Paul Gimmel

Bei G. handelt es sich um einen lebenslang aktiven Alpinisten und Bergsteiger, einen besonderen Bergliebhaber, einen kundigen Vereinsfunktionär, einen belesenen Bergliteraturfachmann, einen begeisterten Skifahrer, einen erfahrenen Organisator von Bergfahrten und einen erfolgreichen Bergfotografen. Herausragend waren seine Leistungen als Vorsitzender des Sächsischen Bergsteigerbunds (SBB) 1926 bis 1931. Erfolgreich vertrat er die sächsischen Bergsteiger in der „Bergwacht“ sowie im „Verein zum Schutze der Sächsischen Schweiz“. – Geboren wurde G. in Berlin in einem sozialdemokratischen Haushalt. Sein Vater Josef Gimmel, ein Transportarbeiter und Hausdiener in einem Konfektionsbetrieb, starb bereits 1893. G. war zu diesem Zeitpunkt gerade mal 4 Jahre alt. Die Mutter Auguste Gimmel verdingte sich als Köchin, musste sie doch unter schwierigen Bedingungen alleinstehend für ihre beiden Kinder sorgen. – Nach seiner Schulzeit nahm G. 1903 eine dreijährige Lehre als Kaufmann auf. Anschließend übte er verschiedene kaufmännische Tätigkeiten in Berlin aus. Am 20.12.1910 heiratete G. die zwei Jahre ältere Jenny Levy, eine junge Buchhalterin, die die Tochter des gelernten Instrumentenmachers Gotthold Levy aus Dresden war. Nach der Hochzeit war G. bis 1914 als selbständiger Handelsvertreter in Dresden tätig. 1914/1915 absolvierte er eine Militärausbildung. Anschließend übernahm er eine Tätigkeit als Buchhalter im Sachsenwerk Niedersedlitz, einem Betrieb, der noch große Bedeutung für ihn erlangen sollte. Während des Ersten Weltkriegs diente G. April 1916 bis April 1919 beim Grenadier Reserve Regiment 100, in der 7. Kompanie, zuletzt als Unteroffizier im Kriegsdienst bzw. in der Rekrutenausbildung. Während dieser Zeit trat G. im Januar 1917 der SPD bei und wurde im Zuge der revolutionären Ereignisse 1918 gewähltes Mitglied in einem Soldatenrat. – Nach seiner Militärzeit nahm G. 1919 wieder seine Tätigkeit als Buchhalter im Sachsenwerk Niedersedlitz auf, die er bis 1928 ausübte bzw. ausüben konnte. Dort war er Betriebsratsmitglied im Angestelltenrat und Mitglied der Tarifkommission für die Metallindustrie. Unter G.s Leitung fand einer der größten Angestelltenstreiks im Dresdner Kreis statt, weshalb er 1929 innerhalb des Sachsenwerks in den Außendienst versetzt wurde. – Neben der betrieblichen und gewerkschaftlichen Arbeit engagierte sich G. in außerordentlicher Weise für das Bergsteigen in Sachsen. Seit 1921 Mitglied im SBB war G. bis zur Wahl als 2. Vorsitzender u.a. im Hüttenausschuss sowie im Ausschuss für Volkshochschulbildung aktiv. 1926 wurde G. zum Vorsitzenden des SBB gewählt und übernahm 1929 zudem das Amt des Schriftleiters der SBB-Zeitschrift „Der Bergsteiger“. Sein Wirken als Vorsitzender des SBB, seine Arbeit als Redakteur der Zeitschrift „Der Bergsteiger“ sowie für das sächsische Bergsteigen insgesamt waren so bedeutsam, dass er 1931 nach seinem Rücktritt vom Vereinsvorsitz zum Ehrenvorsitzenden des SBB ernannt wurde. – Neben seiner Mitgliedschaft im SBB war G. zudem Mitglied im Touristenclub „Wanderlust 1896“ und wurde 1939 Ehrenmitglied im Deutschen Alpenverein. – Aufgrund seiner politischen Betätigung wurde G.s Arbeitsverhältnis am 30.6.1933, nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten, aufgelöst. Auch seine Funktion als Schriftleiter des „Bergsteigers“ musste er im März 1934 aufgeben. In den folgenden Jahren litt die Familie aufgrund der politischen Einstellung G.s und der jüdischen Herkunft von Jenny Gimmel unter zahlreichen Repressalien. So konnte G.s Sohn Bambi Gimmel nicht die Schule beenden und seine Tochter Susanne Gimmel emigrierte nach Italien, da sie keine Heiratserlaubnis erhielt. Um die Familie ernähren zu können, war G. 1935 bis 1942 sachsenweit als selbstständiger Werksvertreter in der Rundfunkindustrie tätig. Hierfür war er ständig unterwegs, hatte jedoch auch ein gutes Einkommen. Nach der Reichsprogromnacht - dem 9.11.1938 - wurde das Leben für die Familie zunehmend prekärer. Sie waren allen Schikanen einer „jüdischen Mischlings-Familie“ ausgesetzt. Auf G. wurde anhaltend Druck ausgeübt, seine Ehe zu lösen. Dem widerstand er unter oft nicht einfachen Bedingungen. 1942 bis März 1945 war G. in der Häute-Entfettungsfabrik Doberlug-Kirchhain in einer Art Arbeits-Zwangsverpflichtung tätig. Seine Ehefrau Jenny Gimmel erhielt als Halbjüdin noch im Februar 1945 die Aufforderung zum Abtransport in ein Vernichtungslager. Die Zerstörung Dresdens am 13. Februar rettete ihr vermutlich das Leben, denn in den Wirren des Untergangs der Stadt konnte sie sich der Deportation entziehen. Ihre Wohnung in der Schlüterstraße wurde stark beschädigt. G. selbst wurde noch vom März bis Mai 1945 zum Kriegsdienst bei den Landesschützen in Komotau (tschech. Chomutov) eingezogen, nachdem er zuvor in Dresden zum Volkssturm verpflichtet worden war. Über Bodenbach/Elbe (tschech. Podmokly), Niedergrund (tschech. Dolní Žleb) und Schmilka kam G. im Mai 1945 zu Fuß in das zerstörte Dresden zurück. – Nach Kriegsende betätigte sich G. von Beginn an aktiv im Antifa-Komitee seines Wohngebiets und trat in die KPD ein. In Dresden nahm er im Juni 1945 eine verantwortliche Tätigkeit als Mitarbeiter der städtischen Flüchtlingsfürsorge auf und ab Oktober 1945 war er in der Verwaltung des Umsiedlerlagers der Stadt Dresden tätig. Ab 1.5.1946 war er hauptberuflich angestellter Geschäftsführer der Dresdner Antifaschistischen Touristenbewegung, die ab Juli 1946 unter dem Namen Einheitstouristenbewegung (ETB) agierte. Diese Stelle hatte G. bis zum 30.8.1947, dem faktischen Ende des „Versuchs“ ETB, inne, als begonnen wurde, die Klubs und Gruppen der ETB auf die Dresdner Stadtbezirke aufzuteilen. Ab Herbst 1947 war G. zweiundeinhalb Jahre Leiter und Geschäftsführer der Volkshochschule Dresden, ab März 1950 Volkshochschulinspektor im Land Sachsen und ab November 1951 Direktor der Volkshochschule Dresden-Land. Schon im Rentenalter wurde G. im September 1954 Sekretär der Gesellschaft zur Verbreitung Wissenschaftlicher Kenntnisse „URANIA“ im Kreis Dresden-Land mit Sitz in Radebeul. – Ein arbeitsreiches und ausgefülltes Rentnerdasein war ihm nur wenige Jahre beschieden, denn am 29.5.1960 verstarb er - erst 71jährig - in Dresden an Herzversagen. – 2009 veröffentlichte der SBB ein Gedenkbuch für G., das dessen Wirken für das Bergsteigen in Sachsen würdigte.

