Aron Paul
Pianist, Komponist, Regisseur
* 9.1.1886 Dresden 6.2.1955 New York City (USA)(jüd.)
VIsidor, KaufmannMBerta (Betti), geb. Fuchs (1857-1942)GWilli (1889-1943?)
GND: 123819652

Die ersten Klavierstunden erhielt A. von seiner Mutter. Nach dem Abitur am Dresdner Wettiner-Gymnasium studierte er vier Semester Jura in München und anschließend Musik in München und Leipzig. Sein Lehrer Max Reger prophezeite A. eine großartige pianistische Karriere und konzertierte seit 1907 gemeinsam mit ihm in zahlreichen Musikzentren Deutschlands, z.B. in Dresden, Hamburg, Kassel, Leipzig, Meiningen, München und Plauen. 1912 ging A. nach Berlin und gab als Solist und Klavierbegleiter zahlreiche Konzerte in Deutschland und in mehreren europäischen Städten. Während des Ersten Weltkriegs war A. als Soldat für das Rote Kreuz tätig und spielte in Konzerten für die Infanterie. Anschließend kehrte er nach Dresden zurück. Dort wirkte er als Klavierlehrer zuerst am Konservatorium und ab dem Wintersemester 1930/31 als Lehrer mit dem Hauptfach Klavier an der Orchesterschule der Sächsischen Staatskapelle. Zusammen mit dem Geiger Francis Koene und dem Cellisten Karl Hesse bildete A. 1927 das „Neue Dresdner Trio“, mit welchem er mindestens bis 1930 nicht nur in Dresden, sondern auch in anderen deutschen Städten sowie im Ausland auftrat. Unmittelbar nach seiner Rückkehr nach Dresden beteiligte sich A. an dem allgemeinen Aufbruch der europäischen Kunstszene, insbesondere an den Aktivitäten in Dresden wirkender Maler und Musiker, zu denen der Prager Komponist und Pianist Erwin Schulhoff, wie auch die Maler Otto Dix, Otto Griebel und später Conrad Felixmüller gehörten. Kontakte von A. mit Dix und Felixmüller belegen Bilder beider Künstler, so ein Porträt A.s bzw. das Bild „A. spielt - mit dem Cellisten Bernhard Günther und dem Pianisten Erich Winkler“. Im Rahmen von Schulhoffs „Expressionistischen Konzerten“ war A. 1920 mehrfach als Pianist zu hören. Anfang 1920 begründete A. eine eigene Konzertreihe „Klavierstück und Lied der Zeit“, im Oktober rief er zur Subskription für seine Dresdner Konzerte „Neue Musik Paul A.“ auf. Spätestens damit begann sein einmaliges Wirken in der Dresdner, aber auch in der europäischen Musikgeschichte. Zwischen 1920 und 1931 präsentierte er in der eigenen Reihe über 50 Konzerte mit mehr als 200 Werken zeitgenössischer Komponisten, die nicht selten als Uraufführungen erklangen. Er selbst war Dramaturg, Organisator, Pianist und Musikalischer Leiter dieser Reihe, die als nicht institutionalisierte Veranstaltung stattfand und von der Stadt teilfinanziert wurde. Mit zahlreichen Komponisten, deren Werke A. aufführte (Béla Bartók, Alban Berg, Louis Gruenberg, Wilhelm Grosz, Alois Hába, Josef Matthias Hauer, Ernst Křenek, Arnold Schönberg, Alexandre Tansman u.a.m.), pflegte er briefliche sowie persönliche Kontakte. Paul Hindemith und seine Werke fanden bei A. eine besondere Aufmerksamkeit. Für seine Konzerte verpflichtete A. Spitzeninterpreten wie Grete Nikisch, Elisa Stünzner, Marta Fuchs, Szymon Goldberg, Maurits Frank, Stefan Frenkel, Licco Amar oder das „Wiener Streichquartett“ (später „Kolisch-Quartett“). Zusammen mit A. spielten sie viele wichtige Werke des 20. Jahrhunderts als Ur- bzw. Erstaufführungen in Dresden. Parallel zu seinen Veranstaltungen beteiligte sich A. auch an zahlreichen anderen Konzerten. Er arbeitete u.a. mit den Dirigenten Fritz Busch und Issay Dobrowen, mit der Dresdner Philharmonie, mit dem Orchester der Orchesterschule und mit dem Schauspielhaus. Der Name A. war durch seine Veranstaltungen sowie sein Mitwirken bei Konzerten in anderen Städten und Musikfesten in den Kreisen der Musikavantgarde