Hans-Joachim Mrusek

Als Kunsthistoriker und Denkmalpfleger war M.s Interesse v.a. auf die mittelalterliche Stadt- und Profanbaukunst gerichtet. Er suchte die interdisziplinäre Zusammenarbeit und stellte den regionalgeschichtlichen Bezug sowie die Theorie, Geschichte und Praxis der Denkmalpflege in den Vordergrund seines vielschichtigen beruflichen Wirkens. Sein breit gefächertes kulturpolitisches Engagement förderte das Verständnis für den sachgerechten Umgang mit dem historischen Erbe und schärfte das Empfinden für den Reichtum und die Bedeutung der mitteldeutschen Kulturlandschaft. – Nach dem Besuch der Volksschule in seiner Heimatstadt Meißen erlernte M. zunächst 1934 bis 1937 in Dresden das Bäckerhandwerk. 1937 ging er zur Handelsmarine und wechselte im Jahr darauf zur Kriegsmarine. Nach der Rückkehr aus englischer Kriegsgefangenschaft 1946 eröffneten sich ihm neue, unerwartete Entwicklungsmöglichkeiten. So wurde ihm zunächst die Verwaltung des Pillnitzer Schlosses sowie die technische Leitung bei der dortigen Einrichtung provisorischer Ausstellungsräume für die Dresdner „Galerie Neue Meister“ anvertraut. Wenig später übernahm er Aufbau und Leitung der Schauhalle der Meißener Porzellan-Manufaktur. Über eine Begabtenprüfung gelangte M. 1948 zum Studium der Kunstgeschichte, Klassischen Archäologie, Ägyptologie und Geschichte an die Universität Leipzig, das er 1952 an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg mit der Diplomarbeit „Ein Beitrag zur Stadtbaugeschichte Magdeburgs im Mittelalter“ abschloss. Ein Jahr später folgte die Promotion zum Thema „Beiträge zur Geschichte der städtebaulichen Entwicklung Magdeburgs im hohen Mittelalter“. 1958 habilitierte sich M. mit einer Arbeit zur „Gestalt und Funktion der Eigenbefestigung im Mittelalter“. Eine weitere Promotion zum Dr.-Ing. an der Hochschule für Architektur und Bauwesen Weimar (Bauhaus-Universität) mit der Publikation von Forschungs- und Grabungsergebnissen auf der Oberburg Giebichenstein erfolgte 1970. – 1953 nahm M. eine Tätigkeit als wissenschaftlicher Assistent am Kunstgeschichtlichen Institut der Universität Halle auf. Seit 1959 als Dozent und kommissarischer Direktor, seit 1963 als Professor und Direktor stand er dem Institut vor. Seit der Hochschulreform 1969 fungierte er bis zu seiner Emeritierung 1985 als Leiter des Wissenschaftsbereichs Kunstgeschichte an der Sektion Germanistik und Kunstwissenschaften. Mit seiner thematisch weit gespannten Lehrtätigkeit, die eine Vielzahl von Interessierten ansprach, stand M. in der Tradition Wilhelm Worringers. In jedem Jahr bot M. einigen Qualifizierungswilligen eine Gasthörerschaft mit der Möglichkeit des externen Diplomerwerbs an, um den Bildungsnotstand im Fach Kunstgeschichte wenigstens punktuell zu mildern, aber auch, um die mehrfach bedrohte Existenz des Fachs an der Halleschen Universität zu retten. Denn in der DDR waren nur die Universitäten Berlin und Leipzig berechtigt, im Wechsel einige wenige Kunsthistoriker im