Roller David Samuel (Samuel David)
Pfarrer, Lehrer, Kirchenlieddichter
* 25.12.1779 Heynitz 26.8.1850 Lausa bei Dresden Lausa, Kirchhof(ev.)
VSamuel Andreas (1725-1784), Pfarrer in HeynitzMEleonore Elisabeth, geb. Glasewald (1744-1812)GEleonore Christiane Concordia, verh. Faber (1764-1852); Benjamin Augustin (1766-1842), Schuldirektor in Marienwerder (poln. Kwidzyn); Marianne Dorothea Elisabeth (1769-1835); Louise Caroline Henriette (1771-1829); Jonathan Andreas (1773-1835); Caroline Sophie Charitas (1774-1847); Samuel David (1777-1778); Eleonore Magdalena Elisabeth (1784-1804)1846 Clara, geb. von Paschwitz (1820-1890)
GND: 116602813

R. ist über seine Zeit hinaus durch die Beschreibung als Lehrer des Malers Wilhelm von Kügelgen in dessen „Jugenderinnerungen eines alten Mannes“ bekannt geworden. Bleibende Verdienste erwarb er sich jedoch auch durch seine Tätigkeit innerhalb der sächsischen Erweckungsbewegung sowie im Bereich der pädagogisch-religiösen Erziehung und Volksaufklärung. – R., der sich aufgrund einer Verwechslung mit dem vor seiner Geburt verstorbenen Bruder selbst Samuel David nannte und als Geburtsjahr 1777 angab, wuchs zunächst in Heynitz und nach dem Tod des Vaters in Söbrigen bei Pillnitz auf, wo die Familie in ärmlichen Verhältnissen lebte. Nach dem Unterricht im Haus des Hosterwitzer Pfarrers und Pillnitzer Schlosspredigers Georg Friedrich Löfler absolvierte er im Herbst 1795 ein Examen an der Kreuzschule in Dresden und begann daraufhin ein Studium der Theologie in Leipzig. Hierbei wurde er durch ein Stipendium Peter Karl Wilhelm von Hohenthals unterstützt, der wohl auf die schulischen Leistungen R.s aufmerksam geworden war. – Nach Abschluss seines Studiums erhielt R. zu Ostern 1799 eine Anstellung bei Karl Heinrich Ludwig von Heynitz in Königshain bei Görlitz. Hier war er mit der Erziehung der beiden Söhne Karl und Ernst Gottlob, dessen Pate er wurde, betraut. Als Ergebnis dieser pädagogischen Arbeit entstand seine 1806 anonym publizierte „Spielschule zu Bildung der fünf Sinne für kleine Kinder“, die sich in der Reformpädagogik der Aufklärung zuordnen lässt. In seiner Königshainer Zeit kam R. zudem in engen Kontakt zum herrnhutischen Pietismus. So begleitete er Heynitz, dessen Familie zu jenen mit der Herrnhuter Brüdergemeine verbundenen sächsischen Adelsfamilien gehörte, auf Reisen zu den Brüdergemeinen in Herrnhut und Niesky. – Nach fünf Jahren als Hauslehrer ging R. im Herbst 1804 nach Dresden und gründete eine Privatschule. Diese erwarb sich innerhalb kurzer Zeit einen guten Ruf, sodass auch aus angesehenen Dresdner Familien Kinder, wie z.B. Theodor Körner, sein Institut besuchten. In Dresden war R. Mitglied des vom Superintendenten Karl Christian Tittmann geleiteten Predigerkollegiums, wo er durch seine Art zu predigen auffiel, die nicht in das gängige Schema der rationalen Aufklärungstheologie passte. – R. wurde 1807 durch seinen früheren Gönner Hohenthal auf das Pfarramt des Guts Döbernitz bei Delitzsch berufen. Bereits im Sommer 1811 wechselte er jedoch auf Bitten Heinrich Ludwig von Dohnas auf das Pastorenamt in Lausa, das zum Dohnaschen Rittergut in Hermsdorf bei Radeberg gehörte. Dieses Amt hatte R. bis zu seinem Tod inne. – Im frühen 19. Jahrhundert entwickelte sich Hermsdorf unter Dohna, einem Enkel Nikolaus Ludwig von Zinzendorfs, und v.a. durch seine Ehefrau Friederike zu Stolberg-Wernigerode zum Zentrum herrnhutisch-pietistischer Frömmigkeit und der sächsischen Erweckungsbewegung. R., der sich in Lausa zunehmend als ein dem Pietismus nahestehender, letztlich aber streng lutherisch-orthodoxer Prediger erwies, nahm im Hermsdorfer Schloss an den regelmäßig stattfindenden Hauskreisen teil, zu deren Mitgliedern auch führende sächsische Staatsbeamte wie Peter Karl Wilhelm von Hohenthal oder Detlev von Einsiedel gehörten. Die enge Bindung R.s. an die Hermsdorfer Schlossherren setzte sich auch nach dem Weggang der Dohnas 1823 fort, da der neue Besitzer, R.s Patenkind Ernst Gottlob von Heynitz, die Tradition des Hauskreises fortsetzte. R. selbst trug zur Bedeutung Hermsdorfs für die sächsische Erweckungsbewegung bei, zogen doch seine Predigten Besucher nicht nur aus der Dresdner Umgebung in die Lausaer Pfarrkirche. Zudem betätigte sich R. als religiöser Erzieher von Kindern pietistisch-erweckter Familien. So kam auch Helene Marie von Kügelgen durch den Hermsdorfer Kreis in Kontakt mit R. und schickte ihre beiden Söhne Wilhelm und Gerhard nach Lausa, wo diese den Konfirmationsunterricht besuchten und konfirmiert wurden. Wilhelm von Kügelgen sollte bis zum Tod R.s mit diesem in enger Verbindung bleiben. – An der sich nach 1815 im Zuge der politischen Restauration verschärfenden Kritik erweckter Kreise an der vorherrschenden Aufklärungstheologie