Lea Grundig
Lea Grundig gehörte zu den bekanntesten Künstlerinnen der Stadt Dresden und der DDR im 20. Jahrhundert. International bekannt wurde sie mit der Mappe „In the Valley of Slaughter“, in der sie als eine der ersten jüdischen Künstlerinnen den Holocaust in eine Bildsprache übersetzte. Sie war Grafikerin, Illustratorin und Parteifunktionärin der SED. Als Grafikerin beschäftigte sie sich mit Porträts und Landschaftsdarstellungen und inszenierte politische Themen ihrer Zeit, die sie als Kompositionen bezeichnete. Zudem illustrierte sie zahlreiche Kinderbücher in Hebräisch und Deutsch. Etwa seit 1960 engagierte sich die Künstlerin auch in der Kulturpolitik. Sie wurde Präsidentin des Verbandes Bildender Künstler und Mitglied des Zentralkomitees (ZK) der SED. – Die Künstlerin wurde als Lina Langer in eine jüdisch orthodoxe Familie hineingeboren. Um die Jahrhundertwende hatten sich ihre Eltern aus Galizien kommend in Dresden niedergelassen und 1901 geheiratet.
Moses Langer hatte mehrere Geschäfte, u.a. in der Galeriestraße und in der Frauenstraße 12, wohin die Familie 1912 zog. – Zwischen 1912 und 1922 besuchte Grundig die 2. Bürgerschule in der Silbermannstraße, 1922 bis 1924 war sie Schülerin der Königlich Sächsischen Kunstgewerbeschule Dresdens. Während ihrer Schulzeit wurde sie 1920 Mitglied im jüdischen Wandervogel Blau-Weiß, dem sie bis 1925 angehörte. Nachdem ihre erste Bewerbung an der Königlichen Kunstakademie in Dresden gescheitert war, besuchte sie kurze Zeit die Kunstschule „Der Weg“ von Edmund Kesting. Im Wintersemester 1924/1925 findet sich ihr Name erstmalig auf der Schülerliste einer Klasse von Otto Gussmann, bei dem sie drei Semester studierte. In diesen Jahren lernte sie Hans Grundig, Otto Griebel, Wilhelm Lachnit, Eugen Hoffmann, Alexander Neroslow, Herbert Gute, Eva Schulze und andere Künstlerinnen und Künstler kennen. Im Sommerhalbjahr 1926 besuchte Grundig die Klasse der Professoren Ferdinand Dorsch und Max Feldbauer. – Im November 1926 brach Grundig das Kunststudium ab, um sich bei Frieda Fromm-Reichmann in deren
Heidelberger Klinik bis Ende März 1927 einer Psychoanalyse zu unterziehen. Sie hatte Fromm-Reichmann in Dresden kennengelernt, als diese in ihrem Sanatorium am Weißen Hirsch in den frühen 1920er-Jahren die Mitglieder von Blau-Weiß beraten hatte. – Am 2.4.1928 heirateten Hans Grundig und Lina Langer sowohl standesamtlich als auch nach jüdischem Ritus. Den Künstlernamen Lea Langer behielt sie bis zum Frühjahr 1941 bei. Nach dem Tod der Mutter, im Oktober 1930, traten Lea und Hans Grundig im März 1931 offiziell aus der Israelitischen Religionsgemeinde Dresdens aus, wohl weil ihnen die Konventionen der Gemeinde nicht mehr als zeitgemäß erschienen. – Um 1925/1926 begann sich Grundig langsam für die kommunistische Idee zu interessieren. Eigenen Angaben zufolge trat sie 1926 in die KPD ein. Hierbei handelte es sich vermutlich um den der KPD nahestehenden Roten Frauen- und Mädchenbund, der damals vorwiegend agitatorische Aufgaben übernahm. Im Dezember 1929 gehörten Lea und Hans Grundig zu den Mitbegründern der ASSO, der Assoziation revolutionärer bildender Künstler, in Dresden. Dabei unterstützten sie die Arbeit einer lokalen kommunistischen Parteigruppe, indem sie Plakate und Flugblätter entwarfen. Im September 1930 besuchte Grundig für drei Wochen die Reichsparteischule Rosa Luxemburg in