Direktstudium auszubilden, wodurch der Mangel an Fachkräften in kunstgeschichtlich relevanten Einrichtungen immer unhaltbarer wurde. Durch M.s Aktivitäten zur Gewinnung von Nachwuchs entstanden in den Jahren seiner Tätigkeit in Halle nicht nur zahlreiche Diplomarbeiten, sondern unter seiner Betreuung wurden im Lauf der Jahre auch etwa 60 Promotionen bzw. Habilitationsverfahren durchgeführt. M. vergab und akzeptierte traditionelle kunstgeschichtliche Forschungsaufgaben zur Architektur, Plastik und Malerei, förderte aber mehr als üblich auch die Bearbeitung von Themen auf den für ihn gleichwertigen Feldern der Numismatik, des Kunsthandwerks, der technischen Denkmale oder der Siedlungsgeografie. – Über die Sensibilisierung des historischen Bewusstseins und die Traditionspflege hinaus sorgte sich M. im Dauerkonflikt mit der Indolenz und Arroganz mancher Funktionsträger leidenschaftlich, tatkräftig und beharrlich um den Bestand der heimischen Denkmallandschaft. Seiner Initiative und seinem energischen Eingreifen ist der Schutz mancher Monumente vor dem Abriss zu verdanken, z.B. 1964 im Falle des Technischen Halloren- und Salinemuseums in Halle. Im Interesse seiner kulturpolitischen Ziele, der Erhaltung und Revitalisierung von Denkmalen, engagierte sich M. in zahlreichen lokalen, regionalen, nationalen und internationalen Gremien, z.B. als Vorstandmitglied der Winckelmann-Gesellschaft, als Mitglied der Historischen Kommission der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig, des Nationalkomitees für Kunstgeschichte der DDR, des Wissenschaftlichen Rats des Internationalen Burgeninstituts (IBI) und des Zentralen Vorstands der Gesellschaft für Denkmalpflege im Kulturbund der DDR. Auch war M. Mitglied des Rats für Denkmalpflege beim Minister für Kultur und Mitglied des Nationalkomitees des International Council on Monuments and Sites (ICOMOS). Für seine Verdienste wurden ihm der Händel-Preis des Bezirks Halle und die Winckelmann-Medaille der Stadt Stendal verliehen. – Die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs verliehen dem Denkmalpflegegedanken und der Stadtgeschichtsforschung europaweit beachtlichen Aufschwung. Die in Trümmern liegenden mitteldeutschen Städte erschienen auch M. als Verpflichtung, sich an der breit einsetzenden Stadtkernforschung zu beteiligen, deren Ergebnisse in seine Graduierungsarbeiten einflossen, aber auch den Inhalt mancher seiner wissenschaftlichen Publikationen prägen. Seine Forschungen sind in 16 Büchern mit zumeist mehreren Auflagen und etwa 60 Beiträgen in Fachzeitschriften, Protokoll- und Sammelbänden veröffentlicht. Die Aufsätze widmen sich in der Mehrzahl dem mittelalterlichen Wehrbau und aktuellen Problemen der Denkmalpflege. Neben ihrem wissenschaftlichen Rang und dem nutzungs- und anwendungsfreundlichen Charakter zeichnen sich die Publikationen auch dadurch aus, dass sich der Verfasser trotz erheblicher Widerstände darin unbeirrt der in der DDR verpönten „feudalistischen“ Kultur annahm.

