Maria Augustina

Zeit ihres Lebens und v.a. seit 1923 versuchte M. angesichts großer sozialer Probleme Leben zu schützen und Not zu lindern. In Dresden, Leipzig, Zwickau und über Sachsen hinaus errichtete die persönlich mittellose Oberin mit ihren Schwestern kleine und größere Zellen der Hilfe für Frauen, Mütter, Waisenkinder und alte Menschen. – M. fühlte sich von Kind auf zum Ordensleben berufen und trat nach kaufmännischer Lehre in Mannheim (1909-1913) bei den Schwestern vom Heiligen Geist in Koblenz ein. Nach Ausheilung einer Lungenkrankheit wurde sie 1916 Drittordensschwester (Terziarin), indem sie sich dem Franziskanerinnenorden anschloss, ohne aber selbst in ein Kloster einzutreten. Dabei erhielt sie den erbetenen Namen Augustina. Mit drei gleichgesinnten Schwestern gründete sie 1920 in Koblenz ein Heim für Hilfsbedürftige und schuf aus dem Hauspflege- und Hilfsverein Koblenz-Ehrenbreitstein 1921 die Vereinigung der Caritasschwestern vom Dritten Orden des Heiligen Franziskus. Um den Schwierigkeiten der katholischen Diaspora im 1921 neu errichteten Bistum Meißen abzuhelfen, ging M. im August 1923 nach Dresden zum Dienst im dortigen Kolpinghaus (Wohnheim für wandernde Gesellen). Bischof Christian Schreiber bat sie jedoch um eine umfassendere Tätigkeit, sodass sie mit wenigen Helferinnen im Dezember 1923 die Gemeinschaft der Nazarethschwestern vom heiligen Franziskus ins Leben rief. Bis heute ist dies die erste und einzige Ordensgründung in Sachsen. Am 15.6.1928, dem damaligen Herz-Jesu-Fest, wurde die Gemeinschaft unter dem Namen Nazarethschwestern von der Heiligen Familie als Kongregation bischöflichen Rechts mit Sitz in Goppeln anerkannt. – Die Tätigkeit der Nazarethschwestern erstreckte sich auf Kinderheime und Kindergärten, Heime für ledige Mütter und alleinstehende Mädchen, auf die Altenpflege, die Begleitung von Sterbenden und generell auf die Seelsorge. Zahlreiche Eintritte und Neugründungen im Bistum führten zu rascher Blüte der Kongregation. So wurde 1924 in Dresden ein Säuglingsheim für ledige Mütter und gefährdete Mädchen eröffnet. 1925 erwarb M. ein altes Bauernanwesen in Goppeln zum Ausbau als Mutterhaus mit Kapelle. Im folgenden Jahr kam das St.-Anna-Heim für ledige Mütter und Kinder in Dresden und 1927 ebendort das Sidonien-Heim für studierende und erwerbstätige junge Frauen einschließlich Stellenvermittlung hinzu. 1926 wurde in Leipzig die erste Filiale, 1927 die zweite für Mutter und Kind gegründet. Ende 1938 zählte M. selbst 14 Tochtergemeinschaften auf, davon eine in Zwickau, zwei in ihrer Heimatdiözese Trier und eine im Erzbistum Paderborn (Burg bei Magdeburg). Zürich (Schweiz), wohin M. aufgrund der Herkunft ihres Vaters und ihrer eigenen lebenslang bestehenden Schweizer Staatsbürgerschaft Verbindungen pflegte, und Essen baten hingegen vergeblich um eine Gründung. – Ende der 1930er-Jahre waren rund 130 Schwestern im Dienst, deren Arbeit allerdings unter dem NS-Regime unter spürbaren Einschränkungen litt. 1933 musste M. das Dresdner „Heim für gefallene Mädchen“ und 1936 den Zwickauer Kindergarten aufgeben, 1941 das Leipziger Haus für Mutter und Kind. Das dortige St.-Elisabeth-Heim der Caritas wurde 1943 durch Bomben zerstört. Ab 1942 sollten keine Kinder mehr in Goppeln aufgenommen werden, was aber nicht befolgt wurde. In der Dresdner Bombennacht vom 13.2.1945 starben sechs Schwestern. Das dortige Sidonien-Heim brannte zusammen mit dem St.-Anna-Heim nieder. Am 20.11.1936 stellte M. zum Umgang mit den staatlichen NS-Behörden 16 unmissverständliche Grundsätze auf. Dabei hielt sie fest, dass Ordensschwestern in keiner Weise und in keinem Fall daran mitwirken dürften, dass das Sterilisierungsgesetz zur Ausführung oder Anwendung komme. Weder dürften Schützlinge dem Arzt oder der Behörde vorgestellt werden, noch dürften die Schwestern Vorschläge dafür machen oder bei Operationen helfen. – M.s Amtsführung als immer wieder bestätigte Generaloberin des Ordens war streng. Die Schwestern in den weit verstreuten Filialen wurden durch regelmäßige Schreiben zu Pflichterfüllung und vollständiger Hingabe angehalten. M.s Tagebücher zeigen eine beständige Gewissenserforschung und Unnachgiebigkeit gegen sich selbst, auch während der nicht seltenen Krankheitsphasen. Seelische Bedrängnisse ebenso wie finanzielle Sorgen begleiteten eine ständig wachsende Aufgabenfülle, aber auch ein trockener Humor und kurze Zeiten der inneren Tröstung werden sichtbar. M.s Motto lautete von Anfang an: „Wille Gottes über alles!“ – Am 8.5.1945 forderten - so ein nicht namentlich gezeichneter Bericht im Goppelner Archiv - gewaltsam eindringende sowjetische Soldaten die „Uhren“ (Wertgegenstände) der Bewohnerinnen. Als M. den Zutritt zum Schwesternbereich und zu den untergebrachten Flüchtlingen gegen die Eindringlinge schützen wollte und ihnen persönlich entgegentrat, wurde sie von einem vermutlich betrunkenen Soldaten niedergeschossen und verblutete kurz darauf. Bestattet wurde sie im Klostergarten. – Nach ihrem gewaltsamen Tod fand man M.s Tagebücher, in denen sie Zwiesprache mit Gott hielt. Ihre Briefe sind kostbarer Besitz der nach wie vor tätigen Gemeinschaft der Nazarethschwestern. Die Auswertung der Unterlagen im Goppelner Archiv aus der Zeit von M.s Tätigkeit ist ein Desiderat der Zeitgeschichte. – M. wurde als Glaubenszeugin in das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts aufgenommen. 2001 erbat ein Freundeskreis für sie beim Bischof der Diözese Dresden-Meißen ein Seligsprechungsverfahren.