weit über Europa hinaus bekannt. A.s weitere Vorhaben wurden jedoch nicht nur durch die Wirtschaftskrise, sondern offensichtlich auch durch die sich anbahnende neue politische Situation behindert. Bereits Ende 1930 veröffentlichte die Dresdner Tageszeitung der NSDAP, „Der Freiheitskampf“, Attacken gegen A. Für die Wintersaison 1931/32 erhielt er für seinen Zyklus keine Subventionen der Stadt Dresden mehr. Er verlagerte daher seine Aktivitäten in andere Musikveranstaltungen. Über seine Aufführungen veröffentlichten die lokale liberale Presse sowie Fachzeitschriften zahlreiche anerkennende Beiträge. Nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30.1.1933 war A. von dem am 7.4.1933 in Kraft getretenen „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ und dessen „Arierparagraphen“ betroffen, da er Jude, homosexuell war und kultur-bolschewistischer Ideen beschuldigt wurde. Über Nacht hatte er die Stelle an der Orchesterschule verloren, auch seine Konzerttätigkeit wurde ihm verboten. Der 47-Jährige floh aus Dresden in die Tschechoslowakei. Damit begann A.s gesellschaftlicher und materieller Abstieg. In Teplitz-Schönau (tschech. Teplice) versuchte er, eine neue Existenz aufzubauen. Aus der von ihm angestrebten Anstellung als Kapellmeister wurde jedoch nichts. In der Hoffnung, in Prag häufiger auftreten zu können und damit auch bessere Verdienste zu erzielen, entschied sich A. für diese Musikmetropole, wo er dann bis Anfang 1939 blieb. Erfolglos suchte er weltweit bei zahlreichen Persönlichkeiten Hilfe für seine Auswanderung. Wie viele andere im Exil lebende Musiker wagte auch er es, noch einige Male in dem nahe gelegenen Deutschland bei den Veranstaltungen der Israelitischen Religionsgemeinden aufzutreten (1933 und 1934 in Dresden, 1934 in Berlin, 1935 in Chemnitz). In Prag, angewiesen auf das Entgegenkommen des deutsch- und tschechischsprachigen Kulturkreises, wirkte A. mehrfach als Berichterstatter, Pianist und musikalischer Leiter. Der zweifellos bedeutendste Auftritt A.s während dieser Zeit fand am 5.4.1935 in der Kleinen Bühne des Prager Deutschen Theaters statt. Als musikalischer Leiter und Regisseur brachte er dort die Kurzopern „Saul“ von Hermann Reutter, „Der Arme Matrose“ von Darius Milhaud und „Le renard“ von Igor Strawinsky zur Aufführung. 1937 komponierte er seine ersten Lieder, denen später noch weitere 20 folgten. In der Stadt Königinhof (tschech. Dvůr Králové) leitete A. das Belegschaftsorchester einer Textilfabrik. Einige Wochen vor dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in die Tschechoslowakei konnte A. dank der Hilfe des Komponisten Tansman und des spanischen Repräsentanten der Liga für Menschenrechte, des Historikers und Schriftstellers Salvador de Madariaga y Rojo, nach Kuba flüchten. A. kam in Havanna in eine ihm vollkommen fremde Welt. Auch hier versuchte er, seine künstlerischen Ideen umzusetzen. Erst etwa zwei Jahre nach seiner Ankunft in Kuba erreichte der mittlerweile 55-Jährige A. am 25.2.1941 die USA, wo er sich innerhalb von acht Jahren zum dritten Mal eine neue Existenz aufbauen musste und nur gelegentlich bei Konzerten agierte. Kurz vor seinem Tod gründete A. mit dem Manager und Regisseur Morton Siegel in New York das avantgardistische Opernensemble „The Opera Players“. Mit ihm führte A. im Frühjahr und im Herbst 1954 unter schwierigen Finanzierungsproblemen erfolgreich Opernwerke von Ernst Toch, Darius Milhaud, Hermann Reutter, Kurt Weill und Tadeusz Kassern in von ihm selbst angefertigten Übersetzungen auf. Darüber hinaus arbeitete A. in den USA als Bearbeiter (Verlag G. Schirmer). 69-jährig erlag er schließlich in New York einem Herzinfarkt.