Werke Beiträge zur Geschichte der städtebaulichen Entwicklung Magdeburgs im hohen Mittelalter, Diss. Halle/Saale 1953; Meißen, Dresden 1957, Leipzig 41991; Gestalt und Funktion der Eigenbefestigung im Mittelalter, 2 Bde., Meißen 1958; Romanische Bildwerke, Leipzig 1962; Drei deutsche Dome. Quedlinburg, Magdeburg, Halberstadt, Dresden 1963, 31992; Thüringische und sächsische Burgen, Leipzig 1965; Von der ottonischen Stiftskirche zum Bauhaus. Kunst- und Kulturdenkmäler im Bezirk Halle, Leipzig 1967; Die Funktion und baugeschichtliche Entwicklung der Burg Giebichenstein in Halle (Saale) und ihre Stellung im früh- und hochfeudalen Burgenbau, Diss. Weimar 1970; Romanik, Leipzig 1972, 41991; Burgen in Europa, Leipzig 1973, 21975 (ND New York 1974 [engl.]); Drei sächsische Kathedralen. Merseburg, Naumburg, Meißen, Dresden 1976, 21981.

Literatur Dieter Dolgner, In memoriam Prof. Dr. phil. habil. Dr.-Ing. Hans-Joachim M. Der Kunstgeschichte verschrieben, in: Universitätszeitung der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg 18.4.1994, S. 11 (P); ders., Hans-Joachim M. (7. Juni 1920-9. März 1994), in: Denkmalpflege in Sachsen-Anhalt 2/1994, H. 2, S. 191f.; Irene Roch, Prof. em. Dr. phil. habil. Dr.-Ing. Hans-Joachim M. (1920-1994), in: Burgen und Schlösser in Sachsen-Anhalt. Mitteilungen der Landesgruppe Sachsen-Anhalt der Deutschen Burgenvereinigung e. V. 3/1994, S. 178-180 (P); Dieter Dolgner, Hans-Joachim M. und die Stadtkernforschung, in: Hallesche Beiträge zur Kunstgeschichte 5/6/2004, S. 215-228 (P); Irene Roch-Lemmer, Hans-Joachim M. 100. Geburtstag des hallischen Kunsthistorikers, in: Medien bewegen, hrsg. von der Stadt Halle, Halle/Saale 2020, S. 86-89 (P) .

Porträt Hans-Joachim M., um 1985, Porträtfotografie, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Hochschul-Film- und Bildstelle; Hans-Joachim M., um 1985, Porträtfotografie, Privatarchiv Dieter Dolgner (Bildquelle).

Dieter Dolgner
24.11.2021


Empfohlene Zitierweise:
Dieter Dolgner, Hans-Joachim Mrusek, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V.
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (1.10.2022)

Hans-Joachim Mrusek



Werke Beiträge zur Geschichte der städtebaulichen Entwicklung Magdeburgs im hohen Mittelalter, Diss. Halle/Saale 1953; Meißen, Dresden 1957, Leipzig 41991; Gestalt und Funktion der Eigenbefestigung im Mittelalter, 2 Bde., Meißen 1958; Romanische Bildwerke, Leipzig 1962; Drei deutsche Dome. Quedlinburg, Magdeburg, Halberstadt, Dresden 1963, 31992; Thüringische und sächsische Burgen, Leipzig 1965; Von der ottonischen Stiftskirche zum Bauhaus. Kunst- und Kulturdenkmäler im Bezirk Halle, Leipzig 1967; Die Funktion und baugeschichtliche Entwicklung der Burg Giebichenstein in Halle (Saale) und ihre Stellung im früh- und hochfeudalen Burgenbau, Diss. Weimar 1970; Romanik, Leipzig 1972, 41991; Burgen in Europa, Leipzig 1973, 21975 (ND New York 1974 [engl.]); Drei sächsische Kathedralen. Merseburg, Naumburg, Meißen, Dresden 1976, 21981.

Literatur Dieter Dolgner, In memoriam Prof. Dr. phil. habil. Dr.-Ing. Hans-Joachim M. Der Kunstgeschichte verschrieben, in: Universitätszeitung der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg 18.4.1994, S. 11 (P); ders., Hans-Joachim M. (7. Juni 1920-9. März 1994), in: Denkmalpflege in Sachsen-Anhalt 2/1994, H. 2, S. 191f.; Irene Roch, Prof. em. Dr. phil. habil. Dr.-Ing. Hans-Joachim M. (1920-1994), in: Burgen und Schlösser in Sachsen-Anhalt. Mitteilungen der Landesgruppe Sachsen-Anhalt der Deutschen Burgenvereinigung e. V. 3/1994, S. 178-180 (P); Dieter Dolgner, Hans-Joachim M. und die Stadtkernforschung, in: Hallesche Beiträge zur Kunstgeschichte 5/6/2004, S. 215-228 (P); Irene Roch-Lemmer, Hans-Joachim M. 100. Geburtstag des hallischen Kunsthistorikers, in: Medien bewegen, hrsg. von der Stadt Halle, Halle/Saale 2020, S. 86-89 (P) .

Porträt Hans-Joachim M., um 1985, Porträtfotografie, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Hochschul-Film- und Bildstelle; Hans-Joachim M., um 1985, Porträtfotografie, Privatarchiv Dieter Dolgner (Bildquelle).

Dieter Dolgner
24.11.2021


Empfohlene Zitierweise:
Dieter Dolgner, Hans-Joachim Mrusek, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V.
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (1.10.2022)