Eduard Boas

Das relativ kurze Leben von Eduard Boas gestaltete sich wechselvoll und kann als Beispiel für Selbstbewusstsein und Beharrlichkeit gelten, womit es ihm gelang, auch gegen vielfältigen Widerstand seine geschäftlichen Ziele zu erreichen. – Boasʼ Familie war um 1802/1803 von Oranienbaum nach Leipzig übergesiedelt. Den Angaben seines späteren Vormunds Wolff Seeligmann Ulmann zufolge wurde Boas am 31.10.1805 geboren. Als er anderthalb Jahre alt war, verstarb bereits sein Vater , sodass die Mutter für die Erziehung des Jungen allein verantwortlich war. Später heiratete sie den aus dem seinerzeit zu Preußen gehörenden Ort Rothenburg/Obra (poln. Rostarzewo) stammenden Schuldiener Aron Boas, der seit 1808 in Leipzig lebte. David Isaac erhielt nun neben dem Familiennamen seines Stiefvaters auch einen neuen, nichtjüdischen Vornamen. 1820 verließ Boas Leipzig und wurde nach Magdeburg geschickt, um dort seine Lehre bei einem Kaufmann zu absolvieren. Mit dem Tod seiner Mutter im gleichen Jahr war er im Alter von etwa 15 Jahren bereits Vollwaise. Als sein Vormund wurde daraufhin der jüdische Kantor Ulmann aus Leipzig bestellt. – Nach Abschluss seiner Lehrjahre zog Boas 1824 weiter zu Verwandten nach Hamburg. Dort ließ er sich offenbar durch den im Auftrag des Kaiserreichs Brasilien tätigen deutschen Arzt Georg Anton Schäffer als Söldner anwerben und trat die Reise auf den südamerikanischen Kontinent an. In Brasilien wurde Boas nach eigenen Angaben zum Militärdienst zwangsverpflichtet, dem er nach etwa zwei Jahren entkommen konnte. In Rio de Janeiro (Brasilien) fand er demnach Zuflucht auf einem dänischen Schiff, mit dem er im August 1826 nach Hamburg zurückkehrte. – Nun wandte sich Boas wieder seinem erlernten Metier zu. Sein Berufsweg führte den jungen Mann über Unruhstadt (poln. Kargowa) (damals Preußen) und Erfurt, wo er zwischen 1827 und 1832 in den Modegeschäften von Bendix Wolff bzw. Heinrich Moos tätig war, letztlich nach Leipzig zurück. Hier ehelichte er 1833 Eleonore, die Tochter seines einstigen Vormunds Wolff Seeligmann Ulmann. Der Dresdner Arzt Bernhard Hirschel schrieb später über das Paar, das er als junger Mann in den 1830er-Jahren kennenlernte, beide Eheleute hätten ihm gegenüber zwar „grösste Zärtlichkeit“ an den Tag gelegt, doch bezeichnete Hirschel Boas letztlich als einen „Emporkömmling“. Er sei nach seiner Erinnerung immer kurz angebunden gewesen, da er „bei allem natürlichen Verstand keinen Fonds [gehabt habe], um eine Unterhaltung zu führen.“ – Zeitgleich zu seiner Eheschließung gründete Boas eine Näherei mit Kleiderhandel. Wohl nicht ohne Stolz tat er 1833 kund, dass er in seinem Unternehmen 40 junge Mädchen beschäftigte. Das Polizeiamt von Leipzig forderte Boas jedoch im gleichen Jahr auf, die Stadt zu verlassen, woraufhin dieser in einem Gesuch an das sächsische Innenministerium am 26.11. um die Gestattung des weiteren Aufenthalts in seinem Geburtsort bat. Diese sollte sich auch auf seine Ehefrau Eleonore sowie ein jüdisches Dienstmädchen erstrecken, das aus Gröbzig (Anhalt) stammte. Seinen Wunsch, in Leipzig zu bleiben, erfüllte das Ministerium des Innern Boas am 3.3.1834 unter der Auflage, sich um ein inländisches jüdisches Dienstmädchen zu bemühen, das zudem den gleichen Betrag an Personensteuer zu zahlen habe wie Hausangestellte mit christlichem Hintergrund. Für Boas selbst wurden zwölf Taler jährlich als Personensteuer an die Stadt festgesetzt. Erst Jahre später, im Januar 1840, stellte Boas auch einen Antrag auf Erteilung des Leipziger Bürgerrechts, dessen Ausgang unbekannt ist. – Am 6.6.1839 wurde Boas an der Seite von John Berend Oppenheimer als Beisitzer in den Vorstand der Israelitischen Gemeinde zu Leipzig gewählt. Für die Versammlung am 22.5.1843, die zum Entwurf von Statuten für die jüdische Gemeinde Leipzigs zusammenkam, stellte Boas seine Wohnung in der heutigen Katharinenstraße zur Verfügung. Zudem war er ab 1840 mutmaßlich bis zu seinem Tod Vorstand der Jeschuat Achim, des „Vereins zur Unterstützung hilfsbedürftiger jüdischer Studirenden zu Leipzig“. – Schon seit etwa 1834 hatte Boas für mehrere Jahre den Dienst in der Leipziger Kommunalgarde verrichtet. Unter Verweis auf seine angeschlagene Gesundheit bat er im August 1839 und ein weiteres Mal im April 1840 um Entlassung aus der Truppe. Als er sich nach vorübergehender Freistellung im Juli 1844 per Handschlag zum Wiedereintritt verpflichten sollte, lehnte er dies ab und verwies auf ein beigefügtes Attest des Arzts Ludwig Bernhard Georg Lippert. Der Mediziner bescheinigte seinem Patienten hier u.a. ein Asthmaleiden und diverse Spätfolgen seiner Zeit in Südamerika. Schon im April 1840 hatte der Arzt Friedrich Adler ein ernüchterndes Bild von Boasʼ Verfassung gezeichnet, wonach dieser bereits direkt nach der Rückkehr aus Brasilien 1826 mit heftigem Nervenfieber zu kämpfen gehabt habe, das nur langsam abklang. Dazu kamen Jahre darauf auch Probleme wie Brustdruck, Kurzatmigkeit, Angstzustände und wiederholter Husten mit blutigem Auswurf. – Obwohl sich sein Gesundheitszustand fortwährend verschlechterte, kämpfte Boas noch in seinen letzten Lebensjahren um die Erlaubnis, seine Geschäftstätigkeit bedeutend zu erweitern. So bat er den Leipziger Magistrat am 3.3.1843 um die Konzession zur Anlegung einer Fabrik für Gummihosenträger. Boas verwies in seinem Schriftsatz auf ökonomische Überlegungen, ausländische Konkurrenz auf diesem Sektor durch sein Unternehmen künftig fernzuhalten. Über das Vorhaben entbrannte jedoch ein heftiger Streit mit der Leipziger Innung der Beutler, die Boas u.a. eine Verletzung ihrer angestammten Rechte vorwarf. Er wurde der gezielten Abwerbung von Gesellen bezichtigt, die für ihn Hosenträger fertigten, die er dann zum Nachteil der alteingesessenen Handwerker veräußern würde. Nach längerer Auseinandersetzung erlaubte die Königliche Kreisdirektion Leipzig Boas die Fabrikation von Hosenträgern im Mai 1844 unter der Maßgabe, sich auf große Handelsmengen ohne Einzelverkauf zu beschränken. Das von Boas begründete Gewerbe wurde nach seinem Tod durch seine Witwe Eleonore weitergeführt und trat seit 1848 unter dem Namen von deren zweitem Ehemann Adolph Fränkel mit Anschrift Grimmaische Straße 11 in den Adressbüchern auf.