Q  Leo Baeck Institute, New York/Paul Sacher Stiftung, Basel, Paul A. Collection.

W  Vokalmusik: Vier Herbstlieder (Hermann Hesse), 1937/1947; In Memoriam. Three songs (William Butler Yeats), 1947; Two Songs (William Butler Yeats), 1948; Quatro Conciones Españolas (Federigo García Lorca), 1948/49; Two Songs (Christian Morgenstern), 1950; Six Songs (Carl Sandburg), 1950-1953; Nur Vibu (Foxtrott); Instrumentalmusik: Four Ostinatos for Piano, 1947-1949; Schriften: Rezension „Chroniques de ma vie“, in: Der Auftakt 15/1935, S. 22f.; Zeitgenössische Musik, Ein Zyklus von 3 Kammerabenden, Einführender Vortrag [MS]; Neue Musik in Zürich [MS]; Ausklang in Zürich [MS].

L  R. Engländer, Zu Paul A.s Konzertzyklen „Neue Musik“ Dresden, in: Anbruch 7/1925, S. 463-465; S. Poladian, Paul A. and The New Music in Dresden, in: Bulletin of The New York Public Library 66/1962, S. 297-315; M. Herrmann, Musik der Empörung, in: Sächsische Heimatblätter 2/1985, S. 74-76; ders., „Sinn der Kunst ist nicht, Übereinstimmung hervorzurufen, sondern zu erschüttern!“, in: Dresdner Hefte 9/1991, S. 4-14; E. Jirgens, Der Deutsche Rundfunk der Ersten Tschechoslowakischen Republik, Regensburg 1999; V. Reittererová/H. Reitterer, Die Internationale Gesellschaft für Neue Musik im Spiegel des brieflichen Nachlasses von Alois Hába 1931-1938, in: Miscellanea musicologica 36/1999, S. 204, 207f.; A. Schindler, Aktenzeichen „unerwünscht“, in: J. Ludvová/V. Reittererová/H. Reitterer (Hg.), Kontexte, Musica iudaica 1998, Prag 1999, S. 103-125; dies., Aktenzeichen „Unerwünscht“, Dresden 1999, S. 71-91 (Bildquelle); dies., Verfemte Musiker in Dresden, in: M. Herrmann/H.-W. Heister (Hg.), Dresden und die avancierte Musik im 20. Jahrhundert, Teil 2 (1933-1966), Berlin 2002, S. 259-273; dies., Paul A., in: Das Orchester 49/2001, H. 10, S. 27-30 (P); dies., Dresdner Liste, Dresden 2003, S. 17-37 (P); dies., Warum dauerte die Stille so lange?, in: Das Orchester 52/2004, H. 6, S. 25-29. – DBA II, III.



Agata Schindler
16.10.2009


Empfohlene Zitierweise:

Agata Schindler, Aron, Paul, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (25.3.2017)

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