Nestler Waldus
Friedens- und Reformpädagoge
* 31.3.1887 Meißen 19.5.1954 Döbeln(ev.)
1919 Louise, geb. Jaeschke (1897-1981)SReinhart (1920-1953), Ökonom; Helwig (* 1925), ArchitektTBrigitte, verh. Haas (* 1924), Ärztin
GND: 114460019

N. hat sich sowohl durch sein Friedensengagement zur Ächtung chemischer Massenvernichtungsmittel als auch durch seine erfolgreich praktizierte Reformpädagogik im Allgemeinen und die von Hugo Gaudig im Besonderen bleibende Verdienste in der pädagogischen Historiografie erworben. – Nach dem Besuch der Landesschule St. Afra in Meißen studierte N. bis 1911 Theologie in Erlangen, Kiel, Marburg, Zürich und Leipzig. Während seiner Studienzeit verbrachte er das Sommersemester 1909 in Zürich, wo er Leonhard Ragaz und Hermann Kutter, den bedeutendsten Wortführern des religiösen Sozialismus, begegnete. An der Seite seines Züricher Theologieprofessor Ragaz avancierte N. zu einem lebenslangen Förderer der religiös-sozialen Bewegung. Nach Abschluss seiner theologischen Studien wurde N. Sekretär des Christlichen Vereins Junger Männer (CVJM) in Plauen/Vogtland, wo er sein Vikariat absolvierte. – Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs und die als Divisions-Gasschutzoffizier persönlich erlebte Kriegsrealität prägten das Engagement N.s, der sich als verantwortungsbewusster Christ in der Pflicht sah, für eine Versöhnung über Grenzen hinweg einzutreten. Ende 1914 schloss er sich der in Cambridge (England) gegründeten „Gemeinschaft für Versöhnung“, dem Internationalen Versöhnungsbund, an. N. zählte nach Ende des Ersten Weltkriegs zu den Mitbegründern der deutschen Abteilung, dem Deutschen Versöhnungsbund. 1925 wurde der Leipziger Alfred Dedo Müller, einer der engsten Weggefährten N.s, zum Vorsitzenden und N. selbst zum Sekretär dieser deutschen Abteilung gewählt. Neben der Redaktion des Nachrichtenblatts war N. für den Vertrieb der Schriften für die Versöhnungsarbeit zuständig. 1924 bis 1926 besorgte er auch die Administration der von Ragaz in der Schweiz herausgegebenen „Neue Wege. Blätter für religiöse Arbeit“ in Zentraleuropa (Deutschland, Österreich, Tschechoslowakei, Ungarn und Finnland). Auf Vortragsreisen durch Frankreich, Schweden, Dänemark, England und die Schweiz sowie durch zahlreiche deutsche Städte warb N. für den Internationalen Versöhnungsbund und damit für Frieden und Verständigung. Darüber hinaus pflegte er enge Kontakte zu den Friedensverbänden. So erhielt er u.a. 1932 durch die „Deutsche Friedensgesellschaft - Bund der Kriegsgegner“ die Möglichkeit, seine friedenspädagogische Aufklärungsschrift „Giftgas über Deutschland“ zu veröffentlichen. Mit dieser bedeutenden Schrift zur Ächtung der chemischen Massenvernichtungsmittel kam er einem Auftrag der Internationalen Tagung des Versöhnungsbunds vom August 1926 in Oberammergau nach. – Seine Versöhnungsvisionen suchte N. bereits unmittelbar nach dem Ende des Ersten Weltkriegs auch als praktischer Pädagoge zu verwirklichen. Eine Betätigung als Theologe kam für ihn nicht mehr in Frage, da die evangelische Kirche immer wieder offiziell eine positive Einstellung zu diesem Krieg demonstriert hatte. Das führte bei N. zu einer tiefen inneren Abneigung gegenüber der Kirche. Schließlich bewarb er sich an der II. Höheren Mädchenschule mit Lehrerinnenseminar in Leipzig, die von dem international renommierten Reformpädagogen Gaudig geleitet wurde. Mitte Oktober 1919 wurde er ständiger wissenschaftlicher Lehrer für Latein, Deutsch und Praktische Philosophie im Rahmen des Religionsunterrichts der später (1927) nach Gaudig benannten Schule. – Auch nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten setzte er seine friedenspolitischen Aktivitäten in Form von Veröffentlichungen und Vorträgen fort. Im April 1933 wurde N. zunächst beurlaubt und im Oktober an das Leipziger Friedrich-List-Realgymnasium zwangsversetzt. Im August 1945 wurde N. noch unter amerikanischer Besatzung zum Leiter der Gaudig-Schule berufen und zum Oberstudiendirektor ernannt. Der weitere Entwicklungsweg N.s blieb eng mit dem Schicksal der Leipziger Gaudig-Schule verknüpft. Einer anfänglichen Renaissance reformpädagogischen Gedankenguts im Osten Deutschlands folgte alsbald (1948) eine rigide und administrative Ausgrenzung. Am Ende seines langen Berufslebens sah sich N. als Verfechter einer „reaktionären Pädagogik“ diffamiert. Er musste zudem erleben, wie die Gaudig-Schule im August 1951 aufgelöst wurde. N.s Schicksal steht somit exemplarisch für eine zunehmende Ablehnung einer undogmatischen Pädagogik in der Sowjetischen Besatzungszone und für eine energische Abwehr pazifistischer Tendenzen.



Q  Stadtarchiv Leipzig, Stadtverordnetenversammlung, Rat der Stadt, Schulratsbestand, Kap. VI, Nr. 60, 809, 9990/9991, 10196-10199, 19251/10252.

W  Die große Schuld, in: Neue Wege. Blätter für religiöse Arbeit, 22/1928/7/8, S. 358-366; Ist die Zivilbevölkerung zu schützen gegen Luftangriff?, in: Die Eiche. Vierteljahresschrift für soziale und internationale Arbeitsgemeinschaft 17/1929, H. 3, S. 284-297; Giftgas über Deutschland, Berlin 1932; Gas- und Luftkrieg, in: Leipziger Lehrerzeitung 40/1933, Nr. 4, S. 105-108.

L  A. Pehnke, Für Frieden, Völkerverständigung und Reformpädagogik. Waldus N., in: Paedagogica Historica 34/1998, H. 3, S. 795-818; ders., Sächsische Reformpädagogik, Leipzig 1998; ders., Botschaft der Versöhnung. Der Leipziger Friedens- und Reformpädagoge Waldus N., Beucha 2004.

P  Fotografie, 1942, Privatbesitz A. Pehnke (Bildquelle).



Andreas Pehnke
10.6.2008


Empfohlene Zitierweise:

Andreas Pehnke, Nestler, Waldus, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (24.5.2017)

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