeschichte 46/2001, S. 160-181; D. Stübler, 150 Jahre italienische Konsulate in Sachsen, in: Sächsische Heimatblätter 48/2002, H. 2, S. 118-124. – DBA II, III; DBE 4, S. 271; NDB 7, S. 347; G. Herlitz/B. Kirschner (Begr.), Jüdisches Lexikon, Bd. 2, Berlin 21987, Sp. 1303; V. Klimpel, Berühmte Dresdner, Dresden 2002, S. 59f. (P).



Veit Damm
24.1.2005


Empfohlene Zitierweise:

Veit Damm, Gutmann, Eugen, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (18.10.2017)

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