Reich Philipp Erasmus
Verlagsbuchhändler, Reformer des deutschen Buchhandels
* 1.12.1717 Laubach/Wetterau 3.12.1787 Leipzig Leipzig, Alter Johannisfriedhof(ev.)
VJohann Jakob (1670-1747), Leibarzt des Grafen Solms in LaubachMMargarethe Louise, geb. Thielen (um 1680-1719)GMoritz Albert (1712-1785), isenburgischer Regierungsrat in Büdingen1775 Friederike Louise, geb. Heyl (* 1744)
GND: 118809334

R. war der führende Verlagsbuchhändler des Leipziger und damit auch des deutschen Buchhandels in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Bedeutung erlangte er v.a. als Anstoßgeber für Reformen im deutschen Buchhandel, wie dem Übergang vom Tausch- zum Nettohandel, und als Vorreiter in der Bekämpfung des Nachdrucks. – Nach absolvierter Buchhandelslehre in Frankfurt/Main trat R. 1744 als Diener in die Weidmannsche Buchhandlung in Leipzig ein, die nach dem Tod von Moritz Weidmann d.J. in den Besitz seiner beiden Töchter übergegangen war. Bereits ein Jahr später übernahm R., nachdem er die Stockholmer Filiale des finanziell angeschlagenen Hauses reguliert hatte, die Geschäftsleitung. Weitere Reisen führten ihn nach Warschau zur Neuordnung der dortigen Niederlassung und 1756 über Holland zu dem von ihm bewunderten Samuel Richardson nach England. 1762 wurde er nominell zum Teilhaber der nun unter dem Namen „Weidmanns Erben und Reich“ fungierenden Firma ernannt, blieb aber faktisch Angestellter mit festem Gehalt. Die Firma ging nach seinem Tod wieder in den alleinigen Besitz der noch lebenden Tochter Weidmanns über. – Innerhalb weniger Jahre baute R. die Weidmannsche Buchhandlung zur führenden Deutschlands aus. Dies gelang ihm v.a. aufgrund seiner persönlichen Beziehungen zu den bedeutendsten Autoren seiner Zeit, die er eng an den Verlag binden konnte. Einige, darunter Christian Felix Weiße und Johann Georg Sulzer, standen ihm darüber hinaus beratend zur Seite und vermittelten dem Verlag Manuskripte. Nicht zuletzt mithilfe dieses Autorenlektorats versammelte R. die populärsten Schriftsteller der Zeit, wie Christoph Martin Wieland, Christian Fürchtegott Gellert, Johann Kaspar Lavater, Christian Garve, Moritz August von Thümmel oder Sophie von La Roche, in seinem Verlagsprogramm und veröffentlichte Übersetzungen Samuel Richardsons, Laurence Sternes, Oliver Goldsmiths, Tobias Smollets, Edmund Burkes und Jean-Jacques Rousseaus. Seine Verlagswerke erschienen in hoher Qualität und schöner Ausstattung, für die R. die berühmtesten Kupferstecher der Zeit, Daniel Chodowiecki, Christian Gottlieb Geyser und Johann Wilhelm Meil, beschäftigte. – Unter R. stieg die Weidmannsche Handlung außerdem zum führenden Importeur englischer und italienischer Bücher auf und unterhielt internationale Geschäftsbeziehungen, die von Stockholm bis Lissabon und von Paris über Amsterdam bis Moskau reichten. Diese marktbeherrschende Stellung bildete die ökonomische Grundlage dafür, dass R. zur treibenden Kraft bei der Durchsetzung von Reformen im deutschen Buchhandel wurde. Bereits 1759 hatte R. mit dem Ankauf des Messkataloges, der als wichtigstes Ankündigungs- und Vertriebszirkular alle relevanten Buchhändler erreichte, ein für diesen Zweck wichtiges Sprachrohr erworben. 1760 initiierte er aufgrund des Münzverfalls in Sachsen den Übergang zum Reichs-Münzfuß, der eine deutliche Erhöhung der Buchpreise bedeutete. Auch der traditionelle Change-Handel, in dem Buchhändler Druckbogen um Druckbogen bargeldlos tauschten, war aufgrund der wachsenden Kluft zwischen norddeutsch-protestantischem und süddeutschem Buchhandel hinsichtlich der Qualität der Druckerzeugnisse sowie der Größe und Bedürfnisse des Lesepublikums immer unvorteilhafter für die norddeutschen Buchhändler geworden. Daher gingen einige Leipziger Verleger, so u.a. auch Weidmann d.J., bereits in den 1730er-Jahren zur