Georg Salzmann

Der Architekt S. war ein erfahrener und einflussreicher kommunaler Baubeamter, der u.a. in der sächsischen Bergstadt Freiberg seit 1926 in Wohnungsbau und Stadtentwicklung prägend wirkte, sich während der NS-Zeit jedoch auch aktiv in den Dienst der städteplanerischen „Germanisierung“ der eroberten polnischen Westgebiete stellte. – Der 1891 im anhaltinischen Zerbst geborene S. studierte 1910 bis 1914 Architektur und Kunstgeschichte u.a. an der TH München, wo der Architekt Theodor Fischer - Berater und Mitgestalter der Gartenstadt Hellerau - zu seinen akademischen Lehrern gehörte. Während seines Studiums, das er in Hamburg und Braunschweig fortsetzte, konnte er umfangreiche Erfahrungen im Städtebau sammeln, so bei der Stadterweiterung der fränkischen Kleinstadt Wemding und im württembergischen Rottweil, beim Stadtbauamt Köthen und im Stadterweiterungsamt im ostpreußischen Königsberg (russ. Kaliningrad). – Nach dem Ersten Weltkrieg, an dem S. 1916 bis 1918 teilgenommen hatte, reichte er an der TH Braunschweig seine Dissertationsschrift „Die Baulichkeiten des Cöthener Schlossbezirkes und einige Verbesserungsvorschläge“ ein, die auf seine Erfahrungen in Köthen zurückging und für die er von der TH Braunschweig zum Dr.-Ing. promoviert wurde. Für kurze Zeit arbeitete er dann im Universitätsbauamt Halle/Saale, absolvierte 1921 die Prüfung zum „Regierungsbaumeister“ als Nachweis der Befähigung zum höheren Verwaltungsdienst in Berlin und bekam im selben Jahr eine Anstellung als Bau- und Kammerrat bei der Fürstlich Stolbergschen Verwaltung in Stolberg/Harz. 1925 gewann S. einen 3. Preis in einem international ausgeschriebenen Wettbewerb zur Neugestaltung der Allee „Unter den Linden“ in Berlin. Ein Jahr später bewarb er sich erfolgreich um die neu zu besetzende Stelle des Stadtbaurats in Freiberg. Wie kaum ein anderer Architekt und Bauplaner prägte er mit seinen Wohn- und Sozialbauten das Gesicht Freibergs zwischen den beiden Weltkriegen. Vor allem im sozialen Wohnungsbau, aber auch bei der Verbesserung soziokultureller Angebote der Stadt, wie mit der Modernisierung des Freiberger Johannisbades (1930), sowie in der Neugestaltung von Dienstleistungseinrichtungen durch den Bau des städtischen Krematoriums auf dem Donatsfriedhof (1927/28) oder den Neubau des Arbeitsamts (1928/29), schuf er bleibende architektonische Werte. Sein Hauptwerk vor 1933 war der von ihm 1928 bis 1930 geplante und realisierte Erweiterungs- und Neubau des Stadt- und Bezirkskrankenhauses Freiberg. Tatsächlich erwarb sich S. mit diesem nach damaligen medizinischen und technischen Maßstäben modernsten Krankenhausbau, der zu den bedeutendsten und innovativsten Bauten dieser Zeit in Sachsen gehörte, weit über Freiberg hinausgehende Anerkennung. – S. stellte seine Fähigkeiten und Kenntnisse ohne Zögern 1933 in den Dienst der Nationalsozialisten. Seit dem 1.5.1933 Mitglied der NSDAP, beeilte er sich, in Freiberg schnell sichtbare Zeichen nationalsozialistischer Stadt- und Landschaftsgestaltung zu schaffen. Im Auftrag der NSDAP-Stadtverordnetenfraktion entwarf S. 1934 eine Gedächtnisstätte für den „Freiheitskämpfer“ Albert Leo Schlageter, die schließlich 1936 in einer dafür neu angelegten Grünanlage, dem „Schlageterpark“, feierlich eingeweiht wurde. Im Oktober 1934 wurde S. vorübergehend aus der NSDAP ausgeschlossen, als seine frühere Mitgliedschaft in einer Freimaurerloge bekannt wurde. Der Ausschluss wurde vier Jahre später wieder aufgehoben. In enger Zusammenarbeit mit Freibergs Oberbürgermeister Werner Hartenstein griff S. den aus den 1920er-Jahren stammenden Siedlungsgedanken wieder auf und ließ auf günstigem Bauland einfache, kleine Siedlungshäuser