Karl Heinz Mai

M. ist als Leipziger Nachkriegsfotograf bekannt geworden. Seine rund 20.000 Aufnahmen umfassende Sammlung wird neben den Werken von Fritz Eschen und Richard Peter zu den wichtigen fotografischen Leistungen der unmittelbaren Nachkriegszeit gezählt. M.s Bilder sind „jenseits der historischen Dokumentation, der illustrierbaren Stadtgeschichte ... von jener unverwechselbaren Poesie, die zum Ausdruck großer Fotografen gehört“ (Fritz Rudolf Fries, Porträt einer Zeit). Mit ihrem Fokus auf die Menschen und das Leben in der zerstörten Stadt sind sie einerseits zentrale visuelle Quellen für den Nachkriegsalltag in Leipzig, andererseits haben sie „durch ihre formale Konzentration und genaue Wirklichkeitsbeobachtung ... eine suggestive Ausstrahlungskraft, die vergleichbar mit großen Vorbildern der Fotografie, wie August Sander oder Walter Ballhause, sind“ (Christine Rink, Die frühen Jahre). – M. wurde 1920 in Leipzig geboren, besuchte hier die Schule und schloss 1939 eine Lehre als Kaufmannsgehilfe bei der Firma Kirchner & Co. in Leipzig-Sellerhausen ab. Während des Zweiten Weltkriegs wurde er 1941 so schwer verwundet, dass ihm beide Beine amputiert werden mussten. 1943 kehrte er nach Leipzig zurück und hielt sich nach der kriegsbedingten Zerstörung des Wohnhauses der Eltern im Dezember 1943 bis zum Kriegsende im Pfarrhaus in Niederwiesa auf. Nach seiner abermaligen Rückkehr nach Leipzig im Sommer 1945 begann er seine fotografische Dokumentation. Bis zu seinem frühen Tod 1964 erkundete er mit einem Rollstuhl und seiner Kamera seine sich stetig verändernde Heimatstadt. – M. begann seine Arbeit ohne Auftraggeber, er war aber auch für Tageszeitungen, das Stadtgeschichtliche Museum Leipzig, das Landesamt für Denkmalpflege Sachsen sowie für kirchliche Einrichtungen und Verlage tätig. Daneben agierte er als mobiler Porträtfotograf im privaten Auftrag. Die berufliche und institutionelle Ungebundenheit erlaubte es ihm, eigene Schwerpunkte zu setzen. Sein fotografisches Portfolio zeichnet sich durch eine große Nähe zu den Menschen vor seiner Kamera aus, aber auch durch sein sicheres Gespür für symbolische und zeittypische Bilder sowie für Anachronismen seiner Gegenwart. M. war ein aufmerksamer und sensibler Beobachter, er verfolgte Absurditäten und Attraktionen des Alltags ebenso wie die Transformationen städtischer Räume oder die allgegenwärtigen propagandistischen Losungen. Besonders interessierte ihn der Umgang der Menschen mit dieser Situation. So fotografierte er Alltagsszenen auf der Straße, den Schwarzmarkt und Behelfswohnungen in Eisenbahnwaggons. Er porträtierte Männer und Väter, Frauen und Mütter, Kinder und Jugendliche, sowjetische Soldaten und deutsche Kriegsheimkehrer, Trümmerfrauen und Polizisten während einer Razzia, Menschen, die warten, Menschen, die als Trittbrettfahrer an Zug- und Straßenbahnwaggons hängen, Menschen, die umherirren. M. entwarf auf diese Weise eine Phänomenologie Leipzigs in der Nachkriegszeit. – Einem interessierten Publikum bekannt wurden die fotografischen Arbeiten M.s erst 15 Jahre nach seinem Tod durch Veröffentlichungen in Fotozeitschriften und durch kleinere Personalausstellungen. Außerdem fanden ausgewählte Fotografien Beachtung auf größeren Ausstellungen. 1985 richtete die Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst dem Nachkriegsfotografen eine große Personalausstellung aus („Die frühen Jahre“). Im Folgejahr erschien in Berlin (West) der Fotoband „Anfangsjahre. Leipzig 1945 bis 1950“. Seit 1980 wurden in über 200 Ausstellungen, auch über Deutschland hinaus, Fotografien von M. gezeigt. Zu den wichtigsten Personalausstellungen zählten „Bilder vom Beginnen“ ( Halle/Saale 1989), „Perfekte Provisorien“ (Leipzig 1998) und „Frauen allein“ (Leipzig 1999). Bedeutende Ausstellungsbeteiligungen waren „150 Jahre Fotografie“ (Berlin 1989), „Deutsche Fotografie - Macht eines Mediums 1870-1970“ ( Bonn 1997), „Geschlossene Gesellschaft. Künstlerische Fotografie in der DDR 1945-1989“ (Berlin 2012/2013) sowie „Ansichten aus einem Land. Fotografie aus Ostdeutschland 1945-1995“ (Halle/Saale, Jerewan 2015). 2009 erschien ein vom Mitteldeutschen Rundfunk produzierter Dokumentarfilm über das Leben und Werk von M. – Seine Fotografien finden sich heute in verschiedenen Sammlungen, u.a. in der Berlinischen Galerie: Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur, im Kunstmuseum Moritzburg in Halle/Saale, in der Deutschen Fotothek Dresden, in der Kunsthalle der Sparkasse, im Stadtgeschichtlichen Museum Leipzig sowie im Deutschen Dokumentationszentrum für Kunstgeschichte - Bildarchiv Foto Marburg.