Barhandlung über, ohne jedoch das Change-System grundsätzlich aufzugeben. Erst R. verhalf dem Nettohandel zum endgültigen Durchbruch, indem er jede Change prinzipiell ablehnte und den Übergang zur Barhandlung mithilfe seiner herausragenden Stellung im deutschen Buchhandel letztlich durchsetzte. Er und die anderen Nettohändler konnten auf diese Weise das investierte Kapital rasch zurückerhalten und in Zusammenwirkung mit den gestiegenen Buchpreisen höhere Gewinne erzielen. R. war damit in der Lage, seinen Autoren überdurchschnittliche Honorare zu zahlen und damit die Attraktivität seines Angebots weiter zu erhöhen. Das Risiko wurde nun auf den Buchhändler umgewälzt und langfristig kam es zur Trennung von Verlag und Sortiment. Der von R. 1764 initiierte Abschied von der im Niedergang begriffenen Frankfurter Buchmesse machte den Messeplatz Leipzig endgültig zum Zentrum des deutschen Buchhandels und baute die Vormachtstellung der norddeutschen Firmen weiter aus. Darauf reagierten v.a. süddeutsche Handlungen zunehmend mit Nachdrucken, von denen die großen Leipziger Verleger besonders betroffen waren und gegen die aufgrund einer Vielzahl kaiserlicher und landesherrlicher Privilegien mit ihrer begrenzten Gültigkeit nur unzureichender Schutz bestand. 1764 reichten daher die führenden Leipziger Verleger eine von R. verfasste Eingabe an den sächsischen Kurfürsten ein, in der sie Schutz vor Nachdruck und ausländischer Konkurrenz forderten. Auch die Buchhandelsgesellschaft, zu deren Gründung R. 1765 aufrief und zu deren ersten Sekretär er gewählt wurde, hatte sich die Bekämpfung des Nachdrucks als oberstes Ziel gesetzt. Obwohl ihr 56 von etwa 220 messebesuchenden Buchhändlern beitraten, zerfiel die Gesellschaft binnen weniger Jahre wieder, da sie seitens der sächsischen Regierung keine Unterstützung erfuhr. Das 1773 aufgelegte kursächsische „Mandat den Buchhandel betreffend“ brachte in dieser Hinsicht insofern einen Fortschritt, als dass es erstmals ein generelles staatliches Schutzversprechen für in Sachsen gedrucktes Verlagseigentum enthielt und Nachdrucke von den Leipziger Buchmessen ausschloss. Im Ergebnis stellte es so einen Kompromiss zwischen den sächsischen Staatsreformern und R.s sehr weitgehenden Forderungen nach staatlichem Schutz dar. Hauptmittel im Kampf gegen den Nachdruck blieben daher weiterhin langwierige und kostenintensive Prozesse, die R., obgleich im Ergebnis zumeist wirkungslos, bis in seine letzten Lebensjahre begleiteten. – Das Verdienst R.s, der bereits von seinen Zeitgenossen gleichermaßen als „Fürst der deutschen Buchhändler“ und „Grandison unter den Buchhändlern“ geehrt als auch als „wahrer Zerstöhrer des Buchhandels“ oder „Dictator der Buchhändler“ verunglimpft wurde, bestand darin, den entscheidenden Anstoß zu den großen Veränderungen im deutschen Buchhandel des 18. Jahrhunderts gegeben zu haben. Er fungierte als Impulsgeber, indem er sich bereits bekannter Missstände annahm, schwelende Konflikte zum offenen Austrag brachte und, nicht zuletzt aufgrund seiner führenden Position im deutschen Buchhandel, Entscheidungen herausforderte. Dabei knüpfte er, etwa im Kampf gegen den Nachdruck und im Übergang zum Nettohandel, an bereits bestehende Traditionen, auch solche des Hauses Weidmann, an und wirkte eng mit den sächsischen Staatsreformern zusammen. In der Summe bedeuteten R.s Reformen die Überwindung der alten Handelsorganisation und Rechtsverhältnisse des deutschen Buchhandels. Sie bildeten die Vorbedingung für die enorme Steigerung der Buchproduktion, der Entstehung eines neuen Lesepublikums und schließlich der Herausbildung eines modernen literarischen Markts. Der Verleger R. erkannte erstmals die Bedeutung der Autorenpflege und setzte mit der Quantität, Qualität und Ausstattung seines Verlagsprogramms neue Standards.