der sächsischen Landeskirche hatte R. entscheidenden Anteil. So ist z.B. seine 1815 erfolgte Denunziation des designierten Leipziger Superintendenten Heinrich Gottlieb Tzschirner zu nennen, mit der er letztlich erfolglos dessen Ernennung verhindern wollte. Der Grund der Gegnerschaft R.s lag in der rationalistischen Theologie Tzschirners. Auch an den Aktivitäten der sächsischen Erweckungsbewegung auf dem Gebiet der inneren und äußeren Mission beteiligte er sich frühzeitig. So engagierte er sich für die 1814 gegründete Sächsische Bibelgesellschaft in Dresden, für die er u.a. als Festprediger anlässlich von Bibelfesten auftrat und eine eigene Zweiggesellschaft in Lausa errichtete. Ebenso setzte er sich für den 1819 gegründeten Dresdner Missionshilfsverein (heute Leipziger Missionswerk) ein. Für diesen publizierte er nicht nur einen Aufruf zur Mitarbeit, sondern bereiste auch zu Werbezwecken u.a. das Erzgebirge und die Sächsische Schweiz. Zudem wirkte er an der 1833 bis 1836 in Grünberg bei Radeberg existierenden Missionsvorschule mit. Gefördert durch Ernst Gottlob von Heynitz, stand diese unter der Leitung des dortigen Pfarrers Magnus Adolph Blüher. R. unterstützte Blüher bei der Ausbildung zukünftiger Missionare, ebenso wie zeitweilig der mit R. befreundete Breslauer Theologe und Altlutheraner Johann Gottfried Scheibel und Wilhelm von Kügelgen. Eine weitere Institution, die in R.s Tätigkeitsfeld für die sächsische Erweckungsbewegung fällt, ist das Freiherrlich Fletchersche Lehrerseminar. Im Vorfeld von dessen Gründung 1825 warb R. mit zwei Gutachten, unterstützt durch Dohna, Hohenthal und Einsiedel, vor dem sächsischen Kirchenrat für die Errichtung des Seminars in Lausa. Letztlich war diesem Plan kein Erfolg beschieden und das Seminar wurde in Dresden gegründet. Schließlich unterstützte R. auch das Diakonissenwesen und v.a. die 1844 in Dresden gegründete Diakonissenanstalt. – Neben seiner praktischen Tätigkeit wirkte R. auch publizistisch für die Ziele der Erweckungsbewegung. So veröffentlichte er 1829 eine von rationalistischen Theologen stark kritisierte „Biblische Katechismus-Erklärung für Schulen“, wirkte durch Beiträge und Gedichte an der Zeitschrift „Pilger aus Sachsen“ mit und plante gemeinsam mit dem Diakon der Dresdner Kreuzkirche Gustav Ernst Christian Leonhardi die Herausgabe einer Missionszeitschrift. Diese „Nachrichten von der Heidenbekehrung“ erschienen jedoch um 1827 nur in einer Ausgabe und wurden danach eingestellt. Wenig erfolgreich blieb auch sein Versuch eines neuen Gesangbuchs, das er 1830 publizierte. Als Gegenstück zum 1797 eingeführten „Dresdnischen Gesangbuch“ gedacht, fanden hier alte Lieder aus dem 16. und 17. Jahrhundert sowie von R. verfasste Kirchenlieder Aufnahme. Vonseiten des sächsischen Kultusministeriums erhielt dieses Gesangbuch jedoch keine Genehmigung, sodass es lediglich in Lausa sowie im Umfeld der Erweckungsbewegung verwendet wurde. – Neben den Aktivitäten, die R. als lutherisch-konservativen Pastoren ausweisen, betätigte er sich als vielseitig interessierter Naturforscher und Volksaufklärer. So hatte er z.B. frühzeitig ein großes Interesse an der Botanik und anderen Gebieten der Naturwissenschaften entwickelt. Sein Hauptinteresse galt dabei der Obstbaumkunde, ein Gebiet, auf dem er sich auch als Volksaufklärer engagierte. So verfasste er nicht nur ein Buch über den Schutz vor Schädlingen, sondern richtete in Lausa eine eigene Baumschule ein, förderte in seiner Gemeinde den intensiven Anbau sowie die Pflege von Weinreben und Obstbäumen und nahm so Einfluss auf die landschaftliche Gestaltung der Lausaer Gegend. Durch andere, heute nicht mehr auffindbare Schriften wie Arbeiten über die Wetterkunde oder über das Angeln sowie seine Mitgliedschaft im Sächsischen Altertumsverein ab 1837 lassen sich weitere Interessensfelder R.s erschließen. – R., der sich zeitlebens für pädagogische Fragen interessierte, ist als früher Vertreter und Förderer des Kindergottesdiensts anzusehen, den er in Lausa für Kinder, die noch nicht zur Schule gingen, etablierte. Seine Ideen propagierte er u.a. 1837 in einem Aufruf in den Leipziger Zeitungen an die sächsischen Stadträte, was jedoch keinen nachhaltigen Erfolg hatte. – Bekannt ist R. auch für ein aus den Knochen von Elstern gewonnenes Mittel, das vorgeblich gegen Epilepsie helfen sollte und das R. in den sog. Pulverbriefen weit über den sächsischen Raum hinaus verschickte. Nach seinem Tod wurde diese Rezeptur durch die Dresdner Diakonissenanstalt übernommen und dort hergestellt. – Bis in die Gegenwart erhält sich in Lausa und Weixdorf die Erinnerung an den Pfarrer nicht nur durch das von Detlev von Einsiedel gestiftete eiserne Grabkreuz, sondern v.a. durch die nach ihm benannte „Pastor-Roller-Kirche“.