Quellen Sächsisches Staatsarchiv - Staatsarchiv Leipzig, 21810 Nachlass Karl Heinz M.; Fotothek Mai (P); Perspektivwechsel - Das Erbe des Karl Heinz M., Dokumentarfilm von Arndt Ginzel, Mitteldeutscher Rundfunk, 2009.

Werke Diethart Kerbs/Detlef Mai (Hg.), Karl Heinz M. Anfangsjahre. Leipzig 1945 bis 1950, Berlin 1986 (P); mit Fritz Rudolf Fries (Hg.), Porträt einer Zeit. 1945-1950 in Leipzig, Halle/Saale 1990 (P); Andreas Mai (Hg.), Reporter des Alltags. Leipzig in den Fotografien von Karl Heinz M. - 1945 bis 1964, Leipzig 2007 (P); Mark Lehmstedt (Hg.), Karl Heinz M. Reporter auf drei Rädern. Fotografien 1945-1964, Leipzig 2019 (P).

Literatur Karl Detlef Mai, Fotografien als Augenzeugen, in: Fotokino-Magazin 17/1979, H. 9, S. 262-267; Roland Brinsch, Erinnerung und Verantwortung, in: Fotografie 36/1982, H. 6, S. 214-221; Ausstellung Historische Kameras und Leipziger Photographie 1840-1950, hrsg. vom Museum der Bildenden Künste Leipzig, Leipzig 1983; Fred Seeger, Der Mann mit der Kamera, in: Wochenpost. Zeitung für Politik, Kultur, Wirtschaft, Unterhaltung 31/1984, H. 22, S. 4f.; Stefan Gööck, Ein Blick zurück, in: Fotografie 39/1985, H. 3, S. 94-99; Peter Pachnicke, Sinnbilder. Die Fotografien des Karl Heinz M., in: Sonntag. Die kulturpolitische Wochenzeitung 39/1985, H. 24, S. 5; Christine Rink, Die frühen Jahre, in: Blatt des Verbandes Bildender Künstler Deutschlands 16/1985, H. 1, S. 12f.; Frühe Bilder. Eine Ausstellung zur Geschichte der Fotografie in der DDR, hrsg. von der Gesellschaft für Fotografie, Leipzig 1985; Wolfgang Kil (Hg.), Hinterlassenschaft und Neubeginn. Fotografien von Dresden, Leipzig und Berlin in den Jahren nach 1945, Leipzig 1989 (P); Karl Detlef Mai, Menschenwerte erhalten, statt zu vernichten. Zum Leben und Wirken des Leipziger Fotografen Karl Heinz M., in: Leipzig - Aus Vergangenheit und Gegenwart. Beiträge zur Stadtgeschichte 6/1989, S. 203-225 (P); Ulrich Domröse (Hg.), Nichts ist so einfach wie es scheint. Ostdeutsche Photographie 1945-1989, Berlin 1992; Draußen vor der Tür. Fotografien zum Kriegsende. Robert Capa, Hannes Kilian, Karl Heinz M., Hilmar Pabel, Wolf Strache, Hansel Mieth und Otto Hage, hrsg. vom Kulturamt der Stadt Fellbach, Fellbach 1995; Deutsche Fotografie. Macht eines Mediums 1870-1970, hrsg. von der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Köln 1997; John P. Jacob (Hg.), Recollecting a culture. Photography and the evolution of a socialist aesthetic in East Germany, Boston 1998; Heimat Moderne, hrsg. vom Experimentale e.V., Berlin 2006; Stephanie Barron/Sabine Eckmann (Hg.), Kunst und Kalter Krieg. Deutsche Positionen 1945-89, Köln 2009; Thomas Liebscher (Hg.), Leipzig. Fotografie seit 1839, Leipzig 2011; Ulrich Dormröse/Jana Duda (Hg.), Geschlossene Gesellschaft. Künstlerische Fotografie in der DDR 1949-1989, Bielefeld/Berlin 2012; Mathias Bertram (Hg.), Das pure Leben. Fotografien aus der DDR. Die frühen Jahre 1945-1975, Leipzig 2014; Christian Philipsen/Thomas Bauer-Friedrich (Hg.), Ansichten aus einem Land. Fotografie aus Ostdeutschland 1945-1995, Halle/Saale 2015. – Stadtlexikon Leipzig von A bis Z, hrsg. von PRO LEIPZIG e.V., Leipzig 2005, S. 378.

Porträt Selbstporträt, Karl Heinz M., 1952, Fotografie, Privatarchiv Karl Detlef Mai (Bildquelle) [CC BY-SA 4.0; dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Attribution 4.0 Unported License].

