Fritz van Emden
Fritz van Emden, ein Entomologe mit dem Spezialgebiet Laufkäfer (Carabidae), war 1927 bis 1933 als Kustos am Museum für Tierkunde und Völkerkunde in Dresden tätig. In dieser Funktion trug er durch die systematische Katalogisierung der entomologischen Abteilung wesentlich zur Steigerung des wissenschaftlichen Werts der Sammlung bei. Während der NS-Herrschaft verlor er aufgrund seiner jüdischen Abstammung alle Arbeitsmöglichkeiten, emigrierte 1936 nach England und etablierte sich dort als Entomologe am
Londoner British Museum. – 1900 kam van Emden mit seiner Familie nach Deutschland. Zunächst besuchte er in Leipzig die Höhere Bürgerschule und 1909 bis 1912 die Nicolaischule, bevor er 1918 am Gymnasium in Waldenburg das Abitur bestand. Anschließend studierte Emden an der Universität in Leipzig Naturwissenschaften. Mit einer Arbeit über die Brutpflege der Wasserassel (Asellus aquaticus) wurde er 1921 bei Johannes Meisenheimer promoviert. Danach arbeitete van Emden als Assistent bei Walther Horn am Deutschen Entomologischen Institut in
Berlin-Dahlem. Ab Mai 1923 unterrichtete van Emden, der auch über das Staatsexamen für den Höheren Schuldienst verfügte, im Probedienst an der Nikolaischule in Leipzig. Parallel war er bei der Naturwissenschaftlichen Werkgemeinschaft der Universität Leipzig als Entomologe tätig. Seine Kenntnisse über Schadinsekten führten dazu, dass er von März 1924 bis Juni 1926 bei der pharmazeutische Drogen verarbeitenden Firma Caesar & Loretz in
Halle/Saale arbeitete, für die er zuvor bereits nebenamtlich gewirkt hatte. Im Juli 1926 wechselte er an die Versuchsstation für Pflanzenkrankheiten der Landwirtschaftskammer für die Provinz Sachsen in Halle/Saale. – Aufgrund der Fürsprache seines Doktorvaters Meisenheimer wurde van Emden am 1.4.1927 als Kurator für Entomologie an den Museen für Tierkunde und Völkerkunde in Dresden ernannt. Sein Amtsvorgänger Karl Maria Heller hatte ihn ebenfalls für diese Tätigkeit empfohlen. Er ordnete und katalogisierte die entomologische Abteilung systematisch und ermöglichte so anderen Wissenschaftlern den Zugang. Als einer der deutschen Vertreter nahm er 1932 am 5. Internationalen Entomologenkongress in
Paris teil. – Infolge des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ verfügte der Reichsstatthalter in Sachsen Martin Mutschmann am 18.9.1933 die Entlassung van Emdens wegen dessen jüdischer Abstammung. Wenige Tage später, zum 30.9.1933, wurde van Emden vorzeitig in den Ruhestand versetzt. Sein ehemaliger Vorgesetzter, Museumsdirektor Arnold Jacobi, gestattete ihm die weitere Nutzung der Bibliothek und der Bestände der Entomologischen Sammlung, sodass er zumindest noch privat wissenschaftlich arbeiten konnte. Seine erneute Anstellung im öffentlichen Dienst im nationalsozialistischen Deutschland war aufgrund der „Nürnberger Gesetze“ definitiv ausgeschlossen. – Unterstützt von den Britischen Entomologen Sir Guy Marshall und Gilbert John Arrow emigrierte van Emden, der 1930 geheiratet und mittlerweile zwei Söhne hatte, 1936 mit seiner Familie nach Großbritannien. Ab November 1936 war van Emden in London als Stipendiat der Society for the Protection of Science and Learning am British Museum tätig. Ein Jahr später wechselte er als Entomologe zum Imperial Institute of Entomology (ab 1947 Commonwealth Institute of Entomology) am British Museum in London. Da die Regeln dieser Institution es nicht zuließen, dass ein Kurator eine private Sammlung besaß, die mit der von ihm betreuten Sammlung im Museum konkurrierte, wechselte van Emden das Fachgebiet und erforschte fortan Zweiflügler (Diptera), speziell Raupenfliegen (Tachinidae). In seiner Freizeit widmete er sich jedoch weiterhin der Taxonomie der Käferlarven. Seine Arbeit am Handbuch der Käferlarven Großbritanniens konnte er aufgrund seines frühen Tods nicht vollenden, es erschien überarbeitet und ergänzt durch Entomologen des Natural History Museum in London posthum. – In Deutschland stand van Emden 1940 unter der Nr. E41 auf der Sonderfahndungsliste des Reichssicherheitshauptamts, wodurch ihm im Falle der deutschen Okkupation Großbritanniens im Zweiten Weltkrieg eine Verhaftung durch ein SS-Sonderkommando gedroht hätte. Erst im Februar 1947 erhielt van Emden die britische Staatsbürgerschaft.