Quellen Archiv der Nazarethschwestern Goppeln, Dokumente, Briefe, Tagebücher, Gedichte, Gebete, Mitteilungen an die Gemeinschaft.

Literatur Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz, Wille Gottes über alles! Sr. M. Augustina. Ein Lebensbild, Leipzig 2009; Siegfried Seifert, Mutter Augustina von Goppeln (Clara Schuhmacher), in: Helmut Moll (Hg.), Zeugen für Christus. Das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts, Bd. 2, Paderborn u.a. 72019, S. 1374-1377.

Porträt Mutter M. Augustina, Fotografie, Kongregation der Nazarethschwestern vom hl. Franziskus e. V., Goppeln (Bildquelle).

Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz
20.4.2022


Empfohlene Zitierweise:
Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz, Maria Augustina, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V.
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (25.6.2022)

Maria Augustina



Quellen Archiv der Nazarethschwestern Goppeln, Dokumente, Briefe, Tagebücher, Gedichte, Gebete, Mitteilungen an die Gemeinschaft.

Literatur Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz, Wille Gottes über alles! Sr. M. Augustina. Ein Lebensbild, Leipzig 2009; Siegfried Seifert, Mutter Augustina von Goppeln (Clara Schuhmacher), in: Helmut Moll (Hg.), Zeugen für Christus. Das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts, Bd. 2, Paderborn u.a. 72019, S. 1374-1377.

Porträt Mutter M. Augustina, Fotografie, Kongregation der Nazarethschwestern vom hl. Franziskus e. V., Goppeln (Bildquelle).

Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz
20.4.2022


Empfohlene Zitierweise:
Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz, Maria Augustina, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V.
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (25.6.2022)