Johann Traugott Lohse

L. gilt als bedeutender Kirchenbaumeister und erster Repräsentant der sächsischen Industriearchitektur. Sein vielseitiges Schaffen im Erzgebirge und im Chemnitzer Umland markiert den Übergang der ländlichen Baukultur Sachsens vom Spätbarock zum Frühklassizismus. – L. folgte der beruflichen Tradition seines Vaters und ließ sich 1786 als Maurermeister in Pleißa nieder, wo er ein Mühlengrundstück erwarb. Obgleich ohne akademische Ausbildung, wurde er in späteren Lebensjahren von den Zeitgenossen als Architekt bezeichnet und als solcher auch im Schlettauer Kirchenbuch geführt. Wahrscheinlich absolvierte L. nicht die üblichen Gesellen-Wanderjahre. 1783 wurde er als Landmeister in die Chemnitzer Maurerinnung aufgenommen. Er erhielt jedoch keine Bauaufträge im Stadtgebiet, da er angeblich kein Meisterstück gefertigt hatte. Daran änderten auch die Fürsprache des Chemnitzer Amtmanns Friedrich Carl Dürisch und eine Beschwerde bei Kurfürst Friedrich August III. nichts. Obwohl L. seit 1798 das Chemnitzer Bürgerrecht besaß, gab er deshalb seinen Plan auf, von Pleißa nach Chemnitz überzusiedeln. Stattdessen zog er 1812 nach Schlettau. – Zu diesem Zeitpunkt begleitete ihn bereits ein ausgezeichneter Ruf als Baumeister. Als sein Erstlingswerk gilt die Dorfkirche in Kleinolbersdorf, die L. 1789/1790 gemeinsam mit Johann Christian Böhme aus Jahnsbach anstelle des abgebrannten Vorgängerbaus noch im spätbarocken Stil als schlichten Rechteckbau mit Walmdach, Dachreiter und zwei umlaufenden Emporen errichtete. 1804 bis 1806 folgte ein neues Gotteshaus für die Parochie Schlema-Wildbach, das ebenfalls die Tradition des schlichten Landkirchenbaus verkörperte, wobei L. anstelle eines Dachreiters einen Turm aufführte. Beide Werke weisen L. als Rezipienten des spätbarocken Kirchenbaus der „Dresdner Schule“ und ihrer ländlichen Adaption durch Johann Gottlieb Ohndorff aus. Für die Kirchen der wohlhabenderen Parochie Reichenbrand (1804-1810) sowie der kleinbürgerlichen Milieus der Städte Grünhain (1808-1810) und Roßwein (1810-1815) wählte L. eine aufwändigere Außenarchitektur mit Dreiviertelsäulen und mächtigen Portiken. Insbesondere die Säulenarchitektur wurde ein Markenzeichen der Bauweise L.s, das er gegen teils heftige Kritik beibehielt und neben Repräsentationsgründen auch aus statischen Erwägungen zur Aussteifung der Mauern bevorzugte. Die Ablösung der barocken Zwiebeltürme durch Obelisken wird exemplarisch an L.s Kirchenneubau in Gornsdorf (1821/1822) sichtbar. Auch die Dorfkirche in Meinersdorf (1812, mit Traugott Winkler und Gottlieb Drechsler) und der Turmhelm von St. Annen in Annaberg (1814) gehen auf L. zurück. Eine Beteiligung L.s am Kirchenbau in Schwarzbach bei Elterlein ist anzunehmen, wenngleich er vor der Fertigstellung verstarb. Entwürfe für die Johanniskirche Lößnitz (1806) und die Dorfkirche Einsiedel (1820) wurden nicht realisiert. – Neben der Sakralarchitektur profilierte sich L. als Erbauer zahlreicher Spinnmühlen und Herrenhäuser. Als Pionier des Fabrikbaus ist sein Name eng mit der Entstehung der ersten sächsischen Baumwollmaschinenspinnerei der Gebrüder Bernhard in Harthau bei Chemnitz verbunden. L. baute sowohl das erste