Quellen Sächsisches Staatsarchiv - Hauptstaatsarchiv Dresden, 13842 Staatliches Museum für Tierkunde Dresden, Nr. 047, Nr. 114, Bd. 1; Bundesarchiv Berlin, R 58 Reichssicherheitshauptamt, Nr. 9609; The National Archives, London, HO 396/19, HO 334/230/2056.
Werke Versuch einer Aufstellung von Gattungsbestimmungstabellen der Carabidenlarven (Col.), Berlin 1919; Zur Kenntnis der Brutpflege von Asellus aquaticus nebst Bemerkungen über die Brutpflege anderer Isopoden, Berlin 1922; Insektenschädlinge in vegetabilischen Drogen im Jahre 1924, in: Anzeiger für Schädlingskunde 1/1925, H. 8, S. 89-91; Vier neue Carabiden des Museums für Tierkunde zu Dresden, in: Deutsche entomologische Zeitschrift 1928, S. 375-384; Über die Rolle der Feuchtigkeit im Leben der Speicherschädlinge, in: Anzeiger für Schädlingskunde 5/1929, S. 58-60; Zur Kenntnis der Brutpflege der Morphologie und Ökologie des Brotkäfer-Parasiten Cephalonomia quadridentata duchaussoy, in: Zeitschrift für Morphologie und Ökologie der Tiere 23/1931, H. 3/4, S. 425-574; Einige neue Carabinae des Staatlichen Museums für Tierkunde zu Dresden, in: Zeitschrift für wissenschaftliche Insektenbiologie, Beilage: Neue Beiträge zur systematische Insektenkunde 5/1932, Nr. 4/5, S. 62-69; Revision der Gattung Cratosomus (Col.Cur.), in: Archiv für Naturgeschichte. Zeitschrift für systematische Zoologie 2/1933, H. 3/4, S. 354-464, S. 465-537; mit Karl Wilhelm von Dalla Torre, Curculionidae: Brachyderinae, Pachyrrhynchini; Curculionidae: Brachyderinae I-III, in: Sigmund Schenkling (Hg.), Coleopterorum catalogus, Bde. 119, 147, 157, 164, Berlin 1931, 1936, 1937, 1939; An Indian Cerambycid damaging Tea Cases, in: Bulletin of Entomological Research 28/1937, H. 2, S. 321-323; On the Genus Thaumaphrastus Blaisdell (Coleoptera: Thorictidae), in: Bulletin of the Brooklyn Entomological Society 46/1951, H. 2, S. 39-41; Larvae of British Beetles, 7 Bde., 1939-1949; Diptera Cyclorrhapha. Calyptrata (I). Section (a). Tachinidae and Calliphoridae, London 1954; The Fauna of British India, Bd. 1 (Diptera), Delhi 1965; Maxwell V.L. Barclay/Beulah H Garner (Hg.), British Coleoptera Larvae. A Guide to the Families and Major Subfamilies, London 2019 (posthum).
Literatur Hans Sachtleben, Entomologische Chronik. Gestorben: Dr. Fritz I. van Emden, in: Beiträge zur Entomologie 8/1958, H. 5/6, S. 761f.; Gerhard Schmidt, (Nachruf van Emden), in: Mitteilungen der Deutschen Entomologischen Gesellschaft 17/1958, S. 95f.; Willi Hennig, F. I. van Emden †, in: Zoologischer Anzeiger. Supplementbd., 23/1959, S. 528f.; Michael Schmitt/Willi Hennig, The Cautious Revolutioniser, in: Palaeodiversity 3 (Supplement)/2010, S. 3-9; Helmut van Emden, Erinnerungen an Leben und Arbeit eines großen Käferlarven-Pioniers. Fritz Isidore van Emden (1898-1958), in: Entomologische Nachrichten und Berichte 61/2017, Nr. 3-4, S. 237-239; Karin Müller-Kelwing, Fritz van Emden, in: dies., Zwischen Kunst, Wissenschaft und Politik. Die Staatlichen Sammlungen für Kunst und Wissenschaft in Dresden und ihre Mitarbeiter im Nationalsozialismus, Köln/Weimar/Wien 2020, S. 297-299.
Porträt Emden, Fritz Isidore van (1898-1958), Fotografie, List of World Dipterists (Bildquelle).
Karin Müller-Kelwing
27.7.2026
Empfohlene Zitierweise:
Karin Müller-Kelwing, Artikel: Fritz van Emden,
in: Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde,
https://saebi.isgv.de/biografie/29378 [Stand 27.07.2026, Aufruf 31.07.2026].