W  Spielschule zu Bildung der fünf Sinne bei Kindern, Dresden 1806; mit G. E. C. Leonhardi (Hg.), Nachrichten von der Heidenbekehrung, um 1827; Biblische Katechismus-Erklärung für Schulen, Dresden 1829, 21847; Von den schädlichen Obstraupen und den sichersten Mitteln sie zu vertilgen, Dresden 1829; Christliches Gesangbuch oder Sammlung von 784 meist alten Kernliedern der evangelischen Kirche, Dresden 1830 (unter verändertem Titel hrsg. von H. Fröhlich: Christliches Gesangbuch oder Sammlung evangelischer Kernlieder und geistlicher Gesänge, Dresden 1872); Ad comitia Saxonica, 1833.

L  M. A. Blüher, David Samuel R.s, weiland Pastors zu Lausa bei Dresden, Leben und Wirken, Dresden 1852; W. von Kügelgen, Jugenderinnerungen eines alten Mannes, hrsg. von P. v. Nathusius, Berlin 1870; A. H. Rühle, David Samuel R., Leipzig 1878; F. Blanckmeister, Pastorenbilder aus dem alten Dresden, Dresden 1917, S. 144-149; J. G. v. Sachsen, Noch einige Briefe an König Johann von Sachsen, in: Die Kultur 19/20/1918/1919, S. 1-21; K. Hennig, Die sächsische Erweckungsbewegung im Anfange des 19. Jahrhunderts, Leipzig 1929; H. Obst, Wilhelm von Kügelgen, in: Pietismus und Neuzeit 19/1993, S. 169-182; K. J. Friedrich, Der Pastor R. von Lausa und seine Ehe mit Clara von Paschwitz, hrsg. von der Evangelisch-Lutherischen Kirchgemeinde Weixdorf, Weixdorf 2000; P. Renger-Berka, Zwischen Erweckungsbewegung und Neuluthertum, in: dies./S. Kranich/K. Tanner (Hg.), Diakonissen - Unternehmer - Pfarrer, Leipzig 2009, S. 35-46; S. Dornheim, Zwischen Kontemplation und Nützlichkeit. Evangelische Pfarrer und ihre Gärten, in: Aha! Miszellen zur Gartengeschichte und Gartendenkmalpflege 1/2015, S. 18-27. – ADB 53, 449f.; DBA I, II, III; DBE 8, S. 376; BBKL 8, Sp. 621-624.



Henrik Schwanitz
17.1.2017


Empfohlene Zitierweise:

Henrik Schwanitz, Roller, David Samuel (Samuel David), in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (27.3.2017)

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