Michael Lorenz Pirch

Michael Lorenz von Pirch war 1753 bis 1761 Kommandant der Festung Königstein, der bedeutendsten Landesfestung Sachsens. Pirchs besonderes Verdienst ist es, während des Siebenjährigen Kriegs (1756-1763) durch sein konsequentes Eintreten für die Einhaltung der zwischen König Friedrich II. von Preußen und Kurfürst Friedrich August II. (König August III. von Polen) abgeschlossenen Neutralitätskonvention die Festung Königstein vor feindlicher Einnahme und Zerstörung bewahrt zu haben. – Pirch entstammte einem alten preußischen Adelsgeschlecht, dessen Ursprünge sich bis ins 14. Jahrhundert am Stammort in Klein Nossin/Hinterpommern zurückverfolgen lassen. Über mehrere Generationen dienten die Pirchs den Herzögen von Pommern, bevor Hinterpommern 1648 an das Kurfürstentum Brandenburg fiel. – Pirch war das älteste von elf Kindern des Ulrich Felix von Pirch und dessen zweiter Ehefrau Elisabeth Sophia von Zastrow-Wusterhanse. Der Vater diente bis zu seinem Tod 1726 als Offizier in der brandenburgisch-preußischen Armee. Sechs seiner Söhne schlugen ebenfalls eine militärische Laufbahn ein, die zwei jüngeren in der preußischen und die vier älteren in der sächsischen Armee. Um die Besitzungen der Familie Pirch in Hinterpommern dauerhaft zu sichern, schlossen 1719 die acht noch lebenden Geschwister einen sog. Teilungsvertrag. Zugunsten von Georg Ernst, der deshalb den Militärdienst in der sächsischen Armee quittieren musste, verzichteten dessen fünf Brüder und zwei Schwestern gegen eine Zahlung von 5.000 Talern auf ihre Anteile am elterlichen Besitz. Die drei ältesten Brüder gaben zusätzlich das Versprechen ab, zeit ihres Lebens nicht zu heiraten. Damit blieb der Stammsitz der Familie Pirch bis zum Verkauf 1787 im Besitz der Familie. Darüber hinaus verpflichteten sich die drei ältesten Brüder die Söhne von Georg Ernst in Dresden zu erziehen und ihnen eine standesgemäße Bildung zu ermöglichen. – Pirch trat 1702 in den Dienst Kurfürst Friedrich Augusts I. (König Augusts II., des Starken) und begann seine militärische Laufbahn mit 15 Jahren im königlichen Garderegiment. Noch im gleichen Jahr geriet er in schwedische Kriegsgefangenschaft und kam nach Stockholm. 1705 wurde er ausgelöst, kehrte zur sächsischen Armee zurück und wurde in das Infanterieregiment Nr. 1 (Regiment-Garde) eingegliedert. Mit diesem Regiment nahm Pirch während des Nordischen Kriegs am 13.2.1706 an der Schlacht bei Fraustadt (poln. Wschowa) teil. Mit dem sächsischen Hilfskorps im Dienste Kaiser Josephs I. kämpfte Pirch am Rhein, nahm 1708 an der Belagerung von Lille (Frankreich) und am 11.9.1709 unter dem Kommando des Prinzen Eugen von Savoyen an der Schlacht von Malplaquet (Frankreich) teil. 1710 wurde Pirch bei der Belagerung von Béthune (Frankreich) schwer verwundet. Nach seiner Genesung war er 1715 bis 1717 an den Feldzügen gegen die polnischen Konföderierten beteiligt und kämpfte in den Gefechten von Sandomir (poln. Sandomierz) und Zamość (Polen) in der Regiment-Garde. Am 15.10.1716 durfte Pirch die Nachricht vom Sieg der sächsischen Truppen im Gefecht von Schönsee (poln. Kowalewo Pomorskie) persönlich an den Hof nach Warschau überbringen und wurde dafür von August dem Starken zum Kapitän befördert. 1718 nahm Pirch an dem Feldzug gegen die Türken auf dem Balkan teil. Es folgte eine längere Zeit ohne militärische Einsätze, die Pirch in seiner Garnison in Guben verbrachte. 1729 wurde er zum Major befördert und als Bataillonskommandeur zum Garde-Grenadierregiment (später Grenadiergarde und Leib-Grenadiergarde) versetzt. 