Fritz van Emden
Quellen Sächsisches Staatsarchiv - Hauptstaatsarchiv Dresden, 13842 Staatliches Museum für Tierkunde Dresden, Nr. 047, Nr. 114, Bd. 1; Bundesarchiv Berlin, R 58 Reichssicherheitshauptamt, Nr. 9609; The National Archives, London, HO 396/19, HO 334/230/2056.
Werke Versuch einer Aufstellung von Gattungsbestimmungstabellen der Carabidenlarven (Col.), Berlin 1919; Zur Kenntnis der Brutpflege von Asellus aquaticus nebst Bemerkungen über die Brutpflege anderer Isopoden, Berlin 1922; Insektenschädlinge in vegetabilischen Drogen im Jahre 1924, in: Anzeiger für Schädlingskunde 1/1925, H. 8, S. 89-91; Vier neue Carabiden des Museums für Tierkunde zu Dresden, in: Deutsche entomologische Zeitschrift 1928, S. 375-384; Über die Rolle der Feuchtigkeit im Leben der Speicherschädlinge, in: Anzeiger für Schädlingskunde 5/1929, S. 58-60; Zur Kenntnis der Brutpflege der Morphologie und Ökologie des Brotkäfer-Parasiten Cephalonomia quadridentata duchaussoy, in: Zeitschrift für Morphologie und Ökologie der Tiere 23/1931, H. 3/4, S. 425-574; Einige neue Carabinae des Staatlichen Museums für Tierkunde zu Dresden, in: Zeitschrift für wissenschaftliche Insektenbiologie, Beilage: Neue Beiträge zur systematische Insektenkunde 5/1932, Nr. 4/5, S. 62-69; Revision der Gattung Cratosomus (Col.Cur.), in: Archiv für Naturgeschichte. Zeitschrift für systematische Zoologie 2/1933, H. 3/4, S. 354-464, S. 465-537; mit Karl Wilhelm von Dalla Torre, Curculionidae: Brachyderinae, Pachyrrhynchini; Curculionidae: Brachyderinae I-III, in: Sigmund Schenkling (Hg.), Coleopterorum catalogus, Bde. 119, 147, 157, 164, Berlin 1931, 1936, 1937, 1939; An Indian Cerambycid damaging Tea Cases, in: Bulletin of Entomological Research 28/1937, H. 2, S. 321-323; On the Genus Thaumaphrastus Blaisdell (Coleoptera: Thorictidae), in: Bulletin of the Brooklyn Entomological Society 46/1951, H. 2, S. 39-41; Larvae of British Beetles, 7 Bde., 1939-1949; Diptera Cyclorrhapha. Calyptrata (I). Section (a). Tachinidae and Calliphoridae, London 1954; The Fauna of British India, Bd. 1 (Diptera), Delhi 1965; Maxwell V.L. Barclay/Beulah H Garner (Hg.), British Coleoptera Larvae. A Guide to the Families and Major Subfamilies, London 2019 (posthum).
Literatur Hans Sachtleben, Entomologische Chronik. Gestorben: Dr. Fritz I. van Emden, in: Beiträge zur Entomologie 8/1958, H. 5/6, S. 761f.; Gerhard Schmidt, (Nachruf van Emden), in: Mitteilungen der Deutschen Entomologischen Gesellschaft 17/1958, S. 95f.; Willi Hennig, F. I. van Emden †, in: Zoologischer Anzeiger. Supplementbd., 23/1959, S. 528f.; Michael Schmitt/Willi Hennig, The Cautious Revolutioniser, in: Palaeodiversity 3 (Supplement)/2010, S. 3-9; Helmut van Emden, Erinnerungen an Leben und Arbeit eines großen Käferlarven-Pioniers. Fritz Isidore van Emden (1898-1958), in: Entomologische Nachrichten und Berichte 61/2017, Nr. 3-4, S. 237-239; Karin Müller-Kelwing, Fritz van Emden, in: dies., Zwischen Kunst, Wissenschaft und Politik. Die Staatlichen Sammlungen für Kunst und Wissenschaft in Dresden und ihre Mitarbeiter im Nationalsozialismus, Köln/Weimar/Wien 2020, S. 297-299.
Porträt Emden, Fritz Isidore van (1898-1958), Fotografie, List of World Dipterists (Bildquelle).
Karin Müller-Kelwing
27.7.2026
Empfohlene Zitierweise:
Karin Müller-Kelwing, Artikel: Fritz van Emden,
in: Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde,
https://saebi.isgv.de/biografie/29378 [Stand 27.07.2026, Aufruf 31.07.2026].