Fichtenau und erhielt eine Schulung im Bereich Agitation und Propaganda. In der Folge gestaltete Grundig Flugblätter und Infomaterial für die Linkskurve, sprach bei Frauentagsveranstaltungen und beteiligte sich an Aufklärungskampagnen zum Schwangerschaftsabbruch und zum § 218 Strafgesetzbuch. – Künstlerisch arbeitete Grundig eng mit ihrem Mann zusammen, d.h. einer von beiden nahm die Idee des anderen auf und entwickelte sie weiter. Zudem konzentrierte sie sich auf ihre Fertigkeiten in der Kaltnadelradierung sowie im Linol- bzw. Holzdruck. Es entstand eine Reihe von Zeichnungen, die später unter dem Titel „Frauenleben“, „Unterm Hakenkreuz“ und „Der Jude ist schuld“ zusammengefasst wurden. Bis 1933 stellte Grundig zusammen mit anderen Dresdner Künstlern wiederholt im Sächsischen Kunstverein, in der Galerie Junge Kunst bei Józef Sandel oder in der Galerie Arnold in Dresden aus. – Neben den Bildenden Künstlerinnen und Künstlern war Grundig auch mit Tänzerinnen wie Sonja Markus-Salati oder Dore Hoyer bekannt. Hoyer wohnte eine Zeitlang bei den Grundigs. 1932 besuchte Grundig Salati in der Schweiz. 1936 waren die Grundigs Gäste des Schweizer Malers Albert Merckling. Nach seiner Rückkehr wurde das Paar kurzzeitig verhaftet. 1936 wurde Grundig außerdem aus der Reichskulturkammer für bildende Künste ausgeschlossen. Aufgrund des KPD-Verbots wurde die Parteiarbeit in scheinbar harmlose gesellige Treffen verlagert. – Am 31.5.1938 wurde Grundig zusammen mit 19 weiteren Personen erneut verhaftet, unter ihnen auch Hans Grundig, ihr Vater Moses Langer sowie dessen zweite Frau
Judith Langer. Das Ehepaar Langer wurde nach kurzer Zeit entlassen. Hans Grundig verblieb bis Mitte/Ende August 1938 in Untersuchungshaft. Seine Entlassung erfolgte unter der Auflage, die Scheidung von seiner Frau einzureichen. Grundig verblieb wie der Architekt Kurt Junghanns bis Prozessbeginn in Haft. Ihnen wurde vorgeworfen, die Kommunisten
Christian (gen. Christel) Beham und Hans Dankner bei ihrer politischen Tätigkeit unterstützt zu haben. Der gegen sie angestrengte Hochverratsprozess fand im April 1939 statt. Grundig und Junghanns konnten glaubhaft machen, für Beham und Dankner nur Übernachtungen organisiert zu haben. Hierfür erhielt Grundig eine Strafe von zwei Monaten, die mit der Haftzeit als abgegolten galt. Nach Prozessende wurde sie jedoch in Schutzhaft genommen. Hier verblieb sie bis November 1939, um dann ins Judenhaus in der Güntzstraße 24 entlassen zu werden. Hans reichte im Juli 1939 die Scheidung ein, nachdem dem Paar gedroht worden war, Grundig ins Konzentrationslager Ravensbrück zu bringen. Beide erwogen damals eine Ausreise nach England, wo alleinstehende jüdische Frauen oft als Haushälterinnen angestellt wurden. Im Februar 1940 wurde Grundig aus Deutschland ausgewiesen und gelangte über
Prag und
Wien nach
Bratislava. Im jüdischen Flüchtlingslager Patrónka wartete sie auf die Weiterreise nach Palästina. Im Oktober 1940 erfolgte ein erster Transport über die Donau bis nach
Tultscha (rumän. Tulcea). Die 3.600 Flüchtlinge wurden auf drei Schiffen nach Palästina gebracht. Die Künstlerin selbst befand sich auf der „Pacific“. Die britische Mandatsmacht griff die Schiffe in der Anfahrt auf die palästinensische Küste auf, um die Flüchtlinge mit der „Patria“ nach Mauritius weiterzuleiten. Mitglieder der Hagana, einer zionistischen Untergrundorganisation, platzierten einen Sprengsatz auf dem Schiff, um die Deportation zu verhindern. Am 25.11.1940 ging die „Patria“ unter, mehr als 260 Menschen starben. Die Überlebenden – unter ihnen Grundig – wurden ins Lager