errichten, die - wie die sog. Kameradensiedlung in Vorstadtlage Freibergs - vorwiegend für Angehörige der SA gedacht waren. Ab 1935 entwickelte S. weitreichende Pläne für den weiteren Siedlungs- und Wohnungsbau am Seilerberg, mit dem auch der Bau sog. Volkswohnungen vorangetrieben werden sollte. S. schuf ein geschlossenes Siedlungsgebiet nach vermeintlich „arisch-germanischen“ Vorbildern einer Dorfsiedlung. Mehrere Platz- und Straßenverläufe verjüngten sich zu einem zentralen Dorfanger, dem germanischen Thingplatz nachempfunden, der von S. nun - in die nationalsozialistische Gegenwart übertragen - als Festplatz völkischer Weihehandlungen konzipiert wurde. Diese Platzanlage erhielt 1936 den Namen „Am Sonnenrad“, angelehnt an die mythische Herkunft des Hakenkreuzes aus dem Sonnenrad. Angeregt durch Hartenstein erhielten die Hausgiebel eine Fachwerkausschmückung mit vermeintlich germanischen Runensymbolen. Am 19.6.1938 - zur nationalsozialistisch ideologisierten 750-Jahr-Feier Freibergs - erhielt die gesamte völkische Anlage ihre Weihe als „Martin-Mutschmann-Siedlung“. S., der sich damit uneingeschränkt in den Dienst der nationalsozialistischen Wohnungsbau- und Siedlungspolitik gestellt hatte, wurde für diese in Sachsen bis dahin einzigartige völkische Siedlung auch reichsweit bekannt. – Unmittelbar nach dem Überfall Deutschlands auf Polen am 1.9.1939 empfahl sich S. - unterstützt von Hartenstein - für die Übernahme kommunaler Stadtplanungsaufgaben bei der angestrebten „Germanisierung“ der eroberten Westgebiete Polens. Durch Anordnung des Reichsinnenministeriums wurde S. schließlich zum 8.3.1940 als Stadtbaurat und Regierungsbaumeister nach Gnesen (poln. Gniezno) mit der klaren Aufgabe versetzt, der Stadt „ein deutsches Gepräge“ zu geben. S. bediente diese Forderung sowohl als selbsternannter „Regionalhistoriker“, der den vermeintlich germanischen Ursprung des Gebiets nachzuweisen suchte, wie auch als Stadtbaurat. Erste Ergebnisse präsentierte S. bereits im November 1940 anlässlich der Amtseinführung nationalsozialistischer Stadträte und Ratsherren in Gnesen, indem er Pläne und erste praktische Schritte zur Umgestaltung der Stadt vorlegte. Deren Realisierung bedeutete die Vertreibung und Aussiedlung von Polen und jüdischen Einwohnern aus der Stadt, dessen sich S. bewusst gewesen sein musste. Ab Oktober 1941 wurde er in gleicher Funktion im ostoberschlesischen Bielitz (poln. Bielsko-Biała) tätig, zu einem Zeitpunkt, als die sog. völkische Säuberung der Stadt von Juden, aber auch von Polen in vollem Gang war. In Bielitz wurde mit zunehmender Kriegsdauer die Sicherung von Standorten und Logistik für die kriegswichtige Produktion zu seinem Tätigkeitsschwerpunkt. Er war wichtiger Mittelsmann zwischen örtlicher Standortplanung und dem „Generalreferat für Raumordnung“ in Kattowitz (poln. Katowice) bei der Produktionsverlagerung kriegswichtiger Industrie aus dem Reich. Aktiv und - wie S. es selbst formulierte - „an entscheidender militärischer Stelle“ (Tagebuch, Stadtarchiv Freiberg) kämpfte S. in den letzten Kriegsmonaten gegen die nahende Rote Armee und geriet schließlich in sowjetische Kriegsgefangenschaft, die bis Ende 1949 in Kriegsgefangenenlagern an der Wolga andauerte. Nach seiner Entlassung wurde er 1950 Ortsbauplaner für Oberschwaben am Regierungspräsidium in Tübingen. 1955 heiratete er in zweiter Ehe. Vor allem nach seiner Pensionierung 1957 widmete sich S. seinen künstlerischen Begabungen mit vielfältigen Landschafts- und Stadtansichten. Er genoss bis zu seinem Tod 1985 hohes Ansehen in seiner Nachkriegsheimat Tübingen. Eine selbstkritische Auseinandersetzung mit seiner Tätigkeit während der NS-Zeit ist nicht überliefert.

