Leonhart (Leonhard) Sebastian
Prinzenerzieher am kursächsischen Hof, Bibliothekar
* 4.10.1544 Freiberg 11.10.1610 Erfurt Erfurt, Barfüßerkirche(ev.)
VSebastian († 1584), BarettmacherMDorothea, geb. GresmannGJohannes, Sekretär an der kursächsischen Kanzlei1585 Dorothea, geb. Schnepf, Tochter des fürstlichen Kammersekretärs Johann Erhart Schnepf in CoburgS1T1
GND: 104344482

L. wuchs in Dresden auf und besuchte dort die Kreuzschule, deren Rektor Nikolaus Caesius ihm zusätzlich Privatunterricht erteilte. Eine Begegnung mit Philipp Melanchthon im Haus von Caesius sah L. in der Rückschau als prägend an für seinen Bildungsweg. Schon in seiner Kindheit wurde er mit den Schriften des Wittenberger Professors bekannt gemacht, die er später als „Philippóphilos“ - so die Selbstbezeichnung in seiner Autobiografie - auch für seine eigenen Publikationen heranzog. An der Kreuzschule wurde L.s Interesse für Musik, Gesang und Komposition geweckt und durch seinen Vater, der als Meistersänger die sonntägliche Singschule im Dresdner Rathaus dirigierte, gefördert. Unterstützt durch ein Stipendium des Rats der Stadt Dresden wechselte L. 1555 an die Fürstenschule St. Afra in Meißen, wo ihm durch Georg Fabricius eine solide humanistische Ausbildung vermittelt wurde. L. begann 1561 mit dem Studium an der Philosophischen Fakultät der Universität Leipzig, wo der Gräzist Joachim Camerarius zu seinen Lehrern zählte, und erwarb noch in demselben Jahr den Grad eines Baccalaureus Artium. Seit 1563 las er im Paulinerkollegium über Homer. 1564 wechselte er an die Universität Wittenberg. Dort legte er ein Jahr später die Magisterprüfung ab. 1566 übernahm er eine Stelle als Lehrer an der Lateinschule in Altendresden. Drei Jahre später wechselte er an die Fürstenschule in Schulpforte, wo er Griechisch und Religion unterrichtete. Als für die Erziehung der Söhne des ernestinischen Herzogs Johann Friedrich II. (der Mittlere), Johann Casimir und Johann Ernst, ein Prinzenerzieher gesucht wurde, erhielt L. den Ruf nach Coburg. L. unterrichtete die Prinzen in den artistischen Disziplinen und in Religion. Als sie 1578 für drei Jahre zum Studium nach Leipzig zogen, wurden sie von L. begleitet. 1587 wurde L. von Herzog Johann Casimir von Sachsen-Coburg zum Hofrat des Regierungskollegiums in Coburg ernannt. Ein Jahr später wurde er als Lehrer der Söhne Kurfürst Christians I., Christian und Johann Georg, am Dresdner Hof angestellt. Zu dieser Aufgabe gehörte auch die Betreuung der kurfürstlichen Bibliothek. Als Bibliothekar war L. für die Erweiterung und Katalogisierung der kurfürstlichen Bibliothek zuständig. Die in der Sächsischen Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden erhaltenen handschriftlichen Kataloge L.s geben Auskunft über das Profil der Hofbibliothek und die literarischen Interessen ihrer Nutzer. – Neben dem Hauptbestand der Kurfürstenbibliothek verzeichnete L. auch die Handbibliotheken von Kurfürst August (433 Bände) und Kurfürstin Anna (438 Bände), die später aufgelöst und auf andere Standorte der Bibliothek verteilt wurden. Die Kataloge L.s zeichnen sich durch die Exaktheit ihrer Beschreibungen aus. Er verzeichnete die Titel nicht nur mit Erscheinungsort, Erscheinungsjahr und Format, sondern er erfasste auch besondere Merkmale der Einbände. Diese Angaben ermöglichen die Identifikation der Exemplare, sodass eine Rekonstruktion der kurfürstlichen Bibliothek und der Handbibliotheken möglich ist. L.s Kataloge stellen eine wertvolle Quelle dar für einbandkundliche und buchgeschichtliche Forschungen sowie für Fragen, die das thematische Profil der Kurfürstenbibliothek betreffen. – Das Wirken L.s in Dresden endete 1591 abrupt, als sich die Verfolgung der „Kryptocalvinisten“ auch gegen ihn richtete. Mehrere Räte und Angestellte des Hofs verloren ihre Stelle, unter ihnen auch L. Da ihm keine falsche Lehre nachgewiesen werden konnte, wurde ihm ein „Gnadengeld“ bewilligt. In dieser Zeit verfasste er seine Autobiografie, die sich wie eine Rechtfertigungsschrift liest. Als L. 1594 das Gnadengeld entzogen wurde, zog er nach Arnstadt und wurde Rektor des Gymnasiums. 1605 wurde er als Lehrer für Universalgeschichte und als Inspektor an die Fürstliche Schule nach Gotha berufen. Zwei Jahre später wurde er in Erfurt „Fürstlicher Sächsischer verordneter Geleitsmann“ - so der Titel für einen leitenden Straßen- und Marktzolleinnehmer. – L. verfasste u.a. zahlreiche Reden, Gedichte, Übersetzungen, katechetische und pädagogische Schriften. Die von ihm herausgegebenen „Hypomnemata“ enthalten Beispiele aus den Königsgeschichten des Alten Testaments und Texte verschiedener Autoren (u.a. Melanchthon), die für die Fürstenerziehung bestimmt waren. Dem gleichen Zweck dienten auch der „Libellus sacrarum bonarumque et utilium sententiarum“ und die „Fragstücklein von den fürnemsten Hauptpuncten christlicher Lehre“. Besondere Beachtung verdienen die Arbeiten, die L. während seines Wirkens am Dresdner Hof veröffentlichte. In der Hofdruckerei wurden 1589 drei Schriften gedruckt, mit denen L. das neue religionspolitische Programm, das in Kursachsen unter Kurfürst Christian I. und Kanzler Nikolaus Krell propagiert wurde, für den Bereich von Katechese, Gottesdienst und Frömmigkeit publizistisch umsetzte: ein Gebetbuch, ein Katechismus und ein Gesangbuch, in dem auch einige Lieder der Reformierten enthalten waren. Damit unterstützte L. eine Religionspolitik, die die Öffnung gegenüber dem westeuropäischen Reformiertentum und die Distanzierung vom strengen Konkordienluthertum verfolgte. Auf den Titelblättern dieser Publikationen wurde angezeigt, dass sie „auf Befehl“ des Kurfürsten Christian I. herausgegeben wurden. Der Name L.s wurde nicht genannt, doch bezeugen die erhaltenen Druckmanuskripte seine Autorschaft. Daneben verfasste L. auch erbauliche Schriften, die ausschließlich für den Gebrauch am Hof bestimmt waren, u.a. die „Nützliche und nothwendige Betrachtung aus Gottes Wort von der Christen seligkeit“, die als anonymer „Geheimdruck“ in einer Kleinstauflage gedruckt und mit kostbaren Einbänden ausgestattet wurde.