Atlit (Israel) gebracht. In dieser Zeit arbeitete sie in der Krankenbaracke und zeichnete für die Lagerzeitung. Im Detention Camp Atlit änderte sie ihren Künstlernamen und unterzeichnete fortan mit „Lea Grundig“. Dort hatte sie auch eine erste Ausstellung. Anfang Oktober 1940 wurden die Insassen des Lagers entlassen und durften im britischen Mandatsgebiet verbleiben. – Oktober bis Mitte Dezember 1941 lebte Grundig bei ihrer Schwester
Miriam Mahler, wie sich ihre Schwester seit ihrer Ankunft 1932 nannte, in
Haifa (Israel). Anschließend zog sie nach
Tel Aviv (Israel), wo sie bis 1948 leben sollte. In dieser Zeit hatte sie eine Reihe von Einzel- und Gruppenausstellungen. Es entstand die Mappe „In the Valley of Slaughter“, in dem Grundig die ersten Erzählungen vom Holocaust erstmals in eine Bildsprache übersetzt hat. Die Mappe erschien 1943 auf Hebräisch sowie Englisch und 1946 in Dresden unter dem Titel „Im Tal des Todes“. Grundig zeigte die Bilder 1943 zuerst in Tel Aviv, später auch in
New York (USA),
Kapstadt (engl. Cape Town, afrikaans Kaapstad) und
London. Die Kritik reagierte hierauf mit großer Wertschätzung, weil es eine „jüdische Stimme“ (Kokoschka 1945) war, die die Erfahrungen des Holocaust zu diesem sehr frühen Zeitpunkt verarbeitete. Es waren zudem diese Zeichnungen, mit denen Grundig in den darauffolgenden Jahren immer wieder als Vertreterin einer jungen jüdischen Kunst in Palästina angefragt wurde. – Ihren Lebensunterhalt verdiente Grundig mit Illustrationen für etwas mehr als zwanzig Kinderbücher, mit Illustrationen für Zeitungen und dem Verkauf ihrer Werke. Auch hier wurde sie Mitglied der Kommunistischen Partei Palästinas. Für die Liga Victory, die die Rote Armee im Kampf gegen die Nationalsozialisten mit Hilfssendungen unterstützte, fertigte sie Plakate an. Im Yishuv, wie sich die jüdische Gesellschaft vor der Gründung des Staats Israel bezeichnete, lernte Grundig wichtige Persönlichkeiten wie Salman Schasar, Josef Kastein (eigentl. Julius Katzenstein),
Bracha Chabas, Anda Pinkerfeld Amir, Lea Goldberg, Shin Shalom, Jakob Steinhardt, Mordekha Avi-Shaʾul, Arnold Zweig, Louis Fürnberg, Rudolf Hirsch u.a. kennen. – Im Sommer 1945 begannen in Palästina erneut bürgerkriegsähnliche Auseinandersetzungen zwischen der britischen Mandatsregierung, der arabischen und der jüdischen Bevölkerung, die Grundig stark verunsicherten. Im März 1946 erfuhr sie zudem, dass Hans Grundig die Lagerhaft und den Militäreinsatz überlebt hatte und nach Dresden zurückgekehrt war, wo er 1947/1948 Rektor der Kunstakademie war. Aus beiden Gründen wollte Grundig, obwohl ihr Vater und ihre Schwester dort lebten, Palästina bzw. das im Mai 1948 gegründete Israel schnellstmöglich verlassen, besaß aber keinen Pass. Erst im November 1948 hatte Grundig alle Unterlagen vorliegen. Offiziell reiste sie nach Prag, um in der ersten israelischen Botschaft nach Staatsgründung Anfang Januar 1949 ihre Werke auszustellen. Februar 1949 erhielt sie in Prag schließlich die Einreisegenehmigung für die SBZ und für die Stadt Dresden. – Nach ihrer Rückkehr trat Grundig 1949 in die SED ein. September 