Andreas Mai
20.8.2021


Empfohlene Zitierweise:
Andreas Mai, Karl Heinz Mai, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V.
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (21.5.2022)

Karl Heinz Mai



Quellen Sächsisches Staatsarchiv - Staatsarchiv Leipzig, 21810 Nachlass Karl Heinz M.; Fotothek Mai (P); Perspektivwechsel - Das Erbe des Karl Heinz M., Dokumentarfilm von Arndt Ginzel, Mitteldeutscher Rundfunk, 2009.

Werke Diethart Kerbs/Detlef Mai (Hg.), Karl Heinz M. Anfangsjahre. Leipzig 1945 bis 1950, Berlin 1986 (P); mit Fritz Rudolf Fries (Hg.), Porträt einer Zeit. 1945-1950 in Leipzig, Halle/Saale 1990 (P); Andreas Mai (Hg.), Reporter des Alltags. Leipzig in den Fotografien von Karl Heinz M. - 1945 bis 1964, Leipzig 2007 (P); Mark Lehmstedt (Hg.), Karl Heinz M. Reporter auf drei Rädern. Fotografien 1945-1964, Leipzig 2019 (P).

Literatur Karl Detlef Mai, Fotografien als Augenzeugen, in: Fotokino-Magazin 17/1979, H. 9, S. 262-267; Roland Brinsch, Erinnerung und Verantwortung, in: Fotografie 36/1982, H. 6, S. 214-221; Ausstellung Historische Kameras und Leipziger Photographie 1840-1950, hrsg. vom Museum der Bildenden Künste Leipzig, Leipzig 1983; Fred Seeger, Der Mann mit der Kamera, in: Wochenpost. Zeitung für Politik, Kultur, Wirtschaft, Unterhaltung 31/1984, H. 22, S. 4f.; Stefan Gööck, Ein Blick zurück, in: Fotografie 39/1985, H. 3, S. 94-99; Peter Pachnicke, Sinnbilder. Die Fotografien des Karl Heinz M., in: Sonntag. Die kulturpolitische Wochenzeitung 39/1985, H. 24, S. 5; Christine Rink, Die frühen Jahre, in: Blatt des Verbandes Bildender Künstler Deutschlands 16/1985, H. 1, S. 12f.; Frühe Bilder. Eine Ausstellung zur Geschichte der Fotografie in der DDR, hrsg. von der Gesellschaft für Fotografie, Leipzig 1985; Wolfgang Kil (Hg.), Hinterlassenschaft und Neubeginn. Fotografien von Dresden, Leipzig und Berlin in den Jahren nach 1945, Leipzig 1989 (P); Karl Detlef Mai, Menschenwerte erhalten, statt zu vernichten. Zum Leben und Wirken des Leipziger Fotografen Karl Heinz M., in: Leipzig - Aus Vergangenheit und Gegenwart. Beiträge zur Stadtgeschichte 6/1989, S. 203-225 (P); Ulrich Domröse (Hg.), Nichts ist so einfach wie es scheint. Ostdeutsche Photographie 1945-1989, Berlin 1992; Draußen vor der Tür. Fotografien zum Kriegsende. Robert Capa, Hannes Kilian, Karl Heinz M., Hilmar Pabel, Wolf Strache, Hansel Mieth und Otto Hage, hrsg. vom Kulturamt der Stadt Fellbach, Fellbach 1995; Deutsche Fotografie. Macht eines Mediums 1870-1970, hrsg. von der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Köln 1997; John P. Jacob (Hg.), Recollecting a culture. Photography and the evolution of a socialist aesthetic in East Germany, Boston 1998; Heimat Moderne, hrsg. vom Experimentale e.V., Berlin 2006; Stephanie Barron/Sabine Eckmann (Hg.), Kunst und Kalter Krieg. Deutsche Positionen 1945-89, Köln 2009; Thomas Liebscher (Hg.), Leipzig. Fotografie seit 1839, Leipzig 2011; Ulrich Dormröse/Jana Duda (Hg.), Geschlossene Gesellschaft. Künstlerische Fotografie in der DDR 1949-1989, Bielefeld/Berlin 2012; Mathias Bertram (Hg.), Das pure Leben. Fotografien aus der DDR. Die frühen Jahre 1945-1975, Leipzig 2014; Christian Philipsen/Thomas Bauer-Friedrich (Hg.), Ansichten aus einem Land. Fotografie aus Ostdeutschland 1945-1995, Halle/Saale 2015. – Stadtlexikon Leipzig von A bis Z, hrsg. von PRO LEIPZIG e.V., Leipzig 2005, S. 378.

Porträt Selbstporträt, Karl Heinz M., 1952, Fotografie, Privatarchiv Karl Detlef Mai (Bildquelle) [CC BY-SA 4.0; dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Attribution 4.0 Unported License].

Andreas Mai
20.8.2021


Empfohlene Zitierweise:
Andreas Mai, Karl Heinz Mai, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V.
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (21.5.2022)