Produktionsgebäude (1799/1800) als auch das später hinzugefügte Wohn- und Kontorhaus (1806/1807). Die auf Sachsen wirkenden Industrialisierungsimpulse verschafften L. in der Folgezeit zahlreiche weitere Aufträge, so z.B. die Spinnmühlen-Bauten für Schnabel & Co. in Erfenschlag (1808 und 1812), Benjamin Gottlieb Pflugbeil & Co. in Plaue (1809-1811), J. C. Kobler in Mühlau (1811) und Gebr. Meinert & Co. in Lugau (1812). Die mehrgeschossigen Baukörper mit rechteckigem Grundriss richtete L. im Inneren auf reine Funktionalität aus, während die von ihm gestalteten Fassaden prägnante Beispiele für den architektonisch vorgetragenen Geltungsanspruch des Wirtschaftsbürgertums darstellten. Sein breites stilistisches Repertoire kommt auch in den sorgfältigen und fantasievollen Dachkonstruktionen L.s zum Ausdruck. Die Anregungen für die u.a. mit Krüppelwalmdächern oder Bohlenbinderdächern und häufig mit Ecksäulen gestalteten Industriebauten dürfte L. vornehmlich den architekturtheoretischen Schriften von David Gilly und Lorenz Johann Daniel Suckow entnommen haben. Als Höhepunkt von L.s Schaffen gilt die 1812 für Evan Evans in Siebenhöfen bei Geyer errichtete Spinnmühle, deren T-förmiger Grundriss, haubenartige Dachsilhouette und monumental anmutende Fassaden mit giebelbekrönten Risaliten und Stichbogenfenstern unter den Zeitgenossen große Bewunderung hervorriefen. – Als der Fabrikbau in Sachsen 1814 seinen vorläufigen Zenit überschritten hatte, wurde die Wirksamkeit L.s zunehmend auf Herrenhäuser und andere Profanbauten umgelenkt. Noch 1814 gestaltete L. die Alte Post in Annaberg im Auftrag der Handelsfamilie Köselitz in pathetisch-feierlichen Formen als Symbol bürgerlicher Wirtschaftserfolge. Nachgewiesen ist L. darüber hinaus als Baumeister des Herrenhauses Klösterlein bei Aue, während die Zuschreibungen der Herrenhäuser Wiesa bei Annaberg (1823) und Porschendorf (1825) unsicher sind. Von der Gebäudearchitektur abweichend, schuf L. zudem 1822 das populäre Denkmal des sächsischen Prinzenraubs bei Waschleithe in Pyramidenform. – In seiner Wahlheimat Schlettau verknüpfte L. den Fabrikbau mit eigenen unternehmerischen Aktivitäten. Dazu ersteigerte er 1811 das Schlettauer Schlossareal und richtete dort seine an den Mühlgraben angeschlossene eigene Spinnfabrik ein. Mit Hilfe seiner beiden Schwiegersöhne nahm 1814 die Spinnerei Lohse & Naumann die Produktion auf. Einen Teil der benötigten Maschinen hat L. vermutlich von Evans erworben. Trotz beträchtlicher Konjunkturhemmnisse durch die Aufhebung der Kontinentalsperre konnte L. seine Spinnerei 1822 bis 1824 erheblich erweitern. Die sanierten Schlossräume nutzte er als Lager, während die eigentliche Fabrik aufgestockt und um zwei Flügel ergänzt wurde. Der beständige Ausbau des Spinnereibetriebs in Schlettau gipfelte im Entwurf eines weiteren Spinnereigebäudes für seinen Schwiegersohn Friedrich August Naumann. – L.s quantitativ und qualitativ bemerkenswertes Lebenswerk ist heute nur noch teilweise erhalten. Es weist viele Parallelen zum Wirken Christian Friedrich Uhligs auf, der als Zeitgenosse L.s ebenfalls einen wichtigen Beitrag zum sächsischen Kirchen- und Fabrikbau des beginnenden 19. Jahrhunderts leistete.