1949 bis 1967 war sie Professorin für Grafik an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden. Politische Funktionen übte sie, wahrscheinlich im Ehrenamt, 1950 bis 1952 als Landtagsabgeordnete, danach bis 1957 als Bezirkstagsabgeordnete aus. 1954 wurde das Ehepaar Grundig von Mitarbeitern des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) aufgesucht, weil man in ihrem Haus einen konspirativen Treffort einrichten wollte. Beide kannten die illegale Arbeit aus der Zwischenkriegszeit und Grundig auch aus Palästina, weshalb ihnen das Ansinnen nicht anrüchig erschien. Zudem hatten sie endlich das Gefühl, politisch gebraucht zu werden. Die Zusammenarbeit wurde nach drei Monaten von Seiten des MfS eingestellt. – Das erste Jahrzehnt in der DDR war für die Künstlerin schwierig. 1951 wurden einige ihrer Bilder als formalistisch bezeichnet. Vergeblich versuchte sie die Mappe „Niemals wieder!“ zu publizieren, die noch in Palästina entstanden war. Um die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse besser kennenzulernen, begab sie sich 1950 und 1951 für mehrere Wochen in Betriebe der Schwerindustrie, um die Arbeiter bei ihrer Arbeit kennenzulernen und zu zeichnen. Dabei entstand der Zyklus „Kohle und Stahl für den Frieden“. Dieser fand erst zehn Jahre später Anerkennung, als die SED-Kulturpolitik den sog. Bitterfeld Weg verabschiedete und die Künstler aufforderte, in die Betriebe zu gehen, den arbeitenden Menschen ins Bild zu setzen und die Arbeiter zugleich künstlerisch weiterzubilden. – 1952 unterschrieb Grundig beim Kinderbuchverlag
Berlin einen Vertrag, um bis 1954 die Märchen der Brüder Grimm zu illustrieren. 1956 und 1957 entstand der Zyklus „Bauernkrieg“, in dem sie sich stilistisch stark an Käthe Kollwitz orientierte. – 1958 war ein Wendejahr in Grundigs Leben. Beim Dietz-Verlag erschien ihre Autobiografie „Gesichte und Geschichte“, Hans Grundig starb nach langer schwerer Krankheit und sie erhielt den Nationalpreis der DDR. 1961 wurde Grundig in die Akademie der Künste der DDR in Berlin aufgenommen. Außerdem wurde sie Präsidentin der 5. Kunstausstellung der DDR, die sie 1962/1963 kuratierte. In dieser Funktion konnte sie mitentscheiden, welche Künstlerinnen und Künstler der nachwachsenden Generation ausgestellt wurden und welche nicht. 1963 wurde sie Kandidatin des ZK der SED, 1967 schließlich dessen reguläres Mitglied. 1964 bis 1970 war sie Präsidentin des Verbands Bildender Künstler der DDR (VBKD). Auch diese Funktionen übte sie vermutlich im Ehrenamt und somit zusätzlich zu ihrer künstlerischen Tätigkeit aus. – Bislang ist sich die Forschung darüber einig, dass ihr künstlerischer und politischer Gestaltungsraum als Präsidentin des VBKD verhältnismäßig begrenzt war. Zuvorderst hatte sie Aufgaben der Repräsentation zu übernehmen, während der Erste Sekretär
Horst Weiß die „Tagesgeschäfte“ führte und auf diese Weise seinen Einfluss geltend zu machen verstand. Zudem gibt es Hinweise darauf, dass sie für dieses Amt vorgeschlagen wurde, weil sie den Parteikadern in Dresden einerseits als „unbequem“ galt, von den Parteikadern auf Regierungsebene jedoch als „schwache“ und damit als „lenkbare“ Kandidatin wahrgenommen wurde. Dennoch konnte sie Erfolge verbuchen. Sie initiierte 1965 die INTERGRAFIK, eine Triennale, die bis zum Ende der DDR stattfand. Damit stärkte sie wesentlich die