Quellen Bundesarchiv Berlin; Stadtarchiv Freiberg; Staatsarchiv Poznań, Zweigstelle Gniezno; Erzbischöflisches Archiv Gniezno; Staatsarchiv Katowice, Zweigstelle Bielsko-Biała.

Werke Die Baulichkeiten des Cöthener Schlossbezirkes und einige Verbesserungsvorschläge, Diss. Braunschweig 1920; Städtebauliche Entwicklung Freibergs, [Ms.] 1927; Freiberg baut auf, Freiberg 1938; Tagebücher 1939-1945 [Kopie im Stadtarchiv Freiberg]; mit K. Hafner, Tübingen mit dem Stift, Tübingen 1974, 41982.

Literatur U. Salzmann, Georg S., dem Architekten, Stadtbaumeister und Künstler zum 90. Geburtstag, Tübingen 1981; B. Lipps-Kant, Georg S. 1891-1985. Der Traum des Architekten, Tübingen 1993; W. Lauterbach, Fritz Karl Georg S., in: Mitteilungen des Freiberger Altertumsvereins 92/2003, S. 98-100 (P); U. Richter, Die ehemalige Platzanlage „Am Sonnenrad“ in Freiberg. Ein einmaliges städtebauliches Ensemble der NS-Zeit in Freiberg, in: K. Herrmann (Hg.), Führerschule, Thingplatz, „Judenhaus“, Dresden 2014; M. Düsing, Georg S. (1891-1985). Eine deutsche Karriere, in: Mitteilungen des Freiberger Altertumsvereins 111/112/2018, S. 165-216.

Porträt Portrait S., um 1930, Fotografie, Universitätsarchiv TU Bergakademie Freiberg (Bildquelle).

Michael Düsing
14.1.2019

Empfohlene Zitierweise:
Michael Düsing, Salzmann, Fritz Karl Georg, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V.
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (5.8.2020)

Georg Salzmann



Quellen Bundesarchiv Berlin; Stadtarchiv Freiberg; Staatsarchiv Poznań, Zweigstelle Gniezno; Erzbischöflisches Archiv Gniezno; Staatsarchiv Katowice, Zweigstelle Bielsko-Biała.

Werke Die Baulichkeiten des Cöthener Schlossbezirkes und einige Verbesserungsvorschläge, Diss. Braunschweig 1920; Städtebauliche Entwicklung Freibergs, [Ms.] 1927; Freiberg baut auf, Freiberg 1938; Tagebücher 1939-1945 [Kopie im Stadtarchiv Freiberg]; mit K. Hafner, Tübingen mit dem Stift, Tübingen 1974, 41982.

Literatur U. Salzmann, Georg S., dem Architekten, Stadtbaumeister und Künstler zum 90. Geburtstag, Tübingen 1981; B. Lipps-Kant, Georg S. 1891-1985. Der Traum des Architekten, Tübingen 1993; W. Lauterbach, Fritz Karl Georg S., in: Mitteilungen des Freiberger Altertumsvereins 92/2003, S. 98-100 (P); U. Richter, Die ehemalige Platzanlage „Am Sonnenrad“ in Freiberg. Ein einmaliges städtebauliches Ensemble der NS-Zeit in Freiberg, in: K. Herrmann (Hg.), Führerschule, Thingplatz, „Judenhaus“, Dresden 2014; M. Düsing, Georg S. (1891-1985). Eine deutsche Karriere, in: Mitteilungen des Freiberger Altertumsvereins 111/112/2018, S. 165-216.

Porträt Portrait S., um 1930, Fotografie, Universitätsarchiv TU Bergakademie Freiberg (Bildquelle).

Michael Düsing
14.1.2019

Empfohlene Zitierweise:
Michael Düsing, Salzmann, Fritz Karl Georg, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V.
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (5.8.2020)