Werke mit Johann Christian Böhme, Dorfkirche Kleinolbersdorf, 1789/1790; Produktionsgebäude Hartau, Baumwollmaschinenspinnerei Gebrüder Bernhard, 1799/1800; Kirche Wildbach, 1804-1806; Kirche Reichenbrand, 1804-1810; Wohn- und Kontorhaus Hartau, Baumwollmaschinenspinnerei Gebrüder Bernhard, 1806/1807; Kirche Grünhain, 1808-1810; Spinnmühlen-Bauten Erfenschlag, Schnabel & Co., 1808, 1812; Spinnmühlen-Bauten Plaue, Benjamin Gottlieb Pflugbeil & Co., 1809-1811; Kirche Roßwein, 1810-1815; Spinnmühlen-Bauten Mühlau, J. C. Kobler, 1811; Spinnmühlenbauten Lugau, Gebr. Meinert & Co., 1812; mit Traugott Winkler/Gottlieb Drechsler, Kirche Meinersdorf, 1812; Spinnmühlen-Bauten Siebenhöfen, Evan Evans, 1812; St. Annen-Kirche Annaberg, Turmhelm, 1814; Wiederaufbau Herrenhaus Klösterlein, 1816; Kirche Gornsdorf, 1821/1822; Denkmal des sächsischen Prinzenraubs Waschleithe, 1822.

Literatur Walter Hentschel, Aus den Anfängen des Fabrikbaus in Sachsen, in: Wissenschaftliche Zeitschrift der Technischen Hochschule Dresden 3/1953/1954, H. 3, S. 345-359; Simone Thümmel, Historische Spinnereien im Bezirk Karl-Marx-Stadt, Karl-Marx-Stadt 1989; Bauten der Technik und Industrie, hrsg. vom Sächsischen Staatsministerium des Innern, Dresden 1996; Georg Dehio (Hg.), Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler. Sachsen II: Regierungsbezirke Leipzig und Chemnitz, München/Berlin 1998; Andreas Oehlke, Zur Baugeschichte des denkmalgeschützten Gebäudekomplexes der ehemaligen Bernhardschen Baumwollspinnerei, in: Gert Richter (Hg.), Zur Gründung der ersten Baumwollmaschinenspinnerei in Sachsen. Beiträge und Dokumente, Chemnitz 1999, S. 29-48; Elke Schreiber, Zur Erinnerung an Johann Traugott L., dem Erbauer der Johanneskirche zu Reichenbrand, in: Beiträge zur Heimatgeschichte von Reichenbrand 7/2008, S. 5-9; Dieter Rausendorff/Georg Gehler, Geschichte der Spinnmühle in Schlettau, in: Erzgebirgische Heimatblätter. Zeitschrift für Heimatfreunde 37/2015, H. 1, S. 22-25; Stefan Thiele, Ländliche Handwerksmeister als Träger von Architektur und Technologie. Johann Traugott L. und Christian Friedrich Uhlig und ihr Beitrag zur sächsischen Kunst- und Industriegeschichte zwischen 1790 und 1850, in: Mitteilungen des Chemnitzer Geschichtsvereins 80/2016, NF 19, S. 84-107 (P, WV); Stefan W. Krieg, Johann Traugott L. Der erste sächsische Industriearchitekt, in: Technische Denkmale in Sachsen, hrsg. vom Landesamt für Denkmalpflege Sachsen, Dresden 2017, S. 139-150. – Johann Traugott L., in: Von Alberti bis Zöppel. 125 Biografien zur Chemnitzer Geschichte, hrsg. vom Stadtarchiv Chemnitz, Chemnitz 2000, S. 66.

Porträt Johann Traugott L., Ölgemälde, Schloss Schlettau.