1730 nahm Pirch am Zeithainer Militär- und Lustlager Friedrich Augusts I. teil. Als dessen Sohn am 17.1.1734 zum polnischen König August III. gekrönt wurde, nahm Pirch an der feierlichen Zeremonie im Krakauer Schloss teil und wurde vom neuen König zum Oberstleutnant befördert. Noch im gleichen Jahr war Pirch unter dem Kommando des Herzogs Johann Adolf II. von Sachsen-Weißenfels an der Belagerung von Danzig (poln. Gdańsk) beteiligt, das im polnischen Thronfolgekrieg aufseiten des Konkurrenten Augusts III., Stanislausʼ I. Leszczyński, stand. 1738 wurde Pirch zum Oberst befördert. Während des Ersten Schlesischen Kriegs (1740-1742) erhielt er 1741 das Kommando über das Garde-Grenadierregiment und nahm mit diesem im November des gleichen Jahrs an der Erstürmung Prags teil. Im darauffolgenden Jahr kehrte er mit seinem Regiment, nachdem eine Belagerung von Brünn (tschech. Brno) erfolglos geblieben war, nach Sachsen zurück. 1744 beförderte Friedrich August II. Pirch zum Generalmajor. Am 15.12.1745 kämpfte dieser im Zuge des Zweiten Schlesischen Kriegs (1744-1745) in der Schlacht bei Kesselsdorf als Kommandeur einer Brigade, die aus den Infanterieregimentern Brühl und Sachsen-Weißenfels bestand, gegen ein preußisches Korps unter dem Befehl des Fürsten Leopold von Anhalt-Dessau. Nachdem sich Pirch mit seiner Brigade im Mittelabschnitt der Front zunächst erfolgreich zur Wehr gesetzt hatte, musste er mit den Resten seiner Regimenter den Rückzug nach Dresden antreten. In der Schlacht fiel Pirchs jüngerer Bruder Caspar Franz, der Kommandeur eines nach ihm benannten Infanterieregiments war. – Nachdem Friedrich August II. den mittlerweile 61 Jahre alten Pirch am 27.10.1749 in einem Erlass zum Nachfolger Maximilians von Fürstenhoff als künftigen Kommandanten der Festung Königstein bestimmt hatte, wurde er 1752 zum Generalleutnant befördert und trat im August 1753 nach Fürstenhoffs Tod dessen Nachfolge an. Bei Ausbruch des Siebenjährigen Kriegs im August 1756 bezog die sächsische Armee ein befestigtes Lager bei Struppen unweit vom Königstein, musste jedoch am 15.10.1756 vor dem König von Preußen kapitulieren. Friedrich August II. verließ am 20.10. die Festung Königstein, wohin er sich in Sicherheit gebracht hatte. Kurz vor seiner Abreise stattete er Pirch noch mit weitreichenden Vollmachten aus. Pirch hatte etwa 1.300 Soldaten aus dem Struppener Lager zusätzlich auf der Festung aufzunehmen. Die am 18.10.1756 zwischen Friedrich II. von Preußen und Friedrich August II. (August III.) abgeschlossene Neutralitätskonvention über die Festung Königstein enthielt Bedingungen, die Pirch während der Zeit des Kriegs strengstens zu befolgen hatte, um den Bestand der Festung nicht zu gefährden. 1759 nahm Pirch umfangreiche Bestände der Dresdner Kunstsammlungen (Bildergalerie, Pretiosen- und Porzellansammlung u.a.) auf, die aus der Residenzstadt ausgelagert und auf dem Königstein in Sicherheit gebracht wurden. – 1757 bis 1759 musste Pirch zahlreiche Versuche der verbündeten Österreicher und Reichstruppen zurückweisen, die teilweise durch massiven Druck und die Androhung militärischer Maßnahmen versuchten, sich unter Missachtung der Neutralitätskonvention in den Besitz der Festung Königstein zu setzen. Der Oberkommandierende der Reichsarmee, der Pfalzgraf von Zweibrücken, drohte Pirch sogar, die Festung anzugreifen und stürmen zu lassen, wenn ihm die Tore nicht geöffnet würden. Pirch konnte all diese Forderungen mit hohem persönlichem Einsatz und viel diplomatischem Geschick erfolgreich abwehren, sodass die Festung Königstein fest in sächsischer Hand blieb. Pirch starb am 12.9.1761 im 74. Lebensjahr auf der Festung Königstein. Er wurde mit militärischen Ehren in der Kommandantengruft des Garnisonsfriedhofs unterhalb der Festung beigesetzt.