Q  [P. E. R.], Auszug aus dem Leben des Buchhändlers Philipp Erasmus R. ao 1782 von ihm selbst aufgesetzt…, [Leipzig 1782]; ders., Schreiben an den Verfasser der Erinnerung eines Buchhändlers an seine Herrn Collegen, den Nachdruck betreffend, in: Ephemeriden der Menschheit 1786, S. 361-386.

W  Zufällige Gedanken eines Buchhändlers über Herrn Klopstocks Anzeige einer gelehrten Republik, [Leipzig] 1773 (ND München 1981); Der Bücher-Verlag in allen Absichten genauer bestimmt, [Leipzig] 1773 (ND München 1981); Auszug aus dem Leben des Buchhändlers Philipp Erasmus R. ao 1782 von ihm selbst aufgesetzt, [Leipzig 1782] (ND Hildesheim/Zürich 1990); Schreiben an den Verfasser der Erinnerung eines Buchhändlers an seine Herrn Collegen, den Nachdruck betreffend, in: Ephemeriden der Menschheit 1786, S. 361-386.

L  K. Buchner, Aus den Papieren der Weidmannschen Buchhandlung, Teil 2: Aus dem Verkehr einer deutschen Buchhandlung mit ihren Schriftstellern, Berlin 1873; A. Brauer, Weidmann 1680-1980, [Zürich 1980]; W. von Ungern-Sternberg, Schriftsteller und literarischer Markt, in: R. Grimminger (Hg.), Hansers Sozialgeschichte der deutschen Literatur, Bd. 3, München/Wien 1980, S. 133-185; H. Rosenstrauch, Buchhandelsmanufaktur und Aufklärung. Die Reformen des Buchhändlers und Verlegers Ph. E. R. (1717-1787), Frankfurt/Main 1986; M. Lehmstedt, „Ich bin nicht gewohnt mit Künstlern zu dingen…“. Philipp Erasmus R. und die Buchillustration im 18. Jahrhundert, Leipzig 1989; ders., Philipp Erasmus R. (1717-1787). Verleger der Aufklärung und Reformer des deutschen Buchhandels, Leipzig 1989; ders., Struktur und Arbeitsweise eines Verlages der deutschen Aufklärung. Die Weidmannsche Buchhandlung in Leipzig unter der Leitung von Philipp Erasmus R. zwischen 1745 und 1787, Diss. Leipzig 1990; R. Wittmann, Geschichte des deutschen Buchhandels, München 1991; J. Willenberg, London - Leipzig. Das ‚Centrum des Buchhandels in Teutschland‘ als Umschlagplatz für englisches Schrifttum im 18. Jahrhundert, in: NASG 76/2005, S. 125-153. – ADB, 27, S. 611-614; DBA I, III; DBE 8, S. 195; NDB 21, S. 289f.

P  Philipp Eraasmus R., A. Graff, 1771/72, Ölgemälde, Universität Leipzig, Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Abteilung Deutsche Fotothek (Bildquelle).



Jennifer Willenberg
24.7.2006


Empfohlene Zitierweise:

Jennifer Willenberg, Reich, Philipp Erasmus, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (27.6.2017)

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