Kunstgattung der Grafik. Ein weiteres Verdienst Grundigs besteht darin, dass sie die expressionistische Kunst der 1920er- und 1930er-Jahre, die z.B. in der ASSO entstanden war, in den Traditionskreis der SED-Kultur einzubinden vermochte. Indem sie diese Werke zur „Vorgeschichte“ des „Sozialistischen Realismus“ erklärte, sicherte sie sich und den Künstlern ihrer Generation einen Platz in der sozialistischen Kunstgeschichte. – Bis zu ihrem Lebensende organisierte sie im In- und Ausland zahlreiche Einzelausstellungen ihrer Werke und des Künstlerpaars „Hans und Lea Grundig“. Zudem unternahm sie wiederholt Studienreisen in die Sowjetunion, nach China, Kambodscha, Kuba, Chile oder Ceylon (heute Sri Lanka). – Neben der parteipolitischen Arbeit war Grundig in den 1960er- und 1970er-Jahren auch künstlerisch tätig, wie die Zeichnungen ihrer Studienreisen zeigen. Dabei konzentrierte sie sich auf Porträts und Landschaftszeichnungen. Auch den Holocaust gestaltete sie immer wieder in ihren Werken. Mitte der 1960er-Jahre illustrierte sie außerdem das Kommunistische Manifest. Die Arbeiten fanden bei den Genossen jedoch kaum Anklang, sodass von der geplanten Veröffentlichung im Dietz-Verlag Abstand genommen wurde. – Es gehört zu den zahlreichen Paradoxien im Leben Grundigs, dass sie sich zwar nach den Freunden und Verwandten sowie nach der Landschaft in Israel sehnte, zugleich aber konsequent die Politik der SED gegenüber dem jüdischen Staat vertrat. Das führte auch dazu, dass sie 1967 die antiisraelische „Erklärung jüdischer Bürger der DDR“ mitunterzeichnete, die sich mit dem „Kampf arabischer Völker gegen das imperialistische Israel“ solidarisierten; eine Unterschrift, die viele ihrer Freunde in der DDR, aber auch in Israel irritierte. In ihrer Sicht schien das eine das andere nicht auszuschließen, wurde doch in der Erklärung zwischen dem jüdischen Volk in Israel und der Politik des Staats Israel differenziert. – 1969 stellte sie erstmals in West-Berlin in der Ladengalerie aus. Im Anschluss daran zeigte die bundesdeutsche Öffentlichkeit zunehmend Interesse an Grundigs Zeichnungen der 1920er- und 1930er-Jahre. In der DDR war sie u.a. mit Alfred Kurella, aber auch mit vielen West-Remigranten wie Louis und Lotte Fürnberg, mit Rudolf Hirsch, Arnold Zweig, mit Bertolt Brecht und Helene Weigel sowie mit Grete Witkowski befreundet. Zudem erhielt sie eine Vielzahl staatlicher Auszeichnungen, wie z.B. 1958, 1962 und 1967 den Nationalpreis, 1958 die Medaille für Kämpfer gegen den Faschismus und 1970 die Ehrenspange zum Vaterländischen Verdienstorden. Ab 1970 war sie Ehrenpräsidentin des VBKD. 1972 wurde ihr der Martin-Andersen-Nexö-Preis der Stadt Dresden und die Ehrendoktorwürde der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald verliehen, 1976 folgte der Karl-Marx-Orden. – Grundig starb am 10.10.1977 auf dem Mittelmeer während einer Reise auf dem Urlauberschiff „Völkerfreundschaft“ und wurde am 21.10.1977 auf dem Heidefriedhof in Dresden, im „Kleinen Ehrenhain der Kämpfer gegen den Faschismus“, an der Seite von Hans Grundig beigesetzt. – Grundig hat in ihrem Leben fünf politisch unterschiedliche Staatssysteme kennengelernt: Sie wurde ins Kaiserreich hineingeboren und erlebte als Kind den Ersten Weltkrieg. Nach Kriegsende nahm sie als Heranwachsende wahr, wie schwierig es die junge Demokratie der Weimarer Republik