Quellen Stadtarchiv Leipzig, 0006 Leichenschreiberei, Ratsleichenbücher Reg.-Nr. 42 (1845), 0008 Ratsstube, Titelakten LI, Nr. 91, II. Sektion, B/1629, B/1817, 0056 Wahl- und Listenamt, Fallakten/Aufnahme- und Bürgerakten Nr. 3360, 0359 Kommunalgarde Leipzig, Nr. 329; Bernhard Hirschel, Meine Lebensgeschichte [Ms.], Leo Baeck Institute Archive, LBI Memoir Collection, ME 316a; Historische Adressbücher Sachsen, Adressbücher Leipzig 1841, 1842, 1845, 1848-1850.

Literatur Josef Reinhold, Zwischen Aufbruch und Beharrung. Juden und jüdische Gemeinde in Leipzig während des 19. Jahrhunderts, Dresden 1999; Katrin Löffler, Leipzigs alter jüdischer Friedhof im Johannistal, Leipzig 2022.

Lucas Böhme
13.3.2025


Empfohlene Zitierweise:
Lucas Böhme, Artikel: Eduard Boas,
in: Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde,
https://saebi.isgv.de/biografie/27860 [Zugriff 4.4.2025].

Eduard Boas



Quellen Stadtarchiv Leipzig, 0006 Leichenschreiberei, Ratsleichenbücher Reg.-Nr. 42 (1845), 0008 Ratsstube, Titelakten LI, Nr. 91, II. Sektion, B/1629, B/1817, 0056 Wahl- und Listenamt, Fallakten/Aufnahme- und Bürgerakten Nr. 3360, 0359 Kommunalgarde Leipzig, Nr. 329; Bernhard Hirschel, Meine Lebensgeschichte [Ms.], Leo Baeck Institute Archive, LBI Memoir Collection, ME 316a; Historische Adressbücher Sachsen, Adressbücher Leipzig 1841, 1842, 1845, 1848-1850.

Literatur Josef Reinhold, Zwischen Aufbruch und Beharrung. Juden und jüdische Gemeinde in Leipzig während des 19. Jahrhunderts, Dresden 1999; Katrin Löffler, Leipzigs alter jüdischer Friedhof im Johannistal, Leipzig 2022.

Lucas Böhme
13.3.2025


Empfohlene Zitierweise:
Lucas Böhme, Artikel: Eduard Boas,
in: Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde,
https://saebi.isgv.de/biografie/27860 [Zugriff 4.4.2025].