Q  S. Alberti, Eine Christliche Leich Predigt ... Gehalten bey der Sepultur und Begrebnus des ... M. Sebastiani Leonharti, Fürstl. Sächsischen verordenten Gleitsmans in Erffurd, Erfurt 1611; Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Bibliotheksarchiv, Handschriftenabteilung.

W  Fragstücklein von den fürnemesten Hauptpuncten Christlicher Lehre, Görlitz 1579, Dresden ²1588; Hypomnemata, Leipzig 1581, ³1614; Libellus sacrarum bonarumque et utilium sententiarum, Dresden 1588; Bethbuch In welchem allerley Gebete und Dancksagung ... in gemein Zusprechen begriffen werden, Dresden 1589; Der Catechißmus. Das ist/Die Heuptstücke Christlicher Lehre, Dresden 1589 (ND Dresden 1591 [lat.]); Kirchen Geseng und Geistliche Lieder, Dresden 1590; Nützliche und nothwendige Betrachtung aus Gottes Wort von der Christen seligkeit, Dresden 1591; Kurtze und einfältige Beschreibung totius curriculi vitae welcher gestalt ich Sebastianus L. mein gantzes Leben von 1544. Jar an bis uff dieses 1592. Jar ... verbracht habe, Dresden 1592. – VD 16; VD 17.

L  T. Klein, Der Kampf um die Zweite Reformation in Kursachsen 1586-1591, Köln/Graz 1962, S. 7-36, 150-157; M. Meinhardt, Magister Sebastian L. (1544-1610), in: Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 90/2003, H. 1, S. 44-75; H.-P. Hasse, Sebastian L. (1544-1610), in: Wissenschaftliche Zeitschrift der Technischen Universität Dresden 55/2006, H. 1/2, S. 51-58; M. Meinhardt, Dresden im Wandel, Berlin 2009, S. 567-570. – DBA I; T. Bürger/K. Hermann (Hg.), Das ABC der SLUB, Dresden 2006, S. 147.



Hans-Peter Hasse
11.11.2010


Empfohlene Zitierweise:

Hans-Peter Hasse, Leonhart (Leonhard), Sebastian, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (25.3.2017)

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