Alfred Mirtschin

Der Volksschullehrer und Museumsleiter M. gehörte zwischen 1922 und 1962 zu den wichtigsten ehrenamtlichen sächsischen Bodendenkmalpflegern. Seinem Engagement hat die Denkmalpflege nicht nur zahlreiche Fundmeldungen, sondern grundlegende Forschungsbeiträge zu verdanken. Die Themen reichen von der Jungsteinzeit bis ins Mittelalter. – M. wurde 1892 als Sohn des Wachtmeisters an der Tierärztlichen Hochschule Dresden Ernst Mirtschin und dessen Frau Johanne geboren. Ostern 1898 eingeschult, besuchte M. nach der Versetzung des Vaters als Lazarettinspektor nach Zwickau die dortige Volksschule und bestand 1902 die Aufnahmeprüfung für das Realgymnasium. Vier Jahre später wechselte er jedoch an das Lehrerseminar in Plauen/Vogtland, wo er eine Ausbildung zum Volksschullehrer absolvierte und 1912 die Abschlussprüfungen ablegte. Ehe er seine erste Stelle antrat, leistete der angehende Hilfslehrer seinen einjährigen Militärdienst bei einem Leipziger Infanterieregiment, aus dem er als Unteroffizier der Reserve 1913 entlassen wurde, um kurz darauf zum Kriegsdienst eingezogen zu werden. Er scheint allerdings von 1914 bis 1918 nie an der Front gewesen zu sein. – Die im März 1918 abgelegte Wahlfähigkeitsprüfung berechtigte M. zum Antritt einer befristeten Stelle an der Volksschule in Merzdorf bei Riesa, wo er die Tochter eines Gastwirts und Schlossermeisters, Magdalene Lengenfeldt, kennenlernte und im Sommer heiratete. Auf einer Planstelle an der Riesaer Albertschule war die berufliche und familiäre Zukunft des Ehepaars seit 1919 endgültig gesichert. Mit Unterstützung des Riesaer Sägewerkbesitzers, Mäzens und Kulturförderers Franz Xaver Hynek jun. begann sich M. ab 1922 aus heimatkundlichem Interesse als Mitarbeiter des Archivs urgeschichtlicher Funde in Dresden für die Archäologie seiner Heimatregion zu engagieren. Zur gleichen Zeit gehörte er auch zu den Mitbegründern des wiederum von Hynek initiierten Riesaer Heimatmuseum am Poppitzer Platz, dessen prähistorische Bestände unter M.s Leitung zu einer der größten kommunalen Sammlungen im Freistaat Sachsen anwuchsen. Zwischen 1922 und 1962 entfaltete der ehrenamtliche Museumsleiter in der Region zwischen Oschatz und Großenhain eine ebenso rege wie umfangreiche Ausgrabungs-, Forschungs- und Publikationstätigkeit und entwickelte sich zu einem der wichtigsten Mitarbeiter Georg Bierbaums, dem Kustos der prähistorischen Sammlung am Museum für Mineralogie, Geologie und Vorgeschichte in Dresden bzw. Archivleiter, der 1934 zum Landespfleger für Bodenaltertümer ernannt wurde. – Mehrere Monografien und zahlreiche Aufsätze sowie zahllose Zeitungsmeldungen M.s zeugen von einem unermüdlichen Einsatz für die regionale Vorgeschichte, dessen Höhepunkt zweifelsohne in der NS-Zeit zwischen 1933 und 1939 lag und mit einer ideologischen Aufwertung der prähistorischen Archäologie zu einer völkischen Leitwissenschaft einherging. M. war am 1.4.1933 in den Nationalsozialistischen Lehrerbund und am 1.5.1933 in die NSDAP eingetreten. Er gehörte dem Reichsbund für Deutsche Vorgeschichte an und führte 1937 bei Schönfeld nahe Großenhain eine Schulungsgrabung für SS-Männer durch. Als überzeugter Nationalsozialist gestaltete er die Neuaufstellung der prähistorischen Museumssammlung im Riesaer Heimatmuseum, die 1939 kurz vor Kriegsausbruch eröffnet wurde, ganz nach den zeitgenössischen politisch-propagandistischen Vorgaben. – Nach dem Kriegsende 1945 wurde M. wegen seiner Mitgliedschaft in der NSDAP aus dem Schuldienst entlassen und musste sich als Maschinenarbeiter in einer Holzfabrik, dann als Modelllackierer im Riesaer Stahlwerk den Lebensunterhalt verdienen. Erst 1951 konnte der fast 60-jährige M. als Berufsschullehrer in seinen alten Beruf zurückkehren. Sein ehrenamtliches Engagement für die archäologische Denkmalpflege hatte M. hingegen schon 1949 wieder aufgenommen, ohne allerdings das Niveau und die räumliche Reichweite der Vorkriegsjahre zu erreichen. Nach seiner Ablösung als Museumsleiter widmete sich M. als Rentner ganz einem Verzeichnis archäologischer Fundstellen im neu gebildeten Kreis Riesa, dem er bis zu seinem Tod im November 1962 zahlreiche weitere hinzugefügte. Seine letzte Fundbergung führte M. am 20.10.1962 durch, einen Monat bevor er starb.

Quellen Stadtarchiv Dresden, 6.4.25-1.2.2-37 Standesamt/Urkundenstelle, Standesamt I, Personenstandsbuch, Geburtenregister 1892, Nr. 50 (ancestry.de).

Werke Germanen in Sachsen, Riesa 1933; Ausgrabung eines burgundischen Friedhofs in Schönfeld bei Großenhain, in: Sachsens Vorzeit. Jahrbuch für heimatliche Vor- und Frühgeschichte 1/1937, S. 123-134; Neue Funde aus der Umgebung von Riesa, in: Arbeits- und Forschungsberichte zur sächsischen Bodendenkmalpflege 7/1960, S. 281-310.

Literatur Michael Strobel, Ein Leben für die Archäologie - der Riesaer Lehrer und Museumsleiter Alfred M. (1892-1962), in: Archaeo. Archäologie in Sachsen 11/2014, S. 38-45.

Porträt Alfred M., um 1965, Fotografie, @Stadtmuseum Riesa, Foto: Werner (Bildquelle).

Michael Strobel
4.1.2023


Empfohlene Zitierweise:
Michael Strobel, Alfred Mirtschin, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V.
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (29.1.2023)

Alfred Mirtschin



Quellen Stadtarchiv Dresden, 6.4.25-1.2.2-37 Standesamt/Urkundenstelle, Standesamt I, Personenstandsbuch, Geburtenregister 1892, Nr. 50 (ancestry.de).

Werke Germanen in Sachsen, Riesa 1933; Ausgrabung eines burgundischen Friedhofs in Schönfeld bei Großenhain, in: Sachsens Vorzeit. Jahrbuch für heimatliche Vor- und Frühgeschichte 1/1937, S. 123-134; Neue Funde aus der Umgebung von Riesa, in: Arbeits- und Forschungsberichte zur sächsischen Bodendenkmalpflege 7/1960, S. 281-310.

Literatur Michael Strobel, Ein Leben für die Archäologie - der Riesaer Lehrer und Museumsleiter Alfred M. (1892-1962), in: Archaeo. Archäologie in Sachsen 11/2014, S. 38-45.

Porträt Alfred M., um 1965, Fotografie, @Stadtmuseum Riesa, Foto: Werner (Bildquelle).

Michael Strobel
4.1.2023


Empfohlene Zitierweise:
Michael Strobel, Alfred Mirtschin, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V.
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (29.1.2023)