Quellen Sächsisches Staatsarchiv - Hauptstaatsarchiv Dresden, 10025 Geheimes Konsilium, Loc. 06487/25 Acta Die strackliche Beobachtung der Neutralitäts-Convention…, 10026 Geheimes Kabinett, Loc. 00413/4 Die Festung Königstein, 11254 Gouvernement Dresden, Loc. 14604/8 Kommandantenstelle auf der Festung Königstein, 11263 Festungskommandantur Königstein, Nr. 72 Eingegangene allerhöchste Befehle, Konzepte der Korrespondenz und Berichte über die Neutralitätskonvention 1756-1759, Nr. 73 An die Garnison der Festung Königstein ergangene Befehle, Nr. 118 Archiv bey der Festung Königstein, Nachrichten und Repertorien.

Literatur Ludwig Wilhelm Brüggemann, Ausführliche Beschreibung des gegenwärtigen Zustandes des Königl. Preußischen Herzogthums Vor- und Hinter-Pommern, Stettin 1784, Bd. 2; Friedrich Gotthelf Baumgärtner, Lebensbeschreibung des Heiligen Römischen Reichs Grafen Friedrich Ludwig v. Solms zu Tecklenburg, Leipzig 1795; Zur Geschichte der von Pirchʼschen Familie, besonders in kriegsgeschichtlichen Aphorismen, in: Zeitschrift für Kunst, Wissenschaft und Geschichte des Krieges 100/1857, H. 4, S. 42-55, H. 5, S. 107-148, H. 6, S. 184-217; Oskar Wilhelm Schuster/Friedrich August Francke, Geschichte der Sächsischen Armee, Teil 1-2, Leipzig 1885; Albert Klemm, Geschichte der Berggemeinde der Festung Königstein, Leipzig 1905; Hans-Joachim Rühle, Vom preußischen Untertan zum sächsischen General. Michael Lorentz von Pirch (1687-1761), Verteidiger der Festung Königstein, Bannewitz 2024. – ADB 26, S. 175.

Porträt Michael Lorenz von Pirch als General nach 1753, unbekannter Künstler, 18. Jahrhundert, Öl auf Leinwand, Militärhistorisches Museum der Bundeswehr Dresden, Inventar-Nr. BAAT 0972, Foto: Festung Königstein gGmbH (Bildquelle).

Hans-Joachim Rühle
5.6.2026


Empfohlene Zitierweise:
Hans-Joachim Rühle, Artikel: Michael Lorenz Pirch,
in: Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde,
https://saebi.isgv.de/biografie/3156 [Stand 05.06.2026, Aufruf 15.06.2026].

Michael Lorenz Pirch



Quellen Sächsisches Staatsarchiv - Hauptstaatsarchiv Dresden, 10025 Geheimes Konsilium, Loc. 06487/25 Acta Die strackliche Beobachtung der Neutralitäts-Convention…, 10026 Geheimes Kabinett, Loc. 00413/4 Die Festung Königstein, 11254 Gouvernement Dresden, Loc. 14604/8 Kommandantenstelle auf der Festung Königstein, 11263 Festungskommandantur Königstein, Nr. 72 Eingegangene allerhöchste Befehle, Konzepte der Korrespondenz und Berichte über die Neutralitätskonvention 1756-1759, Nr. 73 An die Garnison der Festung Königstein ergangene Befehle, Nr. 118 Archiv bey der Festung Königstein, Nachrichten und Repertorien.

Literatur Ludwig Wilhelm Brüggemann, Ausführliche Beschreibung des gegenwärtigen Zustandes des Königl. Preußischen Herzogthums Vor- und Hinter-Pommern, Stettin 1784, Bd. 2; Friedrich Gotthelf Baumgärtner, Lebensbeschreibung des Heiligen Römischen Reichs Grafen Friedrich Ludwig v. Solms zu Tecklenburg, Leipzig 1795; Zur Geschichte der von Pirchʼschen Familie, besonders in kriegsgeschichtlichen Aphorismen, in: Zeitschrift für Kunst, Wissenschaft und Geschichte des Krieges 100/1857, H. 4, S. 42-55, H. 5, S. 107-148, H. 6, S. 184-217; Oskar Wilhelm Schuster/Friedrich August Francke, Geschichte der Sächsischen Armee, Teil 1-2, Leipzig 1885; Albert Klemm, Geschichte der Berggemeinde der Festung Königstein, Leipzig 1905; Hans-Joachim Rühle, Vom preußischen Untertan zum sächsischen General. Michael Lorentz von Pirch (1687-1761), Verteidiger der Festung Königstein, Bannewitz 2024. – ADB 26, S. 175.

Porträt Michael Lorenz von Pirch als General nach 1753, unbekannter Künstler, 18. Jahrhundert, Öl auf Leinwand, Militärhistorisches Museum der Bundeswehr Dresden, Inventar-Nr. BAAT 0972, Foto: Festung Königstein gGmbH (Bildquelle).

Hans-Joachim Rühle
5.6.2026


Empfohlene Zitierweise:
Hans-Joachim Rühle, Artikel: Michael Lorenz Pirch,
in: Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde,
https://saebi.isgv.de/biografie/3156 [Stand 05.06.2026, Aufruf 15.06.2026].