Quellen Archiv des Sächsischen Bergsteigerbunds, Dresden, Nachlass von Paul G.; Sammlung Joachim Schindler, Dresden; Landesarchiv Berlin, Standesamt Berlin VI, Geburtsregister 1889, Nr. 848, Geburtsregister 1891, Nr. 175, 2244, Sterberegister 1893, Nr. 795, 1013, Heiratsregister 1910, Nr. 1165, Standesamt Berlin-Mitte, Sterbebuch 1943, Nr. 5112; Stadtarchiv Dresden, 6.4.25-1.2.2-23 Standesamt/Urkundenstelle, Standesamt I, Personenstandsbuch, Geburtenregister 1887, Nr. 498, 6.4.25-5.4.3-32 Standesamt 5, Personenstandsbuch, Sterberegister 1917, Nr. 1683, 6.4.25-21.4.2-27 Sterberegister 1951, Nr. 1732 (ancestry.de).

Literatur Joachim Schindler, Paul G. (1889-1960). Gedenkbuch für den Ehrenvorsitzenden des Sächsischen Bergsteigerbundes, Dresden 2009.

Porträt Paul G., undatierte Fotografie, Privatbesitz, Sammlung Joachim Schindler (Bildquelle).

Joachim Schindler
30.8.2022


Empfohlene Zitierweise:
Joachim Schindler, Paul Gimmel, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V.
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (7.2.2023)

Paul Gimmel



Quellen Archiv des Sächsischen Bergsteigerbunds, Dresden, Nachlass von Paul G.; Sammlung Joachim Schindler, Dresden; Landesarchiv Berlin, Standesamt Berlin VI, Geburtsregister 1889, Nr. 848, Geburtsregister 1891, Nr. 175, 2244, Sterberegister 1893, Nr. 795, 1013, Heiratsregister 1910, Nr. 1165, Standesamt Berlin-Mitte, Sterbebuch 1943, Nr. 5112; Stadtarchiv Dresden, 6.4.25-1.2.2-23 Standesamt/Urkundenstelle, Standesamt I, Personenstandsbuch, Geburtenregister 1887, Nr. 498, 6.4.25-5.4.3-32 Standesamt 5, Personenstandsbuch, Sterberegister 1917, Nr. 1683, 6.4.25-21.4.2-27 Sterberegister 1951, Nr. 1732 (ancestry.de).

Literatur Joachim Schindler, Paul G. (1889-1960). Gedenkbuch für den Ehrenvorsitzenden des Sächsischen Bergsteigerbundes, Dresden 2009.

Porträt Paul G., undatierte Fotografie, Privatbesitz, Sammlung Joachim Schindler (Bildquelle).

Joachim Schindler
30.8.2022


Empfohlene Zitierweise:
Joachim Schindler, Paul Gimmel, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V.
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (7.2.2023)