hatte. In Abgrenzung hierzu probierte sie zunächst das bündische Leben in Blau-Weiß aus, das sich dem Leben in der Gemeinschaft verschrieben hatte und zugleich auf den Fahrten das „einfache Leben“ romantisierte. Diese Ansichten ließen sich verhältnismäßig leicht in die kommunistischen Ideen der Zeit übersetzen, erfuhren dann aber mit dem Erstarken des Nationalsozialismus eine fundamentale Bedeutungserweiterung. Hatte es für die Generation der um 1900 Geborenen zunächst gegolten, sich von der Elterngeneration abzugrenzen, trat nun die Auseinandersetzung mit der NS-Ideologie in den Vordergrund. Nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten verengte sich der politische und künstlerische Aktionsradius der Künstlerin schrittweise, bis Grundig schließlich verhaftet, verurteilt und ausgewiesen wurde. In Palästina traf sie auf eine jüdische Gesellschaft, die auf einen künftigen jüdischen Nationalstaat hoffte. Dass dieser den Jüdinnen und Juden infolge des Holocaust ein gewichtiger Schutzraum werden könnte, akzeptierte Grundig. Zugleich bedauerte sie es aber, dass dieser Zufluchtsort ebenso erstritten wie erkämpft und militärisch verteidigt werden musste. Aus Angst vor weiteren militärischen Auseinandersetzungen verließ sie schließlich Palästina, um in ihre Heimatstadt zurückzukehren. Hier wurde sie zwar mit großen Ehren empfangen, es zeigte sich aber bald, dass die junge SED-Staatsführung hauptsächlich an ihrem internationalen Renommee interessiert war, nicht aber an den Erfahrungen, die sie in der Emigration gemacht hatte. Dies änderte sich erst nach 1958, nachdem sie mit ihrer Autobiografie ihre Loyalität gegenüber der SED unter Beweis gestellt hatte. Die Anerkennung, die sie aufgrund dessen in den Folgejahren erfuhr, verstand sie einerseits als Wiedergutmachung, andererseits linderte sie ihr etwas die Sehnsucht nach Palästina und nach den jüdischen Freunden in der Ferne. Nicht zuletzt war das Festhalten, das Verteidigen der kommunistischen Ideale eines der wenigen Dinge, das ihrem Leben so etwas wie Kontinuität verlieh und ihrer Biografie ein Narrativ. Gerade dieses Beharren und ihr Wirken als Parteifunktionärin führen bis heute dazu, dass sich an ihr die Geister scheiden. Die einen sehen sie als erstarrte Funktionärin, andere als treue Künstlergefährtin von Hans Grundig und wieder andere nehmen sie als eine Frau mit Agency wahr, die sie in den 1960er-Jahren zu verteidigen verstand. Zu fragen bliebe, ob dieses Handeln, ob diese Haltungen ebenso streng beurteilt würden, wenn sie einem Mann zugeschrieben würden?
Quellen Archiv der Akademie der Künste Berlin, Hans- und Lea-Grundig-Archiv, Kunstsammlung; Bundesarchiv, Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR Berlin; Archiv des Auswärtigen Amtes Berlin, PAAA RZ214_09983, 99323; GNAZIM Tel Aviv, 302 Morderchai Avi Shaul, 97 Shin Shalom; Yad Vashem Archiv Jerusalem, Inv.-Nr. 0.75/200; Sächsisches Staatsarchiv - Hauptstaatsarchiv Dresden, 11376 Landesregierung, Ministerpräsident, 11177 Oberfinanzpräsident Dresden, 10747 Kreishauptmannschaft Dresden; Archiv der Hochschule für Bildende Künste; Stadtarchiv Dresden, 6.4.25-1.4.2-106 Standesamt/Urkundenstelle, Standesamt I, Personenstandsbuch, Sterberegister 1930, Nr. 934, 6.4.25-2.2.2-114, Standesamt II, Geburtenregister 1904, Nr. 317, 6.4.25-2.4.2-93 Sterberegister 1907, Nr. 361 (ancestry.de).