Michael Wetzel
29.10.2020


Empfohlene Zitierweise:
Michael Wetzel, Johann Traugott Lohse, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V.
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (3.12.2021)

Johann Traugott Lohse



Werke mit Johann Christian Böhme, Dorfkirche Kleinolbersdorf, 1789/1790; Produktionsgebäude Hartau, Baumwollmaschinenspinnerei Gebrüder Bernhard, 1799/1800; Kirche Wildbach, 1804-1806; Kirche Reichenbrand, 1804-1810; Wohn- und Kontorhaus Hartau, Baumwollmaschinenspinnerei Gebrüder Bernhard, 1806/1807; Kirche Grünhain, 1808-1810; Spinnmühlen-Bauten Erfenschlag, Schnabel & Co., 1808, 1812; Spinnmühlen-Bauten Plaue, Benjamin Gottlieb Pflugbeil & Co., 1809-1811; Kirche Roßwein, 1810-1815; Spinnmühlen-Bauten Mühlau, J. C. Kobler, 1811; Spinnmühlenbauten Lugau, Gebr. Meinert & Co., 1812; mit Traugott Winkler/Gottlieb Drechsler, Kirche Meinersdorf, 1812; Spinnmühlen-Bauten Siebenhöfen, Evan Evans, 1812; St. Annen-Kirche Annaberg, Turmhelm, 1814; Wiederaufbau Herrenhaus Klösterlein, 1816; Kirche Gornsdorf, 1821/1822; Denkmal des sächsischen Prinzenraubs Waschleithe, 1822.

Literatur Walter Hentschel, Aus den Anfängen des Fabrikbaus in Sachsen, in: Wissenschaftliche Zeitschrift der Technischen Hochschule Dresden 3/1953/1954, H. 3, S. 345-359; Simone Thümmel, Historische Spinnereien im Bezirk Karl-Marx-Stadt, Karl-Marx-Stadt 1989; Bauten der Technik und Industrie, hrsg. vom Sächsischen Staatsministerium des Innern, Dresden 1996; Georg Dehio (Hg.), Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler. Sachsen II: Regierungsbezirke Leipzig und Chemnitz, München/Berlin 1998; Andreas Oehlke, Zur Baugeschichte des denkmalgeschützten Gebäudekomplexes der ehemaligen Bernhardschen Baumwollspinnerei, in: Gert Richter (Hg.), Zur Gründung der ersten Baumwollmaschinenspinnerei in Sachsen. Beiträge und Dokumente, Chemnitz 1999, S. 29-48; Elke Schreiber, Zur Erinnerung an Johann Traugott L., dem Erbauer der Johanneskirche zu Reichenbrand, in: Beiträge zur Heimatgeschichte von Reichenbrand 7/2008, S. 5-9; Dieter Rausendorff/Georg Gehler, Geschichte der Spinnmühle in Schlettau, in: Erzgebirgische Heimatblätter. Zeitschrift für Heimatfreunde 37/2015, H. 1, S. 22-25; Stefan Thiele, Ländliche Handwerksmeister als Träger von Architektur und Technologie. Johann Traugott L. und Christian Friedrich Uhlig und ihr Beitrag zur sächsischen Kunst- und Industriegeschichte zwischen 1790 und 1850, in: Mitteilungen des Chemnitzer Geschichtsvereins 80/2016, NF 19, S. 84-107 (P, WV); Stefan W. Krieg, Johann Traugott L. Der erste sächsische Industriearchitekt, in: Technische Denkmale in Sachsen, hrsg. vom Landesamt für Denkmalpflege Sachsen, Dresden 2017, S. 139-150. – Johann Traugott L., in: Von Alberti bis Zöppel. 125 Biografien zur Chemnitzer Geschichte, hrsg. vom Stadtarchiv Chemnitz, Chemnitz 2000, S. 66.

Porträt Johann Traugott L., Ölgemälde, Schloss Schlettau.

Michael Wetzel
29.10.2020


Empfohlene Zitierweise:
Michael Wetzel, Johann Traugott Lohse, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V.
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (3.12.2021)