Werke Grafik/Zeichnungen: Frauenleben, Zyklus, 1935; Unterm Hakenkreuz, Zyklus, 1935; Der Jude ist schuld, Zyklus, 1935; In the Valley of Slaughter, Tel Aviv 1944 [Im Tal des Todes, Dresden 1947, ND Leipzig/Frankfurt/Main 2023]; Niemals wieder!, Zyklus, 1940-1948; Kohle und Stahl für den Frieden, Zyklus, 1951; Zum Deutschen Bauernkrieg, Zyklus, 1956/1957; Blätter wider den Imperialismus, Leipzig 1975; Das Gesicht der deutschen Arbeiterklasse. 50 Drucke von Arbeiten aus den Jahren 1929-1977, Berlin 1978; Elfteiliger Bild-Zyklus zum Manifest der Kommunistischen Partei von Karl Marx und Friedrich Engels, Berlin 2020. – Schriften: Gesichte und Geschichte, Berlin 1958, 101984.
Literatur Oskar Kokoscha, Im Tal des Todes, in: Freie Tribüne 3.3.1945; Erhard Frommhold, Hans und Lea Grundig, Dresden 1958; Wolfgang Hütt, Lea Grundig, Dresden 1969; Zîvāh Ammîshai-Maizels, Depiction and Interpretation. The Influenece of the Holocaust on the Visual Arts, Oxford u.a. 1993; Oliver Sukrow, Lea Grundig - Sozialistische Künstlerin und Präsidentin des Verbandes Bildender Künstler in der DDR (1964-1970), Oxford u.a. 2011; Kathrin Hoffmann-Curtius, Bilder vom Judenmord. Eine kommentierte Sichtung der Malerei und Zeichenkunst in Deutschland von 1945 bis zum Auschwitzprozess, Marburg 2014; Thomas Flierl (Hg.), Lea Grundig. Kunst in Zeiten des Krieges, Berlin 2015; Maria Heiner, Lea Grundig - Kunst für die Menschen, Berlin/Leipzig 22019; Jeannette van Laak, In the Valley of Slaughter. Der Bildzyklus Lea Grundigs als Zeitdokument, in: Rüdiger Hachtmeister/Franka Maubach/Markus Roth (Hg.), Zeitdiagnose im Exil. Zur Deutung des Nationalsozialismus nach 1933, Göttingen 2020, S. 181-211; Kathleen Krenzlin (Hg.), „Schreibe mir nur immer viel“. Der Briefwechsel zwischen Hans und Lea Grundig. Ein Werkstattbericht, Berlin 2022; Eckhart J. Gillen (Hg.), Ellen Auerbach und Lea Grundig. Zwei Künstlerinnen in Palästina, Berlin 2025; Sigrid Jacubeit (Hg.), Eine Hommage an den Menschen. Zum künstlerischen Schaffen von Lea Grundig (1926-1977), Leipzig 2025; Jeannette van Laak, Das Exil im Gepäck. Die Lebenswege der Grafikerin Lea Grundig, Frankfurt/Main 2025; Maria Heiner, Lea Grundig. Werkverzeichnis. – DBA II, III; DBE II 4, S. 219f.
Porträt Lea Grundig, Fotografie, Sächsische Zeitung, Bildarchiv (Bildquelle).
Jeannette van Laak
9.4.2026
Empfohlene Zitierweise:
Jeannette van Laak, Artikel: Lea Grundig,
in: Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde,
https://saebi.isgv.de/biografie/1845 [Zugriff 13.4.2026].
Lea Grundig
Quellen Archiv der Akademie der Künste Berlin, Hans- und Lea-Grundig-Archiv, Kunstsammlung; Bundesarchiv, Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR Berlin; Archiv des Auswärtigen Amtes Berlin, PAAA RZ214_09983, 99323; GNAZIM Tel Aviv, 302 Morderchai Avi Shaul, 97 Shin Shalom; Yad Vashem Archiv Jerusalem, Inv.-Nr. 0.75/200; Sächsisches Staatsarchiv - Hauptstaatsarchiv Dresden, 11376 Landesregierung, Ministerpräsident, 11177 Oberfinanzpräsident Dresden, 10747 Kreishauptmannschaft Dresden; Archiv der Hochschule für Bildende Künste; Stadtarchiv Dresden, 6.4.25-1.4.2-106 Standesamt/Urkundenstelle, Standesamt I, Personenstandsbuch, Sterberegister 1930, Nr. 934, 6.4.25-2.2.2-114, Standesamt II, Geburtenregister 1904, Nr. 317, 6.4.25-2.4.2-93 Sterberegister 1907, Nr. 361 (ancestry.de).
Werke Grafik/Zeichnungen: Frauenleben, Zyklus, 1935; Unterm Hakenkreuz, Zyklus, 1935; Der Jude ist schuld, Zyklus, 1935; In the Valley of Slaughter, Tel Aviv 1944 [Im Tal des Todes, Dresden 1947, ND Leipzig/Frankfurt/Main 2023]; Niemals wieder!, Zyklus, 1940-1948; Kohle und Stahl für den Frieden, Zyklus, 1951; Zum Deutschen Bauernkrieg, Zyklus, 1956/1957; Blätter wider den Imperialismus, Leipzig 1975; Das Gesicht der deutschen Arbeiterklasse. 50 Drucke von Arbeiten aus den Jahren 1929-1977, Berlin 1978; Elfteiliger Bild-Zyklus zum Manifest der Kommunistischen Partei von Karl Marx und Friedrich Engels, Berlin 2020. – Schriften: Gesichte und Geschichte, Berlin 1958, 101984.
Literatur Oskar Kokoscha, Im Tal des Todes, in: Freie Tribüne 3.3.1945; Erhard Frommhold, Hans und Lea Grundig, Dresden 1958; Wolfgang Hütt, Lea Grundig, Dresden 1969; Zîvāh Ammîshai-Maizels, Depiction and Interpretation. The Influenece of the Holocaust on the Visual Arts, Oxford u.a. 1993; Oliver Sukrow, Lea Grundig - Sozialistische Künstlerin und Präsidentin des Verbandes Bildender Künstler in der DDR (1964-1970), Oxford u.a. 2011; Kathrin Hoffmann-Curtius, Bilder vom Judenmord. Eine kommentierte Sichtung der Malerei und Zeichenkunst in Deutschland von 1945 bis zum Auschwitzprozess, Marburg 2014; Thomas Flierl (Hg.), Lea Grundig. Kunst in Zeiten des Krieges, Berlin 2015; Maria Heiner, Lea Grundig - Kunst für die Menschen, Berlin/Leipzig 22019; Jeannette van Laak, In the Valley of Slaughter. Der Bildzyklus Lea Grundigs als Zeitdokument, in: Rüdiger Hachtmeister/Franka Maubach/Markus Roth (Hg.), Zeitdiagnose im Exil. Zur Deutung des Nationalsozialismus nach 1933, Göttingen 2020, S. 181-211; Kathleen Krenzlin (Hg.), „Schreibe mir nur immer viel“. Der Briefwechsel zwischen Hans und Lea Grundig. Ein Werkstattbericht, Berlin 2022; Eckhart J. Gillen (Hg.), Ellen Auerbach und Lea Grundig. Zwei Künstlerinnen in Palästina, Berlin 2025; Sigrid Jacubeit (Hg.), Eine Hommage an den Menschen. Zum künstlerischen Schaffen von Lea Grundig (1926-1977), Leipzig 2025; Jeannette van Laak, Das Exil im Gepäck. Die Lebenswege der Grafikerin Lea Grundig, Frankfurt/Main 2025; Maria Heiner, Lea Grundig. Werkverzeichnis. – DBA II, III; DBE II 4, S. 219f.
Porträt Lea Grundig, Fotografie, Sächsische Zeitung, Bildarchiv (Bildquelle).
Jeannette van Laak
9.4.2026
Empfohlene Zitierweise:
Jeannette van Laak, Artikel: Lea Grundig,
in: Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde,
https://saebi.isgv.de/biografie/1845 [Zugriff 13.4.2026].